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Sachbuch

Als die linken Aktivisten heimlich auf die Klappe gingen

In seinem Buch "Schwule Emanzipation und ihre Konflikte" erzählt Patrick Henze die Geschichte des Beginns der westdeutschen Schwulenbewegung – mit einigen Lücken.


HAW-Pfingstdemo am 9. Juni 1973 (Bild: Rüdiger Trautsch)

Patrick Henze liefert mit 420 Seiten ein sehr wichtiges Buch zur westdeutschen Schwulenbewegung. Mit seiner Forschung und den zahlreichen qualitativen Interviews mit den heute zum Teil sehr betagten Aktivisten hat er grundlegende wie spannende Zeugnisse gesammelt und für alle zugänglich gemacht.

Henze beginnt in der vorliegenden Doktorarbeit mit einem langen theoretischen Vorlauf. Er versteht seinen Zugang zum Thema als "psychoanalytische Metapsychologie". Diese würde Kenntnisse über Gesellschaft und ihre Subjekte vermitteln. Mit diesem Ansatz versucht er aufspüren "was schwule Emanzipation für die Bewegung bedeutete". Mit seiner Hervorhebung der Psychoanalyse und der Problematisierung des Drängens nach Emanzipation knüpft er an seine breit diskutierte Veröffentlichung "Beißreflexe" an, die er 2017 unter dem Namen Patsy L'Amour LaLove herausgab.

Ein Film von Rosa von Praunheim gab den Startschuss


Henzes Buch "Schwule Emanzipation und ihre Konflikte" ist im Querverlag erschienen

Patrick Henze wendet sich den wichtigen Ereignissen der damaligen Schwulenbewegung zu. Mit Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" wurde die westdeutsche Schwulenbewegung initiiert. In der Folge der Ausstrahlung im Fernsehen und den zahlreichen Kinovorstellungen entstand die Schwulenbewegung der Siebzigerjahre. Der provokante Film rüttelte auf und rief zur Organisierung auf.

Einer der Interviewpartner sagt: "Der Praunheim-Film war unser Stonewall-Riot." Zahlreiche Schwulengruppen gründeten sich. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker war für die kapitalismuskritischen Off-Töne des Films verantwortlich, viele Gruppen sahen sich damals in einem linken Kontext. Eine der wichtigsten Gruppen war damals die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW).

Henze zeichnet spannend die entstehenden Konflikte in der HAW nach. Ein Interviewpartner bekräftigte, dass er damals an eine "Revolution" glaubte, da man sich in einem weltweiten linken Befreiungskampf sah. Ein anderer Gesprächspartner beschreibt die HAW als eine "Familie mit Außenwirkung". In dieser "Familie" hatte man keinen Sex. So entstand die skurrile Situation, dass die HAW-Mitglieder heimlich auf die Klappe gingen, die man jedoch theoretisch in der Gruppe ablehnte.

Schwanken zwischen (Selbst-)Disziplinierung und Nonkonformismus

Henze fasst treffend zusammen, dass die damaligen Gruppen zwischen (Selbst-)Disziplinierung und Nonkonformismus schwankten. Manchmal führte dies zu Situationen, die "völlig gaga, abgedreht" waren, so ein weiterer Interviewter. Ständige Streitereien waren die Folge. Doch die HAW errichtete eine Institution, die noch heute existiert: das SchwuZ. Hier fehlen mir im Buch soziologische Bezüge vom Wandel sozialer Bewegungen und der Bedeutung eigenständiger Institutionalisierungen.

Der Westberliner "Tuntenstreit" ist ein weiteres Kuriosum. Auf einer Schwulendemonstration 1973 in Westberlin, die im Anschluss eines Kongresses stattfand, liefen einige italienische und französische Tunten im Fummel. Dies störte "den heiligen Ernst der Revolution" wie ein Teilnehmer süffisant berichtet. Die verschrobenen Diskussionen wurden durch eine Praxis aufgelockert. Henze schildert treffend, dass dies nicht zum Gefallen einiger Theoretiker geschah, die ernsthaft argumentierten, dass dabei die Arbeiterklasse abgeschreckt würde.

