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Homophobie in den Achtzigerjahren

Vor 35 Jahren: Die Kießling-Affäre erschüttert die Bundesrepublik

Im Januar 1984 sorgte eine der bizarrsten Affären der Bonner Republik für Schlagzeilen: Die Kohl-Regierung war in tiefer Sorgen wegen eines angeblich schwulen Bundeswehr-Generals.


Vier-Sterne-General Günter Kießling wurde gefeuert, weil ihn der Verteidigungsminister für schwul hielt

Vor rund zwei Jahren verkündete Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bei einem Workshop, dass sie sexuelle Vielfalt zur Normalität in der Bundeswehr machen wolle (queer.de berichtete). Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen dürfen nicht nur in der deutschen Armee dienen, sie werden von der Ministerin ausdrücklich umworben. Der Stab "Chancengerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion" bietet queeren Soldatinnen oder Soldaten eine zentrale Anlaufstelle, wenn sie diskriminiert werden.

In den Achtzigerjahren war die Lage noch ganz anders. Homo- und Transsexuellen war der Dienst an der Waffe pauschal untersagt. Sie galten als Sicherheitsrisiko – das führte zu einer der bizarrsten Skandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Kießling-Affäre, die im Januar 1984 publik wurde, brachte die damals gerade mal anderthalb Jahre alte Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in erhebliche Schwierigkeiten.

"Günter von der Bundeswehr" in Kölner Stricherkneipe?

Die Geschichte begann im Herbst 1983: Der Militärische Abschirmdienst (MAD), der Geheimdienst der westdeutschen Streitkräfte, wollte damals erfahren haben, dass ein "Günter von der Bundeswehr" im schwulen Etablissement "Tom-Tom" in der Kölner Innenstadt verkehrt haben soll. Nach den Ermittlungen sollen einige offenbar angetrunkene Gäste der Stricherkneipe den Vier-Sterne-General Günter Kießling erkannt haben. Der MAD hatte Kießling ohnehin bereits auf dem Kieker, weil dieser ledig war, während der gesamte Rest der (rein männlichen) Nato-Führungsriege Ehefrauen vorzuweisen hatte.

Der Fall erreichte schnell Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner. Der konservative CDU-Politiker war geschockt. In dieser Zeit lieferte sich der Westen mit dem Ostblock ein Wettrüsten, eine gewisse Paranoia herrschte in Militärkreisen vor. Ein schwuler General, der zudem noch Befehlshaber der Nato-Landstreitkräfte war und damit höchster deutscher Vertreter im westlichen Verteidigungsbündnis – so etwas war in Wörners Welt unvorstellbar. Schließlich sei der General nun von den Sowjets erpressbar, wenn sie von dessen angeblicher sexueller Orientierung Wind bekommen sollten.

Verteidigungsminister Wörner schmiss Kießling raus


Verteidigungsminister Manfred Wörner sah homosexuelle Soldaten oder Generäle als Gefahr für die nationale Sicherheit an (Bild: Bundesverteidigungsministerium)

Im Dezember 1983 feuerte Wörner daher Kießling, ohne Gründe zu nennen. Die Presse wurde aber kurz nach dem Jahreswechsel auf die Schwulengerüchte aufmerksam – und die Debatte nahm ihren Lauf. Wörner gab sich da noch siegessicher und erklärte im Fernsehen: "Jeder Irrtum ist ausgeschlossen." Kießling selbst gab der Bevölkerung sein "Ehrenwort", nicht schwul zu sein (dreieinhalb Jahre, bevor CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel sein "Ehrenwort" gab und dieser Begriff damit aus der deutschen Politik verschwand).

Im Laufe des Januars wurden Details über die Affäre bekannt. So habe ein Militärarzt gegenüber dem MAD dokumentiert, dass Kießling bei einer Untersuchung "an sich rumgespielt" habe. Der Doktor widersprach dieser Darstellung aber sofort in der "Bild am Sonntag". Als das Verteidigungsministerium keine Beweise fand, interviewte Wörner sogar persönlich zwei Stricher, um sie mit Kießling in Verbindung zu bringen. Glaubhafte Zeugen waren allerdings nicht zu finden. Vielmehr stellte sich heraus, dass "Günter von der Bundeswehr" viel eher "Jürgen" hieß – und nichts mit Kießling zu tun hatte. Der Spott im Bundestag war Wörner damit sicher: Der frisch gewählte Bundestagsabgeordnete Joschka Fischer bezeichnete den Verteidigungsminister als "Manfred von der Bundeswehr".

Schließlich zog "Manfred" die Geschütze ein: Im Februar wurde Kießling wieder eingestellt, während die Presse bereits darüber debattierte, ob Homosexualität wirklich ein Sicherheitsrisiko sei. Kießling selbst empfand die Affäre als tiefe Beleidigung. Er war von diesem Zeitpunkt an nur noch wenige Monate im Amt und wurde dann in allen Ehren mit einem Großen Zapfenstreich in den Ruhestand versetzt. "Nach dem Geschehenen konnte und wollte ich in dieser Bundeswehr nicht mehr dienen", erklärte er Jahre später in einem Buch. Der General starb 2009 im Alter von 83 Jahren.

Dem Verteidigungsminister schadete diese Affäre am Ende nicht: Wörner bot Kohl zwar seinen Rücktritt an, den der Kanzler aber ablehnte. 1988 wurde er zum Nato-Generalsekretär befördert und blieb auf diesem Posten bis zum seinem Tod im Jahre 1994.

