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Gegen das Vergessen

Stolperstein-Künstler: "Brauchen sie mehr denn je"

Gunter Demnig verlegte 1992 den ersten Stolperstein, um an NS-Opfer zu erinnern. 70.000 Steine später liegt dem 71-Jährigen das Projekt noch immer am Herzen – gerade in Zeiten des Rechtspopulismus.


Seit über 25 Jahren erinnern Stolpersteine – wie hier in Kreuztal-Kredenbach im Siegerland – an Opfer des Nationalsozialismus. Alfred Freudenberg wurde 1945 nur wenige Monate vor der Befreiung wegen seiner Homosexualität im KZ Dachau ermordet (Bild: Jürgen Wenke / Rosa Strippe e.V.)
  • Von Carolin Eckenfels, dpa
    25. Januar 2019, 09:14h, 2 Kommentare

An Gedenktagen ist der Terminkalender von Künstler Gunter Demnig besonders voll. Dann verlegt er oftmals gleich an mehreren Orten seine Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen. Am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wird der 71-Jährige dafür in drei italienischen Städten zu Gast sein. Mehr als 200 Tage im Jahr ist er europaweit für das Projekt unterwegs, trifft Schüler, Stadtvertreter und Angehörige all der Opfer. "Es ist unglaublich, was man zurückbekommt", sagt Demnig. "Auch nach 70.000 Steinen ist das bewegend."

Jeder der etwa zehn mal zehn Zentimeter großen Stolpersteine steht in der Regel für ein Opfer des Nationalsozialismus. Die Steine erinnern an verfolgte oder ermordete Juden, Sinti und Roma, politische Aktivisten, Homosexuelle oder Menschen mit Behinderungen. Verlegt werden die Pflastersteine vor den ehemaligen Wohnhäusern der Menschen – versehen mit einer Messingplatte und einer Inschrift. "Hier wohnte…" steht darauf. Oder, wenn sie vor einer Schule liegen, "Hier lernte…". Dann folgen die Namen.

Tatsächliche Stolperfallen sind die Steine nicht, da sie eben ins Pflaster eingelassen sind. "Man fällt nicht hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen", zitiert Demnig die Worte eines Schülers. Er selbst spricht gerne von einem "Kunst-Denkmal".

Stolpersteine in fast 2.000 Kommunen


Gunter Demnig verlegte im Oktober 2018 den 70.000 Stolperstein (Bild: Sigismund von Dobschütz / wikipedia)

Mittlerweile kümmert sich ein ganzes Team um das Projekt. Von Hessen aus, wo der gebürtige Berliner mit seiner Frau lebt, werden die neuen Verlegungstermine koordiniert. Die Steine stellt der mehrfach ausgezeichnete 71-Jährige nicht mehr selbst her, die Fertigung übernimmt ein Bildhauer.

Dass seit der ersten Verlegung im Jahr 1992 nun Zehntausende Exemplare in fast 2.000 Kommunen zu finden sind, in Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich, in Italien, Norwegen, Polen oder den Niederlanden, das hat der Künstler nicht erwartet. "Ganz am Anfang habe ich gedacht: Vielleicht werden es mal so 1.000 Steine. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet."

Die Stolpersteine gibt es, weil Demnigs Überlegung, nach seinem Kunststudium Hochschullehrer zu werden, "zweimal an der Frauenquote gescheitert" ist und er Anfang der Neunuigerjahre eine denkwürdige Begegnung mit einer Kölnerin hatte. Der Künstler lebte damals in der Domstadt am Rhein und arbeitete an einer Straßenkunst-Aktion zur Erinnerung an die Deportation von Sinti und Roma im Jahr 1940. Der Frau, einer Zeitzeugin, sei nicht bewusst gewesen, dass die Opfer in ihrem Viertel gelebt hatten.

"Mir wurde klar, dass viele gar nichts über das Schicksal der Menschen aus der Nachbarschaft wussten." Das sei der Auslöser gewesen, NS-Opfern ihren Namen mit einem Stein zurückzugeben. Aus der Idee wurde so etwas wie eine Lebensaufgabe für Demnig. Die allermeisten der über 70.000 Stolpersteine habe er selbst verlegt – das sagt der Künstler weniger stolz als tief bewegt.

München lehnt Stolpersteine ab

Mit seinen Steinen eckt Demnig aber auch an. Kritiker halten sie für eine unangemessene Form des Gedenkens, weil damit die Opfer mit Füßen getreten würden. Deshalb lehnt etwa die Stadt München Stolpersteine ab. Nach langem Streit gibt es dort stattdessen seit dem vergangenen Juli Stelen und Wandtafeln. Auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, war gegen die Verlegung. Sie sah dadurch das Andenken der Opfer in den Schmutz gezogen.

Die Stolpersteine als Mittel, abermals auf den Opfern herumzutrampeln – Künstler Demnig kann diese Kritik nicht nachvollziehen. "Die Nazis haben sich nicht begnügt mit Rumtrampeln, sie hatten ein ganz gezieltes Mord- und Vernichtungsprogramm", sagt der 71-Jährige. Und selbst wenn die Leute tatsächlich auf den Steinen rumtrampeln würden – "umso blanker werden sie". Das sei auch die Idee gewesen: "Man kann ruhig drüber laufen, um die Steine immer glänzender zu machen, um so das Andenken zu erhalten und in Ehren zu halten."

Auch wenn Gunter Demnig sich offiziell im Ruhestand sieht – er wird weiterhin Stolpersteine verlegen. Manchmal ist er auch gezwungen, für Ersatz zu sorgen, wie vor kurzem in Rom: Unbekannte hatten im Dezember mehrere Exemplare gestohlen. Die Bürgermeisterin der italienischen Hauptstadt sprach von einem "antisemitischen Akt".

Stolpersteine seien nötiger denn je, sagt Demnig mit Blick auf den wachsenden Rechtspopulismus hierzulande. "Gerade wenn sich irgendwelche Leute von der AfD hinstellen und sagen, wir brauchen uns nicht an die NS-Zeit zu erinnern, das war ein Vogelschiss, dann muss man sagen: Jetzt erst recht."



#1 queergayProfil
  • 25.01.2019, 22:33hNürnberg
  • Kürzlich hatte ich bei einem dieser Stolpersteine den Eindruck, daß die Inschrift leicht verblaßt war.
    Es wäre schade, wenn die Inschriften mit der Zeit langsam verschwinden.
    Trotzdem halte ich diese Stolperstein-Idee für eine sehr gelungene und berührende Erinnerungs-Aktion.
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#2 g_kreis_adventProfil