Mit dem Eklat in der Bonner Beethoven-Halle endete die Schwulenbewegung der Siebzigerjahre. Dort organisierten bereits zerstrittene Schwulengruppen eine öffentliche Parteienbefragung. Hierzu kam es nicht, da abermals die inneren Konflikte der Gruppen zu widerstreitenden Interessen führten. Anarchos und die Indianerkommune störte die Veranstaltung, die dann abgebrochen werden musste. Der Eklat markiert damit auch das Ende der Schwulenbewegung, die faktisch erst mit dem Aktivismus um Aids wiederbelebt wurde.

Besonders verstörend wirkt heute, dass die Indianerkommune eine Pädophilengruppe war, die die Kriminalisierung von Pädophilie mit Faschismus gleichsetzte. Gerade für die aktuellen Debatten (Vergleiche die Funde im Schwulen Museum) hätte Henze hier mehr in die Tiefe gehen sollen. Denn Pädophile hatten sich in der Schwulenbewegung lange vor dem Beethoven-Halle-Eklat in der Schwulenbewegung geäußert. Sie waren nicht nur geduldet, sondern geradezu etabliert. So verstörend, dass man dies in einer Darstellung der Schwulenbewegung breiter darlegen muss.

Individueller Zugewinn an Selbstbestimmung


Patrick Henze als Patsy L'Amour LaLove (Bild: Dragan Simicevic Visual Arts)

Davon abgesehen, ist Henzes Darstellung solide und lesenswert. Zurecht kommt der Autor zum Schluss, dass das Engagement für die Aktivisten "einen wirklichen individuellen Zugewinn an Selbstbestimmung" darstellte. Die Stärken von Henzes Buch liegen in der Darlegung der inneren Konflikte der Schwulengruppen. In der Beschreibung der Bewegung kommt er jedoch zu selten auf den zuvor entwickelten Ansatz zurück.

Der Autor kokettiert an verschiedenen Stellen mit einer nichtkapitalistischen Gesellschaft, um Emanzipation zu verwirklichen. Doch fehlen mehr als nur sporadische Bezüge zu einer Gesellschafts- und Ökonomiekritik, anders als bei der Kritischen Theorie (Horkheimer, Adorno, Marcuse), die sich ja hier als erweiterter Theorierahmen (Freud und Ökonomiekritik) angeboten hätte, aber diese wird nur selten erwähnt.

Das Interessante an der Schwulenbewegung war aus meiner Sicht, dass sie Teil der Neuen Sozialen Bewegungen, Teil der Neuen Linken war. Eine von mehreren Bewegungen (dies erwähnen mehrere Interviewte) in Westdeutschland und überhaupt im Westen, die sich – trotz voluntaristischer Bezüge – jenseits der Tradition der Arbeiterbewegung entwickelten und in Deutschland zur Gründung der Partei Die Grünen führte. Diese Entwicklung mag man bedauern oder begrüßen, aber es gibt hierzu eine umfangreiche Forschung, die Henze leider ignoriert. So auch die Pionierarbeit von Andreas Salmen und Albert Eckert zur Schwulenbewegung.

Fehlende Problematisierung einer schwulen Identität

Mit "Beißreflexe" löste Patrick Henze eine wichtige Diskussion aus, indem er den Dogmatismus und manche Irrwege heutiger Aktivist*innen schonungslos darlegte. Die zu Beginn des neuen Buches angekündigte Verbindung mit queertheoretischen Überlegungen (z.B. zu Judith Butler und Michel Foucault) unterbleibt. Die Erweiterungen des Queeransatzes würdigt er nicht (Identitätskritik, Bündnisgedanke, Produktivität der Macht, Abschied von der Repressionshypothese), dabei hätten sie für die vorliegende Arbeit produktiv sein können. Gerade die fehlende Problematisierung einer schwulen Identität ist im Hinblick auf das Wie und Was einer Emanzipation bedenklich.

Auch scheinen mir einige Aussagen nicht gedeckt: Die vermeintlich geringere Homosexuellenfeindlichkeit sei nur eine "Scheintoleranz, die in noch stärkerem Maße (heute) vorhanden ist." Trotz des aktuellen Rechtsrucks sprechen doch die juristische Entwicklung und zahlreiche empirische Studien zum Einstellungsmuster der Bevölkerung eine andere Sprache. Zudem beschleicht mich das Gefühl, dass Henze an einer Geschichtsschreibung einer gesicherten Identität des schwulen Mannes bastelt.

