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"Well, nobody's perfect"

Schwule Ehe-Fantasie aus den Fünfzigerjahren

Am 29. März 1959, heute vor 60 Jahren, wurde "Some like it hot" bzw. "Manche mögen's heiß" uraufgeführt – für viele einer der besten Filme aller Zeiten. Auch sein homosexueller Subtext ist beachtenswert.


Tony Curtis und Jack Lemmon in "Some like it hot" (Bild: United Artists)

In der Travestie-Komödie "Some like it hot" des Regisseurs Billy Wilder werden die beiden Musiker Jerry (Jack Lemmon) und Joe (Tony Curtis) Zeugen eines Mordes und verkleiden sich als Frauen, um nicht selbst Opfer der Mafia zu werden. Danach gibt es die für das Genre typischen Verwicklungssituationen: Jerry (alias Daphne) wird von einem älteren Mann begehrt, während sich Joe (alias Josephine) in die Sängerin Sugar (Marilyn Monroe) verliebt.

Frühe Reaktionen: Ein ekelhafter Subtext

Jack Lemmon erinnerte sich später an "die grauenhafteste Preview", die er je erlebt habe. Der Film wurde zusammen mit einem Kinderfilm gezeigt. "Sobald sie uns in Frauenkleidern sahen, stürzten Eltern und Kinder fluchtartig nach draußen und stammelten: 'Das ist ja ekelhaft, was zur Hölle soll das?'"


Mehrere Plakate griffen ein sexualisierbares Wortspiel auf: "Marilyn Monroe and her bosom companions" ("Marilyn Monroe und ihre Busenfreunde")

Dass einige Filmszenen einen schwulen Subtext enthalten, ist bemerkenswert, weil dieser für einen Hollywoodfilm nach den damaligen Zensurvorschriften eigentlich verboten war. Mit sprachlichen Doppeldeutigkeiten und sexuellen Chiffren, die u.a. auf Homosexualität und Oralverkehr verweisen, umging Billy Wilder jedoch geschickt den sogenannten "Hays Code".

Der schwule Subtext wurde nicht nur erkannt, sondern auch deutlich kritisiert. Nach der "National Legion of Decency" (1959) geht es hier klar erkennbar um Homosexualität, und die Dialoge werden als doppeldeutig und schmutzig bezeichnet. Der Rezensent einer Filmzeitschrift um 1960 schrieb: "Dies ist eine reichlich dumme und in den Gesprächen sehr anzügliche, ja sogar mit Zoten untermischte Geschichte. Die Tatsache, daß zwei Männer sich als Weiber verkleiden, wird ins Unappetitliche ausgewalzt. Ja, sogar homosexuelle Anspielungen kann man heraushören. Es ist bedauerlich, daß dieses Machwerk für Westdeutschland überhaupt freigegeben wurde."

Dabei war der Film vor der Veröffentlichung schon entschärft worden. Tony Curtis' Äußerung über "horseradish" (Meerrettich) auf seiner "Knackwurst" fiel der Zensur zum Opfer.

Travestie – "tuntenhaft" im richtigen Maß


Das Cover von "Mirror News Entertainment" vom 28. März 1959 mit dem Ausdruck "gay" in seiner ursprünglichen Bedeutung von "fröhlich"

"Manche mögen's heiß" gehört zum klassischen Genre der Travestiekomödie, bei der Männer aus einer Notlage heraus Frauenkleidung anziehen und sich am Ende des Films demaskieren. Bis heute kann man sich darüber streiten, ob Travestiefilme mit dem Aufbrechen von starr festgelegten Geschlechterrollen den späteren Schwulenfilmen die Türen geöffnet haben oder ob diese Filme eigentlich nur bürgerliche Unterhaltung sind, bei der die patriarchale Ordnung nicht angegriffen, sondern allenfalls bestätigt wird.

Die Wirkung eines Travestiefilms hat viel mit der Form seiner Inszenierung zu tun; manchmal werden Klischees nur reproduziert, manchmal aber auch geschickt hinterfragt. Bei Wilders Film ist erkennbar, dass er zwar auf Unterhaltung setzt, aber auf subtile Art auch gesellschaftskritische Elemente einfügt und mit der Travestie subversiv spielt.

