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Homophobie in den Achtzigerjahren

Als Schwuler "verdächtigt" – und entlassen

In seinem neuen Buch "Die Affäre Kießling. Der größte Skandal der Bundeswehr" erinnert der Historiker Heiner Möllers an die Leidensgeschichte eines alleinstehenden NATO-Generals vor 35 Jahren.


"Die Affäre Kießling" ist Mitte März im Christoph Links Verlag erschienen

Der Skandal, der sich aus der Kießling-Wörner-Affäre 1984 entwickelte, war weit mehr als nur die Leidensgeschichte eines alleinstehenden NATO-Generals, den man zu Unrecht der Homosexualität "verdächtigte", deswegen entließ und dann wieder einstellen musste. Dies arbeitet Heiner Möllers in seinem neuen Buch "Die Affäre Kießling" detailliert heraus.

Vor 35 Jahren entwickelte sich der größte Skandal der deutschen Militärgeschichte in der Nachkriegszeit, denn es ging "um den Kern des Selbstverständnisses der Bundeswehr: den Staatsbürger in Uniform und die viel gepriesene Innere Führung", so der Historiker und Experte für Militärgeschichte. Die poliische Verantwortung trug der damalige Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner (CDU).

Anders als bei manchem Beschaffungsskandal standen der Umgang mit Soldaten und das Menschenbild der Militärs im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Zugleich wurde die Rolle des Militärischen Abschirmdienstes kritisch hinterfragt, der Gerüchten über General Günter Kießling aufsaß und sich mit Falschinformationen blamierte.

Neue Quellen und ungehörte Zeitzeugen

Mit bislang unbekannten Quellen und ungehörten Zeitzeugen hat Möllers erstmals die Hintergründe des damaligen Geschehens umfassend rekonstruiert. Das Buch gibt tiefe Einblicke in die innere Verfasstheit der Bundeswehrführung der Achtzigerjahre und fragt nach dem heutigen Umgang mit Schwulen und Lesben in der Armee.

Im Deutschen Spionagemuseum in Berlin (Leipziger Platz 9) findet am 25. April um 19 Uhr die offizielle Buchpremiere mit Heiner Möllers statt. Queer.de-Redakteur Dennis Klein hatte bereits im Januar an "eine der bizarrsten Affären der Bonner Republik" erinnert. (cw/pm)

Infos zum Buch

Heiner Möllers: Die Affäre Kießling. Der größte Skandal der Bundeswehr. Sachbuch. 368 Seiten. Christoph Links Verlag. Berlin 2019. Hardcover: 25 € (ISBN: 978-3-96289-037-7). Ebook: 14,99 €


#1 alter schwedeAnonym
  • 02.04.2019, 09:02h
  • Der grundsätzliche Skandal ist hier, daß Homosexualität noch zum Skandal gemacht werden konnte und ein Skandalthema war.

    Die ganze tief in den Sechzigern und Siebzigern verwurzelte Hysterie beim Thema Homosexualität offenbart die bodenlose Verlogenheit der damaligen Gesellschaft: - Ich habe ja nichts gegen Schwule aber wenn ICH damit gemeint bin hört der Spaß auf. Zwei meiner besten Freunde sind schwul, aber. . . - Nichts anderes als modisch gefärbter Blümchensex im Fokuhila-Schnitt mit einem klitzekleinen Quentchen Schwul, als exotischem Accessoire.

    Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Rosas Filmtitel ist nichts hinzu zu fügen.
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#2 Ralph
  • 02.04.2019, 10:38h
  • In der Eulenburg-Moltke-Affäre im Kaiserreich glaubten viele Schwule, nun, da die Homosexualität selbst höchster Amtsträger aus der unmittelbaren Nähe des Kaisers offenbar geworden sei, tauge das Thema nicht mehr zur Hexenjagd, so dass schnell eine Liberalisierung einsetzen werde, insbesondere durch rasche Abschaffung des § 175. Das war eine völlige Verkennung der Realität. Die herrschende Klasse stieß Eulenburg und Moltke aus und verhärtete die antischwule Front desto mehr. Die Kießling-Affäre brachte en gleichen Irrtum in die öffentliche und mehr noch in die veröffentlichte Meinung. Ich erinnere mich insbesondere an einen "Spiegel"-Artikel, in dem eine Tolenanzoffensive in der Bundeswehr und eine Beendigung der gesellschaftlichen Verachtung von Schwulen erwartet wurde. Nichts konnte angesichts der gerade zu dieser Zeit wieder verstärkenden Hetze aus Politik und Kirchen, die in den 80ern einen neuen Höhepunkt erreichte und sich durch AIDS noch mehr steigerte falscher sein. Solche "Affären" bewirken immer nur eine weitere Vergiftung des Klimas. Die Kießling-Affäre endete bezeichnenderweise nicht damit, dass die Regierung Homosexualität eines hohen Offiziers für egal erklärte, sondern indem sie den Offizier offiziell wieder heterosexualisierte. Damit war klar: Wäre er wirklich schwul gewesen, wäre auch seine Entlassung in Ordnung gewesen. Den Skandal verortete die Politik nicht im angeblichen Sicherheitsrisiko Homosexualität, sondern darin, dass ein deutscher Minister einem deutschen Offizier zu Unrecht Homosexualität unterstellt hatte. NIcht umsonst wurde damals vielfach eine Parallele zur Fritsch-Affäre gezogen, in der Hitler den Generalstabschef von Fritsch gefeuert hatte, weil der von einem großen Krieg abgeraten hatte. Um die Zustimmung des Offizierskorps dafür zu erlangen, wurde Fritsch Homosexualität unterstellt. Hitlers damaliges Vorgehen war offenkundiges Vorbild für Wörner, bis in die Gerüchteküche und die falschen Zeugen hinein. Wörner wollte Kießling loswerden, weil der nicht uneingeschränkt seiner Meinung war. Die Sympathie der Öffentlichkeit für Kießling speiste sich nicht aus Solidarität gegenüber diskriminierten schwulen Soldaten, sondern aus der Empörung, dass Wörner Kießling nicht wegen inhaltlicher Differenzen zu entlassen gewagt hatte und ihm statt dessen so was Ekliges wie Homosexualität vorwarf. Man war damals schnell dabei, Kießling Sex mit seinem Dienstwagenfahrer zu unterstellen und in Einzelheiten zu schwelgen, wie schwuler Sex aussieht. Ich vergesse nicht den Ausruf des Generals Schmückle: "Äckelhafft!" mit Ä und zwei ff in der Aussprache zur besten Sendezeit im Fernsehen. Das war übrigens auch die Zeit, die 80er Jahre, in der der bayerische Kultusminister Zehetmaier AIDS öffentlich als Quittung für widernatürliches Verhalten proklamierte und Peter Gauweiler zum Kreuzzug blies.
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#3 TechnikerAnonym
  • 02.04.2019, 17:12h
  • Eine Groteske sondergleichen - und wenn der Bimbeskanzler nicht bei Amtsantritt nicht schon mit der "geistig-moralischen Wende" mit dem Mief der 1950er zu drohen: Spätestens mit der Kießling-Affäre hätte man es gewußt.

    Diese Nummer war wirklich der ganz große Griff ins Klo: angefangen vom "Vorwurf" der Homosexualität über die ermittelnden Vollpfosten von MAD und Kripo, den völlig "geräuschlosen" Rauswurf Kießlings drei Monate, bevor er ohnehin im Ruhestand gewesen wäre, bis zu den dubiosen Versuchen, mit Hilfe des windigen Alexander Ziegler noch zu belegen, was nicht zu belegen war.

    Und eigentlich hätte der Manfred von der Bundeswehr nach dieser Peinlichkeitenparade von sich aus zurücktreten müssen, wenn er einen Funken Anstand im Leib gehabt hätte.

    Ich hatte schon zum Artikel im Januar den Link zur genialen Bundestagsrede Joschka Fischers ausgegraben und mache das gern nochmal:

    dipbt.bundestag.de/doc/btp/10/10052.pdf

    (ab S. 3694, rechte Spalte)
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