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Queerer Punk trifft Oper

"Dick in the Air" – Peaches am Theater Stuttgart

Ein Abend zwischen Brecht, Party und Sexshow: Am Schauspielhaus Stuttgart feiert die Sängerin Peaches im Stück "Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins" zu dröhnenden Elektro-Beats die Freiheit.


Josephine Köhler (li.) und Peaches im Stück "Die sieben Todsünden/Seven Heavenly Sins". Weitere Aufführungen stehen am 7., 17. und 25. Februar sowie am 2., 10., 23. und 30. März auf dem Programm (Bild: Bernhard Weis / Schauspiel Stuttgart)
  • Von Linda Vogt, dpa
    3. Februar 2019, 10:48h, noch kein Kommentar

Fünf Brüste und viel Haar kleiden das Wesen, das da zur Bühne hinab schwebt. Die Show von Peaches geht los, die Sängerin verbirgt sich hinter dem Zottelbart. Am Stuttgarter Schauspielhaus stimmt sie eigene Songs an, zu den Elektro-Punk-Klängen räkeln sich Schauspielerin Josephine Köhler und Ballett-Tänzer Louis Stiens. Die Hüllen fallen, die Bühne erstrahlt in Rotlicht.

Die Württembergischen Staatstheater wagen mit der ersten Inszenierung aller drei Sparten seit 23 Jahren ein Experiment: Einen Grenzgang zwischen Oper, Ballett und Elektro-Punk. Die Reaktionen des Publikums – eine Mischung aus Peaches-Fans, Schauspielbesuchern, Opern- und Ballettpublikum – mochte vor der Premiere am Samstagabend keiner so recht voraussagen. "Mal sehen, ob ihr damit klarkommt", so Peaches. Sie kamen klar. Der Abend endet in langanhaltendem Applaus.

Ein queeres Update für Brecht und Weill

Den Anfang nahm die Inszenierung von Regisseurin Anna-Sophie Mahler bei Bertolt Brechts und Kurt Weills 1933 uraufgeführtem Werk "Die sieben Todsünden". Das sogenannte Ballett mit Gesang erzählt die Geschichte von Anna, die von ihrer Familie unter anderem zur Prostitution gezwungen wird, um Geld für das langersehnte Eigenheim zu beschaffen. "Mit dem Peaches-Teil wollten wir Brecht und Weill einen zeitgenössischen Standpunkt entgegensetzen", so Dramaturgin Katinka Deecke – den beiden weißen heterosexuellen Männern.

In diesem Teil mimt Peaches die gereifte Anna: Emanzipiert, stark, kein Opfer mehr. Der Zwischentitel lautet "Seven Heavenly Sins", sieben himmlische Sünden. "Die sieben Todsünden sind ein merkwürdiges Konzept", erklärt Peaches. "Ich glaube nicht, dass es sich um Sünden handelt. Es gibt einen Platz für Zorn, einen Platz für Stolz."

Seit Jahrzehnten singt und performt die Künstlerin gegen Geschlechterrollen und eine Welt, in der Heterosexualität als Norm gilt. Opern-Intendant Viktor Schoner ist die Kombination aus Peaches und Brecht eine logische: Ihre Musik reflektiere "diese Gender-Frage, die so essenziell von Brecht in diesem Stück thematisiert wird. Dafür ist Peaches eine Idealbesetzung."

Zuschauerin: "Das muss ich jetzt erstmal verdauen"

Auf der Bühne finden sich das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Stefan Schreiber, vier Opernsänger, zwei Ballett-Tänzer und eine Schauspielerin. Josephine Köhler boxt, tanzt, singt und monologisiert sich ebenfalls als Anna durch die Inszenierung – zwischenzeitlich verwandelt sie sich in eine tanzende Vulva.

"Das muss ich jetzt erstmal verdauen", sagt eine Zuschauerin nach der Premiere. Entrüstung verursachte die explizite, bisweilen plakative, Sprache von Peaches in Wort und Bild eher nicht. Ein bisschen Befremden aber durchaus. Im zweiten Teil performte Peaches eigene Songs mit Titeln wie "Fuck the Pain Away" (dt.: Fick den Schmerz weg) oder "Dick in the Air" ("Schwanz in die Luft").

"Wenn du an Brecht denkst, ist das, was wir tun, angemessen", hatte Peaches vor der Premiere gesagt. "Er wollte, dass du aufwachst. Er wollte dich aus deiner kleinbürgerlichen Haltung rütteln." Über die breite Zustimmung beim Schlussapplaus freut sich die Provokateurin sichtlich.