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Geliebt, gehasst, ermordet

Vor 200 Jahren wurde August von Kotzebue erstochen

Fast jeder kennt Goethe und Schiller. Der meistgespielte Dramatiker seiner Zeit war jedoch August von Kotzebue. Er eckte überall an: bei Kirchen, Unis und Burschenschaften. Auch mit Schwulen hatte er Probleme.


August Friedrich Ferdinand von Kotzebue fiel 1819 dem Attentat eines Burschenschafters zum Opfer. (Bild: Bildarchiv Austria)
  • Von Erwin In het Panhuis
    23. März 2019, 07:50h, 9 Kommentare

Heute vor genau 200 Jahren wurde der Dramatiker und Schriftsteller August Friedrich Ferdinand von Kotzebue (03.05.1761-23.03.1819) ermordet. In Deutschland gilt er als Vertreter der dramatischen Trivialkultur und war mit mehr als 220 Lustspielen und Dramen der produktivste und meistgespielte Dramatiker der Goethezeit. (Heute befinden sich alleine in Kölner Bibliotheken 1.425 Publikationen von und über ihn!).

Seine Ermordung stand im Zusammenhang mit seinen Angriffen gegen die deutschen Universitäten und Burschenschaften. Sie wurde als Anlass genommen, die Karlsbader Beschlüsse in Kraft zu setzen, wodurch die Burschenschaften verboten wurden und die Autonomie der Universitäten weitgehend zerstört wurde.

In Bezug auf Homosexualität lohnt sich ein Blick auf sechs recht unterschiedliche Publikationen Kotzebues mit autobiografischen, historischen und kirchenkritischen Inhalten.

Homophobe Hetzschrift "Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn"


Titelblatt von Kotzebues Drama "Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn" (1790)

Durch einzelne Romane hatte sich Kotzebue zunächst Anerkennung erworben. Diese zerstörte er jedoch weitgehend selbst, indem er die Schrift "Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn" (1790) publizierte (wobei er den Namen des bekannten Aufklärungsschriftstellers Adolph Freiherr von Knigge als Pseudonym benutzte). Der äußere Anlass war ein Streit zwischen Johann Georg Zimmermann – einem Arzt, Autor philosophischer Schriften und Gegner der Berliner Aufklärung – und dem Theologen und Aufklärungspublizisten Karl Friedrich Bahrdt, bei dem sich Kotzebue an die Seite Zimmermanns stellte.

In verleumderischer Absicht verwendet Kotzebue dabei für die damalige Zeit recht drastische Formulierungen mit homosexuellem bzw. analem Bezug in Form von damals wohl leichter verständlichen Anspielungen auf weitere Vertreter der Aufklärung: "Dort demonstriert der gute [Johann Erich] Biester, dem wohlgezogenen [Friedrich] Gedike, was griechische Liebe [Päderastie bzw. Homosexualität] sey". Später fällt ein blinder Mann mit seiner Nase auf den Mittelpunkt eines "entblößten Hintertheils" (S. 32). "Der keusche [Abraham Gotthelf] Kästner [zu Bahrdt]: Haben Sie schon wieder mit dem Hintern zu thun? Ich glaube wahrhaftig, Sie sind in Zimmermanns Hintern verliebt? Wer weiß, ob er nicht so gütig ist, Ihnen einen Kuß auf die Wangen Ihrer neuen Verliebten zu verstatten" (S. 63).

Diese Schrift hatte weitreichende Folgen, schadete allerdings vor allem Johann Georg Zimmermann, weil man ihn zunächst für den Autor hielt. Dessen Reputation wurde auch später nicht wiederhergestellt, als August von Kotzebue seine Verfasserschaft zugab. Heute gilt dieses Werk als einer der bekanntesten literarischen Schmähschriften (Pasquill) und wird manchmal auch als eine Satire bezeichnet, die diesen Namen jedoch nicht verdient. In dem Buch "Andere Lieben. Homosexualität in der deutschen Literatur" (1987) betont der Herausgeber Joachim Campe zu Recht, dass sich Kotzebue mit seinen Bezügen auf Hintern und Kot die weitverbreiteten Vorurteile gegenüber Homosexuellen zunutze macht (S. 134). Das ist eine sachlich zutreffende, wenn auch recht zaghafte Formulierung für diese auch homophobe Hetzschrift. Als Pasquill mit einem homosexuellen Hintergrund wird sie allenfalls noch durch die Schmähschriften zwischen (dem Homosexuellen) August Graf von Platen und (dem Juden) Heinrich Heine in den Jahren 1827-1830 überboten.

