Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?32735

Aufklärung trifft Antike

Wie sich Herder vor 250 Jahren die schwule Liebe vorstellte

Johann Gottfried Herder verteidigte 1769 die Homosexualität des Dichters Vergil. Dabei stellte er sich sogar Liebkosungen von Männern vor – nicht die von Vergils literarischer Figur, sondern die von Vergil.


Johann Gottfried Herder auf einem Gemälde von Anton Graff aus dem Jahr 1785 (Bild: Gleimhaus Museum)
  • Von Erwin In het Panhuis
    14. Januar 2019, 06:07h, 3 Kommentare

Der Dichter und Denker Johann Gottfried Herder (1744-1803) gehörte mit Goethe, Schiller und Wieland zum "Viergestirn von Weimar" und war einer der einflussreichsten Schriftsteller deutscher Sprache im Zeitalter der Aufklärung.

Seine Schrift "Kritische Wälder" erschien vor genau 250 Jahren. Anhand der Hirtengedichte des antiken Dichters Vergil (70 v. Chr. – 19 v. Chr.) geht er hier ausführlich und weitgehend positiv auf die gleichgeschlechtliche Liebe ein. Auch in anderen Werken äußert er sich über Homosexualität in der Antike, die die Vorstellung abrunden können, welche Einstellung Herder zur Homosexualität gehabt hat.

Herders "Kritische Wälder"


Herders Schrift "Kritische Wälder" erschien im Jahr 1769

Das Werk entstand im Spätsommer 1768 und wurde 1769 publiziert, es sind drei Bände, die er selbst verniedlichend als drei "Wäldchen" bezeichnete. Im schwulen Kontext verdient vor allem sein zweites "Wäldchen" Aufmerksamkeit, wo er sich "Ueber die Schaamhaftigkeit Virgils" äußert. Hier wirken einige Äußerungen zunächst recht verschwommen: "Nicht alle Climata und Nationen setzten also selbst den Vorstellungen und Ausdrücken der Liebe einerlei Schranken …" (4. Kap.). Diese Zeilen waren aber offensichtlich deutlich genug und wurden in der homosexuellen Literaturzeitschrift "Der Eigene" (im Juni 1903) abgedruckt.

Kurz danach spricht Herder unmissverständlich von den gleichgeschlechtlichen Neigungen des antiken Dichters Vergil, der in seinen Hirtengedichten die unerfüllte Liebe des Schäfers Corydon zu dem Sklavenjungen Alexis behandelt (s. Vergil: "Zweite Ekloge"). Schon Zeitgenossen gingen davon aus, dass Vergil über die literarische Figur Corydon eigentlich nur seine eigenen Gefühle zum Ausdruck bringe.

Herder schreibt (7. Kap.): "Virgil soll schöne Knaben geliebet [und] in diesem Punkte nicht die Jungfer gewesen seyn, für die er galt. […] Muß ferner der, der schöne Knaben liebt, denn damit aller Bürgerlichen Ehrbarkeit, und, der sie unschuldig liebt, aller Tugend der Seele entsagen? […] Da sitzt nun Virgil an seiner Göttertafel, und sein schöner Ganymedes vor ihm! […] Virgil […] seys, der unter dem Namen Coridons spreche, und fühle, und seufze, […]? […] Ich mag keine neue Vertheidigung der Sokratischen Liebe übernehmen, da schon mehr, als einer, sie vertheidiget hat […]; und welch ein brennender Liebesgesang? wer könnte die Flamme noch entschuldigen? – Ich bins, der sie entschuldigt […]. Ich stelle mir […] den züchtigen Virgil, vor, wie er nach ihm schielet; wie er sein Auge an ihm weidet, ihn lobet, ihm liebkoset. […] ein irdischer Ganymedes. […]. Virgil habe seine Lieblinge nach Sokrates Art gehabt – freilich, das unleugbar! aber bilde es aus; sage: wen Virgil so geliebet? [….] wo hat Sokrates so geliebt? […] Nun sage mir ein Poetischer Leser, wie, wenn die Ekloge eine historisch wahre Liebesflamme seyn soll, die besten Stellen erklärt werden sollen. […] Ihr wollet, was ihr nicht deuten könnet, der Muse, und was ihr nicht deuten sollet, dem Virgil, als Menschen aufbürden? […] Die Ekloge soll […] ganz ohne die geringste lebendige Anspielung […] seyn, und dies ist freilich zu viel verneinet. Virgil kann immer der verkleidete Corydon […] seyn: nur es ist eine Poetische Maskerade."