Als Wilder von 1927 bis 1928 in Berlin lebte, hatte er den Travestiestar "Barbette" bzw. Vander Clyde (1898-1973) kennen gelernt. Für "Some like it hot" engagierte er ihn, um Jack Lemmon und Tony Curtis zu unterrichten. "Barbette" kündigte jedoch schon nach dem ersten Tag und beschwerte sich bei Wilder, weil Jack Lemmon – im Gegensatz zu Curtis – bei der Damenimitation keine Perfektion erreichen wollte. Jack Lemmon: "Dann sieht man aus wie ein Kerl, der einen Schwulen darstellen will und dabei zu viel des Guten tut."

Auch Tony Curtis erinnerte sich an "Barbettes" Anweisungen. Er sollte seine "Arschbacken zusammenkneifen. […] Man spannt sie an – wenn man in der Navy war, macht man das sowieso – und setzt behutsam einen Fuß vor den anderen."


Billy Wilder über die unterschiedlich tuntenhafte Darstellung seiner beiden Protagonisten

In der sechsteiligen Doku "Billy Wilder, wie haben Sie's gemacht?" (1992, 5. Teil) betont Billy Wilder, dass Tony Curtis und Jack Lemmon ihre Rollen unterschiedlich verkörpern sollten, denn es wäre "nicht gut gewesen, wenn beide tuntenhaft" ("campy") gewesen wären (31:16 Min.). Nach dem Filmproduzenten Walter Mirisch war Billy Wilder zunächst besorgt, ein ausreichend starkes Motiv dafür zu finden, dass sich zwei "gesunde, heterosexuelle Männer" als Frauen verkleiden.

Von den Dreharbeiten ist auch noch folgende Anekdote bekannt: Ein Schneider hatte bei Tony Curtis Maß genommen, ging danach zu Marilyn Monroe und sagte zu ihr: "Wissen Sie, Tony Curtis hat einen schöneren Arsch als Sie." Sie stand da, knöpfte ihre Bluse auf und sagte: "Aber er hat nicht solche Titten".

Um sich solche Anekdoten am Set lebhaft vorstellen zu können, sind die seit längerer Zeit bekannten Farbfotos der Dreharbeiten recht hilfreich. Ein in Schwarz-Weiß gedrehter Film wie "Manche mögen's heiß" führt beim Betrachter zu einer distanzierten Beobachtung, die durch solche Farbbilder wieder aufgehoben werden kann.


Farbaufnahmen vom Set, die dem Schwarz-Weiß-Film die Distanz nehmen

Erste Szene: "Warum soll ein Mann einen Mann heiraten?"

Der Dialog zwischen Jerry (alias Daphne) und Joe (alias Josephine), als dieser von einer Verabredung mit Sugar zurückkehrt, gilt für damalige Verhältnisse als "pikant", weil er geschickt um Homosexualität kreist, ohne dies konkret zu benennen. Jerry ist ganz aufgewühlt, weil er sich mit dem reichen Osgood Fielding verlobt hat und beide Männer demnächst heiraten wollen. Joes Einwand "Du kannst doch Osgood nicht heiraten" wird mit einem Hinweis auf das Alter aufgefangen. Joes Frage: "Warum soll ein Mann einen Mann heiraten?" beantwortet Jerry mit: "Aus Sicherheitsgründen."

Dann reden sie über das "Problem" in ihrer Beziehung, wobei jedoch nur Jerrys Verhältnis zu Osgoods Mutter erwähnt wird. Dann fragt Joe: "Was willst du denn in deinen Flitterwochen machen?" und Jerry antwortet mit: "Er möchte an die Riviera, aber ich bin mehr für die Niagara-Fälle." Joe gibt zu bedenken: "Es gibt Gesetze, Bestimmungen. Es ist nicht so einfach, wie du denkst." In all diesen Dialog-Szenen spielt Billy Wilder mehrfach und geschickt mit dem Kopfkino der Zuschauer. Der mögliche Sex zwischen Jerry und Osgood ist präsent, wird aber nicht direkt angesprochen.

Direktlink | Der Dialog zwischen Jerry und Joe im englischen Original

Die Doku "Billy Wilder, wie haben Sie's gemacht?" (1992, 5. Teil) setzt sich im Rahmen der Beschäftigung mit "Some like it hot" (16:20-42:15 Min.) ausführlich (32:00-40:25) nur mit dieser kurzen Szene auseinander. Dabei erklärt Wilder, dass die Maracas ("Rasseln"), mit denen Daphne in dieser Szene den Tango nachspielt, die wichtige Funktion erfüllten, Gesprächspausen zu überbrücken. Diese Pausen waren notwendig, um zu verhindern, dass die Lacher im Kino den Folgesatz von Tony Curtis überdeckten. Auf diese Weise ging keine Pointe verloren, und der Zuschauer wurde durch Musik unterhalten.

