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Explizit, aber nie plump

Wo Satan, Aids-Krise und SM aufeinandertreffen

In "Der Engel der Geschichte" schreibt Rabih Alameddine mit viel Hingabe über Darkrooms und Fisten – ein eigenwilliger, poetischer, faszinierender Roman.


Rabih Alameddine, geboren 1959, lebt als Maler und Schriftsteller in San Francisco. Sein erster Roman "Koolaids. The Art of War" (1998) war ein internationaler Erfolg; als erste deutsche Übersetzung erschien 2016 "Eine überflüssige Frau"
  • Von Fabian Schäfer
    10. März 2019, 11:06h, 1 Kommentar

Jakob, eigentlich Ya'qub, blickt zurück auf ein schicksalhaftes Leben: Im Jemen geboren, dann mit der Mutter nach Kairo, wo er mit ihr und den "Tanten", wie er die anderen Prostituierten liebevoll nennt, im Bordell lebt, plötzlich zum Vater nach Beirut, irgendwie nach Stockholm, schließlich nach San Francisco. Ins Wartezimmer einer Nervenklinik.

Jakob hört Stimmen. Der Satan spricht zu ihm, außerdem die zwölf Nothelfer. Er hält das nicht mehr aus. Seine Vergangenheit zieht an ihm vorbei, die Stimmen erinnern ihn daran. Die Kunden seiner Mutter in Kairo, später die Erniedrigungen im Beiruter Internat. Und in San Francisco sterben ihm auf dem Höhepunkt der Aids-Krise nacheinander alle Freunde sowie sein Partner weg.

Von strengen Nonnen und strengen Lederkerlen


"Der Engel der Geschichte" ist auf Deutsch im Albino Verlag erschienen

Rabih Alameddine erzählt in einer Vielzahl von Handlungsebenen und -strängen, selten stringent, aber immer metaphorisch und in mythologischen Bildern. Er beweist sich als sehr feiner, aufmerksamer Beobachter mit einem Gespür für pointierten Humor – ob es um die strengen libanesischen Nonnen oder die genauso strengen amerikanischen Lederkerle geht.

Überhaupt könnten die Gegensätze in "Der Engel der Geschichte" nicht größer sein. Da ist ein sich fast rührend um Jakob kümmernder Satan, umgeben von frivol-schnippischen Heiligen. Da beschreibt Rabih Alameddine genauso blumig und ausführlich Jakobs kindliche Freundschaft zur Ziege Afkah wie SM-Folterrituale – so treffend, erotisch und anschaulich, als könnte man jeden Schlag mit der "köstlichen Gerte" hören.

Die gewählten erzählerischen Mittel stehen in einem Spannungsgeld zum Inhalt. Der Roman ist nie plump und doch äußerst explizit und dann wieder ganz emotional, Alameddines Sprache ist teilweise überfrachtet, manchmal erscheint es fast unangemessen, mit so viel Hingabe und so literarisch über einen Darkroom zu schreiben oder darüber, dass Franziskus "mal ordentlich gefistet werden" müsse.

Wer den Stil mag, wird den Roman lieben

Es dauert seine Zeit, bis diese ungewöhnliche Form ihre erzählerische Wucht entfaltet – die Selbstgespräche, Tagebucheinträge oder direkt an Doc, seinen toten Partner, gerichteten Passagen sind nicht immer leicht zu entschlüsseln. Erst langsam ergeben sie ein ganzes Bild, und manche lassen einen dennoch ratlos zurück.

Direktlink | Alameddine bei einer Lesung aus dem Buch in San Francisco

Ja, man muss den Stil und die Sprache des Romans mögen – voller Fremdwörter, Gedichte, religiösen und mythologischen Anspielungen, Gedankensprünge. Etwa wenn Jakob über einen Füller spricht, den er als Kind von seinem Vater geschenkt bekommen hat: "Doch ich war treulos, Untreue ist meine Natur, ich weiß nicht einmal mehr, wann ich den Stift verloren habe, Tinte, schwarz wie das Innere meines Kopfes, die exakte Farbe des Kummers."

Ist das jedoch der Fall, wartet ein im besten Sinne eigenartiger, starker, faszinierender Roman. Einer, der die Gegenwart, die nahe und ferne Zukunft kulturübergreifend aufarbeitet – und dabei nie zu ernst bleibt.

Infos zum Buch

Rabih Alameddine: Der Engel der Geschichte. Roman. Aus dem Amerikanischen von Joachim Bartholomae. 304 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2018. 24 €. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 9783863002572). Ebook: 17,99 €


#1 Steve2Anonym
  • 10.03.2019, 13:07h
  • Im Albino-Verlag erscheinen eigentlich immer sehr gute Sachen (letztens erst die beiden Romane von Julian Mars). Bei diesem hier bin ich mir nicht sicher, ob der meinen Geschmack treffen wird. Zum Glück gibt es dafür ja die Leseprobe bei eBooks. Ich werde mal schauen, ob es mir zusagt.
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