Bewertung von "Kritische Wälder"

Deutlich betont Herder die autobiographischen Bezüge von Vergils Texten und die damit verbundene literarische Maskierung. Dabei setzt er sich positiv mit Vergils gleichgeschlechtlichen Gefühlen auseinander und verteidigt nicht nur die Schönheit von Vergils Dichtkunst, sondern auch die gelebte Realität gleichgeschlechtlicher Liebe. Aber bezieht er in die "Männerliebe" und die Liebe "nach Sokrates Art" auch tatsächlich den Sex mit ein? Herder spricht zwar einerseits von Liebkosungen, "Wohllust" bzw. davon, dass Vergil keine "Jungfer" gewesen ist.

Andererseits betont er mit Bezug auf Alexis, dass Voraussetzung für die "Tugend der Seele" sei, dass die Knabenliebe "unschuldig" bleibe, womit er vermutlich asexuell meint. Einige seiner Äußerungen wirken so, als würde er die Meinung vieler seiner Zeitgenossen teilen, die die Knabenliebe der Antike als rein geistige Liebe bzw. als ein ästhetisches Wohlgefallen an der physischen Schönheit eines Körpers interpretieren. Herders Ausführungen sind in diesem Punkt etwas schwammig und widersprüchlich.

Die frühe Homosexuellenbewegung freute sich über die positiven Äußerungen, die sie glaubte herauslesen zu können, und verband dies im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1904, S. 602) mit einem Kompliment für Herder: "Eine warme Verteidigung des antiken Empfindens für Jünglingsschönheit, die zeigt, wie schön [sic] vor Jahrzehnten der erhabene Geist eines Herder sich über die Vorurteile seiner Zeit hinausgesetzt hat."

Herders "Ideen zur Philosophie …"

Rund 15 Jahre später publizierte Herder mit "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" (1784-1791) sein eigentliches Hauptwerk. Die Äußerungen zur Päderastie sind zwar immer noch weitgehend positiv, beinhalten nun aber deutlich kritischere Töne. Im 2. Teil (9. Buch, 5. Kap.) betont er, dass "niemand leugnen wird, daß auch in die Brust des Sodomiten, des Unterdrückers, des Meuchelmörders das Gebilde der Humanität gegraben sei, ob er's gleich durch Leidenschaften und freche Gewohnheit fast unkenntlich machte".

Im 3. Teil (13. Buch, 4. Kap., S. 516-525, insb. S. 518-519) schreibt er über die "Sitten- und Staatenweisheit der Griechen": In den Jünglingen sei jener "Geschmack für Männerumgang und Männerfreundschaft [gegründet worden], der die Griechen ausnehmend unterscheidet. […] deren Empfindungen wir […] beinah wie den Roman aus einem fremden Planeten lesen. […]. Ich bin weit entfernt, die Sittenverderbnis zu verhelen, die aus dem Missbrauch dieser Anstalten […] mit der Zeit erwuchsen." Der Missbrauch liege "leider im Charakter der Nation, [die] Unordnungen solcher Art unumgänglich machte".

Bewertung seiner "Ideen zur Philosophie …"

Der "Missbrauch" der Päderastie – hier wohl im Sinne von ausgelebter Sexualität – habe nach Herder im Charakter der Griechen gelegen. Dahinter steht die Theorie fester Nationalcharaktere, für deren Ausformulierung Herder große Bedeutung hat. Wenn Herder meint, dass die Päderastie in der Antike eine für den Staat nützliche Institution gewesen sei, lässt sich dies so lesen, als wäre es eben nicht auf die eigene Zeit übertragbar. Auch hier hat man das Gefühl, dass Herder zwar in Ansätzen versucht, eine christlich-moralisierende Betrachtung der antiken Päderastie in Frage zu stellen, sich dabei aber doch in Widersprüchen verfängt.

Trotz kritischer Zwischentöne wurden die Texte aus dem 3. Teil von der späteren Homosexuellenbewegung positiv aufgegriffen. In der ersten Anthologie schwuler Texte "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" (1900, S. 114-115) wird Herders Text – der als für einen christlichen Theologen "beachtenswert" bezeichnet wird – ausführlich zitiert.

Mit dem Hinweis auf einen "sehr schönen Abschnitt" wird der Text auch im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1901, S. 512) gewürdigt. Im "Jahrbuch" von 1903 (S. 425) wird zudem ein Brief von Johann Wolfgang von Goethe abgedruckt, der am 29.12.1787 auf die Männerliebe in der Antike zu sprechen kommt und als Quelle für die "schönsten Erscheinungen", die wir "aus griechischen Überlieferungen" kennen, auf "Herders Ideen III. Band" verweist. Auch Magnus Hirschfeld bringt in seinem Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S. 946) ein langes Zitat aus diesem Werk von Herder.