Der Spott über Kotzebues Spott ließ nicht lange auf sich warten. Der Literaturkritiker August Wilhelm Schlegel veröffentlichte in seinem gegen Kotzebue gerichteten Werk "Ehrenpforte"(1800) ein Gedicht mit Zeilen wie: "Im Bahrdt warst Du bemüht, den niedern Haufen – Mit Zoten und Pasquillen zu erkaufen" (S. 89) und druckte sogar direkt die Noten zum Mitsingen ab (S. 105).

Man kann davon ausgehen, dass diese Schrift Kotzebues schlechten Ruf wesentlich mitprägte. Sein Biograf Peter Kaeding sieht in dieser Schrift die "Wurzel allen öffentlichen Hasses" und der literarischen Angriffe gegen ihn. Ein anderer Kotzebue-Biograf, Frithjof Stock, sieht sogar einen indirekten Zusammenhang mit der 30 Jahre späteren Ermordung.

Spott über das "männliche Weib"

In "Erinnerungen aus Paris" (1804) berichtet Kotzebue von einem Denkmal, das Friedrich der Große in Darmstadt für seine Freundin Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt erstellen ließ. Das Denkmal trägt die Inschrift (im Original lateinisch): "Dem Geschlecht nach ein Weib, ein Mann an Geist". Angesichts dieses Denkmals schreibt Kotzebue: "Also mit andern Worten, ein Mittelding von Mann und Weib. Man weiß längst, daß diese Mischung keins von beyden Geschlechtern liebenswürdig macht. Ein männliches Weib gefällt ebenso wenig als ein weibischer Mann." Für Kotzebue wäre das so, als würde man über eine Blume sagen, dass sie wie eine Eiche riecht (S. 11).


Ein Grabstein als Stein des Anstoßes: Friedrich der Große lobte mit der Inschrift seine "männliche" Freundin, was Kotzebue nicht nachvollziehen konnte. Aus: "Die Gartenlaube", 1874, Heft 17, S. 277-281

Ab dem Spätherbst 1790 lebte Kotzebue in Paris und erlebte damit die Französische Revolution hautnah mit. Als Teil und Folge der französischen Revolution wurde in Frankreich 1791 Homosexualität unter Männern legalisiert. Nach Kotzebue mündeten in Frankreich zu dieser Zeit alle Gespräche im Politischen. Man kann sich daher leicht vorstellen, dass Homosexualität in diesem Kontext ein Thema war – und auch, wie sich Kotzebue dazu positionierte.

Die "Schändlichkeit" des Crossdressing

In seiner Anthologie "Die Grille" (1812, S. 78-79) beschäftigt sich Kotzebue mit dem biblischen Verbot für Männer, Frauenkleidung zu tragen, was für Gott (nach dem 5. Buch Mose 22,5) abscheulich ist. Kotzebue: "Stärker könnte sich die Bibel nicht gegen die gröbsten Laster ausdrücken, weshalb man auch vermuthet, Moses habe unter jenen Worten eine gewisse Schändlichkeit verhüllt, die er nicht zu deutlich aussprechen" wollte.

Für Kotzebue ist auch ein Mann wie Clodius in Frauenkleidern "ein Gegenstand des gerechten Abscheues". Damit spielt er auf den antiken Politiker Publius Clodius Pulcher an, der im Dezember 62 v. Chr. in Frauenkleidern vor Caesar erschien. Kotzebue gibt für seine emotional wirkende Ablehnung von Männern in Frauenkleidung keine Gründe an. Die von anderen genannten Gründe für das Verbot von Crossdressing – wie Aufrechterhaltung des Patriarchats und das Verbot heidnischer Zeremonien – zählt er zwar auf, sie sind aber offenbar nicht seine eigenen Motive. Für Kotzebue gab es nur wenige legitime Formen von Crossdressing, wie z.B. Frauen, die als Männer im Krieg kämpften.

