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Plagiate und Prozesse

Vor 100 Jahren wurde der queere Steegemann-Verlag gegründet

Ab April 1919 publizierte Paul Steegemann schwule Sachliteratur, lesbische Romane und intersexuelle Gedichte. Paul Verlaines schlüpfrige Gedichte verteidigte er sogar bis vor das Reichsgericht.


Der Verleger Paul Steegemann (1894-1956)
  • Von Erwin In het Panhuis
    13. April 2019, 12:23h, 7 Kommentare

Im April 1919 – also vor genau 100 Jahren – gründete Paul Steegemann (1894-1956) in Hannover seinen Steegemann-Verlag. Vor allem in den ersten Jahren erschienen in diesem Verlag spannende Bücher: von Kurt Hillers "§ 175" über Maximiliane Ackers lesbischen Roman "Freundinnen" bis zu Max Sidows intersexuellen Gedichten. Aus heutiger Sicht ist dies ein erstaunlich queeres Verlagsprogramm. Es lohnt sich, einige Bücher und die Geschichten dahinter kurz vorzustellen.

Die Zeitschrift "Agathon"


Zeichnung aus der Zeitschrift "Agathon" (1918, Heft 2/3, S. 65)

Schon bevor Steegemann sich 1919 als Verleger selbstständig machte, unterstützte er die Zeitschrift "Agathon". Sie lässt sich zwar nicht als Schwulenzeitschrift bezeichnen, bot aber zumindest auch einige homoerotische Gedichte und Zeichnungen nackter Männer, wenn auch politische oder gesellschaftliche Äußerungen hier nicht zu finden sind. Sie erschien nur in zwei Heften und auch nur in einer Auflage von 250 (1917, Heft 1) bzw. 280 (1918, Doppelheft 2/3) Exemplaren.

Steegemann beteiligte sich an der Herausgabe von Heft 1, das Heft 2/3 erschien im Verlag von Heinrich Böhme, in dem Steegemann 1918 arbeitete. Für die Liebhaber expressionistischer Lyrik wurde der "Agathon" nachgedruckt und ist heute als Reprint in vielen Bibliotheken vorhanden. Die Deutlichkeit dieser schwulen Lyrik lässt sich anhand der beiden Autoren Carl Maria Weber und Kurt Hiller aufzeigen, die in den nächsten Absätzen noch ausführlich besprochen werden.

Carl Maria Weber und "Der bekränzte Silen"

Der Schriftsteller und Pädagoge Carl Maria Weber (1890-1953) gehörte spätestens seit 1920 zu den Unterstützern der Petition zur Abschaffung des Paragrafen 175. Im "Agathon" schrieb Weber fünf Gedichte unter seinem Namen. Deutlicher sind allerdings die vier homoerotischen Gedichte unter seinem Pseudonym "Olaf": Er schreibt von wilden Küssen, vom Nahen "ungehemmten Begehrens" (II, S. 55) und dass ein verführerischer Knabe "mit lockender Gebärde das blanke Bein" anzieht und dem lyrischen Ich "ein streichelndes Lächeln" zuwirft (II, S. 57). Später distanzierte sich Weber allerdings von seinen "Olaf"-Gedichten und hätte das "Agathon"-Heft daher am liebsten "in den Ofen gesteckt". Nur gegenüber wenigen Freunden bekannte er sich zu seinem Pseudonym "Olaf" – einer von ihnen war Thomas Mann.


Carl Maria Weber (Bild: Archiv der Nyland-Stiftung, Köln)


1919 konnte Weber gleich mehrere Bücher bei Verlagen unterbringen. Dazu gehört sein homoerotisches Gedichtheftchen "Der bekränzte Silen" im Steegemann-Verlag, das unter seinem Pseudonym "Olaf" erschien und auch einige Nachdrucke aus dem "Agathon" enthält. Es wurde mit drei Untertiteln publiziert: Im Innenteil sind es "Verse von einem tröstlichen Ufer", auf dem Umschlag "Verse des antiken Eros" und in der Vorzugsausgabe "Verse des Eros Paidikos". Die Schrift handelt von Glück und Tragik der Jünglingsliebe und ist eine eher schwermütige und zum Teil schwülstige Lyriksammlung.

