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Sachbuch

Warum Hetero- und Homosexualität keine Gegensätze sind

In ihrem spannenden Buch "Nicht schwul" begibt sich Jane Ward, eine amerikanische Professorin für Gender- und Sexualitätsstudien, auf eine Spurensuche des "normalen" weißen Mannes.


Beste Bros beim Abhängen: Szene aus dem Film "Taekwando" von Martin Farina und Marco Berger (Bild: Edition Salzgeber)

Jane Wards kulturwissenschaftliche Studie "Nicht schwul. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des 'normalen' Mannes" ist ein Beitrag zum Verständnis weißer Männlichkeit. Herausragend ist, und dies macht das Buch spannend, dass sie die Entgegensetzung von Homo- und Heterosexualität grundsätzlich in Zweifel zieht. Ward stellt die These auf, dass "Homosexualität einen oft unsichtbaren Bestandteil, ja, ein konstitutives Element heterosexueller Männlichkeit darstellt".


"Nicht schwul. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des 'normalen' Mannes" ist Ende 2018 bei Männerschwarm (jetzt Salzgeber Buchverlage) erschienen

Angeregt durch offensichtlich mit homosexuellen Anteilen behaftete Freizeitspiele von amerikanischen Collegestudenten, begibt sich Ward auf eine Spurensuche des "normalen" weißen Mannes. Sie beschränkt sich bewusst auf den weißen Mann, da es zum einen bereits Studien über schwarze Männlichkeit gibt, die homosexuelle Anteile belegen, zum anderen da gerade weiße Männlichkeit sich von schwarzer Männlichkeit durch eine Betonung der "Normalität" abgrenzt. Im Sinne einer "weißen Überlegenheit" gegenüber dem fluiden Schwarzsein.

In einem Parforceritt streift sie durch die weiße Männlichkeit. Sie zeigt auf, dass Freundschaft und Brüderlichkeit stets mit einer homosexuellen Komponente behaftet waren. Insbesondere in der Prä-Stonewall-Zeit, also vor dem Aufkommen der lesbischen und schwulen Identitätsbewegungen. Sie führt als Beispiele an, dass in der Rockergruppierung Hells Angels der erotische Zungenkuss zwischen zwei Männern eine fast schon ritualisierte und extrovertierte Form angenommen hat und der Klappenbesuch für einen Blow-Job von einigen heterosexuellen Männern in den Sechziger- und Siebzigerjahren ausgiebig genutzt wurde.

Für die gegenwärtige Zeit zeichnet Ward ein etwas anderes Bild. Sie führt als Beispiel die Medienberichterstattung über Prominente und Politiker an, die beim schwulen Sex (z.B. auf der Klappe) erwischt wurden. Die von den Medien heutzutage geäußerte Kritik, diese Männer würden sich oder ihre Familie belügen, setzt hier wieder Homo- und Heterosexualität entgegen. Ward betont, dass es sich durchaus um heterosexuelle Männer handeln könnte, die bewusst das kurze schwule Vergnügen suchen.

In die Falle biologischer Erklärungsansätze getappt

Auch lesbische und schwule Organisationen bedienten sich ähnlicher Erklärungen und trugen nach Ward in den USA zu einem neuen Konsens bei: "Homosexualität ist – ebenso wie 'Rasse' und Geschlecht – angeboren und unveränderlich." Die lesbisch-schwule Community sei in Abgrenzung zur religiösen Rechten und deren Versprechen einer Homo-"Heilung" in die Falle biologischer Erklärungsansätze getappt.

Die Verschiebung des Diskurses zu einer biologischen Prägung erschwere es weißen heterosexuellen Männern, schwule sexuelle Ausflüge zu machen. Doch nichtsdestotrotz geschieht dies, wie Ward ausführt. Weiße Männer hätten die kulturelle Leistung vollbracht, "mannmännlichen Sex in einen heteronormativen Akt umzudeuten".


Jane Ward lehrt "Gender and Sexuality Studies" an der University of California

Als Beispiel führt sie homosoziale Männerfreundschaften, insbesondere bei Sportlern oder Verbindungstudenten, an. Doch wie diese Umdeutung im Subjekt und der Psyche des weißen Mannes vollzogen wird, deutet Ward nur an – und dies liegt vielleicht daran, dass sie die heterosexuelle Queerness in erster Linie als "kulturelles Phänomen" verhandelt.

Zum Schluss des Buches verfällt Ward ins Agitatorische. So geißelt sie die "bürgerliche" Eheöffnungs-Politik der Bürgerrechtsverbände, die das treue homosexuelle Liebespaar zur Norm erklärten, um Homosexualität vom Verruchten, Dreckigen und Promisken zu trennen. Und dass nun Heterosexualität "die Domäne des Maskulinen, Erotischen, Schrankenlosen und sogar des Verbotenen" ist, während "schwul" im Zusammenwirken mit Homonormativität und Genetik als "sexfrei, häuslich und gefühlsbetont umdefiniert wird", würde ich für eine sehr gewagte These halten.

