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Geschlechtsneutrale Sprache

De Aktiviste und leine Idee

Das De-Le-System als Alternative zum Gender-Sternchen – ein Plädoyer für leicht aussprechbare geschlechtsneutrale Wörter.


Wie kann man leicht aussprechbare geschlechtsneutrale Wörter in die deutsche Sprache integrieren? (Bild: Martin Abegglen / flickr)

Immer mehr Leute wollen manchmal oder häufig über andere Personen sprechen, ohne diese einer der beiden traditionellen Geschlechtskategorien zuzuordnen. Auf Deutsch ist das in vieler Hinsicht schwieriger als in anderen Sprachen wie Englisch, Schwedisch oder Chinesisch. Als schriftsprachliche Lösung wird z.B. das Gender-Sternchen ("Mitarbeiter*innen") praktiziert, aber das löst das Problem nicht in allen Fällen und führt zu einer zusätzlichen Hürde bei dem Übergang von geschriebener zu gesprochener Sprache.

In diesem Artikel wird das De-Le-System vorgestellt, das darauf abzielt, leicht aussprechbare geschlechtsneutrale Wörter in die deutsche Sprache zu integrieren. Aufgrund der starken Verankerung von geschlechtsbasierten Kategorien in der deutschen Grammatik ist dies nur durch die Schaffung eines neuen grammatikalischen Genus möglich, das anders als das Maskulinum und das Femininum keinen Bezug zu einem der beiden traditionellen Geschlechter hat, und anders als das Neutrum nicht den Eindruck erwecken kann, dass die genannte Person als Sache dargestellt wird.

Dieses neue Genus trägt in Anlehnung an ein ähnliches Genus in den skandinavischen Sprachen den Namen Utrum und zeichnet sich im Nominativ durch den bestimmten Artikel de (statt der, die oder das) und durch das Pronomen le (statt er, sie oder es) aus – daher auch der Name De-Le-System.

Gesellschaftlicher Wandel und Sprachwandel

Die deutsche Sprache in ihrer traditionellen Form macht es sehr schwierig und teilweise sogar unmöglich, über eine Person zu sprechen, ohne ihre Zugehörigkeit zu einer der beiden traditionellen Geschlechter auszudrücken. So muss man sich zum Beispiel bei dem Pronomen zwischen sie und er entscheiden, und muss sich bei den meisten Personenbezeichnungen zwischen einer weiblichen und einer männlichen Form entscheiden. Dies gilt sowohl für Berufsbezeichnungen (z.B. Lehrerin/Lehrer), wie auch für Verwandtschaftsbezeichnungen (z.B. Tante/Onkel) und für viele andere Personenbezeichnungen (z.B. Nachbarin/Nachbar, Schweizerin/Schweizer usw.).

Dieser Zwang, das Geschlecht zu erwähnen, ist durch gesellschaftliche Veränderungen höchst problematisch geworden:

1. Traditionell wurde die maskuline Form nicht nur zur Markierung des männlichen Geschlechts verwendet, sondern in bestimmten Kontexten auch verwendet, um generisch über beide Geschlechter zu sprechen, das sogenannte generische Maskulinum. Seitdem die Gleichstellung der Frauen als gesellschaftliches Ziel angestrebt wird, gibt es eine immer weiter wachsenden Teil der Gesellschaft, der diesen Sprachgebrauch als diskriminierend und mit der Gleichstellung unvereinbar wahrnimmt. Unter anderem wird dabei darauf hingewiesen, dass man sich bei solchen Ausdrücken, die eigentlich beide Geschlechter meinen sollen, doch meistens nur einen Mann vorstellt, so dass sie ihre generische Funktion nicht ausreichend erfüllen.

2. In unserer modernen Gesellschaft spielt das Geschlecht nicht mehr eine so große Rolle wie früher, so dass es immer mehr Menschen natürlich erscheint, über eine Person zu sprechen, ohne ihr Geschlecht zu erwähnen, genauso wie man über eine Person sprechen kann, ohne ihr Alter, ihre Nationalität oder ihre Haarfarbe zu erwähnen. Der Zwang, das Geschlecht auch in Situationen zu erwähnen, in denen es gar nicht relevant ist, scheint vielen nicht mehr zeitgemäß.

3. Es gibt eine wachsende Anzahl von Menschen, die sich weder eindeutig dem weiblichen noch eindeutig dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Der allgemeine Begriff für Personen mit einer solchen Geschlechtsidentität ist nicht-binär. Nicht-binärer Personen und ihre Mitmenschen stehen häufig vor der Schwierigkeit, dass es die deutsche Sprache in ihrer traditionellen Form sehr schwierig macht, über nicht-binäre Personen zu sprechen, ohne dabei Wörter zu verwenden, die eine Zugehörigkeit zu einem der beiden traditionellen Geschlechter ausdrücken. Durch die im Dezember 2018 beschlossene Reform des Personenstandsgesetzes, die in Deutschland den Geschlechtseintrag "divers" ermöglicht, gibt es in jüngster Zeit eine verstärkte Aufmerksamkeit für dieses Thema, und die damit zusammenhängende sprachliche Problematik dürfte sehr bald auch für den amtlichen Sprachgebrauch relevant werden.

Gesellschaftlicher Wandel beeinflusst Sprachgebrauch

Sprache passt sich im Laufe der Zeit den kommunikativen Bedürfnissen ihrer Sprecher an. Am eindeutigsten erkennt man dies bei wissenschaftlichen und technologischen Innovationen, die immer mit der Etablierung neuer Begriffe Hand in Hand gehen. Aber auch gesellschaftlicher Wandel beeinflusst den Sprachgebrauch. So fühlt sich heutzutage kaum noch jemand verpflichtet, eine unverheiratete Frau mit "Fräulein" anzusprechen, obwohl dies noch vor wenigen Jahrzehnten die Norm war.

Auch die oben erwähnten gesellschaftlichen Veränderungen bezüglich der Funktion und des Verständnisses von geschlechtlichen Kategorien haben den Sprachgebrauch in verschiedenen Sprachen schon beeinflusst. Das generische Maskulinum wird schon seit Jahrzehnten kritisiert, und verschiedene Methoden es zu vermeiden und eindeutiger beide Geschlechter einzubeziehen wurden entwickelt, so z.B. die Schrägstrichschreibung wie in Lehrer/innen und das Binnen-I wie in LehrerInnen, das erstmals 1981 als Alternative zur Schrägstrichschreibung eingeführt wurde, und zum Ausdruck bringen soll, dass sowohl Frauen als auch Männer gemeint sind.