Curt Moreck und "Die Pole des Eros"

Der später unter dem Pseudonym Curt Moreck bekannte Schriftsteller wurde als Konrad Haemmerling (1888-1957) in Köln geboren. Morecks "Die Pole des Eros" sollte zunächst bei Steegemann herauskommen, erschien dann jedoch 1918 im Böhme-Verlag, wo auch schon der "Agathon" erschienen war. Inhalt: Der Dichter Hanns Wolmerod verliebt sich in Italien in den Schauspieler Oore Oswald. Zu einem Treffen in Venedig kommt es jedoch nicht mehr – Wolmerod wird dort ermordet aufgefunden.


Zeichnung aus "Die Pole des Eros"

Diese Novelle über einen Tod in Venedig wurde von Moreck im Herbst 1912 vollendet, d.h. wenige Monate nach dem Erstdruck von Thomas Manns gleichnamiger Novelle. Die Annahme, dass Moreck hier eine Nachahmung von "Tod in Venedig" anfertigte und von dessen Erfolg profitieren wollte, wird auch durch eine Äußerung von Thomas Mann gestützt, der davon schreibt, dass diese Plagiate "ebenso rasch wieder verschwinden".

Moreck war für den Steegemann-Verlag vor allem als Übersetzer tätig und übersetzte zum Beispiel Petronius Arbiters Romanfragment "Die Abenteuer des Encolp" (1922) – auch bekannt unter dem Originaltitel "Satyricon". Wegen einer anderen Übersetzung Morecks gab es allerdings juristische Auseinandersetzungen – und zwar wegen der Gedichte von Paul Verlaine.

Paul Verlaine mit "Männer" und "Frauen"


Provokanter Titel der französischen Ausgabe von Verlaines "Hombres"

Paul Verlaine (1844-1896) war ein französischer Lyriker und der Liebhaber von Arthur Rimbaud. Seine Werke "Frauen" (1919, 2. Aufl. 1920), "Männer" (1920) und "Freundinnen" (1921) erschienen als Übersetzungen von Curt Moreck im Steegemann-Verlag. Dabei wirft es kein gutes Licht auf Moreck, dass er in "Frauen" vier angeblich unveröffentlichte Gedichte von Verlaine abdruckte, die in Wirklichkeit von ihm selbst stammten – in späteren Auflagen sind sie nicht mehr enthalten.

Bei "Männer" bzw. "Hombres" handelt es sich um homosexuelle Lyrik von Paul Verlaine, die Moreck mit einem recht verschleiernden Vorwort versah. Offiziell erschien der Titel in der Schweiz, um das Buch dem juristischen Zugriff zu entziehen. Moreck verzichtete dabei auf Illustrationen – ganz im Gegenteil zu einer Ausgabe, die ohne deutsche Übersetzung 1920 im Potsdamer Tillgner-Verlag erschien.

Für damalige Verhältnisse sind die Verse recht derb: "Wenn sich sein feister Phallos plötzlich hebt / An meinem Bauch, der vor Erregung bebt" (S. 33). Als Steegemann wegen des in seinem Verlag erschienenen Buches doch in die Kritik geriet, gewann er mit Thomas Mann einen bedeutenden Fürsprecher.

Die Bände "Männer" und "Frauen" wurden beschlagnahmt und Steegemann wurde am 24. November 1921 vom Landgericht Hannover wegen der Verbreitung unzüchtiger Schriften zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt. Das Reichsgericht bestätigte am 19. Juni 1922 das Urteil und betonte dabei, dass sich die "Mehrheit der Volksgenossen" in ihrem moralischen Empfinden nicht nach "der kleinen Minderheit zu richten" brauche. Kurt Tucholsky kritisierte das Urteil, der größte Teil der zeitgenössischen Presse begrüßte es jedoch. Zur hier nur angerissenen Rezeptionsgeschichte empfehle ich den Begleittext von Wolfram Setz in der "Männer"-Ausgabe des Verlags rosa Winkel (1986).