Seine Darlegung der Schwulenbewegung fördert manches Erhellendes zutage. Doch hätte er aus meiner Sicht mit einem vertiefenden Ansatz noch weitergehende Fragen – gerade im Hinblick auf eine Gesellschaftskritik, denn hierum geht es, wenn man von Emanzipation und Befreiung spricht – erörtern können.

Infos zum Buch

Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte. Zur westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Sachbuch. 436 Seiten. Querverlag. Berlin 2019. Taschenbuch: 18 € (ISBN: 978-3-89656-277-7). Ebook: 9,99 €


#1 LotiAnonym
  • 21.04.2019, 14:19h
  • 1972 Gründungsgesprächsrunden im Hinterzimmer der Dennewitzklause. Allet war noch übersichtlich in Westberlin. Während es in Münster längst die HAM gab.
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#2 la_passanteAnonym
#3 BewegungsschwesterAnonym
#4 Homonklin44Profil
  • 22.04.2019, 11:40hTauroa Point
  • Diese Ära, in der man den Kontakt zu Pädophilen herstellte, steckt der ganzen Schwulenbewegung leider bis heute im Arsch, und wirkt immer noch negativ nach. Es ist schwer zu verstehen, dass man diese Dinge damals intellektuell so verklären konnte, aber über den angeführten Zusammenhang lässt sich mindestens nachvollziehen, wie der ganze unheilvolle Segen schon in den Anfängen der grünen Partei landete.

    Das wäre ein trotz aller Kritik an Halbgarem sicher interessantes Buch.
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#5 TheDadProfil
  • 22.04.2019, 12:48hHannover
  • Antwort auf #4 von Homonklin44
  • ""Diese Ära, in der man den Kontakt zu Pädophilen herstellte, steckt der ganzen Schwulenbewegung leider bis heute im Arsch, und wirkt immer noch negativ nach.""..

    Dabei darf man folgendes nicht vergessen :
    Die Gesellschaft klebte den Schwulen Männern über Jahrzehnte wenn nicht gar Jahrhunderte das Etikett "Pädophil" an..
    Männer deren Fokus angeblich und vermeintlich ausschließlich darauf ausgelegt war Sex mit Jungen zu haben..
    Zum Teil gestützt aus der Griechisch-Römischen Geschichtsschreibung, deren Übersetzungen man in den Gymnasien ja immer gerne "Platonisierte" um vom wirklichen Bild der Realität abzulenken, und trotzdem heutigen Schwulen Männern einen Vorwurf daraus zu stricken..
    Dieser Vorwurf zog sich dann ja auch bis zur Abschaffung des § 175 im Jahr 1994 durch, denn bis dahin gab es unterschiedliche "Schutzaltersgrenzen" zwischen "Homosexuellen" und Heterosexuellen Sex-Kontakten..
    Hier von Beziehungen sprechen zu wollen geht an der Thematik weit vorbei..

    Aus diesem Vorwurf heraus "so zu sein" und "so zu handeln" schien es offenbar leicht zu fallen sich mit den wirklichen Pädosexuellen Menschen zu "solidarisieren", sich deren Forderungen zum Teil auch anzupassen, und sie mit zu unterstützen, was mindestens an den Punkten ein Fehler war, wo es sich um Möglichkeiten handelte, die das Prädikat "Einvernehmlichkeit" auch Mangels der Reife des Kindes niemals werden erreichen können..

    Dabei darf dann nicht übersehen werden :
    Die Forderung der Schwulen-Community nach ersatzloser Abschaffung des Paragraphen 175 verbunden mit der Angleichung der "Schutzaltersgrenzen" an die Heterosexuelle Grenze von 14 Jahren (!) war und ist bis Heute umstritten, denn sie "deckt" sich in Teilen mit den Forderungen die auch Vertreter der Pädosexuellen-Gruppen vertraten, und nicht selten wurde in Diskussionen der Ruf laut, man könne den Paragraphen 175 doch einfach auch so belassen, denn die Altersgrenze von 18 Jahren "sei doch gut"..

    Was bis Heute immer noch in verschiedenen Diskussionen aufbrandet, vor allem immer dann wenn es Beziehungen mit großen Altersunterschieden betrifft..

    Was dann aber auch immer noch einfach die Selbstbestimmungsrechte der Jugendlichen missachtet, denn die Abschaffung des Paragraphen 175 diente nicht allein und schon gar nicht ausschließlich der "Befreiung" einer unterdrückten Gruppe "älterer Männer" von der Unterdrückung, sondern vor allem der Gruppe der männlichen Jugendlichen dazu, sich unbedroht von Strafrechtlichen Vorschriften Sexuell entwickeln zu dürfen..