Die Schrägstrichschreibung und das Binnen-I wurden auf Grundlage eines binären Verständnisses der geschlechtlichen Kategorien eingeführt. Um eindeutig zum Ausdruck zu bringen, dass auch nicht-binäre Menschen mitgemeint sind, wurde 2003 das Gender-Gap wie in Lehrer_innen eingeführt. Mittlerweile findet das bedeutungsgleiche Gender-Sternchen wie in Lehrer*innen immer mehr Beliebtheit, z.B. bei progressiven Medien, in Stellenausschreibungen, auf den Webseiten vieler Jugendorganisationen, im privaten Schriftverkehr und neuerdings teilweise auch im amtlichen Schriftgebrauch, z.B. in der Stadtverwaltung Hannovers. Das Gender-Sternchen wird anders als das Binnen-I teilweise auch in Singular-Formen wie er*sie und ein*e verwendet.

Ein Problem dieser Lösungen ist, dass sie das Problem aufs Erste nur für die Schriftsprache lösen, und nicht evident ist, wie sich diese Lösungen auf die gesprochene Sprache übertragen werden können. Die am meisten praktizierte Lösung dazu ist wahrscheinlich die, dass man das "innen" nach dem Gender-Gap oder Gender-Sternchen wie ein eigenes Wort ausspricht, so dass es wie alle im Deutschen mit einem Vokal beginnenden Wörter mit einem Knackverschlusslaut ausgesprochen wird. Diese Aussprache wird allerdings von einigen auch für das Binnen-I verwendet, so dass die Abgrenzung davon zur expliziten Inklusion nicht-binärer Personen nicht mehr so eindeutig ist. Außerdem ist bei Ausdrücken sie er*sie kein Knackverschlusslaut an der Stelle des Sternchen möglich, so dass dieser Ausdruck genau so klingt wie die Wortfolge "er sie": Man kann dann nicht mehr den Unterschied zwischen "Hat er*sie gemalt?" und "Hat er sie gemalt?" hören. Es gibt auch den Vorschlag, das Sternchen voll als "Sternchen" auszusprechen, aber dies scheint sehr umständlich und den Sprechfluss hemmend.

Meines Erachtens ist es wünschenswert, geschlechtsneutrale Begriffe zu haben, die eine realistische Chance haben, mittel- bis langfristig Teil des natürlichen Sprachgebrauchs zu werden. Für ein nicht ausgesprochenes oder als "Sternchen" ausgesprochenes Gender-Sternchen halte ich eine solche Entwicklung für extrem unrealistisch. Diese Lösungen werden zwar schon von vielen in der Schriftsprache verwendet und von einigen auch beim Vorlesen von schriftsprachlich verfassten Texten in der Aussprache markiert, aber sie werden bis jetzt nur sehr wenig beim spontanen Sprechen verwendet. Meines Erachtens liegt das vor allem daran, dass es sich dabei um Lösungen handelt, die aufs Erste nur schriftsprachliche Lösungen sind und in der gesprochenen Sprache nicht sehr praktikabel sind.

In diesem Text plädiere ich daher dafür, leicht aussprechbare geschlechtsneutrale Wörter einzuführen, und mache dazu auch einen konkreten Vorschlag. Aufgrund seiner grammatikalischen Struktur ist dies im Deutschen leider nicht so einfach wie in vielen anderen Sprachen, aber ich halte es trotzdem für realisierbar und für eine Option, die mittel- bis langfristig mehr Chancen hat, Teil des spontanen Sprachgebrauchs vieler Deutschsprachiger zu werden als Gender-Gap und Gender-Sternchen. Bevor ich den konkreten Vorschlag erläutere, lohnt es sich, einen Blick auf andere Sprachen und ihren Umgang mit dieser Thematik zu werfen.

Ein Vergleich mit anderen Sprachen

Aufgrund von Unterschieden in der grammatischen Struktur und im Wortschatz stellt sich die Thematik geschlechtsneutraler Ausdrucksformen in verschiedenen Sprachen sehr unterschiedlich dar. In manchen Sprachen gibt es diesbezüglich kein wirkliches Problem. Zum Beispiel gibt es auf Suaheli nur ein Pronomen für die dritte Person Singular, nämlich yeye, das im Deutschen je nach Kontext mit er oder sie übersetzt wird. Die meisten Personenbezeichnungen sind geschlechtsneutral, und für die geschlechtsspezifischen Personenbezeichnungen, die es gibt, gibt es fast immer auch entsprechende geschlechtsneutrale Ausdrücke. Zum Beispiel gibt es neben mama (Mutter) und baba (Vater) auch den Begriff mzazi (Elternteil). Man kann also in praktisch allen Kontexten frei darüber entscheiden, wann man es für nützlich hält, das Geschlecht einer Person zu erwähnen, und wann man es unerwähnt lässt, weil es nicht relevant ist. Ähnlich verhält es sich in vielen anderen Sprachen, die kein grammatikalisches Geschlecht und keine Geschlechtsunterscheidung bei den Pronomen haben, z.B. im Chinesischen, im Indonesischen, im Persischen, im Ungarischen und im Finnischen.

Auch Englisch hat kein grammatikalisches Geschlecht, doch gibt es bei den Pronomen die Unterscheidung zwischen she und he, wobei es früher üblich war, in generischen Situationen das Pronomen he zu verwenden, ähnlich dem generischen Maskulinum im Deutschen. Des Weiteren waren früher auf -man endende Berufsbezeichnungen wie fireman, policeman und chairman üblich, wobei bei weiblichen Personen die auf -woman endende Form üblich war. Das Wort man selber konnte früher sowohl einen Mann bezeichnen als auch als generischer Begriff im Sinne von Mensch verwendet werden, so zum Beispiel auch in dem Begriff mankind für die Menschheit.