Oscar Wilde mit "Der Priester und der Messnerknabe"

Die homoerotische Erzählung "Der Priester und der Messnerknabe" (1894) ist vermutlich von einem Oxford-Studenten verfasst worden und bis heute wohl nur deshalb bekannt, weil sie Oscar Wilde zugeschrieben wurde und auch in dem Prozess gegen ihn wegen Homosexualität zur Sprache kam. Steegemann hatte den Schriftsteller und Übersetzer Ernst Sander selbst zu einer Übersetzung dieses Werkes angeregt, der diese jedoch anschließend bei einem anderen Verleger ("Der Zweemann", 1919) publizierte.

Steegemann übernahm Sanders Übersetzung fast wörtlich und publizierte sie 1922 in seinem eigenen Verlag. Er wurde angeklagt und im April 1923 wegen dieses Raubdrucks zu einer Geldstrafe verurteilt. Heute wird ausgerechnet (und wohl unwissentlich) dieser Raubdruck des Steegemann-Verlages vom Gutenberg-Projekt im Volltext online angeboten – ohne dabei einen Übersetzer zu nennen. Eigentlich wollte Steegemann von Oscar Wilde 1924 auch noch die "Gesammelten Werke" herausgeben und dabei "Der Priester und der Messnerknabe" ergänzend hinzufügen, er hat diese Idee aber aus nachvollziehbaren Gründen fallen gelassen.

Kurt Hiller mit "§ 175"

Kurt Hiller (1885-1972) hatte sich früh der Homosexuellenbewegung angeschlossen und auch schon in seiner juristischen Dissertation "Das Recht über sich selbst" (1907) Homosexualität behandelt. Im oben genannten "Agathon" ist er mit insgesamt zehn Gedichten vertreten.

Im Zusammenhang mit einem griechischen Jüngling schreibt er: "Meinen Arm will ich über deinen Nacken legen und deine warmen Schultern fühlen" (I, S. 9). Bei einem anderen Jüngling möchte das lyrische Ich auf den "Adern seiner Hand" seine "Fingerspitzen tanzen" lassen (I, S. 11). "Aus unserer Einheit Tiefen spür' ich schlagen […] Wenn Deine Schultern meine Liebe tragen" (II, S. 35).

Aber vor allem Hillers bei Steegemann verlegte Kampfschrift "§ 175: Die Schmach des Jahrhunderts!" (1922) fand weite Verbreitung. Hinsichtlich der Berichterstattung zu Oscar Wildes Verurteilung fragt er provozierend: "Warum kotzt niemand?" (S. 22). Bei anderen Äußerungen denkt man weniger an die Zwanzigerjahre, sondern eher an Rosa von Praunheim. Für Hiller ist nicht der Homosexuelle "krank", sondern die Krankheit hat ihren Ursprung "in den Verhältnissen, unter denen er lebt" (S. 27). Verbal dreht er den Spieß gerne mal um: "Der Homosexuelle hat keinerlei Anlaß sich zu schämen; Grund sich zu schämen haben höchstens die, welche ihm Scham zumuten" (S. 32).

In dieser Schrift fordert er weniger die Gesellschaft, sondern vor allem die Schwulen heraus: "Man muß nicht winseln, man muß protestieren" (S. 29). Zwar sind Hillers Ideen zum Teil reichlich unrealistisch (Massenouting von Schwulen, S. 33; Magnus Hirschfeld als Reichstagsabgeordneter, S. 54), aber in einem Punkt hat er bis heute Recht: Was gestern noch eine Utopie war, kann heute eine gute Idee und morgen schon Realität sein.