Jane Wards Ausführungen sind dennoch spannend und können für einen Blick auf europäische Männlichkeit fruchtbar sein. Insbesondere das Aufgeben der Entgegensetzung von Homosexualität und Heterosexualität ist in einer forschenden und politischen Perspektive gewinnbringend.

Infos zum Buch

Jane Ward. Nicht schwul. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des "normalen" Mannes. Sachbuch. 216 Seiten. Männerschwarm/Salzgeber Buchverlage. Hamburg 2018. Taschenbuch: 22 € (ISBN 978-3-86300-249-7). E-Book: 14,99 €


#1 S ZachariasAnonym
  • 04.02.2019, 17:01h
  • Merkwürdiger Ansatz. Als Konstrukt sind Homo- und Heterosexualität natürlich Gegensätze, ebenso wie Liebe und Hass Gegensätze sind oder Macht und Unterwerfung.
    Aber in einem konkreten Menschen gibt es diese Konstrukte praktisch nie in Reinform. Vielleicht identifizieren sich Menschen mit einem Konstrukt, weil es weitgehend passt, aber es wird wohl kaum Menschen geben, in denen es nicht sowohl homo- wie heterosexuelle Anteile gibt. Das ist aber wiederum absolut nicht neu.
    Was ist dann neu an dem Ansatz? Dass man erst den Denkfehler macht, Identität und Persönlichkeit gleich zu setzen und anschliessend zeigt, dass es ein Denkfehler ist??
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#2 Ketzer
  • 04.02.2019, 17:24h
  • "So geißelt sie die "bürgerliche" Eheöffnungs-Politik der Bürgerrechtsverbände, die das treue homosexuelle Liebespaar zur Norm erklärten, um Homosexualität vom Verruchten, Dreckigen und Promisken zu trennen."

    Auch wenn ich den Ansatz des Buches für mich nicht wirklich ausreichend nachvollziehen kann, halte ich doch diese These für keinesfalls agitatorisch. Wir erleben dies vielmehr bereits seit Einführung der "Ehe für Alle". Ich bin auch schon gefragt worden, "wann ich denn nun endlich heiraten würde".

    Ich war und bin für gleiche Rechte. Aus gleichen Rechten dürfen aber nicht gleiche Erwartungen erwachsen. Nach wie vor ist kein Schwuler, keine Lesbe verpflichtet, nun plötzlich zu heiraten. Und dennoch wird es mehr und mehr erwartet - inclusive plötzlich explodierter Zahlen des Kinderwunsches. Zu Zeiten meines Coming-Out wollte niemand, den ich kennenlernte, Kinder. Heute sollen plötzlich alle heiraten wollen und Kinder kriegen wollen.

    Sich gegen diese neue Verspießerung zu stellen, finde ich also durchaus sowohl nachvollziehbar als auch legitim und schließlich auch notwendig.
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#3 lindener1966Profil
#4 unpaintedProfil
  • 04.02.2019, 21:25hDarmstadt
  • Auch schön, dass Bisexualität nicht einmal erwähnt wird in diesen Artikel + in der Beschreibung der Amazon Seite.
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#5 LarsAnonym
  • 05.02.2019, 00:17h
  • Ein interessanter und wichtiger Ansatz, der meines Erachtens viele Kommunikations- und Verständnisprobleme zwischen "Heteros" und "Homos" erklärt, insbesondere auch die Tendenz der Heteromänner (und der heteronormantven Denkschulen und Religionen) zur Homophobie.
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#6 Shinkaishi
  • 05.02.2019, 10:25h
  • ...könnten wir es uns in diesem Zusammenhang vielleicht endlich angewöhnen, Bisexualität und die Tatsache, dass sexuelle Orientierung ein Spektrum darstellt, anzuerkennen?

    Nein, der "heterosexuelle" Mann, der anonymen Sex mit anderen Männern sucht ist per Definition nicht rein heterosexuell und ob er sich selbst so identifiziert ist ungefähr so relevant für diese Tatsache selbst, wie das Identifizieren von Rachel Dolezal als Schwarz oder Elizabeth Warren als Native American.

    Es gibt zwar immer noch keine absolute Klarheit über alle Faktoren, die sexuelle Orientierung beeinflussen und wie sie gegeneinander gewichtet sind, aber allein aus der sehr unschönen Geschichte von Konvertierungstherapien - gerade unter jenen, die sie freiwillig eingehen - sollte uns zeigen, dass sexuelle Orientierung eines nicht ist, nämlich ein soziales Konstrukt.

