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Wegen zunehmender Kriminalität

"Gewaltproblem" in Neukölln: Queerbeauftragte soll helfen

In dem Berliner Stadtteil soll eine Queerbeauftragte gegen Hasskriminalität vorgehen. Die Bezirksverordnete Ursula Künning (Grüne) erzählt im Interview mit queer.de, wie man Übergriffe auf LGBTI verhindern kann.


Im Berliner Bezirk Neukölln gibt es immer wieder Übergriffe auf LGBTI (Bild: Alper Çuğun / flickr)

Am Mittwoch hat die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Neukölln beschlossen, sich beim Senat für eine Queerbeauftragte stark zu machen. In Tempelhof-Schöneberg gibt es seit vergangenem Jahr eine ähnliche Stelle. In Neukölln hatte sich die Grünen-Kommunalpolitikerin Ursula Künning monatelang für den Antrag eingesetzt.


Ursula Künning (Bild: privat)

Frau Künning, wieso braucht es eine Queerbeauftragte für Neukölln?

Als ich den Antrag im Frühjahr letzten Jahres gestellt habe, hatte die Gewalt gegen queere Menschen in Neukölln seit Monaten sehr zugenommen. Da gab es etliche Beschimpfungen und körperliche Übergriffe auf den Straßen Neuköllns. Es fanden Gegendemos statt. Da kam auch die Idee für eine Stelle, die sich koordinierend um queere Menschen im Bezirk kümmert.

Was kann man gegen die Hasskriminalität tun?

Es existieren furchtbare Vorurteile gegenüber Lesben, Schwule, trans und inter Personen und allen, die sich nicht einordnen wollen in heteronormative Vorstellungen davon, wie ein "richtiger Mann" und eine "richtige Frau" auszusehen haben und welche Funktionen er/sie jeweils im Privaten und in der Gesellschaft einnehmen sollten. Deswegen brauchen wir in erster Linie Aufklärung für alle Altersgruppen, das sollte also nicht nur Schule und Jugendarbeit betreffen. Diskriminierung erleben Betroffene nach wie vor auch am Arbeitsplatz. Ältere oder beeinträchtigte Personen erleben dies im Pflegeheim oder in Wohnstätten. Auch bei der Polizei ist nach wie vor Schulungsbedarf, denn die Dunkelziffer im Anzeigeverhalten ist nach wie vor sehr hoch. Viele von Gewalt Betroffene gehen nicht zur Polizei, da sie befürchten, hier weitere Diskriminierung zu erleben.

Was kann man also tun?

Da ist viel zu tun von Bildungsarbeit durch beispielsweise Workshops oder Interventionen auf der strukturellen Ebene von Institutionen. Das kann die Entwicklung von demokratischen, diversitätssensiblen Leitbildern für Verwaltungen und Betriebe bedeuten. Und es braucht mehr Verständnis dafür, dass wir es hier nicht mit einem sogenannten "Minderheitenthema" zu tun haben. Homo- und Transfeindlichkeit geht uns alle an, und letztlich wird unsere Demokratie eingeschränkt, wenn wir diesem Hass und der Gewalt nichts entgegensetzen.



Was werden die Aufgaben einer solchen Queerbeauftragten sein?

Es geht um Sensibilisierung und Aufklärung, aber auch um Vernetzung der Community und um Monitoring von Straftaten. Das Gewaltproblem hat viel mit Vorurteilen und Diskriminierung zu tun. Es geht aber auch um eine Reflektion der Ursachen. Warum meinen in vielen Fällen heterosexuelle Männer, dass ihre Gewalt gegen LGBTI legitim sei, sie dazu ein Recht hätten? Das hat viel mit traditionellen, bürgerlichen Männlichkeitsvorstellungen zu tun. Da geht es um Reflektion und Diskussion. Also da braucht es Aufklärung an den Schulen. Das kann die Queerbeauftragte nicht alles selbst machen. Aber sie kann Kontakte zu Schulen, Kirchen oder Moscheen knüpfen, zur Polizei und zu den Clubs. Die Queerbeauftragte sollte eine Person sein, die sich in der Szene auskennt und bei der die Fäden zusammenlaufen können.


Mit dem SchwuZ gibt es in Neukölln eine queere Berliner Szene-Institution (Bild: Guido Woller)

Aber wieso braucht es dann extra eine Beauftragte?