Kurt Martens mit "Der Emigrant"

Kurt Martens (1870-1945) gehörte zu den Erstunterzeichnern der Petition zur Legalisierung von Homosexualität und schrieb für den Steegemann-Verlag "Der Emigrant" (1919, 1921), dessen Coverbild von Aubrey Beardsley stammt, der vor allem als Illustrator von Oscar Wildes "Salome" bekannt ist. Die Erzählung beschreibt einige Wochen, die ein verwundeter französischer Emigrant bis zu seiner Genesung bei einem Grafen verbringt, dessen Haus ein Ort friedlicher Zeitlosigkeit und erotischer Freiheiten ist.


Fotografie von Kurt Martens, um 1920

Das Buch wurde von Steegemann selbst mit einer anspielungsreichen Rezension beworben: "Auch ein wenig von der Schwüle der Perversitäten in verschlossenen Gemächern, der erotischen Geheimnisse, der seltsamen Lüste untergehender Zeiten. Martens schreibt für wenige" ("Die Gegenwart").

Mehr als 70 Jahre später wurde das Buch im "lexikon homosexuelle belletristik" (1994) besprochen, wobei eine Szene hervorgehoben wird, in der die Spiegel im Schloss mit dem Narzissmus des Emigranten korrespondierten. Wer diese Erzählung nachlesen möchte, hat es heute leicht: "Der Emigrant" bildet das dritte Kapitel in Kurt Martens' Buch "Drei Novellen von Adeliger Lust" (1909), dass von Gutenberg.de online angeboten wird.

Kurt Münzer mit "Der weiße Knabe"

Mit seinem Romantitel "Der weiße Knabe. Die Geschichte einer seltsamen Liebe" (1921, 1923) spielt Kurt Münzer (1879-1944) auf die Liebe der beiden Künstler Peter Sassen und Pierre Gruet (Künstlername: Raffaelino) an. Für Peters Karriere ist ein Gemälde von ihm ausschlaggebend, das Pierre als einen weißen Knaben zeigt. Bevor es jedoch zu einer tieferen Beziehung der beiden kommt, stirbt Pierre bzw. Raffaelino.

Als Künstlergeschichte über eine nicht ausgelebte homoerotische Sehnsucht hat die Geschichte wie auch schon Curt Morecks "Die Pole des Eros" gewisse Parallelen zu Thomas Manns "Tod in Venedig", weist aber auch ausreichend eigenständige Handlungsstränge auf. Der Roman wurde in den schwulen Periodika wie den "Mitteilungen des WHK" (1926, Heft 1, S. 4) wohlwollend besprochen. Im "Eigenen" allerdings mit dem spannenden Hinweis, dass Eros dem Autor nicht "den Griffel geführt" habe ("GdE", 1923/13, S. 13), womit dem Autor wohl indirekt seine Homosexualität abgesprochen werden sollte.

Diese schwule Liebesgeschichte lässt sich auch als Geschichte über Freundschaft lesen. Die genaue Einordnung fällt leichter, wenn Kurt Münzers Freundschaften zu anderen Homo- bzw. Bisexuellen wie Karl Feigl und Erich Mühsam berücksichtigt werden. Steegemann hatte 1921 einen Roman von Kurt Münzer mit dem Titel "Raffaelino" angekündigt. Dabei handelt es sich offensichtlich um denselben Roman, dessen Titel vermutlich kurzfristig abgeändert wurde.

Max Sidow mit "Hermaphrodit"

Von dem Schriftsteller Max Sidow (1897-1965) erschien bei Steegemann "Hermaphrodit. Symphonische Dichtung" (1920). Mit diesen Texten versuchte Sidow, eine intersexuelle Sicht auf die Welt in Form von Dichtung (ohne Versmaß) zu erfassen. Inhaltlich kreist seine Dichtung um die "Doppelheit" der Geschlechter und die herbeigesehnte Auflösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen der Außen- und Innenwelt.


