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"Giftschrank"
Pädo-Material: Weitere Ermittlungen wegen des Schwulen Museums
Nach Recherchen von queer.de hat die Berliner Polizei ein zweites Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Besitz von Kinderpornografie eingeleitet. Im Archiv des Museums gibt es weitere fragwürdige Bilder.

Im Archiv des Schwulen Museums soll es neben einem verschlossenen "Giftschrank" mit pädosexuellen Materialien auch öffentlich zugängliche Porno-Zeitschriften mit Fotos minderjähriger Jungen geben, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter (Bild: SMU)
- Von Markus Kowalski
13. April 2019, 05:37h 4 Min.
Die Berliner Polizei hat ein weiteres Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem Schwulen Museum wegen des Verdachts auf Besitz von Kinderpornografie eingeleitet. Das bestätigte ein Sprecher am Freitag. Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch Recherchen von queer.de. Konkret geht es um den sogenannten "Giftschrank" des Schwulen Museums.
"Seit Jahrzehnten gibt es eine Sammlung von pädosexuellem Material im Archiv", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, dessen Namen queer.de aus Sicherheitsgründen nicht nennt. Das kinderpornografische Material werde seit Jahrzehnten in dem "Giftschrank" verschlossen gelagert. Nur der Archivleiter habe einen Schlüssel. Seit 1985 seien immer wieder Schenkungen an das Museum gegangen. Dabei sei bedenkliches Material in dem Schrank verstaut worden.
Dass es den Schrank im Archiv gibt, sei unter den Mitarbeiter*innen des Museums "kein großes Geheimnis", sagt er. In Diskussionen im Museums-Vorstand sei immer wieder darüber gesprochen worden, wie man mit dem Material aus diesem Schrank umgehen soll. So wurde überlegt, wie man die pädosexuellen Strömungen der Schwulenbewegung historisch aufarbeiten könne. Mitglieder des Vorstands hätten schon lange ein Interesse daran gehabt, eine Forschungsstelle einzurichten, die die bislang unsortierte Pädo-Sammlung des Museums aufarbeitet, so der Hinweisgeber.
Polizei: Es gibt keine Sondergenehmigung
Neben diesem "Hardcore-Material", das der Öffentlichkeit nicht zugänglich sei, gebe es weitere bedenkliche Archivbestände, die aber weniger eindeutig kinderpornografisch seien. So lagerten im öffentlich zugänglichen Archiv "Pornobücher aus den USA der Sechzigerjahre", so der ehemalige Mitarbeiter. Er habe unverdächtig wirkende Zeitschriften durchgeblättert und Fotos von Jungen gefunden, die nicht volljährig aussähen.
"Da muss man schon genau hinschauen, aber bei manchen Bildern denkt man: Die Jungs sind niemals volljährig", sagt er. Diese Zeitschriften lagerten immer noch dort. Es handele sich um mindestens 20 verschiedene Titel mit jeweils fünf bis 100 Heften. Es könne sein, dass in manchen dieser obskuren Zeitschriften offensichtlich Minderjährige zu sehen sind. "Das zeigt, dass die Zeitschriftenmacher damals nachlässig gehandelt haben."
Im Zuge der Recherchen sprach sowohl der ehemalige Mitarbeiter als auch ein Mitglied des aktuellen Vorstands von einer "Ausnahmegenehmigung", die das Museum für den "Giftschrank" habe. Daher fragte queer.de bei der Pressestelle der Polizei nach, ob diese Genehmigung für den Schrank vorliege. Daraufhin meldete sich eine Polizeibeamtin des Landeskriminalamts bei dem Journalisten. Sie sagte, die zuständige Polizeidienststelle sei durch die Anfrage "gezwungen, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten". Dies bestätigte der Polizeisprecher am Freitag. Die Ermittlungen liefen in Absprache mit der Staatsanwaltschaft. "Eine Sondergenehmigung erteilt die Polizei grundsätzlich nicht", so der Sprecher. Sie liege daher auch im aktuellen Fall nicht vor.
Auf Anfrage bestätigt das Schwule Museum, dass es einen nicht-öffentlichen Schrank im Archiv gibt. "Es gibt einen Sonderbestand, also forschungsrelevantes Material zum Thema Pädosexualität, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wird", so Sprecher Daniel Sander. "Auf dem dort gelagerten Material finden sich aber keine Darstellungen von Kindesmissbrauch."
Museum verlässt sich auf Gutachten
Im Jahr 2010 habe das Museum die Archivbestände bereits von einem Juristen prüfen lassen, sagt Sander. Damals seien keine Darstellungen von Kindesmissbrauch gefunden worden. "Fragwürdige, aber nach damaliger Rechtssprechung legale Inhalte wie etwa Posing-Bilder sind in den Sonderbestand gekommen", so der Sprecher. Zu diesem habe nur die Archivleitung direkten Zugang, geöffnet werden dürfe er nur für wissenschaftliche Zwecke.
Im Herbst 2018 hätten zwei Wissenschaftler*innen im Museumsarchiv recherchiert. Sie forschten für die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Wissenschafter*innen hätten dabei auch den sogenannten Sonderbestand geprüft. Am aufschlussreichsten seien für sie aber die noch unerschlossenen Bestände gewesen. Am Ende hätten sie das Museum auf alle vermutlich strafrechtlich relevanten Materialien aufmerksam gemacht und eine Übergabe an die Polizei empfohlen. Dem sei das Museum, auch unterstützt von einer Rechtsberatung, nachgekommen. "Wir verlassen uns auf die juristischen und wissenschaftlichen Gutachten", sagt Sander.
Fragwürdig ist nun, wieso es nach dieser Übergabe immer noch nicht-öffentliche Bestände in dem Archiv gibt, die "fragwürdige" Inhalte zeigen. Und wieso die öffentlich zugänglichen Kisten mit pornografischen Zeitschriften nicht auf illegale Inhalte hin untersucht wurden.
Der Sprecher bestätigte, dass das Museum in den letzten Jahren die Möglichkeit einer Ausstellung zu den pädosexuellen Strömungen in der Schwulenbewegung diskutiert habe. "Wann und ob sie stattfinden wird, ist aber im Moment noch nicht abzuschätzen", sagt Sander. Zu Anträgen auf Fördermittel für eine solche Ausstellung wollte sich das Museum nicht äußern. Klar sei aber, so Sander, dass das Museum die Forschung zu dem Thema Pädosexualität weiter unterstütze und das Interesse habe, diese Ergebnisse öffentlich zu machen.
In der vergangenen Woche hatte das Museum in einer Pressemitteilung (PDF) darüber informiert, dass es pädosexuelles Material aus dem eigenen Archiv an die Polizei übergeben hat. Insgesamt 38 Kisten mit mutmaßlich strafrechtlich relevantem Material werden nun von der Polizei ausgewertet (queer.de berichtete).















