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Heimkino

Zwei schwule Fußballer zwischen Scheitern und Scheitern

Jetzt auf DVD: Der Spielfilm "The Pass" von Ben A. Williams erzählt die unterschiedlichen Karrieren und Lebenswege zweier Profi-Kicker aus England.


Jason (l., dargestellt vom u.a. aus "Looking" bekannten Russell Tovey) und Ade (Arinze Kene) kommen sich in einem Hotelzimmer näher (Bild: Lionsgate)
  • Von Norbert Blech
    12. Februar 2019, 10:11h, 1 Kommentar

Bukarest 2006: In der Nacht vor einem entscheidenden Match in der Champions League teilen sich die beiden Nachwuchs-Profi-Fußballer Jason und Ade ein Hotelzimmer. Die beiden Freunde seit der Kindheit necken sich und lästern über Kollegen, Ades religiösen Vater und Sex mit Frauen. Nach einigen Albereien der 19-Jährigen in Unterwäsche bekommt Ade einen Ständer; Jason droht ihm zunächst – scherzhaft – damit, das publik zu machen. Dann küsst er Jason und es kommt zu Zärtlichkeiten.

Szenenwechsel, und es wird nun zunehmend spoilernd: Fünf Jahre später ist Jason ein erfolgreicher Profi-Fußballer in privater Krise, eine Trennung von der Ehefrau mit den beiden Kindern steht bevor. In einer Luxus-Hotelsuite will ihn ein mitgebrachtes Date mit versteckter Kamera beim Sex filmen – die Begegnung mit der – heimlich von ihm! – dafür bezahlten Lyndsey könnte ihm helfen, Gerüchte über seine Sexualität zu zerstreuen. "Ich bin nicht schwul. Sieh mich an: Ich bin Fußballer", sagt er ihr und erinnert dabei vielleicht nicht zufällig an die Rolle von Al Pacino als klemmschwuler Anwalt und Bösewicht Roy Cohn in "Engel in Amerika" (der als Trump-Mentor zuletzt wieder mehr ins Gedächtnis rückt). Entsteht hier ein Monster?

Direktlink | Der Trailer zum Film

Fünf Jahre später in einem weiteren luxuriösen Hotelzimmer im Leben Jasons trifft er Ade wieder, dessen Fußballkarriere scheiterte und der nun einen Installateursbetrieb leitet und offen mit einem Mann zusammenlebt. Es kommt zu einer sehenswerten Konfrontation zwischen dem bescheidenen Ade und einem außer Kontrolle scheinenden Jason.

Zynischer Blick auf die Fußball-Welt


Die Edition Salzgeber hat "The Pass" mit deutschen Untertiteln fürs Heimkino veröffentlicht

"The Pass" basiert auf einem Theaterstück und Drehbuch von John Donnelly und sorgt sich nicht sonderlich um eine angemessene Adaptierung für den Big Screen: Drei Akte in drei Hotelzimmern werden dargeboten, den Film müssen vor allem die zwei Hauptdarsteller und ihre Dialoge tragen. Doch diese bleiben wie manche Handlung staged: abstrakt bis absurd, aber nur bedingt authentisch und glaubhaft.

Das legt gezielt manch verborgene Psychologie frei, funktioniert auf einer Leinwand oder einem Fernseher aber nur teilweise. Gerade als schwuler Zuschauer ist man schon in den ersten Minuten geneigt, auszusteigen: Wenn Jason und Ade sehr überzeugt davon heterosexistisches Geschwätz von sich geben, denkt man: Das würden zwei Fußballer, die ihre Homosexualität spüren, so kaum tun (selbst für Heteros wirkt das Gespräch nur halb überzeugend). Die in der Kino-Fassung unnötige Verdichtung auf ein einzelnes Gespräch verlegt einen Mannschafts-Kabinentalk in ein Setting, in der die Handelnden vor allem schweigen würden.

Theater lebt von einer distanzierten Sicht, hier sind Kamera und Mikrofon bei den gleichen Dialogen nah dran und fangen in der Eskalation der Handlung unnahbare Rollen, selten Personen ein. Das dürfte dabei zumindest teilweise auch gewollt sein und "The Pass" zeigt, wenn man sich darauf einlässt, in der Figur von Jason eine zynische Studie über eine Karriere um jeden Preis, über absurde Macht und hart erkämpfte wie nutzlose Privilegien, über Rollenerwartungen und Verlogenheit, über eine Flucht in Sexdates, eine im System angelegte Formen von Missbrauch und Selbst-Missbrauch und die Komplizenschaft von Medien und Gesellschaft.


