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Sachbuch
Warum Hetero- und Homosexualität keine Gegensätze sind
In ihrem spannenden Buch "Nicht schwul" begibt sich Jane Ward, eine amerikanische Professorin für Gender- und Sexualitätsstudien, auf eine Spurensuche des "normalen" weißen Mannes.

Beste Bros beim Abhängen: Szene aus dem Film "Taekwando" von Martin Farina und Marco Berger (Bild: Edition Salzgeber)
- Von Bodo Niendel
4. Februar 2019, 14:19h 4 Min.
Jane Wards kulturwissenschaftliche Studie "Nicht schwul. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des 'normalen' Mannes" (Amazon-Affiliate-Link ) ist ein Beitrag zum Verständnis weißer Männlichkeit. Herausragend ist, und dies macht das Buch spannend, dass sie die Entgegensetzung von Homo- und Heterosexualität grundsätzlich in Zweifel zieht. Ward stellt die These auf, dass "Homosexualität einen oft unsichtbaren Bestandteil, ja, ein konstitutives Element heterosexueller Männlichkeit darstellt".

"Nicht schwul. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des 'normalen' Mannes" ist Ende 2018 bei Männerschwarm (jetzt Salzgeber Buchverlage) erschienen
Angeregt durch offensichtlich mit homosexuellen Anteilen behaftete Freizeitspiele von amerikanischen Collegestudenten, begibt sich Ward auf eine Spurensuche des "normalen" weißen Mannes. Sie beschränkt sich bewusst auf den weißen Mann, da es zum einen bereits Studien über schwarze Männlichkeit gibt, die homosexuelle Anteile belegen, zum anderen da gerade weiße Männlichkeit sich von schwarzer Männlichkeit durch eine Betonung der "Normalität" abgrenzt. Im Sinne einer "weißen Überlegenheit" gegenüber dem fluiden Schwarzsein.
In einem Parforceritt streift sie durch die weiße Männlichkeit. Sie zeigt auf, dass Freundschaft und Brüderlichkeit stets mit einer homosexuellen Komponente behaftet waren. Insbesondere in der Prä-Stonewall-Zeit, also vor dem Aufkommen der lesbischen und schwulen Identitätsbewegungen. Sie führt als Beispiele an, dass in der Rockergruppierung Hells Angels der erotische Zungenkuss zwischen zwei Männern eine fast schon ritualisierte und extrovertierte Form angenommen hat und der Klappenbesuch für einen Blow-Job von einigen heterosexuellen Männern in den Sechziger- und Siebzigerjahren ausgiebig genutzt wurde.
Für die gegenwärtige Zeit zeichnet Ward ein etwas anderes Bild. Sie führt als Beispiel die Medienberichterstattung über Prominente und Politiker an, die beim schwulen Sex (z.B. auf der Klappe) erwischt wurden. Die von den Medien heutzutage geäußerte Kritik, diese Männer würden sich oder ihre Familie belügen, setzt hier wieder Homo- und Heterosexualität entgegen. Ward betont, dass es sich durchaus um heterosexuelle Männer handeln könnte, die bewusst das kurze schwule Vergnügen suchen.
In die Falle biologischer Erklärungsansätze getappt
Auch lesbische und schwule Organisationen bedienten sich ähnlicher Erklärungen und trugen nach Ward in den USA zu einem neuen Konsens bei: "Homosexualität ist – ebenso wie 'Rasse' und Geschlecht – angeboren und unveränderlich." Die lesbisch-schwule Community sei in Abgrenzung zur religiösen Rechten und deren Versprechen einer Homo-"Heilung" in die Falle biologischer Erklärungsansätze getappt.
Die Verschiebung des Diskurses zu einer biologischen Prägung erschwere es weißen heterosexuellen Männern, schwule sexuelle Ausflüge zu machen. Doch nichtsdestotrotz geschieht dies, wie Ward ausführt. Weiße Männer hätten die kulturelle Leistung vollbracht, "mannmännlichen Sex in einen heteronormativen Akt umzudeuten".

Jane Ward lehrt "Gender and Sexuality Studies" an der University of California
Als Beispiel führt sie homosoziale Männerfreundschaften, insbesondere bei Sportlern oder Verbindungstudenten, an. Doch wie diese Umdeutung im Subjekt und der Psyche des weißen Mannes vollzogen wird, deutet Ward nur an – und dies liegt vielleicht daran, dass sie die heterosexuelle Queerness in erster Linie als "kulturelles Phänomen" verhandelt.
Zum Schluss des Buches verfällt Ward ins Agitatorische. So geißelt sie die "bürgerliche" Eheöffnungs-Politik der Bürgerrechtsverbände, die das treue homosexuelle Liebespaar zur Norm erklärten, um Homosexualität vom Verruchten, Dreckigen und Promisken zu trennen. Und dass nun Heterosexualität "die Domäne des Maskulinen, Erotischen, Schrankenlosen und sogar des Verbotenen" ist, während "schwul" im Zusammenwirken mit Homonormativität und Genetik als "sexfrei, häuslich und gefühlsbetont umdefiniert wird", würde ich für eine sehr gewagte These halten.
Jane Wards Ausführungen sind dennoch spannend und können für einen Blick auf europäische Männlichkeit fruchtbar sein. Insbesondere das Aufgeben der Entgegensetzung von Homosexualität und Heterosexualität ist in einer forschenden und politischen Perspektive gewinnbringend.
Jane Ward. Nicht schwul. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des "normalen" Mannes. Sachbuch. 216 Seiten. Männerschwarm/Salzgeber Buchverlage. Hamburg 2018. Taschenbuch: 22 € (ISBN 978-3-86300-249-7). E-Book: 14,99 €
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Aber in einem konkreten Menschen gibt es diese Konstrukte praktisch nie in Reinform. Vielleicht identifizieren sich Menschen mit einem Konstrukt, weil es weitgehend passt, aber es wird wohl kaum Menschen geben, in denen es nicht sowohl homo- wie heterosexuelle Anteile gibt. Das ist aber wiederum absolut nicht neu.
Was ist dann neu an dem Ansatz? Dass man erst den Denkfehler macht, Identität und Persönlichkeit gleich zu setzen und anschliessend zeigt, dass es ein Denkfehler ist??