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Literatur

Édouard Louis' persönliche Kampfschrift

Der schwule Schriftsteller Édouard Louis hat sich in kurzer Zeit zu einem der einflussreichsten linken Intellektuellen Frankreichs entwickelt. Jetzt ist sein drittes Buch "Wer hat meinen Vater umgebracht" erschienen.


Édouard Louis: Sein neues Buch ist bewegende Versöhnung und laute politische Kampfschrift zugleich (Bild: S. Fischer Verlage)

50 Jahre alt ist Édouard Louis' Vater. Kein alter Mann, aber gebeutelt von der Arbeit in einer nordfranzösischen Fabrik mitsamt Arbeitsunfall. Er kann kaum mehr laufen, nachts braucht er ein Beatmungsgerät. Schlimmer noch als unter seiner Arbeit leidet er unter der Politik, die all das zugelassen hat, die den Frührentner zur Arbeit gezwungen hat.

"An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung", lautete der erste Satz von Édouard Louis' Weltbestseller "Das Ende von Eddy. Darin schildert er, wie er als schwuler Junge in der nordfranzösischen Provinz aufgewachsen ist und wie er der Homophobie und Perspektivlosigkeit entkommen ist (queer.de rezensierte). Vier Jahre später ist nun sein drittes Werk "Wer hat meinen Vater umgebracht" erschienen.

Seine Familie als Exempel, an der er seine Kritik herleitet


"Wer hat meinen Vater umgebracht" ist am 23. Januar auf Deutsch im S. Fischer Verlag erschienen

Darin revidiert er diesen ersten Satz. Er erinnert sich an glückliche Momente, an die Ambivalenz seines Vaters, der ihm einerseits misstraut und in der nächsten Sekunde verteidigt. Der 26-Jährige beschreibt auch seine eigene Ambivalenz: "Ich habe oft das Gefühl, dass ich dich liebe – aber ich hatte das Bedürfnis zu sagen, dass ich dich hasse."

Louis verortet seinen Vater als ein Opfer seiner Umstände. Er analysiert die Vergangenheit seiner Familie, um ihr nicht eine individuelle Schuld zu geben, sondern ihre Homophobie als Produkt von Erziehung, gesellschaftlichen Prozessen – und schließlich über all dem – der Politik zu sehen. Seine Familie dient als Exempel, an der er seine soziale Kritik herleitet.

Seit Édouard Louis seinen ersten Roman veröffentlicht hat, ist der erst 26-Jährige zu einem der führenden linken Intellektuellen Frankreichs aufgestiegen. Gemeinsam mit dem Schriftsteller und Freund Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims") und dessen Partner Geoffroy de Lagasnerie bildet er eine Art wortführendes linkes Triumvirat, das sich für Solidarität und Gleichberechtigung und gegen Klassismus einsetzt – und ganz genau weiß, wovon es spricht, da selbst erlebt.

Édouard Louis ist eine starke, radikale, junge, queere, linke Stimme

Im September 2015 haben Louis und de Lagasnerie ein Manifest veröffentlicht, das "Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive". Darin sprechen sie sich gegen die rechte Diskursbestimmung aus und stellen vier Prinzipien auf, diese zu beenden. Das letzte davon ist das Prinzip der Intervention. "So oft wie möglich zu intervenieren, Raum einnehmen. Kurz: Die Linke zum Leben bringen."

Genau das tut Édouard Louis in "Wer hat meinen Vater umgebracht": Er verbindet seine persönliche Geschichte, geschrieben als Monolog, mit einer politischen Kampfschrift. Er klagt an, er benennt ganz konkret Frankreichs Probleme (die kürzlich mit den Protesten der Gilets Jaunes einen öffentlichen Ausdruck hervorgebracht haben) und er kritisiert politische Eliten und Klassismus. "Literatur muss kämpfen", sagt Louis, "für all jene, die selbst nicht kämpfen können".

Am Ende steht Louis' ganz persönliche Entwicklung, die Reflexion seines Aufwachsens, die zu Versöhnung, sogar Eingestehen von Bewunderung und Liebe führt. Und eine starke, radikale, junge, queere, linke Stimme, die nicht nur Frankreich offenbar dringend nötig hat.

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#1 goddamn liberalAnonym
  • 23.01.2019, 11:04h
  • Édouard Louis ist für mich ein erfrischendener Denker, der nach all dem schmuddeligen Zynismus und Nihilismus von Houellebecq in Frankreich den Kopf endlich mal auf die Füße stellt.

    Ob er so queer ist, weiß ich nicht. Ich sehe ihn mehr als einen blond-virilen Jungrevoluzzer in einer altfranzösischen Tradition der Revolutionsromantik.

    Denn auch, wenn 'Klassismus' ein etwas komischer neumodischer Begriff ist, so geht es Louis doch eigentlich unromantisch um uralte Klassengegensätze, die von unseren Diversity-Managern gern übersehen werden.

    Nebenbei: Sein eigentlicher Nachname ist Bellegueule, was so ungefähr 'schöne Fresse' bzw. Gesicht bedeutet. Passt gut zu dem Burschen! ;-)
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#2 Ith__Ehemaliges Profil
  • 23.01.2019, 11:39h
  • Ich schätze, damit landen wir bei Wagenknechts gar nicht so queer-freundlichem Credo, dass Minderheiten-Rechte eigentlich nur Wohlfühllabel sind.