Ab den Sechzigerjahren hat aufgrund von feministischen Überlegungen aber im Englischen ein Sprachwandel eingesetzt, durch den der generische Gebrauch von man weitestgehend durch human ersetzt wurde (auch im Begriff humankind) und geschlechtsneutrale Berufsbezeichnungen wie fire worker, police officer und chairperson üblich wurden. Auch der generische Gebrauch von he wurde nach und nach zurückgedrängt, wobei dabei zuerst Ausdrücke wie he/she oder das Ausweichen auf einen generischen Gebrauch von she bevorzugt wurden, in jüngerer Zeit sich jedoch der singularische Gebrauch von they immer mehr durchsetzt. Ursprünglich war das singularische they nur in Kontexten üblich, in denen es nicht um eine spezifische Person geht, wie in "Who thinks they can solve the problem?" oder "Everyone loves their mother". In den letzten Jahren wird das singularische they aber auch verstärkt verwendet, um über eine spezifische Person zu reden, sei es weil das Geschlecht vom Sprecher als nicht relevant angesehen wird, oder sei es weil es sich um eine nicht-binäre Person handelt, wie in dem folgenden Satz aus einem BBC-News-Artikel über ein Gerichtsurteil, in dem es um die Rechte einer nicht-binären Person ging: "Christie Elan-Cane said they cannot comment on whether they will lodge an appeal to the High Court decision."

Durch die Etablierung geschlechtsneutraler Berufsbezeichnungen sind nur noch relativ wenige Substantive gebräuchlich, die das Geschlecht markieren. Dabei handelt es sich größtenteils um Verwandtschaftsbezeichnungen wie mother, father, wife und husband, wobei es meistens geschlechtsneutrale Entsprechungen wie parent und spouse gibt. Für einige Verwandtschafts-bezeichnungen wie aunt, uncle, niece und nephew gibt es keine etablierten geschlechtsneutralen Entsprechungen, wobei es Vorschläge dafür gibt, solche einzuführen, z.B. pibling für aunt/uncle und nibling für niece/nephew, die insbesondere in Bezug auf nicht-binäre Personen auch schon von einigen Englischsprechern im Alltag verwendet werden.

Bezüglich der Einführung neuer geschlechtsneutraler Verwandtschaftsbezeichnungen ist es interessant die Herkunft des heutzutage sehr gebräuchlichen Wortes sibling (Geschwister im Singular) zu betrachten: Dieses Wort gab es im Altenglischen mit der Bedeutung Verwandte(r), aber es kam schon im Mittelalter außer Gebrauch, bis es 1903 von Genetikern mit seiner heutigen Bedeutung wiedereingeführt wurde, weil diese geschlechtsneutrale Bedeutung in genetischen Fachtexten benötigt wurde. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich das Wort von einem fachsprachlichen Begriff zu einem üblichen Begriff der Alltagssprache entwickelt, weil es ein kommunikatives Bedürfnis für einen solchen geschlechtsneutralen Begriff gab. Es ist also nicht abwegig, es für möglich zu halten, dass sich in den nächsten Jahrzehnten auch geschlechtsneutrale Wortschöpfungen wie pibling in der Alltagssprache etablieren.

Im Schwedischen stellt sich die Situation ähnlich dar wie im Englischen: Obwohl sich die Substantive grammatikalisch in zwei verschiedene Genus-Kategorien einordnen lassen, gibt es keinen direkten Bezug zwischen diesen Genus-Kategorien und Geschlechtsmarkierung von Personen, da historisch das Maskulinum mit dem Femininum zum Utrum verschmolzen ist, und die existierende Genus-Unterscheidung zwischen Utrum und Neutrum daher rein grammatikalisch ist und keine geschlechtliche Bedeutung mehr hat. Dadurch gibt es viele geschlechtsneutrale Substantive, und der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte hat den Gebrauch geschlechtsneutraler Substantive ähnlich wie im Englischen gestärkt. Es gibt allerdings so wie auf Deutsch und auf Englisch die Unterscheidung bei den Pronomen, nämlich zwischen hon (sie) und han (er). Schon 1966 hat der schwedische Linguist Rolf Dunås das geschlechtsneutrale Pronomen hen vorgeschlagen, das allerdings bis 2010 so gut wie gar nicht verwendet wurde. Zwischen 2010 und 2015 wurde das Pronomen viel diskutiert und ist immer mehr in den journalistischen, offiziellen und alltäglichen Sprachgebrauch eingeflossen, und wurde im April 2015 in die offiziellen Wortliste der Schwedischen Akademie aufgenommen.

Auf Spanisch gibt es traditionell zwei grammatikalische Geschlechter: Das Femininum wird meistens durch die Endung -a angezeigt, das Maskulinum meistens durch die Endung -o. Viele Substantive haben eine maskuline und eine feminine Form, die sich nur durch den Endvokal unterscheiden, z.B. médica/médico (Ärztin/Arzt) und hermana/hermano (Schwester/Bruder). Auch die meisten Adjektive ändern ihre Endung zwischen -a und -o abhängig vom Geschlecht. Im Plural benutzt man traditionell die männliche Form für gemischte Gruppen, z.B. hermanos für Geschwister. Bei den Pronomen unterscheidet man zwischen ella (sie) und él (er).

In den letzten Jahren hat auch im Spanischen aufgrund des gesellschaftlichen Wandels ein sprachlicher Wandel eingesetzt: Mittlerweile ist es insbesondere im öffentlichen Sprachgebrauch sehr üblich, bei gemischten Gruppen die feminine Pluralform zusammen mit der maskulinen Pluralform zu erwähnen (z.B. médicas y médicos). Als schriftsprachliche Kurzform dafür ist es populär geworden, das @-Symbol zu verwenden, um auszudrücken, dass dort ein a oder ein o stehen könnte (z.B. médic@s). Da diese Form auf einem binären Verständnis der Geschlechtskategorien basiert, verwenden einige Spanischsprecher stattdessen ein x (z.B. médicxs). Sowohl das @-Symbol als auch das x sind aber so wie das deutsche Binnen-I und das Gender-Sternchen aufs Erste nur eine schriftsprachliche Lösung, und werfen die Frage auf, wie man das aussprechen soll und ob das fürs spontane Sprechen taugt. Aufgrund dieser Problematik wurde vor einigen Jahren der Vorschlag gemacht, den Vokal e als geschlechtsneutrale Alternative zu a und o zu verwenden, und in diesem Zusammenhang wurde auch das geschlechtsneutrale Pronomen elle vorgeschlagen. Diese Lösung findet langsam aber sicher immer mehr Anwendung. Es ist also im Spanischen ein Sprachwandel im Gange, bei dem sich ein neues geschlechtsneutrales Genus etabliert, der durch die Endung -e markiert wird.

