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AKK-Auftritt beim Stockacher Narrengericht

"Billige Kalauer auf Kosten gesellschaftlicher Minderheiten"

Der grüne Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann fordert Annegret Kramp-Karrenbauer zu einer Entschuldigung auf. Wir dokumentieren seinen Offenen Brief an die CDU-Chefin.


Die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer "witzelte" am vergangenen Donnerstag beim "Stockacher Narrengericht" über "Toiletten für das dritte Geschlecht" und "Gender-Gesetzgebungen" (Bild: SWR)
  • 3. März 2019, 12:31h 21 3 Min.

Sehr geehrte Frau Kramp-Karrenbauer,

bei Ihrem Auftritt beim "Stockacher Narrengericht" am 28. Februar haben Sie sich wie folgt geäußert:

"Guckt Euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin, da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion; die, die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen ist diese Toilette" (queer.de berichtete als erstes Medium).


Zugegeben: Überraschend ist das nicht. Von einer Politikerin, die in der Vergangenheit immer wieder die Ehe zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts in die Nähe von "Geschwisterliebe" und damit Inzest gerückt hat, erwartet man keine emanzipatorischen Vorstöße.

Es tut mir auch leid, dass Sie als Vorsitzende der CDU es offenbar für nötig erachten, nach einer Phase der Modernisierung durch Angela Merkel nun wieder eine Stimmung bedienen zu müssen, die nicht ohne billige Kalauer auf Kosten gesellschaftlicher Minderheiten auskommt.

Dass gerade Fasching bzw. Karneval ist, macht es übrigens nicht besser. Im Gegenteil: Denn Fasching und Karneval sind Feste der Toleranz und Lebensfreude; Feste, bei denen alle Menschen zusammenkommen können, um friedlich und unter Gleichen miteinander zu feiern.


Sven Lehmann ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages

Da Sie aber – wie man am unwidersprochenen Applaus nach Ihrer Redepassage sehen kann – möglichweise für eine größere gesellschaftliche Gruppe sprechen, erlaube ich mir, Sie auf zwei Dinge hinzuweisen:

Erstens: Ihre Äußerungen zeugen von Unkenntnis in der Sache.

Es gibt kein "drittes Geschlecht". Es gibt geschlechtliche Vielfalt. Die Spezies Mensch besteht aus mehr als aus Mann und Frau. Sie besteht aus geschlechtlicher Vielfalt – wie übrigens das Bundes­verfassungs­gericht erst kürzlich in einem wegweisenden Urteil festgehalten hat. Toiletten, die nicht klar als "männlich" oder "weiblich" gekennzeichnet sind, haben den Sinn, eine Option anzubieten für alle, die sich dem binären Geschlechtersystem
entziehen wollen oder müssen.

Entscheidender als die Toiletten-Frage ist aber, dass erst kürzlich, nach Jahrzehnten der Unsichtbarmachung durch Politik und Gesellschaft, Inter- und Trans­sexuelle sich ein großes Stück ihrer Sichtbarkeit und Anerkennung erkämpft haben. Mit dem Inkrafttreten der "Dritten Option" beim Geschlechtseintrag (dem Ihre Partei im Bundestag zugestimmt hat) ist im deutschen Personenstandsrecht endlich sichtbar, dass es mehr gibt als Mann und Frau.

/ svenlehmann

Zweitens: Ihre Äußerungen sind diskriminierend und verächtlich machend. Gerade Intersexuelle erleben täglich Diskriminierung und Ausgrenzung. Bereits im Kindesalter werden bei völlig gesunden Säuglingen und Kleinkindern "geschlechtszuweisende Operationen" vorgenommen, die sich später oft als traumatisierend herausstellen. Intersexuelle, Trans­sexuelle und nicht-binäre Menschen erleben täglich Anfeindungen und Gewalt, Ihre Suizidrate ist mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung.

Sie als Vorsitzende der CDU Deutschlands hätten die Möglichkeit und die Verpflichtung, für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft einzutreten. Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch sicher und frei leben kann.

Sie haben sich für einen anderen Weg entschieden. Ihre Äußerungen empfinden nicht nur ich, sondern sehr viele Menschen als herablassend, diskriminierend und verächtlich machend.

Sie sollten Sich für Ihre Äußerungen entschuldigen.

Mit freundlichen Grüßen
Sven Lehmann

Wöchentliche Umfrage

» Kommt die Union nach AKKs LGBTI-feindlicher Rhetorik noch als Koalitionspartner infrage?
    Ergebnis der Umfrage vom 04.03.2019 bis 11.03.2019
-w-

#1 LorenEhemaliges Profil
  • 03.03.2019, 14:00h
  • Ein größtenteils gelungener Offener Brief. Aber wenn schon, dann sollte diese in gesellschaftspolitischen Fragen offenbar reaktionär eingestellte Politikerin um Entschuldigung bitten.
    Sich selbst zu entschuldigen ist billig, mir nicht nur in diesem Fall zu billig.
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#2 LauerAnonym
  • 03.03.2019, 14:21h
  • Auch die Nazis haben Karneval missbraucht, um Hass zu schüren und ihre menschenverachtende Ideologie zu verbreiten. Und Annegret Kramp-Karrenbauer wendet wieder mal dieselbe Taktik an.
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#3 TrauerweideAnonym
  • 03.03.2019, 15:09h
  • Wie unsäglich traurig und peinlich und empathielos. Was wäre, akk hätte ein Kind, das so fühlt? Würde sie es verstecken, zwangstherapieren, es fallen lassen?? Traurig, dass es diesen rechtsruck ungestraft geben darf in Deutschland.
    Eine Entschuldigung ist das mindeste.
    Karneval ist kein rechtsfreier Raum, meine Meinung!
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