Zweite Szene: "Sie müssen zum Arzt gehen"

Unter der Vorspiegelung, ein reicher Mann zu sein, versucht Joe, die Sängerin Sugar zu verführen. Weil er sich die größten Hoffnungen macht, wenn er an ihr Helfersyndrom appelliert, gibt er zunächst vor, Frauen gegenüber nichts zu empfinden. Er bezeichnet sich als "harmlos" in Bezug auf Frauen und betont, es passiere halt manchmal, "dass Mutter Natur jemandem ein Bein stellt".

Wie einkalkuliert, möchte Sugar ihm nun helfen und empfiehlt ihm: "Sie müssen zum Arzt gehen." Joe verweist darauf, dass er sechs Monate lang bei Prof. Sigmund Freud sämtliche psychotherapeutischen Behandlungen bekommen habe. Nun versucht Sugar, ihm bei seinen Hemmungen zu helfen, indem sie mit ihm schläft, womit Joe sein Ziel erreicht hat.

Die Aussagen von Sugar und Joe lassen sich auf die Hemmungen eines heterosexuellen Mannes, aber auch auf (pathologisch dargestellte) Homosexualität beziehen. Im Gegensatz zur ersten und dritten Szene sind es keine Äußerungen, mit denen sich Schwule identifizieren können.

Dritte Szene: "Nobody's perfect"

Als "pikant" gilt auch die Schlussszene des Films. Als sich Osgood durch die unterschiedlichsten Argumente nicht davon abhalten lässt, Jerry (alias Daphne) heiraten zu wollen, nimmt Jerry seine Perücke ab und gesteht ihm, dass er ein Mann ist. Osgood bleibt allerdings unbeeindruckt: "Na und? Niemand ist vollkommen." (OF: "Well, nobody's perfect."). Die Idee zu dieser Szene stammt von Wilders Ko-Autor I. A. L. Diamond, der diese Szene vor allem wegen des Überraschungsmoments favorisierte.

Wie in jedem Travestiefilm wird auch hier die Maskerade am Ende erkannt, aber die vom Publikum erwartete Reaktion wäre ein entsetzter und zurückweisender Osgood gewesen. Mit dem trocken formulierten Schlusssatz des Films gelang die Überraschung des Publikums. Dieser endgültige Schlusssatz entstand erst in der Nacht vor dem Dreh. Nach Hellmuth Karasek (in seinem "Billy Wilder"-Buch) standen auch die Sätze "So what!" bzw. "Big deal!" zur Alternative.

Direktlink | Die Schlussszene im englischen Original

Das ist zwar der letzte Satz im Film, jedoch nicht der letzte Satz im Drehbuch, der über die angebahnte gleichgeschlechtliche Ehe der beiden Männer eine spannende Ergänzung bereithält. "Wie soll sie (Jerry) da jemals wieder rauskommen? Aber das ist eine andere Geschichte – und wir sind nicht sicher, ob die Welt dafür bereit ist."


Drehbuch mit einer spannenden Ergänzung zum Film

Der Schlusssatz "Nobody's perfect!" (bzw. "Niemand ist perfekt!") wurde anschließend auch im Deutschen zu einer feststehenden Redewendung und ist bis heute eines der bekanntesten Filmzitate. Josef Schnelle betont in seiner Sendung "Nobody's perfekt" im Deutschlandfunk (4.8.2018), dass dieses Happy-End "- für damalige Zeiten – von zweifelhafter Moral ist. Es nimmt 1959 schon die Idee der Schwulenehe vorweg".

"Fanfaren der Liebe" ist nur "lauwarm"

Man kann "Manche mögen's heiß" aus dem Jahr 1959 gut mit dem deutschen Film "Fanfaren der Liebe" von 1951 vergleichen, weil beide Filme auf dem gleichen Drehbuch basieren. Dabei kann "Fanfaren der Liebe" – wie das "Lexikon des internationalen Films" vollkommen richtig feststellte – Billy Wilders Film "nicht annähernd das Wasser reichen". In "Fanfaren der Liebe" ist das Tempo erkennbar langsamer und es befremdet, zumindest aus heutiger Sicht, wenn die beiden Musiker aus der Not heraus in einer "Zigeunerband", "Negerband" und "Frauenband" auftreten und sich einer von beiden zum Unterschied äußert: "Neger waren wir nur bis zum Stehkragen" (1:22:50 Min.).


