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Liebe, Vertrauen, Vorurteile

Eine schwule Selbstfindung im südlichen Afrika

Gunther Geltingers Roman "Benzin" ist eine ehrliche und kraftvolle Erzählung über Beziehungsmodelle, die Angst vor Spießigkeit und die noch größere Angst, an der zwanghaften Nicht-Spießigkeit zu scheitern.


Eine Straße in Südafrika (Bild: nairnbairn / flickr)
  • Von Fabian Schäfer
    11. April 2019, 09:57h, noch kein Kommentar

Geltingers Roman ist im Berliner Suhrkamp Verlag erschienen

Die Reise ist lange geplant. Flug nach Südafrika, Mietwagen, Roadtrip. Je näher der Abflug rückt, desto unsicherer sind sich Vinz und Alexander, beide Mitte 40. So nahe wie im Auto auf den staubigen Straßen waren sie sich schon lange nicht mehr, die Beziehung bröckelt. Ihre Herzen "schlagen nicht mehr ausschließlich füreinander, aber doch im gleichen Takt." Unter anderem Schuld daran: Manuel, ein junger Student, in den sich Vinz verguckt hat. Oder richtig verliebt. Es ist unklar, Vinz muss seine Gefühle ordnen.

Gunther Geltinger – nach "Mensch Engel" und "Moor" ist "Benzin" sein dritter Roman – beweist sich als genauer Beobachter, der zwar manchmal etwas eigenwillige Metaphern findet, aber doch gestochen scharfe Bilder erzeugt. Etwa wenn "es bereits so warm war, dass die Erdnussbutter fettige Perlen ausschwitzte" oder die beiden "im unsteten Schatten einer Markise aßen, die im Wind flappte".

Als sie eines Nachts den jungen Simbabwer Unami, der illegal in Südafrika lebt, anfahren, ändert sich für Vinz und Alexander alles. Sie ändern ihre Route, sehen sich konfrontiert mit Vorurteilen, Schuldgefühlen, später auch Eifersucht. Ihr Weißsein ist ihnen bewusst, Vinz wie Alexander reflektieren über ihre Privilegien, über Verpflichtungen, über Moral.

Playlist-Direktlink | Auszug aus dem Roman

Mit Unami wird das Paar zu Brüdern

Das Besondere an "Benzin": Die Sympathien sind nicht klar verteilt. Keiner ist der Gute, keiner der Schlechte. Alle drei Hauptpersonen sind menschlich, haben ihre Widersprüche und einen klaren Charakter – Alexander bleibt dabei flacher als Vinz.

Das Paar nimmt Unami mit, die beiden fahren ihn zu seiner Verlobten, die bereits ein Kind von ihm erwartet. Doch nicht nur das, er wird ihr Reiseleiter für eine geänderte Route, das neue Ziel lautet Viktoriafälle in Unamis Heimat.

Ab sofort buchen die beiden, die sich als Brüder statt als Ehepaar ausgeben, Einzelzimmer. Es soll kein unnötiger Verdacht aufkommen. Die Homophobie schwingt die ganze Zeit mit, später gipfelt sie, und doch ermöglicht Unami es dem Paar – und den Lesenden -, ein ehrliches, authentisches Bild vom südlichen Afrika zu bekommen. Von politischem Aufruhr, Straßensiedlungen, Gewalt und Aids. Fesselnd, teilweise verstörend geschrieben.

Der Versuch, am anderen Ende der Welt zu sich zu finden


Gunther Geltinger im März auf der Leipziger Buchmesse (Bild: Amrei-Marie / wikipedia)

Obwohl Tausende Kilometer entfernt, ist Manuel immer präsent. Die Dating-Apps, "diese Art digitale Volksseele der Schwulen, die von einem Satellitennavigationssystem gesteuert ruhelos um den ganzen Erdball kreist", machen es möglich. Vinz kommt nicht zur Ruhe, checkt Manuels Profil. Hat er die Nachricht schon gelesen, wann war er zuletzt online?

Sein Smartphone wird seine Verbindung nach Europa, ein eigener, machtvoller Körperteil. "Benzin" ist auch ein Roman über Kommunikation in schwulen Beziehungen, wenn Gunther Geltinger beschreibt, dass Vinz und Alexander sich früher, als noch alles gut war, über Grindr geschrieben haben, dass das Essen fertig ist. Aus Spaß natürlich.

Eine Erzählung über Beziehungsmodelle, die Angst vor Spießigkeit und die noch größere Angst, an der zwanghaften Nicht-Spießigkeit zu scheitern. Das ist in ihrer Ehrlichkeit unterhaltsame, unterschwellige Kritik auf den Punkt gebracht, ein Identifikation stiftender Einblick in schwule Subkultur, Lebensart und das, was viele Paare beschäftigt – und damit genau das, was schwule Literatur ausmachen sollte, die mehr sein muss, als bloß schwule Protagonisten zu haben.

Doch mehr noch: "Benzin" erzählt ebenso über das Romanschreiben selbst, der mehr oder weniger erfolgreiche Autor Vinz sucht nach Inspiration und Geschichten, ist bereit, fast alles dafür zu geben, und es scheint, hier verschwimmen die Grenzen zwischen Autor und Protagonist. Über Ungleichbehandlung, Flucht, Rassismus und den Versuch, fernab der Heimat wieder zu sich selbst zu finden. Ein kühner Versuch, und Gunther Geltinger lässt uns daran teilhaben.

Direktlink | Gunter Geltinger spricht über seinen Roman

Infos zum Buch

Gunther Geltinger: Benzin. Roman. 377 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2019. Gebundenes Buch: 24 € (ISBN: 978-3-518-42859-7). Ebook: 20,99 €