Erinnerungen an die "griechische Liebe" in Italien

Ein Jahr nach seiner italienischen Hochzeitsreise im Jahre 1804 publizierte Kotzebue seine "Erinnerungen von einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel" (1805, 2. Bd., S. 195-206). Dabei schreibt er auch zwei Seiten über die "elende, Seele und Leib entnervende griechische Liebe" (Päderastie, Homosexualität bzw. Analverkehr), die in Italien stark verbreitet sei. Kotzebue fragt: "Soll man sie darum verbannen?" und will offenbar nur die Geistlichen bestrafen. Die Katholische Kirche könnte dieses "Übel" seiner Meinung nach durch die Aufhebung des Verbots von Priesterehen ja leicht aus der Welt schaffen (S. 195). Er erklärt es für zutiefst ungerecht, wenn homosexuelle Ordensmitglieder durch die Kirche gedeckt würden, die einfache Bevölkerung bei Vergehen aber bestraft werde (S. 196).

Auf weiteren acht Seiten beschreibt er die Hinrichtung eines Sexualstraftäters, der einen 14-jährigen Jugendlichen sexuell missbraucht und ermordet hatte. Kotzebue bezeichnet den Täter zwar als einen armen Sünder (S. 202, 203), kommentiert damit aber eher die Hinrichtung als dessen Straftat. Es ist ein seltener und interessanter Zeitzeugenbericht über eine Hinrichtung, der zum Teil aber auch befremdet. Kotzebue hatte sich einen Fensterplatz für einen guten Blick auf die "Piazza del Mercato" in Neapel gemietet und beschreibt aus dieser Perspektive die Rituale der Henker und das Verhalten der 20.000 Zuschauer, die sich während der Hinrichtung von Straßenhändlern mit Backwaren und Früchten versorgen konnten (S. 199).

Kotzebues Schilderungen sind mehr distanziert beobachtend als empathisch, wobei seine ablehnende Haltung zur katholischen Kirche und zur Todesstrafe deutlicher als die zur Homosexualität wird.

Sein Drama "Der Rehbock"


Szene aus "Der Rehbock". Aus: Peter Kaeding: "August von Kotzebue" (S. 176/177)

Eines von Kotzebues erfolgreichsten Dramen war "Der Rehbock, oder die schuldlosen Schuldbewußten" (1815), in dem sich eine Gräfin in einen angeblichen Stallmeister verliebt und dabei nicht bemerkt, dass der Stallmeister ihr Bruder inkognito ist. Es sind nur die Standesvorurteile, die die Gräfin davon abhalten, einen Inzest zu begehen. Die Literaturwissenschaftlerin Doris Maurer verweist in ihrem Buch "August von Kotzebue" auf ein weiteres Verwirrspiel dieses Dramas in Form einer doppelten Travestie: Die sich als Mann ausgebende Baronin Freyling macht dem Pächter Grauschimmel den Vorschlag, sich als seine Ehefrau auszugeben, d.h. eine Frau spielt einen Mann, der eine Frau spielt.

Aus dieser Position heraus wird die Baronin von Männern umworben. Der Pächter Grauschimmel muss nun davon überzeugt sein, dass zwei "Herren einem verkleideten jungen Mann schöne Augen machen", was Maurer als "doppeltes Amüsement für den Zuschauer" bezeichnet. Solche erotischen Verwicklungen sind der Stoff, aus dem die erfolgreichen Komödien Kotzebues bestehen. Die homoerotische Bedeutung dieser Travestiekomik ist sehr dezent – noch dezenter, als der Jahrzehnte später entstandene und bis heute bekannte Travestie-Klamauk "Charleys Tante" (1892). Kotzebues "Der Rehbock" ist in indirekter Form bis heute bekannt, weil das Stück als Textvorlage für Albert Lortzings bekannte Oper "Der Wildschütz" (1842) diente.

Kotzebues größter zeitgenössischer Konkurrent als Bühnenautor war übrigens August Wilhelm Iffland (1759-1814), dessen Werke als anspruchsvoller, aber auch als langweiliger galten. Ifflands Neigung zu gleichaltrigen und jüngeren Männern war ein offenes Geheimnis; sein Angestellter Georg Schreiber wurde als sein "Ganymed" bezeichnet.