"Fanfaren der Liebe" (D, 1951) kann "Manche mögen's heiß" (USA, 1959) nicht das Wasser reichen

Bei der Frage der Inszenierung der Geschlechter ist vieles vergleichbar, etwa der Versuch, wie eine Frau zu gehen und auch mal der eine oder andere Kommentar von Freund zu Freund wie "Mein Typ wärst du nicht" (12:45 Min.). Manchmal liegen die Gags zwar nah beieinander, manchmal sind sie im deutschen Film aber wesentlich platter. Vor allem das Filmende macht einen deutlichen Unterschied aus. In "Fanfaren der Liebe" finden sich nach der Demaskierung der Männer zwei glückliche Hetero-Paare, während der Film von Billy Wilder zumindest in der Fantasie mit der geplanten Ehe von zwei Männern endet.

Eine Parallele ergibt sich auch über die Synchronisation: Georg Thomallas Stimme in "Fanfaren der Liebe" ist auch Jack Lemmons Stimme in "Manche mögen's heiß". Gerd Gemünden bespricht diesen Film in seinem Buch "Filmemacher mit Akzent" (S. 109) unter der Überschrift "Manche mögen's lauwarm". Als Wortspiel mit "heiß" ist die Überschrift gelungen, sie wäre mit "warm" aber wohl misslungen. Die Grundlage beider Filme war Robert Thoerens und Michael Logans Drehbuch für den Film "Fanfare d'amour" (F, 1935), der jedoch als einziger dieser drei Filme nicht verfügbar ist.

Schwule Rezeption: spritzig-genial

Trotz der wenigen schwulen Untertöne wird "Manche mögen's heiß" heute von Schwulen wie ein schwuler Film rezipiert. Das queere Berlin-Magazin "Siegessäule" präsentierte ihn 2016 als TV-Tipp, im schwul-lesbischen Zentrum Würzburg (2016) lief er im selben Jahr zwischen "Brokeback Mountain" und "Another Gay Movie" und als Teil schwuler Geschichte ist er auch im Schwulen Museum präsent. Wer sich mit Mediengeschichte und Homosexualität in den Fünfzigerjahren beschäftigt, wird nicht nur wenige, sondern vor allem nicht so positive und unterhaltsame Beispiele aus dieser Zeit finden.

Vor einigen Jahren schrieb die schwul-lesbische Buchhandlung "Löwenherz" (Wien) über "Manche mögen's heiß", dass dieser Film für 1959 "geradezu mutig" sei und dass "der Regisseur auf spritzig-geniale Weise mit dem Thema Homosexualität und Transvestismus" spiele. Auch das gut formulierte Fazit von "Löwenherz" ist im Zusammenhang mit Homosexualität zu verstehen: "Der Witz in Wilders Filmen entspringt meist dem kecken Rütteln an Moralvorstellungen, dem Auf-den-Kopf-Stellen von unumstößlich erachteten Wahrheiten der gesellschaftlichen Ordnung und gewagten Grenzüberschreitungen. Hinter dem vorgeblichen Schein weicht ein tatsächliches Sein oft fundamental ab."

Als klassischer Hollywoodfilm über Homosexualität ist "Manche mögen's heiß" auch in der Dokumentation "The Celluloid Closet" (USA, 1995, 38:20-39:55 Min.) enthalten und wird hier in Verbindung mit der früheren Homophobie in Hollywood gebracht. Heute haben sich die Zeiten verändert, und die meisten Filme der westlichen Welt greifen Homosexualität offen und positiv auf. Mitte der Neunzierjahre erschien der schwule Spielfilm "Auch Männer mögen's heiß!" (F, 1996, OF: "Pédale douce" = "süße Schwuchtel"), der zwar nicht über den Inhalt, aber über den deutschen Verleihtitel offenbar eine Referenz auf den Wilder-Film darstellt.

Näheres über Billy Wilder – die schwule Ikone

An dieser Stelle gebe ich stark gekürzt und sehr frei übersetzt den Artikel "Billy Wilder. My Gay Icon" (2009) wieder, weil über Wilder hier wohl alles gesagt wird, was es aus schwuler Perspektive zu sagen gibt. Für den Autor ist Wilder von den frühen Hollywood-Regisseuren derjenige, dessen Filme am schwulenfreundlichsten waren, auch weil er mit uns und nicht über uns lacht. Wie in "Ariane – Liebe am Nachmittag" (1957, 2:25-2:30 Min.), wo sich ganz am Anfang zwei Generäle küssen oder in "Eins, zwei, drei" (1961, 50:25-51.05 Min.) mit einer Travestie-Szene, bei der sich MacNamaras Assistent Schlemmer als "Fräulein Ingeborg" verkleidet, um die Kommunisten zu überlisten.