Ausschnitt aus dem Cover von Max Sidows "Hermaphrodit. Symphonische Dichtung" (1920)

Dieser Dichtung wird man wohl am ehesten gerecht, wenn man einige Zeilen zitiert: "Weib in des Mannes Hülle und Gestalt, Schale des Weibes um des Mannes Kern!" (S. 13). "Es wird die Einheit sich aus mir gebären, aus Zeugen und Empfangen, Weib und Mann. In diesem einen, das tief in mir wird, pulst Blutschlag meiner Zweiheit auf und nieder" (S. 19). "Da rangen beide Kräfte miteinander in einer Brust, bald wild und schwächer bald" (S. 24).

Maximiliane Ackers mit "Freundinnen"

Der Roman "Freundinnen. Ein Roman unter Frauen" (1923) von Maximiliane Ackers (1896-1982) beschreibt die Liebesbeziehung zwischen Erika und Ruth und greift dabei auch Fragen nach Geschlecht und Geschlechterrollen auf. "Warum ist man gezwungen, entweder ein Bub oder ein Mädel zu sein?" Was bedeutet "Männlichkeit" für eine Lesbe, die auch gut den wilden Puck in Shakespeares "Sommernachtstraum" hätte verkörpern können? Es kling modern, wenn sie wegen ihrer "Nuance" berufliche Probleme bekommt und mutig entgegnet: "Ich bin, wie ich bin."

Ein Kapitel beschreibt den Besuch in einem Lesbenlokal und gewährt damit einen seltenen Einblick in die lesbische Subkultur der Zwanzigerjahre (S. 115-125). Hier tanzen Frauen mit ihren Freundinnen, die "Muttis mit den Vatis". Der Laden ist "herzlich derb, aber – nicht schlecht" und "sicher".

Dieser Roman scheint einen Nerv getroffen zu haben, denn er erschien in mehreren Auflagen (1923, 1924, 1928, 1928) und einer Gesamtauflage von mehr als 10.000 Exemplaren. Eine für 1932 geplante Neuauflage kam aufgrund der politischen Verhältnisse nicht mehr zustande. Unter den Nationalsozialisten wurde das Buch 1934 beschlagnahmt. Alfred Rosenberg erwähnte es in seiner Schmähschrift "Der Sumpf. Querschnitte durch das 'Geistes'-Leben der November-Demokratie" (1930, S. 142).

"Bücher der Freundschaft", die nicht mehr erschienen

Steegemann kündigte diverse Titel an, die er jedoch nicht mehr realisierte und die heute zumindest noch gut seine Interessen widerspiegeln können. Einige dieser Bücher wurden als "Bücher der Freundschaft" angekündigt, was sich heute wohl als "gay interest" interpretieren lässt.

Hier werden Werke genannt, die sich "in Vorbereitung" befanden, aber nie erschienen: Platons "Symposion", August Graf von Platens "Gedichte an Freunde" und "Der neue Agathon. Eine Anthologie". Im Bereich der Belletristik war auch die Übersetzung des russischen Romans "Krilya" ("Flügel", 1906) von Michail Kusmin geplant. Ebenso weitere Lyrikbände.

Von Walt Whitman, einem der Begründer der modernen amerikanischen Dichtung, wollte Steegemann seine Werke "Grasblätter" (1921, heute besser bekannt als "Grashalme") und "Calamus" (1924) herausgeben.
Auch um Hans Siemsens Buch "Verbotene Liebe" bemühte sich Steegemann, es erschien dann jedoch im Berliner Verlag Die Schmiede 1927. Das Cover dieses Buches ist sehr deutlich: Es geht um die "erschütternden Briefe eines Homosexuellen" als "Anklage gegen den § 175". Das Nachwort von Siemsen (S. 56-79) mit seiner Polemik gegen den § 175 und seinem Kommentar über die "Schwulen" und die "Tanten" (=Tunten) ist immer noch lesenswert.