Ein Vorschlag fürs Deutsche: Das De-Le-System

Der eingangs beschriebene gesellschaftlichen Wandel hat also dazu geführt, dass in mehreren Sprachen Methoden entwickelt wurden, um sowohl schriftsprachlich als auch beim Sprechen auf unkomplizierte Weise eine Person in ihren verschiedenen gesellschaftlichen Rollen zu beschreiben ohne ihr Geschlecht zu erwähnen. Auf Deutsch gibt es aber bis jetzt für diese Zwecke nur schriftsprachliche Lösungen wie das Gender-Sternchen, die sich nicht ohne Probleme auf die gesprochene Sprache übertragen lassen. Wieso hinkt das Deutsche hier hinterher?

Der Grund dafür ist eines Erachtens, dass die relativ komplizierte Grammatik des Deutschen es schwieriger macht, eine funktionstüchtige geschlechtsneutrale Sprechweise zu entwickeln und zu etablieren. So wie im Spanischen müsste dafür ein neues geschlechtsneutrales Genus eingeführt werden. Aber während sich dies im Spanischen durch die Verwendung der neuen Endung -e relativ einfach gestaltet, ist dies im Deutschen leider um ein vielfaches komplizierter, weil man sich überlegen muss, wie Substantive, Adjektive, Artikel und Pronomen im neuen geschlechtsneutralen Genus in den vier grammatikalischen Fällen dekliniert werden sollen. Trotz dieser Komplikationen bin ich der Überzeugung, dass der gesellschaftliche Wandel im Umgang mit den Geschlechts-Kategorien einen solchen Sprachwandel mittel- bis langfristig unumgänglich macht, insbesondere weil es mittlerweile das diesbezügliche Vorbild anderer Sprachen gibt.

Ich habe mir daher ausführlich Gedanken darüber gemacht, wie ein solches System auf Deutsch funktionieren könnte, und möchte meinen daraus resultierenden Vorschlag hier skizzieren, damit sich andere Menschen damit auseinandersetzen können und mit mir zusammen anfangen können, ihn in der Praxis auszuprobieren. Ich habe mich bemüht, in meiner Darstellung meines Vorschlags relativ knapp zu bleiben, hab aber für Interessierte eine Webseite mit einer vollständigeren Darstellung und detaillierteren Begründung meines Vorschlags geschrieben.

Man könnte vielleicht meinen, dass wir mit dem Neutrum doch schon ein geschlechtsneutrales Genus haben, das ja auch schon für einige geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen wie das Mitglied, das Kind und das Opfer verwendet wird, und einfach auf andere Personenbezeichnungen übertragen werden könnte. Ich glaub allerdings, dass diese Lösung in der Praxis nicht funktionieren kann, da trotz der einigen wenigen im Neutrum stehenden Personenbezeichnungen das Neutrum die meisten Sprecher eher an ein Ding als an eine Person denken lässt. Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es in unserer Gesellschaft leider Menschen gibt, die die Menschlichkeit ihrer nicht-binären Mitmenschen nicht in vollem Umfang akzeptieren, wird sich eine Person, die durch ihren Sprachgebrauch unter anderem auch ihre Akzeptanz für nicht-binäre Menschen zum Ausdruck bringen will, kaum davon überzeugen lassen, das Pronomen es und andere Neutrum-Formen zu verwenden, die so klingen, als ginge es um ein Ding und nicht um eine Person.

Wir brauchen also ein neues grammatikalisches Genus, das sich von den drei existierenden unterscheidet und eindeutig zum Ausdruck bringt, das von einer Person die Rede ist, ohne aber dabei das Geschlecht festzulegen. Ich bezeichne dieses neue Genus als Utrum, da dieser Name auch bezüglich der skandinavischen Sprachen für das Genus verwendet wird, das sich sprachhistorisch aus der Verschmelzung des Femininums und des Maskulinums gebildet hat.

Für die Utrum-Form des bestimmten Artikels schlage ich de vor, da diese Form sowohl von der Schriftform als auch von der Aussprache in etwa gleich viele Ähnlichkeiten mit die und mit der hat, und des Weiteren leicht auszusprechen ist.

Für Substantiv-Paare wie Lehrer/Lehrerin, bei denen die Grundform maskulin ist und die feminine Form durch Anhängen von -in gebildet wird, schlage ich vor, die Utrum-Form durch die Endung -e anzuzeigen: de Lehrere. Weitere Beispiele sind de Arbeitere, de Kanzlere, de Schweizere usw.

Wir haben im Deutschen ein paar geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen, die im allgemeinen Sprachgebrauch nur im Plural verwendet werden, z.B. Eltern, Geschwister, Leute und Eheleute. Bei den ersten beiden haben sich in Fachtexten von Genetikern und Verhaltensforschern schon die Singularformen das Elter und das Geschwister etabliert, und diese könnten ähnlich wie einst das englische Wort sibling aus der Fachsprache in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden, wobei es dann auch möglich sein sollte, sie im Utrum als de Elter und de Geschwister zu verwenden. Bei Leute und Eheleute schlage ich analog dazu vor, de Leut als geschlechtsneutrale Entsprechung zu Frau und Mann/Herr zu verwenden, sowie de Eheleut als Entsprechung zu Ehemann und Ehefrau.

Die Möglichkeit, statt das Elter und das Geschwister die Utrum-Formen de Elter und de Geschwister zu verwenden, soll analog auch für alle schon existierenden geschlechtsneutralen Personenbezeichnungen möglich sein, so das man anstatt die Person, der Mensch und das Kind auch de Person, de Mensch und de Kind nutzen kann, wenn einem diese systematische Verwendung des Utrums mehr zusagt als die traditionelle Verwendungsweise dieser Wörter.

Das neue geschlechtsneutrale Pronomen le

Bevor ich noch einige weitere Vorschläge zur Bildung von geschlechtsneutralen Substantiven mache, wende ich mich erst einmal dem Pronomen und den Details der Deklination zu. Als geschlechtsneutrale Entsprechung zu sie und er schlage ich le vor, abgeleitet von dem Neuwort Leut. Meine Überlegungen zur Deklination von le basieren auf der Beobachtung, dass die Pronomen ich und du ähnlich dekliniert werden: mein/dein, mir/dir, mich/dich. Ich schlage daher die Formen lein, lir und lich für die Deklination von le vor.