Travestie-Szene in Wilders "Eins, zwei, drei" (1961), der in Ost- und West-Berlin kurz vor dem Mauerbau gedreht wurde

In zwei Fällen hätte Wilder aus dem Drehbuch zwar gerne einen schwulen Film gemacht, konnte sich jedoch nicht durchsetzen: In "Avanti, avanti!" (1971) ist eine kurze Szene geblieben, wo Wendell (Jack Lemmon) im Flugzeug für schwul gehalten wird, in "Frau ohne Gewissen" (1944) die kurze Szene, in der sich die beiden männlichen Protagonisten ihre Liebe gestehen. Bei Wilders "Das verlorene Wochenende" (1944) unterbanden die Zensoren jeden Hinweis auf die Homosexualität des Protagonisten, wie es ihn im zugrundeliegenden gleichnamigen Roman gab. In "Reporter des Satans" (1951) ist Herbie (Robert Arthur) eindeutig in seinen Kumpel Chuck (Kirk Douglas) verknallt, und es wäre im Film auch fast zu einem Kuss gekommen.

In "Stalag 17" (1953, 1:29-1:38:10 Min.) ist der Kriegsgefangene Cookie (Gil Stratton Jr.) in Sergeant Sefton (William Holden) verliebt, und es gibt sogar eine längere Szene, in der alle Soldaten in den Armen eines anderen tanzen und im Hintergrund das Lied "I love you" zu hören ist. Harry Shapiro ist hier als Betty Grable (1916-1973) zu sehen – sie war das beliebteste Pin-up-Girl der Kriegszeit.


"Stalag 17" mit Harry Shapiro als Betty Grable

Dann kommt der (namentlich nicht genannte) Autor auf "Manche mögen's heiß" (1959) zu sprechen. Für ihn ist es faszinierend, wie sich Jerry bis zu dem Moment entwickelt, wo er einen Mann heiraten möchte. Für ihn ist die Homo-Ehe in der Schlussszene für die Fünfzigerjahre etwas Besonderes, auch wenn sie letztendlich nur als ein Scherz behandelt wird.

Wilders bester schwuler Charakter


Der schwule Sherlock Holmes in einem Standbild aus einer nicht mehr vorhandenen Filmszene (Ausschnitt)

Billy Wilders bester schwuler Charakter ist für den Autor jedoch die Titelfigur in "Das Privatleben des Sherlock Holmes" (1970, 19:20-20:40 Min.). Holmes ist hier ein sympathischer Held und sein Coming-out brillant inszeniert. Die ungekürzte (und nicht mehr existente) Fassung mit 195 Minuten soll sich sogar noch deutlicher mit Holmes' Sexualität auseinandergesetzt haben. Eine Szene mit Watson neben Sherlock Holmes in der Badewanne (aus: Glenn Hopp: "Billy Wilder. Sämtliche Filme". S. 159) ist nur noch als Standbild von den Dreharbeiten überliefert.

Für den Autor hat der heterosexuelle Wilder vermutlich aus zwei Gründen häufig queere Themen aufgegriffen. Erstens ist das, was wir "queere Sensibilität" nennen, eine Außenseiter-Sensibilität, die Billy Wilder als Jude teilte. Zweitens faszinierten ihn die Themen Heuchelei und Maskerade, die sich oft bei Schwulen und Lesben wiederfinden, die nicht selten etwas vorgeben müssen, was sie nicht sind. (Auch andere Autoren teilen diese Sicht auf Wilder mit seinem erkennbaren Interesse an Geschichten über falsche Identitäten.) Leider ist in Wilders späteren Filmen auch ein Pessimismus zu spüren, wie in "Extrablatt" (1974) mit boshaften Witzen über Schwule oder in seinem letzten Film "Buddy Buddy" (1981) mit lesbischen Szenen. Aber "Niemand ist perfekt" gilt auch in Bezug auf Wilder.