Für den Sachbuchbereich wurden 1922 die "Lebenserinnerungen" von Magnus Hirschfeld angekündigt. Dabei könnte es sich um die autobiografischen Texte handeln, die Hirschfeld in der Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" (53 Folgen, 1922/23) publizierte. Diese Texte erschienen Jahrzehnte später unter dem Titel "Von einst bis jetzt. Geschichte einer homosexuellen Bewegung 1897-1922" (1986) im Verlag rosa Winkel.

Die letzten Jahre des Verlags

Schwule und lesbische Literatur erschien bei Steegemann nur bis 1924 – von Ackers "Freundinnen" von 1928 einmal abgesehen. Nach der Machtübernahme der NSDAP erschienen bei Steegemann ab 1933 auch nationalsozialistische Parteireden von Adolf Hitler und Hermann Göring. Vermutlich hoffte Steegemann, damit seinen Verlag vor den Nazis zu schützen.

Für seine politische Einstellung ist wohl eher aussagekräftig, dass er gemeinsam mit Hans Reimann 1931 die Hitler-Parodie "Mein Krampf" verlegen wollte. Im Jahre 1935 wurde Steegemanns Verlag liquidiert und er selbst bekam Berufsverbot. Einige seiner Bücher fielen den Bücherverbrennungen zum Opfer und wurden, wie Martens' "Der Emigrant" und Sidows "Hermaphrodit", verboten. 1949 erhielt Steegemann zwar wieder eine Verlagslizenz, er war als Verleger jedoch nicht mehr erfolgreich.

Von Büchern, Geschichten und Netzwerken

Von Kurt Hiller und Paul Verlaine einmal abgesehen, sind die anderen Autoren und Titel heute so gut wie vergessen. Die Titel stellten zwar einen wichtigen Anfang dar, Steegemann hätte aber als Verleger vermutlich nur in einer anderen politischen Epoche sein Potenzial entfalten können.

Was bleibt, sind einige Bücher und einige spannende Geschichten von Plagiaten und Prozessen. Spannend sind auch die persönlichen Verbindungen der Schriftsteller, die sich jedoch nur bei den "Agathon"-Autoren Carl Maria Weber, Kurt Hiller und Curt Moreck ansatzweise aufzeigen lassen. Weber war seit 1914 mit Hiller befreundet, der ihm vermutlich auch zu einer Lehrerstelle in der Schule von Gustav Wyneken verhalf. Darüber hinaus war Weber mit Thomas Mann befreundet, mit dem er sich auch ausführlich über seine Homosexualität austauschen konnte. Thomas Mann wiederum setzte sich engagiert für Morecks Verlaine-Übersetzungen ein.

Der Mann hinter den Büchern

Über Paul Steegemann ist bisher leider nur wenig bekannt. Er war mehrfach verheiratet und Vater einer Tochter. Den Satiriker und Autor seines Verlags Hans Reimann hat er einmal mit "Geliebter" angeredet. Gegenüber seinem Verleger-Kollegen Hans von Weber (1872-1924) betonte Steegemann, dass er "das Fehlen homosexuellen Schrifttums als eine Lücke in der Weltliteratur empfinde" und er sich eifrig bemühe "diese Lücke auszufüllen."

Wegen dieser Äußerung hielt Weber ihn für homosexuell, womit er wohl nicht der Einzige war. Die Autorin Thea Sternheim hat Steegemann als einen "blonden Oscar Wilde" bezeichnet, was eine literarische oder auch homosexuelle Anspielung sein kann.

Eigentlich müsste man mal für ein paar Tage zum Deutschen Literaturarchiv in Marbach fahren. Dort liegt in 15 Archivkästen der Teilnachlass von Steegemann, der immer noch darauf wartet, erschlossen zu werden. Ein Nachlass, der bestimmt noch die eine oder andere Überraschung über einen mutigen Verleger der frühen Weimarer Republik bereithält.