Die Männerliebe der Antike – nur für Frauen

In seinem Buch "Die Griechen, eine Skizze für Damen" (hier eine Ausgabe von 1842) kommt Kotzebue zunächst nur mit einigen Sätzen (S. 50, 76, 91, 107, 109, 166) auf die Knabenliebe zu sprechen – diesen "seltsame[n] Hang" (S. 50), wobei er betont, dass man unter Knabenliebe "keine unkeusche Lust, sondern das reine Wohlgefallen an Schönheit" verstanden habe (S. 107). Im Kapitel "Von der Liebe unter den Griechen" (S. 238-243) berichtet er ausführlich von der mann-männlichen Liebe und versucht auch hier, das Sexuelle zu negieren: "Das Wort Liebe mag unpassend sein für die Empfindung, welche hier bezeichnet werden soll. Es war vielmehr ein Enthusiasmus der Freundschaft, eine innige Zuneigung auf Schönheit der Seele wie des Körpers begründet, und nur auf Beistand, Vervollkommnung, Beförderung gegenseitiger Glückseligkeit abzweckend" (S. 241-242). Mit dem Versuch, die gleichgeschlechtliche Liebe zu trennen in die zur Seele und die zum Körper, steht Kotzebue unter seinen Zeitgenossen nicht alleine da. Die Schrift geht nicht in die Tiefe und hat auch nicht diesen Anspruch. Sie erschien zu einem Zeitpunkt, als männliche Autoren davon ausgingen, dass man die im Buchtitel genannte weibliche Zielgruppe mit komplizierten Fragestellungen und "unsittlichen" Themen nicht konfrontieren könne.

Für den Literaturwissenschaftler Paul Derks ist in seinem Buch "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990) der Titelzusatz "für Damen" ein "Hinweis auf eine Einschränkung der Themen und ihrer Diskussionsmöglichkeiten" (S. 84). Leider geht Derks mit keinem Wort auf den Inhalt dieser Schrift ein.

Früher: Kotzebue polarisierte

August von Kotzebue begeisterte das breite Lese- und Theaterpublikum und wurde manchmal in einem Atemzug mit Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und August Wilhelm Iffland genannt. Seine unterhaltsamen Stücke waren sehr beliebt und machten ihn zum erfolgreichsten Dramatiker der Zeit. Besonders hoch war sein Ansehen im Ausland; in Frankreich gehörten seine Werke sogar zur Schullektüre. Kotzebue polarisierte jedoch und eckte an. Teile des Bildungsbürgertums hassten ihn und warfen ihm Unmoral vor, denn schließlich behandelte er auch Themen wie Ehebruch, ungewollte Schwangerschaft und inzestuöse Geschwisterliebe. Die Inszenierung war dabei weniger tiefgründig moralisch, sondern vor allem publikumswirksam. Für Ernst Moritz Arndt war Kotzebue nur eine "deutsche Schmeißfliege".


Die Ermordung Kotzebues auf einem kolorierten zeitgenössischen Kupferstich (1820)

Heute: Kotzebue wird meistens negativ bewertet

Heutzutage überwiegen die negativen Bewertungen Kotzebues. Für viele Germanisten ist er ein Trivialautor und für viele Historiker ein Reaktionär. Auch der schon erwähnte schwule Literaturwissenschaftler Paul Derks macht in seinem Buch "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990) deutlich, dass er nichts von Kotzebue hält, denn dieser sei "historisch dilettierend", er habe "gar nichts begriffen" (S. 311) und einen "verlogenen Artikel" (S. 390) bzw. "Obszönitäten" (S. 444) geschrieben. Auch aufgrund der oben dargestellten Quellen im queeren Kontext lässt sich die negative Einschätzung Kotzebues und seiner Werke teilen. "Doctor Bahrdt …" ist schließlich nicht einfach nur eine schlechte Satire oder ein Beispiel für den unangebrachten Gebrauch von Klischees, sondern ein Beispiel für die Instrumentalisierung von Vorurteilen, um andere abzuwerten. Es ist ein persönlicher Angriff unterhalb der Gürtellinie – feige ausgeführt unter dem Schutz eines Pseudonyms. Wie auch schon zeitgenössische Rezensenten finde auch ich es legitim, von der Unmoral des Werkes auf die Unmoral des Autors zu schließen. In anderen Texten versucht er mit Formulierungen wie "Man weiß längst…" seine Vorurteile zu objektivieren. Kotzebue war – um es vorsichtig auszudrücken – eine zutiefst destruktive Persönlichkeit.