Im dritten Abschnitt des Films gerät ein Hotelboy (Nico Mirallegro) in ein bizarres Machtspiel

Manches wirkt: Das beengte Setting in Hotelräumen zeigt deren Funktion als sicheren Schutzraum ebenso wie deren Gefängnis-Artigkeit und Psycho-Hölle; die Dauerpräsenz nackter, muskulöser Oberkörper erweist sich als Verweis auf Straight Acting, auf toxische Maskulinität und einen Wettkampf auch im Privaten.

Die letzten Minuten treiben das in der Konfrontation zwischen Jason und Ade auf die Spitze (Spoiler folgen): Ist mit "The Pass" jenes Zuspiel gemeint, das Jason Ade verweigerte, um selbst vor den Augen der Welt und von Talent-Scouts das für die Karriere entscheidende Tor zu schießen? Hätte das Leben der beiden anders, gar genau gegenteilig ablaufen können? Während mit "The Pass" auch das Spielen einer Rolle (pass as someone) und die erfolgreiche Abnahme einer geforderten Prüfung (pass a test) oder Rolle beschrieben werden kann, gibt es auch noch "to make a pass at someone", sich an jemandem ranmachen. War der Kuss in Bukarest echt oder auch ein Spiel, fragt Ade, wollte Jason damit gar gezielt seine Nerven vor dem entscheidenden Match schwächen?

Ist Jason also das Arschloch, als das er (so völlig überzogen) dargestellt wird, oder wurde er zu einem – zu einem Menschen, der sich und allen anderen Menschen, darunter Frau, Kinder und potentielle Partner, schadet? "Du bist das letzte Wertvolle, an das ich mich erinnere", ist Jasons Antwort, als all sein aufgebauter Schutz zusammenbricht.


Russell Tovey spielte den Fußballer bereits in der Theaterfassung in London

Jahrelange Diskussion über homosexuelle Fußballer

Schwule Fußballer sind in den letzten Jahren überproportional thematisiert worden, in Podiumsdiskussionen und Kampagnen, in etlichen Kurz- und Kinofilmen, in manchen Krimis und weiteren TV-Filmen, selbst die jüngste Rosamunde-Pilcher-Verfilmung im ZDF meinte, einen Beitrag leisten zu müssen (queer.de berichtete). "The Pass" wagt einen tieferen Blick und lässt sich mit manchen Gedanken auch aus der Welt des Fußballs in die eigene Welt hinein reflektieren, erzeugt aber kaum Mitgefühl für schwule Kicker oder eine sensible, nachvollziehbare und produktive Sicht auf ihre spezifische Problematik. Die überzogene und alles überlagernde Jason-Rolle lenkt zu sehr ab vom Gegenstück Ade (und von zusätzlichen Fragen wie gegen ihn gerichteten persönlichen und strukturellen Rassismus, die nur kurz angedeutet werden).

Welche Möglichkeiten liegen zwischen diesen beiden Leben? Vielleicht setzt die Handlung schon zu spät für beide ein: Mit 19 in Hotelzimmern mit Fußballkollegen statt draußen in der realen Welt bei ersten Schritten in eine schwule Jugendgruppe oder Szenebar, mit 19 bereits im entscheidenden Konkurrenzkampf vor einem karrierebestimmenden Spiel und mit 19 bereits mit großer Fallhöhe in der Öffentlichkeit.

Infos zum Film

The Pass. Drama, UK 2016. Regie: Ben A. Williams. Darsteller: Russell Tovey, Arinze Kene, Lisa McGrillis und Nico Mirallegro. Laufzeit: 86 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Edition Salzgeber.


#1 Bellaterra1Anonym
  • 12.02.2019, 12:52h
  • Ich hab den Film schon im Kino gesehen, und ich fand ihn nicht so toll. Es passiert praktisch GAR NICHTS. Im Wesentlichen sieht man die ganze Zeit nur zwei durchtrainierte Typen, die sich in einem Hotelzimmer unterhalten. Das wars. Die Körper sind zwar schön anzusehen, aber darauf einen ganzen Film aufzubauen, ist dann doch etwas übertrieben. Von mir ganz klar keine Kaufempfehlung.
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