Näheres über Tony Curtis – "Schnecken und Austern"

Ebenso stark gekürzt und frei übersetzt gebe ich nachfolgend einen Beitrag von Randy Shulman im US-LGBT-Magazins "Metro Weekly" (2002) wieder, der anlässlich des Theaterstückes "Some like it hot" (2002-2003) publiziert wurde und der ein Interview mit Curtis enthält.

Zunächst geht "Metro Weekly" auf den Film "Spartacus" (1960) mit Tony Curtis ein, bei dem eine Badewannenszene zensiert und erst bei der Wiederveröffentlichung des Films 1991 wieder eingefügt wurde. Curtis verkörpert hier den Sklaven Antoninus; sein Sklavenhalter versucht ihn in der Badewanne mit einer Äußerung über Schnecken und Austern (=Bisexualität) zu verführen. Heute ist diese Szene eines der bekanntesten Beispiele für die Zensur schwuler Filmszenen. Danach wird von Curtis auch der homosexuelle Subtext von "Flucht in Ketten" (1958) erwähnt, wo Curtis einen Gefangenen verkörpert, der bei der Flucht mit einem anderen Gefangenen zusammengekettet ist.

Zuerst hat es Curtis gestört, als schwul wahrgenommen zu werden, was er nun mit der völlig anderen Auffassung von Homosexualität in den Fünfzigerjahren erklärte. Später zeigte er eine offene Haltung, auf die auch "Metro Weekly" zu sprechen kommt. Seine Äußerungen zeigen, dass, wie Curtis selbst bemerkte, der Umgang mit Homosexualität besser geworden ist.

Dann kommt das Magazin auf das Theaterstück "Some like it hot" zu sprechen, in dem Curtis mitspielte, im Gegensatz zum Film jedoch nicht als Josephine, sondern als Osgood. Und wenn am Ende des Stückes Jerry seine Perücke abzieht und "Ich bin ein Mann!" sagt, dann ist es nun Curtis, der ihn anschaut, seinen Arm auf seine Schulter legt und sagt: "Niemand ist perfekt." Auch für Curtis ist der Subtext dieser Szene schwulenfreundlich, verweist jedoch auch darauf, wie umstritten er früher in seiner Filmfassung war. Für Curtis blieb "Some like it hot" der wichtigste Film seiner Karriere.

Näheres über Jack Lemmon – "We just friends"

Auch Jack Lemmon hat in seiner Karriere diverse Erfahrungen mit schwulen Szenen in Drehbüchern gemacht. In "Mass Appeal" (1984) verkörperte Lemmon einen Priester, der u.a. einem jungen Homosexuellen zu helfen versucht. Einschneidend waren für Lemmon die Dreharbeiten zu Billy Wilders "Der Glückspilz" (1965), weil er dort Walter Matthau kennen lernte. Beide Schauspieler wurden später zu einem der erfolgreichsten Komiker-Duos der Filmgeschichte.

Die beiden Darsteller, die auch privat eng befreundet waren, traten in elf Filmen gemeinsam auf. Einer dieser Filme ist "Tango gefällig?" (1997), wo sich die beiden Freunde beim Tangotanzen näher kommen und von Außenstehenden für schwul gehalten werden, was sie aber mit einem "No, no, no. […] We just friends" abstreiten. Die US-Fassung verweist mit der feststehenden Redewendung "Don't ask, don't tell" deutlich auf einen schwulen Zusammenhang.

Von dem gemeinsamen Lemmon-Matthau-Film "Ein seltsames Paar" (1968) wurde 30 Jahre später mit dem gleichen Duo unter dem Titel "Immer noch ein seltsames Paar" (1998) ein Remake gedreht. In beiden Filmen geht es um die Freundschaft zweier Hetero-Männer – allerdings als leicht erkennbare Spiegelung des ehelichen Lebens von Mann und Frau. Im Zusammenhang mit dem Film von 1968 verweist die britische Zeitung "The Telegraph" (2001) darauf, dass die beiden Männer nicht homosexuell sind, allerdings auch auf den entsprechenden spürbaren Unterton.


Jack Lemmon und Walter Matthau sind "Immer noch ein seltsames Paar" (1998)

Zum Remake von 1998 schrieb die Berliner Boulevardzeitung "BZ" (2006): "Jack Lemmon und Walter Matthau wären sicher gern schwul gewesen, dann hätten sie geheiratet: Diese beiden Männer gehörten zusammen wie zwei Pinguine (die ja nur einmal richtig lieben)." Am Ende weist der Artikel noch auf einen Umstand ihrer engen privaten Freundschaft hin: "Im Jahre 2000 starb Walter Matthau, elf Monate später war auch Lemmon tot, das ging gar nicht anders."