Beim Thema Pronomen sollte auch noch etwas zu dem Wort man angemerkt werden: Obwohl dieses Wort semantisch immer geschlechtsneutral war, führt seine Ähnlichkeit zum Wort Mann bei manchen Menschen zu Unbehagen, weswegen einige Personen auch schon Alternativen wie frau und mensch bevorzugen. Die Alternative mensch ist eigentlich schon sehr gut, aber durch die Einführung des Substantivs Leut bietet sich auch die Möglichkeit an, leut als Alternative zu man zu verwenden. Mit der Zeit wird es sich zeigen, welche dieser möglichen Formen am meisten Zuspruch findet.

Da der Artikel de und das Pronomen le zentrale Bestandteile meines Vorschlags sind, habe ich mich entschieden, meinen Vorschlag De-Le-System zu taufen.

Natürlich muss nicht nur das neue geschlechtsneutrale Pronomen le dekliniert werden, sondern auch der bestimmte und der unbestimmte Artikel sowie die Adjektive. Hier mein Vorschlag dazu, in einer Tabelle mit den schon existierenden Formen, um den Vergleich zu vereinfachen:


Die Adjektivdeklination wird natürlich auch auf substantivierte Adjektive angewendet, z.B. de Deutsche, des Deutschen, der Deutschen, den Deutschen. Hier ist es leider nicht vermeidbar, das sich einige Formen nicht von existierenden maskulinen bzw. femininen Formen unterscheiden, aber zumindest bei der mit Abstand häufigsten Nominativ-Form (de Deutsche) ist eine Unterscheidung aufgrund des Artikels möglich.

Es gibt eine Reihe von Substantiven, z.B. Kunde/Kundin und Russe/Russin, bei denen die männliche Form auf -e endet und dieses -e in der weiblichen Form durch -in ersetzt wird. In diesen Fällen eignet sich die Endung -e natürlich nicht für die geschlechtsneutrale Form, da diese ja sonst nicht mehr von der männlichen Form unterscheidbar wäre. Für diese Fälle schlage ich vor, die Endung -je für die geschlechtsneutrale Form zu verwenden, z.B. de Kundje und de Russje.

Sochte, Niffe, Tonke

Bei Verwandtschaftsbezeichnungen sind die weibliche und die männliche Form meistens unabhängige Wörter, z.B. Tochter/Sohn. Für manche Verwandtschaftsbezeichnungen ergeben sich schon durch die bisherigen Erklärungen geschlechtsneutrale Formen, z.B. de Elter, de Großelter, de Geschwister, de Enkele und de Eheleut bzw. de Gattje. In den anderen Fällen lässt sich eine geschlechtsneutrale Form durch Verschmelzung der existierenden Formen bilden: de Sochte (von Tochter/Sohn), de Niffe (von Nichte/Neffe) und de Tonke (von Tante/Onkel).

Der Plural der Utrum-Formen wird durch anhängen von -n gebildet: die Lehreren, die Kundjen, die Sochten usw. Die schon existierenden Plural-Formen wie die Leute und die Geschwister bleiben von dieser Regel natürlich unberührt. In einigen Fällen (z.B. Studenten und Feministen) führt diese Regel dazu, dass der Plural der Utrum-Form mit dem Plural der maskulinen Form identisch ist. Da dies aber nur relativ wenige Substantive betrifft und da die singularischen Utrum-Fomen durchschnittlich mehr Ähnlichkeiten mit der femininen als mit der maskulinen Form haben, betrachte ich dies als nicht so schlimmes Problem.

Die Idee hinter dem De-Le-System ist es, neue Ausdrucksmöglichkeiten für die geschlechtsneutrale Benennung von Personen einzuführen, um es jenen Deutschsprachigen, die sich in manchen Kontexten gerne geschlechtsneutral ausdrücken wollen, zu ermöglichen, dies auf eine Weise zu tun, die auch in der gesprochenen Sprache problemlos funktioniert.

Unberührt von diesen Erneuerungen bleiben dabei natürlich Substantive, die nicht Personen bezeichnen, wie der Tisch, die Liebe und das Buch. Und wenn man das Geschlecht einer Person erwähnen will, wird man dafür natürlich weiterhin die traditionellen Formen verwenden, so dass diese Formen auch unter den Anhängern des De-Le-Systems weiter existieren werden. Bezüglich der Frage, wann man die geschlechtsneutralen Neuformen verwendet und wann man bei den traditionellen geschlechtsspezifischen Formen bleibt, wird es unter den verschiedenen Nutzern des De-Le-Systems sicher verschiedene Ansätze geben, entsprechend der verschiedenen Ideen dazu, wann es sinnvoll ist und wann es nicht sinnvoll ist, das Geschlecht explizit zu erwähnen. Das De-Le-System schreibt hier nichts vor, sondern erschafft nur sprachliche Möglichkeiten und erzeugt damit mehr sprachliche Flexibilität.

Im Folgenden wird das De-Le-System an einem kurzen Textfragment veranschaulicht:

Christie Elan-Cane ist eine nicht-binäre Aktiviste aus Großbritannien, de sich für die Rechte nicht-binärer Personen einsetzt. Auf Englisch verwendet le das Pronomen "per". Le hat sich durch leinen Aktivismus zum Beispiel erfolgreich für das Recht eingesetzt, sich für den Zugang zum britischen Gesundheitssystem weder als männlich noch als weiblich identifizieren zu müssen. Leine Versuche, auf leinem Pass den Eintrag X statt F oder M beim Geschlecht führen zu dürfen, waren bis jetzt nicht erfolgreich, haben aber in Großbritannien zu einem verstärkten Bewusstsein über die rechtliche Benachteiligung nicht-binärer Personen geführt. Über leine Diskriminierungserfahrung hat le in einem Interview gesagt: "Eines der schlimmsten Dinge war, dass ich als Architekte meines eigenen Unglücks wahrgenommen wurde und nicht als Opfer von Diskriminierung."