Ich glaube, dass so eine Stelle einen hohen Mehrwert haben wird. Neukölln ist ein Bezirk, der von sozialen Schwierigkeiten und vom Zuzug von Menschen aus anderen Bezirken und von außerhalb geprägt ist, auch von queeren Menschen. Die machen nicht nur alle Party. Manche studieren, arbeiten oder gründen Familien. Die Kinder dieser Familien gehen in Kitas. Es wäre schon, wenn nicht nur die queeren Party-Menschen eine Anlaufstelle haben, sondern alle. So könnten Familien bei der Beauftragten fragen: In welche Kita kann ich mein Kind bringen? Oder: Mein Mann oder meine Frau wurde blöd angemacht, an wen kann ich mich wenden? Ich glaube, dass da viel möglich ist.

Aber so eine Person gibt es auch schon bei der Berliner Polizei, mit dem Ansprechpartner für LGBTI.

Ja, aber es ist schon ein Unterschied, ob man sich an die Polizei wendet oder an eine zivile Person. Zur Polizei gehen Menschen, wenn sie jemanden anzeigen wollen. Aber es geht manchmal auch um eine reine Beratung.

Wie kann die Beauftragte genau die Personen erreichen, die noch aufgeklärt werden müssen?

Die oder der Queerbeauftragte kann in Jugendclubs, in Schulen, Verwaltungen, in Altersheime und Betriebe gehen. Oder in Moscheegemeinden und in orthodoxe Kirchengemeinden, wo noch kulturelle Vorurteile herrschen und wo es Berührungsängste gibt. Letztlich geht es im Zuge von Aufklärung darum, Begegnungen zu schaffen. Wenn die Bereitschaft da ist, können queere Menschen in Räume gehen, die bislang weniger offen für sie waren.

Bevor Ihr Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen wurde, gab es monatelange Verhandlungen. Wieso?

Ich hatte zuerst beantragt, dass das Bezirksamt Neukölln die Stelle einrichtet und diese aus den Mitteln des Bezirks bezahlt. Das ist aber gar nicht möglich, das Geld hat Neukölln nicht. Es gibt aber einen Investitionsfonds vom Berliner Senat, mit dem solche Stellen finanziert werden können. Deswegen habe ich den Antrag entsprechend geändert. Dann ging er in den Haushaltsausschuss. Und da haben die Vertreter*innen der AfD, CDU und FDP nicht geschrien "Hurra, wir wollen eine Queerbeauftragte". Da gab es viel Diskussion. Mit den Stimmen der Grünen und der SPD konnte dann der Antrag im Ausschuss beschlossen werden.



#1 goddamn liberalAnonym
  • 14.04.2019, 08:42h
  • "Oder in Moscheegemeinden und in orthodoxe Kirchengemeinden, wo noch kulturelle Vorurteile herrschen und wo es Berührungsängste gibt."

    Oh, da passt aber auf, dass es keinen Aufschrei aus angeblich queeren Kreisen über den 'Rassismus' von 'homonationalistischen' schwulen weißen Cis-Männern gibt, der solche Aktionen in Neukölln erst veranlasst.

    In deren Fantasiewelt sind die heterosexuellen weißen Cis-Männer, die die Moscheen und orthodoxen Kirchengemeinden dominieren, nämlich irgendwie 'people of color'.

    Und da herrscht dann strengstes Kritikverbot.

    Ist natürlich alles weltfremder Mittelschichtquatsch, der z. B. lesbische und schwule Gastarbeiterenkel*innen aus Neukölln nicht von Selbstmordgedanken abhält.

    Aber der Quatsch verkauft sich gut.
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#2 NickAnonym
#3 FelixAnonym
  • 14.04.2019, 10:39h
  • Ich stimme absolut zu, dass dringend mehr Aufklärung und Bildung nötig ist.

    LGBTI-Aufklärung muss in allen Schulen (jeweils altersgerecht für die jeweilige Stufe) verpflichtend sein. Auch wenn irgendwelche Fanatiker was von angeblicher "Frühsexualisierung" faseln, so hat es nichts mit Sexualisierung zu tun, wenn bereits Grundschüler lernen, dass manche Kinder eben 2 Mamas oder 2 Papas haben.