    Ich erwarte bereits mit Spannung den nächsten Standpunkt als Fazit/Forderung seines aktuellen Werks, bei dem im "Gegenschlag des schwulen weißen Cis-Mannes" das "schwul" gegen das sehr viel fairere, weil mehrheitlich auf ausgebeutete Arbeiter zutreffende "hetero" ausgetauscht wird.
    Damit wäre man dann voll im gesamtgesellschaftlich, links wie rechts vorherrschenden Trend.
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#3 goddamn liberalAnonym
  • 23.01.2019, 12:08h
  • Antwort auf #2 von Ith__
  • Den Uni-Unsinn mit dem 'schwulen weißen Cis-Mann' kann man weitgehend vergessen. Nach '33 waren hierzulande diese Menschen eine Hauptopfergruppe des Faschismus wie nach '39 in Spanien und nach '79 im Iran. Fakten, Fakten, Fakten...

    "Ich schätze, damit landen wir bei Wagenknechts gar nicht so queer-freundlichem Credo, dass Minderheiten-Rechte eigentlich nur Wohlfühllabel sind."

    Die Gefahr besteht, ich sehe sie bei Louis aber nicht. Man muss sich der sozialen Frage stellen.

    Wagenknecht wiederum ist eine wenig analysierte Gefahr, weil sie wie le Pen, Melanchon und Weidel die Menschen und 'Nationen' gegeneinander aufhetzt.

    Nicht als 'Linke', sondern wie die anderen Genannten als Agentin der eurasischen Machtvisionen Putins.

    www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/176563/index.htm
    l
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#4 DefinitionssacheAnonym
  • 23.01.2019, 12:24h
  • Antwort auf #3 von goddamn liberal
  • Vor allem, "weil sie wie le Pen, Melanchon und Weidel" und teilweise auch Jeremy Corbin im UK glaubt, Sozialismus auf nationaler Ebene besser umsetzen zu können als international und damit supranationale Organisationen wie zum Beispiel die EU tendenziell abwertet und schwächt.
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#5 SowasAnonym
  • 23.01.2019, 13:00h
  • Ach je, nun ist das Wagenkencht Bashing auch auf queer.de angekommen. Früher wurde Wagenknecht als Stalinistin und Mauerschützin diffamiert, als rote Socke, als Rosa Luxemburg für Arme, nur das Hinken fehlte. Heute wird Sie als angeblich Rechte diffamiert, als pelzkragen hummeressende elitäre möchtegern sozialengaierte Linke tituliert und alles wird undifferenziert in einen Topf geworfen und zu brauner Soße verrührt. Chapeau! Dämlicher geht es wirklich nicht mehr...
    Ich befürchte, das löst die Probleme nicht, diese Dämonisierung wird eine zukünftige Staatspräsidentin Le Pen kaum verhindern. Nach dem Brexit folgt dann bald der Frexit. Was dann für soziale Verwerfungen auf Europa und letztendlich auch auf Deutschland zukommen werden, bleibt nur zu erahnen. Aber wir haben ja Wagenkencht, der geben wir dann die Schuld. Ja, die Welt kann so einfach sein ...
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#6 DefinitionssacheAnonym
#7 SowasAnonym
  • 23.01.2019, 13:18h
  • Antwort auf #6 von Definitionssache
  • Ja dann passt ja die Replik hierher. Wagenknecht wird ja auch einfach und undifferenziert beurteilt bzw. diffamiert. Sie ist abgrundtief böse und dann ist eine kritische Auseinadersetzung mit sozialen Themen ja nicht mehr notwendig. Das funktioniert seit Jahren ja hervorragend. Immerhin wurden in den letzten 30 Jahren die Vermögenden und oberen Einkommensdchichten deutlich entlastet und die unteren und mittleren Einkommenschichten belastet. Aber was solls, Hauptsache Wagenknecht Bashing. das macht alles super. Dann müssen wir uns wenigstens nicht mehr mit den sozialen Misständen in Europa auseinandersetzen und womöglich noch die Vermögendnen und oberen Einkommesnchichten zu mehr Solidarität auffordern.

    Wie sagte schon Warren Buffett: Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen"
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#8 DefinitionssacheAnonym
  • 23.01.2019, 13:49h
  • Antwort auf #7 von Sowas
  • DU bestätigtst nur meine Kritik.
    Es geht nicht darum Frau Wagenknecht zu dämonisieren, sondern festzustellen, dass
    1. Ihr berechtigter Kampf gegen Ungerechtigkeit nicht national zu führen ist.
    Denn damit stärkt sie die Positionen vieler Rechter.
    Linke wie rechte Populisten ziehen gerne die nationale Karte.
    2. Ihre Milde gegenüber Putin mehr als fehl am Platze ist.
    Auch da trifft sie sich argumentativ mit den Rechten.

    ERGO:

    Frau Wagenknecht ist nicht zu dämonisieren sondern ihr Populismus ist laut und deutlich zu kritisieren ohne die zurecht geführte Debatte über Gerechtigkeit im Allgemeinen zu verhindern.
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#9 goddamn liberalAnonym
  • 23.01.2019, 13:56h
  • Antwort auf #4 von Definitionssache
  • Stimmt.

    Dass nationaler Sozialismus eine äußerst fatale Angelegenheit ist, sollte jedem klar sein.

    Wobei die Schwächung der EU auch dem wichtigsten Verbündeten der pseudo-linken und pseudo-nationalen Kräfte nützt: dem Neozaristen Putin.

    Das gilt natürlich auch für den Brexit, der weniger die EU als die Nation UK schwächt (Bürgerkrieg in Nordirland, schottischer Separatismus).

    Gerade aufgrund der militärischen Stärke von UK nutzt das auch v.a. dem militärischen Rivalen.
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#10 Ith__Ehemaliges Profil