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Jahresrückblick, Teil 3

In Memoriam 2018

2018 mussten wir uns von vielen lieb gewonnenen Menschen verabschieden. Wir erinnern an die Persönlichkeiten, die einen beträchtlichen Einfluss auf die LGBTI-Community gehabt haben.


Wir erinnern an Simon Shelton Barnes, Jürgen Marcus und Daniel Küblböck

Simon Shelton Barnes (1966-2018)
Als Darsteller von Tinky-Winky in der BBC-Kinderserie "Teletubbies" ging der Brite Simon Sheton Barnes – ohne es zu wissen – in die queere Geschichte ein. Seine Figur wurde nämlich von der religiösen Rechten in den USA als schwul geoutet und die gesamte Serie als böser Teil der "homosexuellen Agenda": Im Jahr 1999 bezeichnete der evangelikale Starprediger Jerry Falwell, einer der einflussreichsten republikanischen Lobbyisten der Achtziger- und Neunzigerjahre, Tinky Winky allen ernstes als homosexuell. "Er ist lila, das ist die 'Gay Pride'-Farbe. Und seine Antenne ist zu einem Dreieck gebogen, das ist das 'Gay Pride'-Symbol", erklärte damals der 2007 verstorbene Gründer der Lobbygruppe "Moral Majority" und der LGBTI-feindlichen "Liberty University" (queer.de berichtete). Danach wurde Tinky Winky in Schwulenclubs in aller Welt verehrt – in Strip- oder Dragshows gab es jahrelang unzählige Parodien.



David Ogden (1942-2018)
David Ogden wurde durch seine Darstellung des Majors Charles Emerson Winchester III in der militärischen Satireserie "M*A*S*H" weltbekannt und war jahrzentelang in US-Serien omnipräsent – etwa als Gaststar in "Alf", "Perry Mason", "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert", "Mord ist ihr Hobby", "Ally McBeal" oder "Stargate: Atlantis".

Erst 2009 outete er sich als schwul – im Alter von 66 Jahren (queer.de berichtete). Das späte Coming-out begründete er mit der Angst, als offen schwuler Schauspieler keine Rollen mehr zu erhalten.


Peter Wyngarde (1927-2018)
Bis in die Siebzigerjahre war Peter Wyngarde einer der erfolgreichsten britischen Schauspieler – dann wurde er von der berüchtigten Boulevardpresse auf der Insel als schwul geoutet. In der homophoben Atmosphäre der Siebzigerjahre führte das Outing dazu, dass seine Karriere praktisch zu Ende war. Der Fall des ehemaligen Publikumlieblings zeigt, warum sich homosexuelle Schauspieler damals vor nichts so sehr fürchteten wie von dem Bekanntwerden ihrer sexuellen Orientierung.


Mark Salling (1982-2018)
Mark Salling war zwischen 2009 und 2015 ein beliebter Darsteller in der bahnbrechenden queeren TV-Serie "Glee". Nach dem Ende der Serie folgte sein tiefer Sturz: 2017 bekannte er sich schuldig, im Besitz von Kinderpornografie gewesen zu sein. Kurz bevor er deshalb ins Gefängnis gehen sollte, setzte er im Januar seinem Leben ein Ende.


Pete Shelley (1955-2018)
Als Gründer und Sänger der einflussreichen Punkrock-Band The Buzzcocks beeinflusste Pete Shelley die britische Musik wie kaum ein anderer. In seinen Liedern gibt es immer wieder Hinweise auf gleichgeschlechtlichen Sex – etwa im Song "Homosapien". Anfang der Achtzigerjahre outete er sich als bisexuell.


Jürgen Marcus (1948-2018)
In den Siebzigerjahren war der gelernte Maschinenschlosser Jürgen Marcus ein Hitlieferant wie kaum ein anderer in Deutschland. Schlager wie "Ein Festival der Liebe", "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" und "Ein Lied zieht hinaus in die Welt" ertönen noch heute täglich in der Kölner queer.de-Redaktion.