#1 Patroklos
  • 13.04.2019, 23:06h
  • Ein wunderbarer Blick auf die Literaturgeschichte Deutschlands und bitte mehr davon!
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#2 FelixAnonym
  • 14.04.2019, 10:42h
  • Schade, dass so viele der damaligen Autoren und Werke in Vergessenheit geraten sind.

    Auch das ist ein Stück deutscher Literaturgeschichte und deutscher Geschichte.

    Findet sich denn kein Verlag, der diese Werke nachdrucken würde?!
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#3 MondrianAnonym
  • 14.04.2019, 11:39h
  • Ich habe wohl annähernd alle Bücher Kurt Münzers gelesen und darin keinerlei Hnweise gefunden, da er einseitig schwul gewesen sein könnte. Münzer hat in seinen Büchern allerdings durchgängig Individualitäten jenseits "normaler" Sozialität ausgelotet; zweifellos stand er der gesellschaftlichen Normalität als außenseiter gegenüber. - Mich ärgert dieser vor allem duch die Wikipedia verbreiteten platten Hinweis auf seine angebliche Homosexualität, weil er Münzers in den Büchern deutlich werdende Lebenskonzeption - jenseits der Schubladen! - nicht gerecht wird. Also: Kurt Münzer paßt sehr gut zm heutigen Verständnis von QUEER, aber nicht zur konventionellen Totschlagkategorie der Homosexualität. (Und "Eine seltsame Liebe" ist meines Erachtens eines seiner schwächsten Werke.)
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#4 GerritAnonym
  • 14.04.2019, 11:46h
  • Jeder Verlag, der verschwindet und jedes Buch, das nicht mehr verlegt wird, sind ein Verlust an kultureller Vielfalt.

    Sehr schade.

    Ich hoffe, dass die Bücher wenigstens noch in manchen Bibliothenen oder vielleicht noch dem ein oder anderen Antiquariat zugänglich sind.

    Und vielleicht findet sich ja doch noch ein Verlag, der das ein oder andere Buch aus dem damaligen Verlagsprogramm doch nochmal neu verlegt. Vielleicht noch mit einem Vorwort zur Geschichte des Buches und dem damaligen Steegemann-Verlag. So dass auch dieser Teil der Geschichte nicht verloren geht und vielleicht wieder neu in Erinnerung gerufen wird.
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#5 sagitAnonym
  • 14.04.2019, 23:09h
  • Ein wenig verwunderlich ist es ja schon, wie hier die "Verse des Eros Paidikos" oder "Der Priester und der Messnerknabe" als homosexuelle Literatur idealisiert werden, im direkten Artikel drunter dann aber Irritation darüber herscht, dass im Archiv des Schwulen Museums Missbrauchsmedien gefunden wurden. Ist es denn so verwunderlich, dass nicht alle Menschen "literarisch sublimieren"? Und warum sind Verse des Eros Paidikos schwul, gleiches als Bild aber Pädo und 0% schwul?
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#6 zundermxeAnonym
  • 15.04.2019, 00:10h
  • Jo, vielen Dank für den Artikel.
    Als weniger gebildeter Alltagshomo ein passender Anstoß mal wieder etwas mehr zu schmökern.
    Gerne mehr!
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#7 Ralph
  • 15.04.2019, 16:44h
  • Auch von mir herzlichen Dank für diesen interessanten Artikel. - Die von Herrn Steegemann beklagte Lücke besteht heute noch, ja sogar wieder, denn viele Bücher, die in den 70ern und 80ern in Deutschland publiziert wurden, sind heute vergriffen, werden nicht neu aufgelegt und sind bestenfalls noch antiquarisch zu erhalten, darunter Klassiker der schwulen Literatur. In Bezug auf manche deutsche und ins Deutsche übersetzte amerikanische Bücher darf ich meine eigene, recht gut sortierte schwule Bibliothek, die ich seit den frühen 80ern aufgebaut habe, schon als Archiv von verlorenen Zeitdokumenten und vergessenen Autoren ansehen.
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