Bewertungen – ein queeres Feuerwerk

"Manche mögen's heiß" lässt sich unter vielen spannenden Gesichtspunkten bewerten. Manche Besprechungen betonen die Leichtigkeit im Umgang mit Homosexualität, die gerade in Bezug auf die Fünfzigerjahre nicht selbstverständlich ist. Andere, wie der deutsche Regisseur Tom Tykwer, verweisen eher auf Wilders gewagtes Experiment, verschiedene Genres miteinander zu vermischen. Tykwer: "Wahrscheinlich die unverschämteste und zugleich klügste Komödie aller Zeiten. Beginnt als knallharter Gangsterfilm, wandelt sich zur Fummel-Klamotte und kulminiert als revolutionäres Queer-Feuerwerk."

Die US-Homepage "Filmschoolrejects" (2014) berichtet in ihrer Besprechung unter der ironischen Überschrift "Die geheime schwule Agenda von 'Manche mögen's heiß'" davon, wie geschickt der Film mit Konventionen bricht (ohne ein radikaler Film zu sein) und dabei Musik, Schauspielerei, Situationskomödie und soziale Satire miteinander kombiniert.

Für einen Autor auf der Internet-Plattform "Screenprism" (2016) steht dagegen das Hinterfragen von Geschlechterrollen im Vordergrund und wie der Film mit Homosexualität und Männern in Frauenkleidern die binäre Geschlechterordnung hinterfragt. "Manche mögen's heiß" ist übrigens nicht nur populär, sondern auch "jung": Im Musikvideo "Männer sind Schweine" (2:25-2:33) der Band "Die Ärzte" von 1998 ist das Original-Filmzitat "Männer, diese schrecklichen, haarigen Biester…" zu hören, das die Aussage des Musikvideos inhaltlich unterstützt.

Was bleibt


Billy Wilder posthum: "Ich bin ein Autor, aber nicht perfekt" (Bild: Ben Churchill / flickr)

Wilders Film funktioniert auf unterschiedlichen Ebenen und lässt auch Raum für das persönliche Kopfkino. Mit seinem sensiblen und mutigen Film schuf er keine herkömmliche Travestie-Klamotte fußend auf der Moral der Fünfzigerjahre, sondern eher ein zeitloses Werk über Geschlechterrollen, bei dem auch Schwule gut unterhalten werden.

Billy Wilder war der Meinung, dass der berühmte letzte Satz aus "Manche mögen's heiß" auch sein gesamtes Lebenswerk am besten zusammenfasse. Auf seinen Wunsch hin steht deshalb auf seinem Grabstein: "Billy Wilder – I'm a writer but then nobody's perfect."

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#1 LotiAnonym
  • 29.03.2019, 11:22h
  • Gerne schließe ich mich der Aussage Tom Tykwers an. Ich liebe diesen Film und ertappe mich immer wieder dabei ihn mir anzuschauen. Kann mich gar nicht sattsehen.
    Danke übrigens für diesen wundervollen Artikel.
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#2 alter schwedeAnonym
  • 29.03.2019, 13:33h
  • Das ist eine ganz große Nummer. Der Film begleitet mich schon mein ganzes Leben und ist mir obwohl ich ihn schon bestimmt über hundertmal gesehen habe, noch keine Sekunde langweilig geworden.

    Ein Film von dem es hoffentlich niemals ein Remake gibt. (Kann eigentlich auch nur in die Hose gehen, Some like it Hot is perfect).
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#3 TechnikerAnonym
  • 29.03.2019, 16:48h
  • Billy Wilder hatte wohl aus gleich mehreren Gründen ein entspanntes Verhältnis zu Schwulen:

    www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8719447.html

    "Wilder: Ich erinnere mich an einen schwulen Schauspieler, den wir "Hubsi" nannten, Hubert von Meyerinck. Er hat sich selbst dessen nie gerühmt, aber in der Kristallnacht ist er über den Kurfürstendamm gelaufen und hat gerufen: "Wer auch immer unter Ihnen jüdisch ist, folgen Sie mir." Er hat die Leute in seiner Wohnung versteckt. Ja, es hat sie gegeben, die anständigen Menschen, deren Worten man glauben konnte, daß es schwierig war, Widerständler zu werden in jener Zeit. Menschen wie Meyerinck waren herrlich, wunderbar."