    Und in den weiterführenden Schulen geht es dann auch um Themen wie gleichgeschlechtliche Sexualität (im Sexualkundeunterricht, wo ja auch Heterosexualität thematisiert wird). Oder um LGBTI-Verfolgung und -Diskriminierung im Geschichtsunterricht, in Erdkunde, Sozialkunde, Politik. Und man kann auch in den Sprachen auch mal eine Lektüre lesen, wo es um gleichgeschlechtliche Liebe geht.

    Das alles wäre schon viel wert. Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
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#4 Ith_Anonym
  • 14.04.2019, 10:51h
  • Hm, als Nicht-Neuköllner* hatte ich aus Medienberichten eigentlich immer so den Eindruck, dass homophobe Gewalt und Ressentiments da in relevantem Ausmaß mit Migrationshintergründen zusammenhingen, und mit Affinität zu Kulturen, in denen es zum guten Recht und Anstand gehört, Homosexualität zu bestrafen, durch Haft, Folter oder auch mal Hinrichtung.

    Logischer hätte ich es, basierend auf diesem Eindruck, demnach gefunden, sofern man da denn was erreichen wollte, wenn die Person, die daran Verbesserungen vornehmen soll, idealerweise selbst einen entsprechenden Migrationshintergrund, aka themenrelevante Ahnung, mitbrächte, und/oder auf Erfahrungen in der Arbeit mit betreffenden kulturellen Hintergründen verweisen könnte, und in einem Interview zum Thema auch besprechen würde.

    Aber naja, ich wohn da ja nicht. Wenn mein oben angesprochener Eindruck zuträfe, hätte irgendetwas davon sich vermutlich in einer der Fragen widergespiegelt. Und als Beauftragte mit klarer Vorstellung davon, was ihr Job ist, wäre Frau Künning sicherlich auch selbst darauf zu sprechen gekommen, wenn das Thema bedeutsam wäre.
    Auch mal schön, auf diese Weise überraschend festzustellen, dass ein Eindruck aus der Ferne trügt.

    Wieso eigentlich insbesondere Neukölln und nicht auch der Rest der Stadt? Hat's in anderen Teilen von Berlin keine KiTas?
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#5 Svetlana LAnonym
  • 14.04.2019, 11:09h
  • Antwort auf #4 von Ith_
  • Frau Künning ist nicht die Beauftragte selbst, sondern Mitglied der dortigen Bezirksverordnetenversammlung. Soweit ich weiß, hat sie die Idee "nur" ins Rollen gebracht. Und die kann ich nur begrüßen!
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#6 JanekAnonym
  • 14.04.2019, 11:11h
  • Antwort auf #1 von goddamn liberal
  • Zumal "kulturelle Vorurteile" und "Berührungsängste" sehr euphemistisch sind, wenn es oft um das blanke Predigen von purem Hass geht.

    Bei Fanatismus hilft auch kein Dialog - das ist das Wesen von Fanatismus, dass er sich in ein gefestigtes, isoliertes Weltbild zurückgezogen hat und keinen Widerspruch duldet und erst gar nicht mehr wahrnimmt.

    Wenn irgendwo Hass geschürt wird - egal wie die Einrichtung sich nennt und egal hinter welcher Religion sie sich versteckt - dann muss diese Einrichtung geschlossen werden und die Hassprediger müssen bestraft werden. Punkt. Solange dies nicht geschieht, fördert man Parallelgesellschaften (übrigens auch katholische, evangelikale Parallelgesellschaften) und solange wird es auch Diskriminierung, Mobbing und Gewalt gegen LGBTI geben.

    Wer diese Probleme nicht an der Wurzel bekämpft, braucht dann auch nicht scheinheilig von "Workshops" & Co zu phantasieren, womit man diese Zielgruppen garantiert nicht bekommt.
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#7 JanekAnonym
  • 14.04.2019, 11:16h
  • Antwort auf #2 von Nick
  • Ja, das frage ich mich auch. Wieso ist dort immer nur von einer Queerbeauftragten die Rede? Dieselben Leute, die gerne von "gendergerechter" Sprache reden, haben selbst kein Problem damit, nur gezielt ein Geschlecht zu nennen.

