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Kommentare zu:
Vor 25 Jahren wurde der Paragraf 175 gestrichen


#11 Ralph
  • 10.03.2019, 11:49h
  • Natürlich war die direkte Verfolgung nach dem § 175 i.d.F. v. 1969 bzw. 1973 ein Verbrechen. Das eigentliche Ziel des Rest-Paragraphen wurde aber durch seine indirekte Wirkung erreicht: Einschüchterung der Schwulen, Behinderung des Coming-out, Aufrechterhaltung der negativen gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Schwulen, Erschwerung von Aufklärungsarbeit, Erleichterung des Verbots von Infoständen und Broschüren bzw. Einschränkung von deren Aufstellung oder Verbreitung. Der Rest-Paragraph wurde als Instrument des "Jugendschutzes" propagiert (und als solches insbesondere von den Kanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl vehement verteidigt), so dass Schwule ohne Weiteres als Jugendgefährder galten und jedes Streben nach gänzlicher Abschaffung des § 175 ebenso wie jede öffentlich wahrnehmbare Selbstorganisation, Aufklärung, Hilfestellung und politische Arbeit als Angriff auf die ungestörte sexuelle Entwicklung der männlichen Jugend diffamiert und behindert wurden. Diese indirekte Wirkung war der eigentliche politische Zweck. Die Jungen von heute können sich das schwer vorstellen, aber selbst Aufklärungsflyer zu AIDS und manche Ralf-König-Comics durften nicht an Orten ausgelegt werden, wo sie Jugendlichen zugänglich gewesen wären; Lokale zu finden, in deren Nebenraum sie sich treffen konnten, war für viele Schwulengruppen ein großes Problem; aus Angst vor Entdeckung nahmen viele den Weg in eine andere Stadt in Kauf, um dort in eine Schwulenkneipe zu gehen, weil sie in der eigenen Stadt fürchteten, beim Betreten oder Verlassen einer Kneipe von Bekannten gesehen zu werden; schwule Lokale wurden kontrolliert, ob sich dort vielleicht Minderjährige aufhielten; in der Presse erschienen Schwule in der Regel als Jungenschänder und als Menschen mit anrüchigem Doppelleben, bestenfalls als Opfer von Gewalttaten; usw. usf. Man kann daran gar nicht oft genug erinnern. Wer das erlebt hat, wird nicht vergessen haben, wie es sich anfühlt, als Mensch dritter Klasse zu gelten, als absolut unerwünschte, wenn nicht gefährliche Abnormität.
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#12 malsoAnonym
  • 10.03.2019, 12:04h
  • "Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Homosexualität lebensgefährlich: "

    Kollegen, das ist unpräzise. Die Sache wurde für Schwule erst heikel, nach der "Nacht der langen Messer" ( oder "Röhm-Putsch" für diejenigen, die bei Wikipedia nachlesen wollen) Die fand am 30. Juni 1935 statt. Ironischerweise ist das genau der gleiche Tag, an dem auch die "Ehe für Alle" 2018 eingeführt wurde.
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#13 stephan
  • 10.03.2019, 12:38h
  • Antwort auf #12 von malso
  • 1934 anstelle von 1935 ... und 2017 anstelle 2018 bitte!
    Wie die Gefahren für Homosexuelle im Zeitraum zwischen der Machterschleichung und der Nacht der langen Messer tatsächlich war, würde mich tatsächlich sehr interessieren. Hat jemand Literaturempfehlungen?
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#14 Ralph
  • 10.03.2019, 12:39h
  • Antwort auf #12 von malso
  • Kann man drüber streiten. Jude sein war zunächst ja auch noch nicht lebensgefährlich. Das kam auch erst schrittweise. Trotzdem galt für beide Gruppen: Aufgrund der jahrelangen NS-Propaganda konnte man schon am 30.1.1933 wissen, was kommen würde. Schon vor der Reichstagswahl von 1928 hatte die NSDAP in einer Stellungnahme zur Forderung nach Abschaffung des damaligen § 175 (Bismarck-Fassung) getönt:

    "Wer (...) an Mann-männliche oder Weib-weibliche Liebe denkt, ist unser Feind. (...) Wir verwerfen (...) jede Unzucht, vor allem die Mann-männliche Liebe, weil sie uns die letzte Möglichkeit raubt, jemals unser Volk von den Sklavenketten zu befreien (...)"