Den zitierten Satz hat Elan-Cane natürlich auf Englisch formuliert und dabei das Englische Wort "architect" verwendet. Dies lässt sich aber in diesem Kontext nicht in traditionelles Deutsch übersetzen, ohne den Sinn des Satzes zu entstellen und selber an der von Elan-Cane angeprangerten Diskriminierung teilzunehmen. Während das Gender-Sternchen (Architekt*in) hier eine schriftsprachliche Lösung gibt, ermöglicht das De-Le-Systems erstmals eine leicht aussprechbare Lösung.

Um das De-Le-System auch an einem längeren Text zu veranschaulichen, habe ich auch eine geschlechtsneutrale Version von "Rotkäppchen" verfasst.

In der Anfangsphase könnte das De-Le-System auch in Kombination mit dem Gender-Sternchen verwendet werden (z.B. "Le* ist ein*e gute Lehrer*e"), damit jene Leseren, die das De-Le-System noch nicht kennen, aber das Gender-Sternchen schon kennen, verstehen können, dass der verwendete Ausdruck geschlechtsneutral ist. Beim Vorlesen sollte dieses Sternchen die Aussprache nicht beeinflussen. Und sobald das De-Le-System bekannter ist, können die Sternchen weggelassen werden, ohne dass sich an der Geschlechtsneutralität der Ausdrücke etwas ändert.

Kann sich so etwas überhaupt durchsetzen?

Wenn ich andere Leute mit der Idee des De-Le-Systems konfrontiere, ist die Reaktion häufig, dass das ja alles schön und gut wäre, aber sowieso keine Chance hat, sich durchzusetzen. Häufig steht hinter diesem Urteil die Annahme, dass sich sprachliche Veränderung nicht durch bewusste Entscheidungen hervorrufen lässt, sondern immer durch allmähliche unbewusste Veränderungen hervorgerufen wird.

Wenn es um die Erweiterung der Sprache um neue Fachbegriffe oder die Normierung fachsprachlicher Terminologie geht, lässt sich diese Annahme natürlich leicht widerlegen, da hierbei natürlich die bewusste Entscheidung zur Einführung eines neuen Begriffs und die bewusste Sprachplanung von normierenden Instanzen eine zentrale Rolle spielt. Auch außerhalb der Fachsprachen werden alltäglich durch bewusste Entscheidungen neue Wörter eingeführt, um z.B. neue Mode-Erscheinungen oder neuartige technische oder gesellschaftliche Phänomene zu bezeichnen.

Andererseits stimmt es natürlich, dass es außerhalb der Erweiterung und fachsprachlichen Normierung unseres Wortschatzes so gut wie nie zu Sprachveränderungen kommt, die auf bewusste Entscheidungen der Sprecher zurückzuführen sind. Außerdem handelt es sich bei Wortschatz-Erweiterungen praktisch ausnahmslos um neue Substantive, Adjektive oder Verben, wohingegen andere Wortklassen wie z.B. die Pronomen und Artikel in der Linguistik als geschlossen gelten, was bedeutet, dass sie nicht einfach so erweitert werden können. Da das De-Le-System nicht nur neue Substantive einführt, sondern die Grammatik um einen neuen Genus erweitert und ein neues Pronomen sowie neue Artikel einführt, ist es durchaus berechtigt zu hinterfragen, ob ein solcher Sprachwandel überhaupt durch bewusste Entscheidungen herbeigeführt werden kann.

Hier sei angemerkt, dass dieselben Bedenken noch vor wenigen Jahren gegen das schwedische Pronomen hen vorgebracht wurden, sich dieses Pronomen aber trotzdem durchgesetzt hat. Auch bezüglich der Einführung eines geschlechtsneutralen Genus mir Endung -e im Spanischen wurden und werden solche Bedenken aufgeführt, und trotzdem wird diese sprachliche Neuerung in immer größeren Kreisen praktiziert – so ist dieser Sprachgebrauch zum Beispiel sowohl schriftlich als auch mündlich unter jungen Feministen in Argentinien mittlerweile weit verbreitet. Auch sei angemerkt, dass es diese Art bewusster Einführung von Pronomen und grammatikalischen Neuerungen auch schon vor der Diskussion über geschlechtsneutrale Sprache gab, so z.B. bei der Einführung der ungarischen Pronomen ön und önök für die höfliche Ansprache (entsprechend dem deutschen Sie), bei der Modifikation der Reihenfolge in norwegischen Zahlwörtern und bei einigen Elementen des Neugriechischen im Zuge des griechischen Sprachenstreits. Diese Beispiele werden auf dieser Webseite näher erläutert.

Natürlich ist nicht abzustreiten, dass sich die Einführung des De-Le-Systems nicht so einfach gestalten wird wie z.B. die Einführung einiger neuer Fachbegriffe. Daher würde ich gerne ein Szenario skizzieren, wie diese Einführung zum Beispiel ablaufen könnte. Der erste entscheidende Schritt könnte sein, dass sich einige der Vereine, die jetzt schon auf ihrer Webseite sowie in anderen Publikationen und im internen Sprachgebrauch das Gender-Sternchen oder eine andere schriftsprachliche Lösung verwenden, sich dazu entscheiden, stattdessen das De-Le-System zu verwenden. Dies würde zuerst im schriftsprachlichen Bereich passieren, und der mündliche Gebrauch des De-Le-Systems würde etwas langsamer folgen, nachdem die einem solchen Verein nahestehenden Personen sich durch das Lesen von im De-Le-System verfassten Texten an dieses System gewohnt haben.

Wenn erst einmal diese Grundlage geschaffen ist, wird es anderen Vereinen sowie progressiven Medien-Häusern leichter fallen, das De-Le-System auch zu übernehmen, so dass es innerhalb einiger Jahre einen ähnlichen Bekanntheitsgrad haben könnte wie jetzt das Gender-Sternchen. Im Gegensatz zum Gender-Sternchen würde das De-Le-System von immer mehr progressiv eingestellten Menschen auch mündlich gebraucht werden, so dass es noch einige Jahre später schon viele Menschen so in ihrem Sprachgefühl verinnerlicht hätten, dass es sich für sie wie ganz normales Deutsch anhört, ähnlich wie jetzt schon viele Menschen an deutschsprachigen Universitäten das Wort Studierende als ganz normale Alternative zu Studenten verwenden.