    Zumal das generische Maskulinum bereits gendergerecht ist, weil grammatisches Geschlecht eben nichts mit biologischem, psychischem oder sozialem Geschlecht zu tun hat. (Oder gibt es z.B. nur weibliche Geiseln (die Geisel) oder weibliche Personen (die Person)?) Grammatisch gesehen ist die männliche Form die unmarkierte Form, die nichts über das Geschlecht aussagt, während die weibliche Form die markierte Form ist, womit man sich nur auf Frauen bezieht.
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#8 JanekAnonym
  • 14.04.2019, 11:23h
  • Antwort auf #4 von Ith_
  • Homophobes Mobbing und homophobe Gewalt gibt es auch von Deutschen ohne Migrationshintergrund.

    Dennoch muss man auch gestehen, dass in Stadtteilen mit besonders hohem Migranten-Anteil auch die Gewaltbereitschaft (nicht nur gegen LGBTI, sondern z.B. auch gegen Juden) überdurchschnittlich hoch ist.

    Das ist die direkte Folge eines falsch verstandenen "Multikulti" und einer typisch deutschen Angst, bei Kritik an Migranten gleich als Rassist zu gelten.

    Dabei ist es doch so, dass die überwiegende Mehrzahl der Migranten keinerlei Probleme macht. Und wenn man die wenigen faulen Eier, die auch allen anderen Migranten schaden, offen benennt, dann nützt das gerade auch der friedlichen Mehrheit der Migranten.
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#9 GerritAnonym
  • 14.04.2019, 11:37h
  • Antwort auf #3 von Felix
  • Aufklärung und Förderung von Vielfalt ist bei Kindern und Jugendlichen sogar noch viel fruchtbarer als bei Erwachsenen.

    1. Da es bei Erwachsenen nicht so eine zentrale, verpflichtende Einrichtung wie Schule gibt, erreicht man sie viel schwerer und gerade die, die es am meisten betrifft oft überhaupt nicht.

    2. Erwachsene haben ab einem gewissen Alter oft ein gefestigstes Weltbild, wo man nur schwer Dinge ändern kann. Wie Du schon sagst: Was Hänschen nicht lernt...

    3. Wenn man bereits die Jugendlichen zu weltoffenen, toleranten Menschen erzieht, werden sie das in aller Regel auch als Erwachsene sein. Dann braucht man da keine Fehler mehr zu korrigieren.

    Natürlich ist es auch schön, wenn man auch Erwachsene irgendwie erreichen kann. Dies geschieht dann aber vor allem durch die Medien, denen der Staat glücklicherweise nichts vorschreiben darf. Da sind dann auch die Medien gefordert, sowohl im fiktionalen als auch im nicht-fiktionalen Bereich noch mehr LGBTI-Themen zu bringen und das ganz selbstverständlich (mal als Hauptthema, mal als Nebenthema) einzubauen.
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#10 Julian SAnonym
  • 14.04.2019, 12:03h
  • Ich möchte keineswegs die Bedeutung von Bildung verneinen. Das ist ohne Zweifel extrem wichtig.

    Aber bitte nicht vergessen, dass es auch andere wichtige Punkte gibt.

    Wir brauchen z.B. auch endlich volle rechtliche Gleichstellung ohne Wenn und Aber in allen Bereichen.

    Das geht ganz zentral bei Art. 3 GG los und geht von Korrektur des Abstammungsrechts und des AGG bis hin zu Reformen der rechtlichen Lage Trans- und Intersexueller.

    Auch das ist elementar wichtig. Natürlich ist es nicht so, dass ein homophober Schläger sagen würde "Oh, die sind in Art. 3 GG erwähnt, die lasse ich jetzt in Ruhe."

    Aber auch wenn die gesellschaftlichen Folgen nicht so direkt und unmittelbar sind, so sind sie indirekt dafür umso stärker.

    Wenn der Staat signalisiert, dass LGBTI vollkommen und zu 100% gleichberechtigt sind, dann ist das ein Signal, das langfristig Auswirkungen auf die gesellschaftliche Stimmung hat, die solche Taten erst begünstigen. Das sieht man immer wieder in zahlreichen Ländern.

    Oder mal ganz platt formuliert:
    wie will man erwarten, dass eine Gesellschaft LGBTI vollkommen akzeptiert, wenn es nicht mal der Staat tut?!

    Deshalb ist neben mehr Bildung auch die volle rechtliche Gleichstellung (Inkl. Art. 3 GG) unverzichtbar.
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