Kotzebue lässt sich in Grenzen verteidigen

In den letzten Jahren versuchen einige Autoren, der meist negativen Darstellung etwas Positives entgegen zu setzen, um z.B. Kotzebues Anteil an den politischen Anliegen der Spätaufklärung gerecht zu werden. Viele möchten den Schriftsteller gewürdigt sehen, von dem sich zahlreiche Menschen gut unterhalten fühlten. Auch ich finde, dass man Kotzebue fairer beurteilen sollte, als er andere beurteilt hat. In einzelnen Punkten kann man ihn in Schutz nehmen: So ist die Abwertung seiner Werke als sogenannte Trivialliteratur häufig nicht mehr als die überheblich wirkende Abgrenzung zur sogenannten Hochkultur, wie sie Goethe repräsentiert.


Das Grab von August von Kotzebue auf dem Hauptfriedhof in Mannheim (Bild: Gerd W. Zinke / wikipedia)

Mir erscheint es respektabel, dass er entgegen dem Zeitgeist bereit war, auch Themen wie Inzest, ungewollte Schwangerschaft und Ehebruch in seinen Dramen vorkommen zu lassen und sie damit zu enttabuisieren. Dass er mit den Inhalten seiner Dramen nur bedingt den Tugendvorstellungen der anspruchsvolleren Theaterbühnen entsprach, ist im Rahmen einer solchen Enttabuisierung erst einmal nichts Ungewöhnliches. In einigen Fällen ist das, was früher als "unanständig" aufgebauscht wurde, eigentlich nur ein bisschen erotisch-pikant. Dass Kotzebues Werke Skandale ausgelöst haben, sagt zunächst einmal nichts über die Qualität der Werke aus, denn schließlich hat auch Goethe Kritik auf sich gezogen: Er hat Liebschaften außerhalb von Ehen dargestellt, in "Werther" einen Selbstmörder liebenswürdig geschildert und in "Faust II" auch die schwulen Gelüste des Teufels gezeigt. Auf diese Weise hat auch Goethe polarisiert, ohne dass man dabei die literarische Qualität in Abrede stellt.

Der Literaturwissenschaftler Werner Liersch schrieb 1989: "Der Name Kotzebue hat einen schlechten Klang in der deutschen Literaturgeschichte. […] Das Verdammungsurteil lautet: ein gewandter, aber oberflächlicher Vielschreiber. […] Trotz alledem führt aber kein Weg an der Tatsache vorbei, daß Kotzebue zu seiner Zeit als Bühnenautor ungeheuer erfolgreich war." Kotzebue sollte nicht deshalb heroisiert werden, weil er kommerziell erfolgreich war, aber als ein populärer und die literarische Szene prägender Schriftsteller verdient er Interesse. Es war nicht nur die Zeit von Goethe und Schiller, es war auch die Zeit von Kotzebue.



#1 GayofcultureAnonym
  • 23.03.2019, 09:25h
  • Ein gut geschriebener und informativer Artikel, der sich stark von den Lobeshymnen der Zeitungen abhebt, die jetzt alle über Kotzebue schreiben.

    Es handelt sich also nicht im ein einmaliges homophobes Werk, dass man beim besten Willen noch als Ausrutscher bezeichnen kann, sondern es ist durchgängig und damit in vielen Teilen homophob.

    Wenigstens hat er nicht mehr die Bedeutung wie früher. Das ist vielleicht die Rache der Enterbten für diesen heute vergessen Autor.
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#2 Sukram712Anonym
#3 DefinitionAnonym
#4 Patroklos
#5 Alexander_FAnonym
  • 23.03.2019, 11:21h
  • Kotzebue hatte schon immer deshalb einen schlechten Klang in der deutschen Literaturgeschichte, weil er nicht sehr viel zu ihr beigetragen hatte. Er ist damit das literarische Gegenstück zu Musikern wie Sigismund Thalberg: zu Lebzeiten unheimlich erfolgreich, aber letztlich trivial auf nichts hinausweisend.