Bis heute sind die Hintergründe der Affäre nicht aufgeklärt. So gibt es Vermutungen, dass die Homosexualität Kießlings vom DDR-Geheimdienst inszeniert worden war: Der damalige MAD-Vizechef Joachim Krase wurde 1990 als Stasi-Spitzel enttarnt. Er konnte aber nicht mehr befragt werden, da er schon zwei Jahre zuvor gestorben war.

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#1 dellbronx51069Anonym
  • 15.01.2019, 17:49h
  • Ich kann mich noch gut dran erinnern:
    Damals wie heute ein Idiotenland mit Idiotenpolitikern.
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#2 ElfolfProfil
#3 Sukram712Anonym
  • 15.01.2019, 23:32h
  • Gottseidank bin ich noch so jung, dass ich mich nicht dran erinnern kann. Die Affäre kenne ich trotzdem.
    Bei der Kneipe gibt es bis heute oder jedenfalls bis letztes Jahr (so oft bin ich nicht bei Stricher-Kneipen :D) ein Wandgemälde, dass an diese Posse erinnert. :D
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#4 Gerlinde24Profil
  • 16.01.2019, 06:59hBerlin
  • Warum will heutzutage Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen uns in der Truppe haben? Doch nur, weil sie sonst kaum Soldaten kriegt. Die wollen sogar EU-Ausländer in den Streitkräften haben, weil die Deutschen der Beruf des Soldaten zu unattraktiv und zu gefährlich (siehe Afghanistan) erscheint.
    Zur Affäre Kießling:
    Ich bin mir sicher, dass weder die Stasi, noch der KGB oder der GRU dahinter steckten. Sieht mir ihrer nach einer Arbeit der CIA aus, weil Kießling sich damals geweigert hatte, eine von den USA gewollte Nato-Doktrin umzusetzen. (es war mitten im Cold War).
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#5 LedErich
  • 16.01.2019, 07:02h
  • Ich war damals 17 und noch 3 Jahre vor neinem Coming-Out. Mich hat die Berichterstattung damals verwirrt und wütend gemacht, denn es war immer vom "Verdacht" und dem "Vorwurf" der Homosexualität die Rede. Dabei war diese ja auch damals schon nicht mehr allgemein strafbar.
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#6 stephan
  • 16.01.2019, 07:45h
  • Antwort auf #2 von Elfolf
  • Ja, wie doch die Zeit vergeht ... das habe ich eben auch sofort gedacht! Ich konnte sogar noch die damaligen Gefühle erinnern und meine Verwunderung über so viel Schwachsinn! Ich hab damals mit Freunden diskutiert, dass die Erpressbarkeit ja nur deshalb ein Thema sei, weil man Homosexualität nicht einfach als Selbstverständlichkeit ansähe ... Leider vegeht die Zeit schneller als der Schwachsinn, wie ich heute weiß ;)
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#7 TechnikerAnonym
  • 16.01.2019, 09:33h
  • Ja, ja - der Manfred von der Bundeswehr...

    Die Nummer war ja schon eine Peinlichkeit sondergleichen - die erste richtig fette Blamage der Kohl-Regierung. Dabei hatte der Bimbeskanzler doch so schön von der "geistig-moralischen Wende" fabuliert.

    Joschka Fischers Rede im Bundestag zum Fall ist übrigens legendär. Hier nur der Schluß:

    "So sei es also, am 31. März wird der General Kießling in allen wiederhergestellten Ehren und unter klingendem Spiel mit einem Großen Zapfenstreich welch Worte in dieser Affäre! von seinem Verteidigungsminister Manfred Wörner verabschiedet werden, und die Augen werden tränen, wenn dann jener obligatorische Choral aus dem 18. Jahrhundert ertönt: Ich bete an die Macht der Liebe." Vielen Dank.

    Komplett hier zu finden:

    dipbt.bundestag.de/doc/btp/10/10052.pdf

    (ab S. 3694)
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#8 MeinGottWalterAnonym
#9 Ralph
  • 16.01.2019, 11:11h
  • Zwei Aspekte sollten noch beleuchtet werden.

    Zum einen wurde vielfach der Vergleich zur Fritsch-Affäre gezogen. Dabei war es um den Generalstabschef der 30er Jahre gegangen, der unter der Behauptung, homosexuell zu sein, von Hitler gefeuert worden war. (Eigentlicher Grund dürfte gewesen sein, dass der General die Gewinnbarkeit eines großen Krieges bezweifelte.)

    Zum anderen verlor über der Affäre Alexander Ziegler seine Reputation. Das war ein damals bekannter schwuler Autor, der mehrere Romane geschrieben hatte. Auf einen stützt sich der erste jemals im deutschen Fernsehen gezeigte Spielfilm schwulen Inhalts, der noch dazu die Strafverfolgung (damals in der Schweiz, aber übertragbar auf Deutschland) kritisierte: "Die Konsequenz". Dieser Film wurde in der ARD gezeigt, wobei sich aber der BR ausklinkte, d.h. grundgesetzwidrig Zensur übte. In der Affäre ergriff Ziegler Wörners Partei und machte sich damit zum Beförderer dumpfer Vorurteile gegen Schwule. Es gab also auch damals schon Flachköpfe in den eigenen Reihen, die sich unseren Feinden als Helfer und Kronzeugen andienten.
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#10 tiberioAnonym