    Und, ja: "Manche mögen's heiß" ist ein Klassiker - schade, daß der Meerrettichsatz rausgeflogen ist... ;-)

    Bei allen Anspielungen und Hintersinnigkeiten: Ich denke, Wilder und Diamond wollten einfach eine gute Komödie machen - da spielt man mit Klischees, kratzt an Tabus etc. Ernsthaft über die Ehe für alle machten sie sich wohl damals keine Gedanken...
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#4 LotiAnonym
#5 Patroklos
  • 29.03.2019, 20:07h
  • "Some like it hot" ist Kult und mein Lieblingsfilm der 50er Jahre. Sollte öfter im öffentlich-rechtlichen TV gezeigt werden.
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#6 Gerlinde24Ehemaliges Profil
  • 30.03.2019, 03:50h
  • Billy Wilder, ein Mann, den ich als Filmemacher und Drehbuchautor sehr schätze. Ich fand es immer toll, wie er den Hayes Code ausgehebelt hatte.
    Der Code kam damals zustande, weil Moralaposteln verschiedener Kirchen sich darüber aufregten, dass nackte (weibliche weiße) Haut zu sehen waren, und Homosexualität nicht als Gräuel vor Gott dargestellt wurden. Hollywood reagierte, in dem Drehbücher umgeschrieben wurden. Da wurde aus einem homosexuellen Alkoholiker ein frustrierter Alkoholiker mit Schreibblockade gemacht und Gewalt gegen Homosexuelle wurde zur Gewalt gegen Juden gemacht. Wilder gab nie klein bei, sondern trickste die Moralwächter jedes Mal aus. Dafür liebe ich ihn!
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#7 Gerlinde24Ehemaliges Profil
  • 30.03.2019, 03:53h
  • Antwort auf #2 von alter schwede
  • Stimmt, ein Remake würde schlechter sein! Wilder beherrschte wie kein Zweiter das Timing bei Komödien, wundervoll bei "Eins, zwei, drei" mit James Cagney und Horst Buchholz zu sehen, oder "Das Apartment" mit Jack Lemon.
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#8 LotiAnonym
#9 gatopardo
  • 30.03.2019, 10:59h
  • Antwort auf #3 von Techniker
  • Oh ja, bin in einem Alter, in dem man sich noch an die deutschen Filme der 1950er Jahre erinnert. Hubert von Meyerinck ist mir in sehr grosser Erinnerung, den eine Freundin meiner Mutter auch "Hubsi" nannte und meinte, dieser habe die Homosexualität erfunden, was mich im heranwachsenden Alter doch sehr hellhörig machte. Daher habe ich mir alle Filme angesehen, in denen er mitspielte. Anekdote: Hubsi erzählte im Fernsehen einmal eine Geschichte nach Grete Weisers Tod, mit der er oft vor der Kamera stand. Sie waren auf einer Abschiedsparty eines befreundeten Juden zugegen, der gleich danach in die USA,GB oder die Schweiz emigrierte. Ich erinnere mich nicht mehr genau.
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#10 Ralph
  • 30.03.2019, 11:38h
  • Antwort auf #9 von gatopardo
  • Ja, es gab auch unter den Nazis bekannte und erfolgreiche schwule Schauspieler. Die bedeutendsten waren neben Hubert von Meyerinck wohl O.E. Hasse, Gustaf Gründgens und Boy Gobert. Sie waren allesamt gezwungen, ihr Privatleben im Verborgenen zu halten, um nicht der NS-Justiz zum Opfer zu fallen. Auch nach 1969 fanden sie angesichts der fortbestehenden gesellschaftlichen Ächtung nicht mehr zu einer anderen Einstellung.

    Was "Some like it hot" angeht, konnte ich die Begeisterung, die hier zum Ausdruck gebracht wird, nie teilen. Ich habe diesen Film angesichts der platten Story und der völlig überdrehten Darstellung schon immer für ein Machwerk gehalten, das zur gesellschaftlichen Lächerlichmachung von Schwulen, deren angebliche Effeminisierung dem vermeintlichen Witz zu Grunde liegt, dienen sollte. Nicht umsonst hatte man sich für die Hauptrollen zwei Schauspieler ausgesucht, die in Frauenklamotten besonders unglaubwürdig und offensichtlich "falsch" wirkten. Kein Ruhmesblatt für den von mir sonst sehr geschätzten Herrn Wilder.
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