Aufgrund der eingangs erläuterten neuen kommunikativen Bedürfnissen sowie ähnlicher Entwicklungen in anderen Sprachen halte ich eine solche Entwicklung im Deutschen für relativ wahrscheinlich. Das einzige, was die Chancen einer solchen Entwicklung wirklich mindert, ist die Überzeugung, dass so etwas keine Chance hat. Wenn nur genug Menschen sich trauen, diese Überzeugung zu hinterfragen, steht einer solchen Entwicklung eigentlich nichts mehr im Weg.

Wöchentliche Umfrage

» Was hältst du vom Gender-Sternchen?
    Ergebnis der Umfrage vom 04.02.2019 bis 14.02.2019


#1 Ralph
  • 03.02.2019, 12:48h
  • Von der einen Seite wird die sog. einfache Sprache angestrebt, eine Art Pidgin-Deutsch oder Möchtegern-Esperanto. Von der anderen Seite will man die Komplexität unserer Sprache noch steigern durch Einführung eines vierten Genus, neuer Deklinationsregeln und Schaffung von bisher unbekannten Wörtern zur Vermeidung geschlechtsbezogener Begrifflichkeit. Für das eine wie für das andere habe ich nur Kopfschütteln übrig. Eine seit grauer Vorzeit in Jahrtausenden gewachsende Sprache soll am Schreibtisch umsystematisiert werden. Da fällt mir spontan ein sehr passendes Wort aus George Orwells "1984" ein: doppelplusungut.
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#2 sgxdfvAnonym
  • 03.02.2019, 13:10h
  • Viel einfacher und besser wäre es eine Sprache für alle Menschen der Welt zu haben, beispielsweise Englisch. Wenn Englisch in allen Schulen der Welt Pflicht wird, dann klappt es auch viel besser mit der Völkerverständigung und die Menschen aus unterschiedlichen Gegenden dieser Welt kommen sich dann auch nicht mehr so fremd vor.

    Auch die Abschaffung von Nationalstaaten wäre eine sinnvolle Maßnahme für Völkerverständigung und gegen Xenophobie. Wir sind ja alle Menschen, die wir auf dieser Erdkugel (und in Zukunft vielleicht noch an anderen Orten des Universums) leben und die Natur hat keine Nationalstaaten vorgesehen, das haben sich die Menschen künstlich erschaffen. Dieses System der Nationalstaaten führt letztlich nur zu Feindseligkeit, Krieg, Leid und künstliche Entfremdung der Menschen. Was wir bräuchten wäre eine Weltregierung mit einem von der Weltbevölkerung demokratisch gewählten Weltparlament und Verwaltungsgebieten.

    Besonders schlimm finde ich, dass Menschen an gewissen "Traditionen" festhalten, wenn es gute, triftige Sachargumente gegen diese Traditionen gibt und keine dafür.

    Sprache ist auch kein Kultur"gut", sondern ist schlicht ein Behelf, damit Menschen sich verständigen können, so wie ihr jetzt gerade diesen Kommentar lesen könnt, weil die Sprache mit diesen Buchstaben schlicht und einfach die Funktion hat anderen etwas mitzuteilen. Das Funktionale der Sprache ist viel wichtiger. Es geht doch darum, dass zukünftige Generationen ein besseres Leben haben sollen. Und dazu gehört auch eine Sprache, die funktional ist und die irgendwann alle Menschen sprechen. Insofern kann ich überhaupt nicht nachvollziehen wie Menschen den dann aussterbenden Sprachen hinterhertrauern. Es ist doch völlig egal, ob es die deutsche Sprache irgendwann nicht mehr geben wird. Wichtig ist nur, dass es dann eine sinnvolle, funktionale Sprache gibt. Auch in der Zukunft wird man im dann jeweiligen Hier und Jetzt leben müssen und darf nicht der Vergangenheit nachtrauern. Der Menschheit hat es noch nie geschadet, wenn ausgestorbene Sprachen verschwunden sind.

    Dass Religion eines der dümmsten und schädlichsten Konstrukte ist, die sich Menschen je ausgedacht haben, ist sowieso klar.

    Dass Kapitalismus ebenfalls eine der dümmsten und schädlichsten Konstrukte ist, die sich Menschen je ausgedacht haben, ist vielen wahrscheinlich noch nicht so klar. Vielleicht wird das verständlicher, wenn man sich fragt, warum ein Müllmann, der 45 Jahre hart geschuftet und somit reale Wertschöpfung betrieben hat, als Dankeschön der Gesellschaft für seine geleistete Arbeit seinen Lebensabend mit einer Rente unterhalb der Armutsgrenze verbringen muss, und gleichzeitig ein anderer, einziger Mensch in seinem Leben ein Mal für 10.000 EUR Optionsscheine gekauft hat, welche zufällig nach wenigen Tagen viele Millionen EUR wert sind und er diese ohne reale Wertschöpfung wieder verkauft und er dann den Rest seines Lebens in Luxus von den Zinsen leben kann ohne einen Finger krumm zu machen. Kapitalerträge, etwa aus Zinsen, werden geringer besteuert als Einkommen aus wertschöpfender Arbeit. Das ganze System, welches Reiche noch reicher macht und Arme noch ärmer, wird von den Reichen verteidigt. Die Reichen geben den Politikern Geld, damit diese sich gegen eine Änderung des Systems aussprechen, von dem die Reichen profitieren.

    John Lennon hat einen Song "Imagine" geschrieben, der es auf den Punkt bringt.

    www.youtube.com/watch?v=VOgFZfRVaww
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#3 andreAnonym
  • 03.02.2019, 13:52h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Hoffe es kommt niemals dazu. Schon das einfache Sternchen nimmt urkomische Auswüchse an. Zum Schmunzeln. Auf einem Twitter-Tweed der linken Jugendorganisation "solid" Dresden, stand allen ernstes "Kein Platz den Faschist*innen". Hab ein Screenshot davon gemacht.
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#4 GronkelAnonym
  • 03.02.2019, 13:55h
  • Ich sehe keine Diskriminierung durch unsere Sprache und kann sowohl der schriftlichen wie auch der hier vorgeschlagenen geänderten Sprechweise nichts abgewinnen.
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#5 LinguistAnonym
  • 03.02.2019, 14:04h
  • "Auf Deutsch ist das in vieler Hinsicht schwieriger als in anderen Sprachen wie Englisch, Schwedisch oder Chinesisch."