    Und als der Rechtsausschuss des Reichstages die Abschaffung 1930 empfohlen hatte, hieß es von der NSDAP im Völkischen Beobachter:

    "Glauben Sie ja nicht, dass wir solche Gesetze" (d.h. das Gesetz zur Abschaffung des § 175) " auch nur einen Tag gelten lassen, wenn wir zur Macht gelangt sein werden." Es folgt die Klassifizierung von Homosexualität "als ganz gemeine Abirrungen (...), als allerschwerste, mit Strang (...) zu ahndende Verbrechen."

    zit. nach Stümke/Finkler, Rosa Winkel, Rosa Listen, Rowohlt, Hamburg 1981, S. 93, 96
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#16 hgzwmAnonym
  • 10.03.2019, 13:27h
  • Antwort auf #13 von stephan
  • Ich denke, dass der Runderlass des Reichssicherheitshauptamtes vom 12. Juli 1940 die Lage für schwule Männer noch einmal besonders verschlechtert hat. Darin ordnete Himmler an, dass alle Schwulen, die mehr als einen Mann "verführt" hatten, nach Verbüßung ihrer eigentlichen Strafe in Vorbeugehaft zu nehmen waren. Das bedeutete die KZ-Haft. Wer also mehrfach wegen des Paragrafen 175 mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, erfüllte diese Voraussetzungen. Selbst wenn man nur einmal verurteilt war, im Urteil aber Taten mit mehreren Männern berücksichtigt waren, griff der Runderlass.

    Man weiß außerdem, dass ab dem Jahre 1937 der Verfolgungsdruck erheblich zunahm. Grund war eine Rede Himmlers beim "Tag der Deutschen Polizei". Himmler erklärte in dieser Rede alle schwulen Männer zu Staatsfeinden, die den Volkskörper schädigen würden. Das lässt sich wohl aus den Kriminalstatistiken ab 1937 ablesen, die Zahlen schnellen ab da nach oben. In den Polizeidienststellen vor Ort in den Städten wollten man nach der Rede besonders eifrig die "homosexuelle Kriminalität" bekämpfen.
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#17 stephan
  • 10.03.2019, 16:50h
  • Antwort auf #15 von malso
  • Sorry, die Verbesserung musste leider sein: Das Datum 2017 ist uns schon sehr wichtig, denn mein Mann und ich haben an der Standesamtsaktion am 19.8.1992 teilgenommen und versucht das Aufgebot zu bestellen. Wäre es durchgegangen, hätten wir sicher etwa im September/Oktober 1992 geheiratet. ... Und kaum sind im fortschrittlichen, modernen, weltoffenen ;) Deutschland 25 Jahre vorüber, konnten wir endlich am 6.10. 2017 - nach exakt 26 Jahre des Zusammenseins - tatsächlich heiraten. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass es nur um gleiche Rechte ging, die man uns - mit Berufung oder argumentativen Rückgriff auf staatliche, kirchliche, moralische, traditionelle Ordnung selbstverständlich vorenthielt ...
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#18 TheDadProfil
  • 10.03.2019, 16:59hHannover
  • Antwort auf #1 von paragraphenreiter
  • ""Wirklich ganz gestrichen wurde der 175 ja leider nicht, sondern nur außer Kraft gesetzt.""..

    Äh ?
    Nee..
    Das gilt nur bis zu 13. November 1998 :

    ""Fassung vom 10. März 1994
    § 175
    (aufgehoben)

    Neubekanntmachung des StGB vom 13. November 1998
    § 175
    (weggefallen)""..

    Damit wurde der Paragraph dann am 13 November 1998 ganz gestrichen..

    Was dann die Einschätzung der "Reaktivierung" betrifft..
    Der Gesetzgeber kann auch völlig "neues Recht" schaffen, ohne Altes Recht "reaktivieren" zu müssen..
    Es muß halt nur den Vorgaben des Grundgesetzes und der Überprüfung durch das BVerfG standhalten..
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#19 TheDadProfil
#20 Ralph
  • 10.03.2019, 17:23h
  • Antwort auf #17 von stephan
  • Da musstet Ihr doch nicht lange warten... lol

    Als wir am 2.10.2017 geheiratet haben (genau gesagt: unsere Lebenspartnerschaft umwandeln ließen), waren wir 30 Jahre zusammen.

    In Hamburg wurde am 1.10.2017 eine Massenhochzeit veranstaltet, bei der die Paare im Gänsemarsch in den großen Saal des Rathauses einzogen. Der Zug wurde angeführt von zwei Männern, die seit 1962 zusammen sind.
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