Sein Coming-out vollzog Marcus erst, nachdem sein Stern als Schlagersänger schon am Sinken war: Der erste Bericht über seine sexuelle Orientierung erschien 1991 in der "Bild am Sonntag" unter dem Titel "Die Beichte des Jürgen Marcus" – der Artikel war alles andere als ein stolzes Coming-out, sondern es ging darin um Horrorgeschichten wie Alkoholmissbrauch, Erpressung und Aids-Angst. Bis zu seinem Tod weigerte sich Marcus, ein schwules Aushängeschild zu sein, auch weil er seine Homosexualität nur schwer mit seinem katholischen Glauben in Einklang bringen konnte.


Dieter Thomas Heck (1937-2018)
In Dieter Thomas Hecks ZDF-Hitparade gaben sich Schlagergrößen wie Jürgen Marcus und Diven wie Marianne Rosenberg die Klinke in die Hand. Der heterosexuelle Helmut-Kohl-Fan konnte nie verstehen, warum Homosexuelle schlechter behandelt werden sollten – und setzte sich öffentlich für LGBTI-Rechte ein, beispielsweise den Diskriminierungsschutz von Schwulen und Lesben.

Daniel Küblböck (geb. 1985, verschollen seit September 2018)
In der ersten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" war der damals 17-jährige Daniel Küblböck die größte Attraktion – seine extrovertierte Art machte ihn zum "Paradiesvogel" der Boulevardpresse und kurzzeitigem Hitlieferanten mit Nummer-eins-Songs in Deutschland und Thailand.

Allerdings litt Küblböck, der in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen war, über die Jahre sichtlich unter den Anfeindungen und darunter, dass man ihn einfach nicht ernst nahm. Im Rahmen einer Schauspielausbildung schlüpfte der Bisexuelle zuletzt in Frauenkleidung; es gab wegen Andeutungen auf Instagram außerdem Spekulationen darüber, dass er transsexuell war und eine Geschlechtsanpassung durchführten wollte, Freunde und Verwandte bezeichneten diese Theorie aber als sehr unwahrscheinlich. Am 9. September sprang Küblböck offenbar in suizidaler Absicht von einem Aida-Schiff in den Atlantik vor Kanada und gilt seither als verschollen.


Jan Stressenreuter (1961-2018)
Jan Stressenreuter war einer der bekanntesten zeitgenössischen schwulen Autoren im deutschsprachigen Raum. Im Querverlag veröffentlichte er insgesamt elf Bücher, zuletzt den Krimi "Aus Hass" (2017) und dem Roman "Figgn, Alda!". Als sein wichtiges Werk gilt der Roman "Wie Jakob die Zeit verlor" (2013) über das Aids-Trauma einer gesamten schwulen Generation.


Nastja Sapajew (1976-2018)
Die transsexuelle frühere Schauspielerin und bekannte russische Queer-Aktivistin Nastja Sapajew wurde im Frühjahr ein Opfer der LGBTI-feindlichen Atmosphäre in ihrem Heimatland. Unbekannte prügelten die 42-Jährige zu Tode. In Talkshows hatte Sapajew zuvor über ihre Transsexualität gesprochen.


Alexander Miklosy (1949-2018)
Als Rosa-Liste-Politiker und Bezirksausschussvorsitzender im Münchner Szeneviertel prägte Alexander Miklosy lange Jahre die Geschicke in der bayerischen Landeshauptstadt mit. "Seit über 30 Jahren lebte er in der Isarvorstadt und engagierte sich hier nicht nur für die Rechte Homosexueller, sondern für alle Belange 'seines' Stadtviertels", erinnerte sich Rosa-Liste-Stadtrat Thomas Niederbühl an seinen Parteifreund.