    Das liegt aber auch nur daran, dass in keiner andren Sprache so ein Bohei darum gemacht wird.

    Wenn man z.B. im Englischen "The Teachers" sagt, ist jedem klar, dass das auch Lehrerinnen mit ein schließt.

    Nur im Deutschen meint man, unbedingt "Lehrerinnen und Lehrer" oder was auch immer für Konstruktionen mit Sternchen, Strichen und was weiß ich nicht alles, verwenden zu müssen. Was dann aber wiederum nicht-binäre Personen ausschließt, die bei einem generischen "die Lehrer" als Pluralform für alle Menschen, die als Lehrer arbeiten, eingeschlossen wären.

    Das Ganze, weil viele nicht kapiert haben, dass das grammatische Geschlecht rein gar nichts mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht zu tun hat. Das gilt übrigens in beide Richtungen: man sagt "die Geisel", auch wenn DIE Geisel ein Mann ist. Oder man sagt "die Person", auch wenn DIE Person ein Mann ist. Oder man sagt "das Opfer", "das Individuum", egal ob Mann oder Frau gemeint sind.

    Was kommt als nächstes?
    Muss man dann statt Bürgersteig, Bürgerinnen-und-Bürger-Steig sagen, damit Frauen wissen, dass sie den auch benutzen dürfen? Dann aber auch Bürgerinnen-und-Bürger-Meisterin-oder-Meister. Oder Bürger*innen-Meister*in? Und sagt man dann statt "Mein Arzt hat seine Praxis nebenan" oder "Meine Ärztin hat ihre Praxis nebenan" um ganz neutral zu sein "Mein* *rzt* hat * Praxis nebenan"? Und wie realisiert man das dann in gesprochener Sprache?

    Oder macht man es einfach wie in anderen Sprachen (auch in Sprachen mit mehreren Genera) und erkennt, dass es auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter wichtigere Probleme gibt und dass z.B. die Politiker, die sich um sowas kümmern, damit davon ablenken wollen, dass sie dort, wo man wirklich etwas ändern müsste, untätig sind?!

    Wer z.B. kein Gesetz erlassen will, dass Frauen für dieselbe Arbeit denselben Lohn bekommen, lenkt von seiner Untätigkeit bei echter Diskriminierung ab, indem er dann irgendwelche Sternchen oder was auch immer in Sprache einführen will und eine Orwell'sche Sprachpolizei etablieren will.
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#6 Benni FAnonym
  • 03.02.2019, 14:07h
  • Das ist ein sehr interessanter Vorschlag. Ich finde es schon nervig, dass ich mich auf Deutsch immer verkrümmen muss, um auf inklusive Art über andere Menschen zu sprechen, während das auf Englisch sehr viel einfacher ist. Daher würde ich mich sehr freuen, wenn sich dieser Vorschlag durchsetzt.
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#7 daVinci6667
  • 03.02.2019, 14:43h
  • Da hat sich jemand wirklich viel Mühe gemacht. Trotzdem, ich glaube nicht dass dies jemals funktionieren und vor allem breit durchsetzen wird.

    Gerade in mehrsprachigen Ländern wären solche Regeln noch schwerer umzusetzen. Wie sollte dies zum Beispiel im Gesetzestext Anwendung finden die wir in vier Sprachen drucken und festlegen sollen?

    Im Schweizerdeutschen kennen wir in vielen Regionen die ihr/es Form. Dies wird solange verwendet, wie das Geschlecht einer Person nicht bekannt oder unwichtig ist, im Bernbiet Ihr auch als Höflichkeitsformel anstatt Sie.

    Beim es ists noch schlimmer. Homophobe Menschen sprechen manchmal von es, wenn sie beim Sprechen über eine Person ausdrücken wollen, dass der Schwule eben kein richtiger Mann, die Lesbe keine richtige Frau sei.

    Ich denke am Ende wird sich zumindest bei uns in der Schweiz in allen vier Sprachen einfachheitshalber das generische Maskulinum durchsetzen womit dann immer alle drei Geschlechter (m,w,d) mitgemeint sind.
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#8 Carsten ACAnonym
  • 03.02.2019, 14:56h
  • Antwort auf #6 von Benni F
  • Inklusivität beginnt im Kopf und im Herz - nicht bei der Sprache.

    Was bringt irgendein vorgeschriebener Sprachgebrauch, wenn die Leute das nur formelhaft verwendet und sich nicht wirklich was ändert?

    Ein Beispiel:
    seit Jahrzehnten schreiben alle zu Beginn eines Briefes "Sehr geehrte Damen und Herren". Hat das irgendwas an der ungerechten Bezahlung von Frauen oder deren mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten geändert? Nein.

    Und wenn man jetzt Gendersternchen oder was auch immer einführt, wird das auch nichts ändern, sondern eher verschlimmern, weil das die Sprache komplizierter macht und sich jeder davon genervt fühlt. Oder glaubt irgendwer, die breite Masse fängt an de und le Formen zu lernen und seine Sprache zu ändern?

    Ich stimme einem der Vorredner zu, dass man besser dort ansetzen sollte, wo wirklich real diskriminiert wird: bei Gehalt, Aufstiegschanden, etc. und nicht mit irgendwelchen kontraproduktiven Sprach-Formeln davon ablenken sollte, dass sich in diesen Bereichen NICHTS tut.

    Oder wie mal eine Trans-Frau zu mir meinte: ich bin kein Sternchen.
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#9 TheDadProfil
  • 03.02.2019, 14:59hHannover
  • Antwort auf #4 von Gronkel
  • ""Ich sehe keine Diskriminierung durch unsere Sprache und kann sowohl der schriftlichen wie auch der hier vorgeschlagenen geänderten Sprechweise nichts abgewinnen.""..

    Übersetzung :
    "da ich davon nicht betroffen bin, gibt es das nicht, und deshalb interessiert mich das auch nicht weiter"..

    Halleluja..
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#10 goddamn liberalAnonym
  • 03.02.2019, 15:11h
  • Antwort auf #2 von sgxdfv
  • "Sprache ist auch kein Kultur"gut", sondern ist schlicht ein Behelf, damit Menschen sich verständigen können."

    Interessant. Mit was für 'Behelfs'-Produkten sind dann die Bibliotheken der Welt gefüllt?
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