    Das hierüber dann Teile der Gesellschaft und hier vor allem Evangelikale und andere "religiöse" Hetzer die sich als Gegner gleicher Bürger-Rechte positionieren immer noch einen Vorwurf basteln, der dazu dient auch Heute noch Schwule Männer in die Nähe von Pädosexuellen zu rücken, kann man beinahe täglich in diversen Artikeln lesen die sich um "Katholische Bischöfe" und ähnliche Figuren drehen, die dazu antreten einen "Gottesstaat" zu bauen, in dem ausschließlich ihre eigenen Vorstellungen von Gesellschaft die Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens vorgeben..

    Was dann die Grünen betrifft..
    Hier zu denken es wäre eine Art "intellektuelle Fehlleistung" gewesen das sich eine Bürger-Bewegung die sich über die Idee der
    "Befreiung der Gesellschaft von Konservativen Zwängen"
    gründete, was dann über die 68'er und die folgende Anti-AKW-Bewegung folgerichtig in der Gründung einer Partei mündete, die dann 1979 erstmals in einem Parlament vertreten war,
    (Mit 5,1 Prozent der Wählerstimmen gelang der Bremer Grünen Liste (BGL) 1979 erstmals der Einzug in ein Landesparlament.)
    der begeht einen politischen Denkfehler, denn die Besetzung von Themen die andere Parteien nicht einmal mit der Kneifzange anfassen wollten, und dazu gehörte dann eben auch die Entkriminalisierung der "Homosexuellen", war von Anfang an das originäre Profil dieser Bürgerbewegung, und das erklärt ihren Erfolg bis Heute..

    Wenn es hier Vorwerfbares gibt, dann ist es nicht die Beschäftigung mit solchen Thematiken, mit der dann auch breite gesellschaftliche Diskussionen angestoßen wurden, sondern eher die Nicht-Beschäftigung, und das gilt absolut bis Heute so, der anderen Parteien mit genau diesen Thematiken, um genau diese offenen und breiten Diskussionen innerhalb der Gesellschaft nicht führen zu müssen, was letztlich nur dazu dient alte Ressentiments und überkommene Vorurteile beizubehalten, Tabus aufrecht zu erhalten, und immer dann wenn man dazu gezwungen ist sich damit auch öffentlich auseinanderzusetzen, darauf aufbauend diese alten Tabus und Ressentiments zu nutzen dem politischen Gegner in die Schranken zu weisen..

    Was dem Bürger nichts nutzt, denn neben falschen und vor allem auch vorenthaltenen Informationen wird dem Bürger eine echte Bildung auf verschiedenen Feldern damit vorenthalten..
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#6 schwulenaktivist
  • 23.04.2019, 09:58h
  • Es gibt einfach denkende Menschen, welche den Schwulen ihre Identität, die sie sich oft mühsam aufgebaut haben, wieder absprechen und vorwerfen wollen. Mit der heterosexuellen Identität hat wohl keineR von denen ein Problem!?
    Das Problem ist die "IdentitäRE", die uns von Heten in Form von Klischees übergestülpt wird und ihnen zur Begründung für ihre Gewalt gegen uns herhalten muss! Darüber muss diskutiert werden!! Amen
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#7 KetzerEhemaliges Profil
  • 23.04.2019, 18:40h
  • Mir scheint, als hätte der Autor dieses Beitrages statt der 436 Seiten gerne ein Buch mit 654 Seiten gehabt. Dieses fehle, jenes fehle... wie soll man bitte erwarten können, dass eine Person in einem einzelnen Buch sämtliche gesellschaftsrelevanten Aspekte erschöpfend behandelt?

    Ist das nicht doch ein bisschen viel verlangt? Ist es nicht normal, dass jede_r Autor_in in jedem Werk Schwerpunkte setzt?
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#8 TheDadProfil
  • 23.04.2019, 23:04hHannover
  • Antwort auf #7 von Ketzer
  • ""Ist das nicht doch ein bisschen viel verlangt? Ist es nicht normal, dass jede_r Autor_in in jedem Werk Schwerpunkte setzt?""..

    Exakt..
    Zumal es sich laut Artikel um eine Doktorarbeit handelt in der ein vorgegebenes Thema behandelt werden soll..
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#9 WoowAnonym