Herders "Blumenlese" und "Liebesinsel"

Bei seinen Ausführungen "Ueber die Würkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker" in "Sämmtliche Werke" (21. Bd., S. 392-394) kommt Herder noch einmal – und wie fast immer recht janusköpfig – auf die Griechen zu sprechen. Die antiken Lieder über die Knabenliebe bei den alten Griechen seien "wirklich unschuldig" bzw. "schöne Flecken" im "Charakter der liebenswürdigen Griechen; für uns, die wir keine Griechen sind, […] ist wenigstens diese Seite nicht gerade die erste nachzuahmen oder zu lobsingen. Die Alcibiades unseres Volkes [also die homosexuellen Deutschen] werden meistens Gecken [oder] elende Tändler." Darüber hinaus bot auch Herders Übersetzung eines kurzen und unspezifischen Gedichts über einen verstorbenen "holden Knaben der Liebe" offenbar genug Potenzial zur schwulen Identifikation, um im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1908, S. 224) abgedruckt zu werden.

Herder und die schwulen Männer


Johannes von Müller auf einem Gemälde von Anton Wilhelm Tischbein

Herder war mit mehreren Männern bekannt bzw. befreundet, die aufgrund der Quellenlage als homosexuell angesehen werden. Dazu gehörte der Historiker Johannes von Müller (1752-1809), der später Herders "Sämmtliche Werke" (1827-1830) herausgab.

Mit Johann Wolfgang von Goethe verband Herder ein gemeinsames Interesse an dem Kunstwissenschaftler Johann Joachim Winckelmann (1717-1767), der von einem 38-jährigen Mann, über dessen Verhältnis zu ihm viel spekuliert wurde und wird, erstochen wurde. Herders Äußerungen über Winckelmanns gewaltsamen Tod können so interpretiert werden, dass er damit den Tod mit dessen Homosexualität in Verbindung bringen wollte: "Du strecktest deinen Arm in die Ferne, um Freundschaft zu finden, griechische Freundschaft, die du dir wünschtest. Da kam der Tod und faßte und umschlang dich mit eisernem Arm, und der Traum deines Lebens [war] zerschlagen […] von der Hand des Barbaren". (Herder: "Ideen", 1904, S. 95).


Johann Joachim Winckelmann auf einem Gemälde von Anton von Maron

Bewertung

Herder hatte am Ende des 18. Jahrhunderts einen bedeutenden Anteil an der Gestaltung des kulturellen Lebens in Deutschland. Er war ein Meister der Neologismen, viele seiner Wortschöpfungen wie "Weltmarkt" und "Volkslied" sind später in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Mit seiner hier fokussierten Schrift "Kritische Wälder" gilt er als Begriffsschöpfer des Wortes "Zeitgeist" (Drittes Wäldchen, 2. Kap., S. 462, 469), dass sich zu einem wichtigen Wort über die Denk- und Fühlweise einer Epoche entwickelte und als Lehnwort in zahlreiche andere Sprachen übernommen wurde.

In seinen Texten setzte er sich weitgehend positiv mit gleichgeschlechtlichem Begehren auseinander. Wie sie zeitgenössisch gewirkt haben, ist kaum bekannt. Recht einfach lässt sich jedoch aufzeigen, wie diese lange nach seinem Tod von der frühen Homosexuellenbewegung aufgegriffen wurden.

Marita Keilson-Lauritz kommt in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (S. 290) zu dem Schluss, dass Herders Werke zu Beginn der ersten Homosexuellenbewegung zum festen Kanon homosexueller Literatur gehörten. Nach ihrer Auswertung kommt Herder auf Platz 28 der am meisten genannten Autoren. Das ist zwar weit nach Oscar Wilde (Platz 2), aber sogar noch vor dem Märchenerzähler Hans Christian Andersen (Platz 30). Herders Werke wurden damit – von ihm selbst unbeabsichtigt – zu wichtigen Stützen der frühen Homosexuellenbewegung.



#1 qwertzuiopüAnonym
  • 14.01.2019, 08:01h
  • Ein schöner Artikel! :)

    Zu Vergils Eklogen: Eventuell hatte Herde eine Schere im Kopf zwischen der Knabenliebe und homosexuellen Beziehungen, was im Prinzip auch richtig ist, da die alte griechische Knabenliebe im Idealfall keinen Geschlechtsverkehr beinhaltete.
    In den Eklogen kommt dennoch die ein oder andere Anspielung auf Sex zwischen Männern vor, die Herder ebenfalls kapiert haben dürfte.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Ars VivendiAnonym
#3 goddamn liberalAnonym