Bernd Aretz (1948-2018)
Bernd Aretz, der sich selbst oft als "bürgerlich-autonome Tunte" bezeichnete, setzte sich in Frankfurt zu Beginn der Aidskrise vehement und selbstbewusst für ein lustvolles Leben mit bzw. trotz HIV/Aids und gegen die Stigmatisierung aller Menschen mit HIV ein. Als erfahrener Fachanwalt für Sozialrecht war er zudem ein stets kompetenter und fordernder Experte etwa im Bereich Kriminalisierung von Drogenkomsumenten und von Menschen mit HIV.



Theo Kempf (1948-2018)
Der Münchner LGBT-Aktivist Theo Kempf engagierte sich seit Jahren für die Interessen von Homosexuellen. Er war einer der Mitbegründer der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren e.V.


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#1 AlexChubbyBerlinProfil
  • 30.12.2018, 09:15hBerlin
  • Mir erzählte mal der ehemalige schwule Concierge eines Berliner Nobelhotels, das der ach so katholische Jürgen Marcus in den 70er Jahren kein Kind von Traurigkeit war und wohl Orgien mit Jungs auf seinem Zimmer feierte. Er musste die Partys dann immer vertuschen damit die Presse nix mitbekam.
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#2 Patroklos
#3 Ralph
  • 30.12.2018, 10:46h
  • Eine ähnliche Geschichte über Jürgen Marcus hab ich auch mal gehört. Ob wahr oder nicht - gerade solche Leute, die sich in der Öffentlichkeit versteckt hielten, gaben sich in der Szene gerne laut und wahrnehmbar, wobei sie sich auf das Schweigen der Anwesenden verlassen konnten. Das hat bis in die Neunziger gut funktioniert, weil ja auch die meisten schwulen Normalbürger sich in ihrem Arbeits- und Familienleben nicht outeten.

    Zu Dieter Thomas Heck drängt sich mir eine Frage auf. Ich hab mal gelesen, er habe verhindert, dass Bernd Clüver mit seinem Lied "Mike und sein Freund" über einen jungen Schwulen, den Hass gegen ihn und seinen Selbstmord in der Hitparade auftreten durfte, obwohl die Verkaufszahlen hoch genug waren. Hier in diesem Artikel wird er als Befürworter der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben gelobt. Was stimmt denn nun?
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#4 YannickAnonym
  • 30.12.2018, 10:57h
  • Wieder einige großartige Menschen, die uns 2018 verlassen mussten. Mein Beiland allen Angehörigen.

    Besonders traurig stimmt mich auch, wenn ich lese, dass selbst ein heterosexueller Helmut-Kohl-Fan wie Dieter Thomas Heck sich schon vor Jahren für die Ergänzung von Art. 3 GG eingesetzt hat und dass wir diesbezüglich heute noch keinen Millimeter weiter sind. Traurig. Und ein Armutszeugnis für die deutsche Politik, die weiterhin den Gleichheitsgrundsatz ignoriert und einen Teil ihrer Bürger grundlos als Menschen 2. Klasse behandelt.

    Bleibt nur zu hoffen, dass das die letzten Menschen waren, die gestorben sind ohne echte Gleichstellung zu erleben.
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#5 panzernashorn
  • 30.12.2018, 13:13h
  • Zu dem Thema Jürgen Marcus weiß ich auch diesbezüglich Einiges, was ich hier und auch in anderen öffentlichen Rubriken allerdings nicht darlegen möchte.

    Die Sache ist ähnlich wie im Fall des ach so "frommen" und "gottgefälligen" Ratzinger, wo es mich bis heute noch wundert, dass da nicht mehr an die Öffentlichkeit gelangte........
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#6 Rosa SoliAnonym
#7 Klaus aus MucAnonym
#8 stromboliProfil
  • 30.12.2018, 15:19hberlin
  • Antwort auf #5 von panzernashorn
  • .." es mich bis heute noch wundert, dass da nicht mehr an die Öffentlichkeit gelangte......."
    wie wärs mit dieser antwort:
    Zu dem Thema weiß ich auch diesbezüglich Einiges, was ich hier und auch in anderen öffentlichen Rubriken allerdings nicht darlegen möchte...
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#10 MarcelMAnonym