    Dass man ihn derzeit in alle Lüfte lobt, hängt wohl damit zusammen, dass sich die Gesellschaft in der Postdemokratie langsam wieder dem Biedermeier bzw. der Restauration angenähert hat, und auch sowohl die Postmoderne als auch die Philosophie des Biedermeiers maßgeblich von gegenaufklärerischen Tendenzen und Denkweisen geprägt sind. Eine Regierung, die mit beiden Füßen in der geistigen Tradition des Ancien Régime steht, haben wir heute ja schließlich auch.

    Dass Kotzebue dann noch mit homophoben Zoten arbeitete, passt daher nur allzu gut ins Gesamtbild.

    Not my favorite poet
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#6 Ralph
  • 23.03.2019, 12:35h
  • Wenn jemand bei einem anderen klingelt, eingelassen wird und dann seinen Gastgeber wegen dessen politischer Einstellung (übrigens vor den Augen dessen jüngsten, damals vierjährigen Kindes) ersticht, ist das nicht Totschlag, sondern Mord. Das nur als Anmerkung zu einem vorangegangenen Kommentar. Der Mörder war Burschenschafter. Wie wir alle wissen, geben solche Leute auch heute noch durch ihre nationalistische Haltung Anlass zur Sorge. Ihn als Freiheitskämpfer zu verklären, halte ich für unangebracht.

    In der hiesigen Regionalzeitung findet sich heute ein ganzseitiger Artikel über Kotzebue. Seine Ansichten zur Homosexualität, die sich offenbar stark in seinem Werk niedergeschlagen haben, werden dabei allerdings verschwiegen. Daher vielen Dank für diese sehr informativen Ausführungen.
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#7 saltgay_nlProfil
  • 23.03.2019, 20:55hZutphen
  • Wenn Erfolg ein Kriterium für literarische Qualität ist, dann haben sich Eugenie Marlitt, Hedwig Kotz-Malheur und Erich Konsalik zu Literaturpäpsten qualifiziert.

    August von Kotzebue ist ein übler Höcke seiner Zeit gewesen. Das Attentat war vielleicht etwas übertrieben, aber man muss bei kritischer Selbstreflektion doch gestehen, dass in diesem unseren Lande doch zu wenig Attentate verübt werden.
    Man muss ja nicht immer gleich das Messer rausholen, was ja meist auch hinterher größere Säuberungsaktionen nach sich zieht.

    Zur Zeit Kotzebues waren die Burschenschaftler in der Tat die einzige intellektuelle Opposition gegenüber den Philistern, wie die Spießer von Heinrich Heine gescholten wurden. Die Kehrtwende der Burschenschafter zum Gralshüter finsterster Repression und Reaktion geschah erst unter Otto von Bismarck mit dem fatalen Nationalismus. Danach entwickelte sich in den Corps und Burschenschaften jene bösartige Parallelgesellschaft, die schließlich die beiden Weltkriege und die Nazi-Herrschaft ermöglichte.

    Heute herrscht ja die ewige larmoyante Diskussion ob der Harmlosigkeit studentisch geordneter Alkoholsucht und der Hinweis auf Ernst Ludwig Sand um angeblich die Ideale von Demokratie und Freiheit gerade in diesen Verbindungen zu lobpreisen. Regelmäßig wird auf das Verbot der Studentenverbindungen im 3. Reich hingewiesen.
    Das ist bewusste Falschspielerei. Die Verbindungen gingen nahtlos im NS-Studentenbund auf und die SS verzeichnete in ihrem Personalbestand ein Vielfaches an Akademikern im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt.

    Betrachtet man das 19. Jahrhundert vollständig, so war das Attentat auf Kotzebue sinnlos. Vergleichbar mit einem Attentat auf Helene Fischer. Andere Personen wären als Opfer historisch viel wirksamer gewesen. Aber da gilt wie in so vielen Dingen: C'est la vie.
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#8 OmenAnonym
#9 lotosblueteAnonym
  • 31.03.2019, 13:26h
  • Antwort auf #7 von saltgay_nl
  • @saltgay_nl
    "Das Attentat war vielleicht etwas übertrieben, aber man muss bei kritischer Selbstreflektion doch gestehen, dass in diesem unseren Lande doch zu wenig Attentate verübt werden."
    "Andere Personen wären als Opfer historisch viel wirksamer gewesen. "

    Also entscheidest du darüber, wer leben darf und wer sterben muss?
    Du bist charakterlich identisch mit jedem beliebigen Nazimörder!
    Widerlich!
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