    Das einzig sozial konstruierte bei der ganzen Sache ist das Tabu homosexueller Sexualität und welche "Ausnahmen" eventuell eingeräumt werden.
    Und dazu gehört eben auch, dass sich Menschen als heterosexuell definieren, obwohl sie vielleicht sogar stärkeres Interesse an sexueller Betätigung mit dem eigenen Geschlecht zeigen.

    Darüber hinaus ist es natürlich immer wieder interessant zu sehen, dass Homosexualität anscheinend für bestimmte Leute uninteressant wird, sobald sie ihr Potenzial subversiv und kontrovers zu sein verliert.
    ...ach wie schrecklich, dass viele homosexuelle inzwischen einfach mit einem geliebten Partner glücklich sein können und so zumindest von großen und wachsenden Teilen der Gesellschaft akzeptiert werden.

    Vielleicht schaffen wir es als nächstes, dass alle Männer, bei Frauen scheint dies nach vielen Beschreibungen ja bereits stärker verwirklicht zu sein, sexuell experimentieren können ohne dabei fürchten zu müssen, von der einen binären Kategorie als Heterosexueller gleich in die andere Kategorie als Homosexueller zu rutschen.

    Ich habe eher Zweifel, dass ein solches Buch dabei wirklich hilft.
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#7 Ketzer
  • 05.02.2019, 11:40h
  • Antwort auf #6 von Shinkaishi
  • "Darüber hinaus ist es natürlich immer wieder interessant zu sehen, dass Homosexualität anscheinend für bestimmte Leute uninteressant wird, sobald sie ihr Potenzial subversiv und kontrovers zu sein verliert."

    Entschuldigung, aber diese Aussage ist einfach nur Bullshit. Kein Mensch ist homosexuell oder "interessiert sich mehr für Homosexualität", um möglichst "subversiv und kontrovers" zu sein.

    "...ach wie schrecklich, dass viele homosexuelle inzwischen einfach mit einem geliebten Partner glücklich sein können und so zumindest von großen und wachsenden Teilen der Gesellschaft akzeptiert werden."

    Du verdrehst hier bewusst die Tatsachen. DAS ist NICHT "schrecklich" - wohl aber die Tatsache, dass dadurch verstärkt Menschen abgewertet werden, die ihr Leben weder Hetero- noch Homonormativität unterwerfen wollen und/oder können. Es ist NICHT im Sinne gleicher Bürger_innenrechte, wenn Menschen, die bestimmte Klischees nicht erfüllen können oder wollen, plötzlich gesellschaftlich noch schlechter dastehen als vorher, weil sie ja jetzt, wo sie heiraten KÖNNTEN, gefälligst auch heiraten SOLLEN oder gar MÜSSEN, um Akzeptanz nicht zu verlieren oder sie überhaupt erst zu erringen.

    Eine unverheiratete queere Person hat das ABSOLUT GLEICHE Recht auf vollste gesellschaftliche Akzeptanz wie verheiratete schwule oder lesbische Paare. Auch ein Kinderwunsch hat bezüglich gesellschaftlicher Akzeptanz KEINERLEI Rolle zu spielen.
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#8 goddamn liberalAnonym
  • 05.02.2019, 12:25h
  • Das Konzept kommt mir sehr us-amerikanisch vor.

    Sind jetzt Türken, Kurden oder Araber, die mit Männern Sex haben und natürlich [!] "nicht schwul" sind, in das Modell 'weißer Männlichkeit' einzuordnen?

    Dass die Diffamierung der Ehe für alle genauso homophob ist wie die Ablehnung von jüdisch-nichtjüdischen 'Mischehen' antisemitisch, sei dabei nur noch am Rande erwähnt.
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#9 cinnamonProfil
  • 06.02.2019, 12:46hSpandau
  • Das ganze kommt mir sehr an den Haaren herbeigezogen vor. der Klappenbesuch für einen Blow-Job von einigen heterosexuellen Männern in den Sechziger- und Siebzigerjahren ausgiebig genutzt wurde. Wie will man 50 Jahre später sagen, ob diese Männer tatsächlich heterosexuell waren oder nur auf diese Weise ihre ansonsten unterdrückte Homosexualität ausgelebt haben (was mir doch plausibler erscheint).

    Die Verschiebung des Diskurses zu einer biologischen Prägung erschwere es weißen heterosexuellen Männern, schwule sexuelle Ausflüge zu machen. Doch nichtsdestotrotz geschieht dies, wie Ward ausführt. Weiße Männer hätten die kulturelle Leistung vollbracht, "mannmännlichen Sex in einen heteronormativen Akt umzudeuten".

    Also ich weiß nicht. Klingt für mich wie vollkommener Unsinn. Aber ich hatürlich keine Ahnung.
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