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Sachbuch

Als die linken Aktivisten heimlich auf die Klappe gingen

In seinem Buch "Schwule Emanzipation und ihre Konflikte" erzählt Patrick Henze die Geschichte des Beginns der westdeutschen Schwulenbewegung – mit einigen Lücken.


HAW-Pfingstdemo am 9. Juni 1973 (Bild: Rüdiger Trautsch)
  • Von Bodo Niendel
    21. April 2019, 11:12h 9 5 Min.

Patrick Henze liefert mit 420 Seiten ein sehr wichtiges Buch zur westdeutschen Schwulenbewegung. Mit seiner Forschung und den zahlreichen qualitativen Interviews mit den heute zum Teil sehr betagten Aktivisten hat er grundlegende wie spannende Zeugnisse gesammelt und für alle zugänglich gemacht.

Henze beginnt in der vorliegenden Doktorarbeit mit einem langen theoretischen Vorlauf. Er versteht seinen Zugang zum Thema als "psychoanalytische Metapsychologie". Diese würde Kenntnisse über Gesellschaft und ihre Subjekte vermitteln. Mit diesem Ansatz versucht er aufspüren "was schwule Emanzipation für die Bewegung bedeutete". Mit seiner Hervorhebung der Psychoanalyse und der Problematisierung des Drängens nach Emanzipation knüpft er an seine breit diskutierte Veröffentlichung "Beißreflexe" an, die er 2017 unter dem Namen Patsy L'Amour LaLove herausgab.

Ein Film von Rosa von Praunheim gab den Startschuss


Henzes Buch "Schwule Emanzipation und ihre Konflikte" ist im Querverlag erschienen

Patrick Henze wendet sich den wichtigen Ereignissen der damaligen Schwulenbewegung zu. Mit Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homo­sexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" wurde die westdeutsche Schwulenbewegung initiiert. In der Folge der Ausstrahlung im Fernsehen und den zahlreichen Kinovorstellungen entstand die Schwulenbewegung der Siebzigerjahre. Der provokante Film rüttelte auf und rief zur Organisierung auf.

Einer der Interviewpartner sagt: "Der Praunheim-Film war unser Stonewall-Riot." Zahlreiche Schwulengruppen gründeten sich. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker war für die kapitalismuskritischen Off-Töne des Films verantwortlich, viele Gruppen sahen sich damals in einem linken Kontext. Eine der wichtigsten Gruppen war damals die Homo­sexuelle Aktion Westberlin (HAW).

Henze zeichnet spannend die entstehenden Konflikte in der HAW nach. Ein Interviewpartner bekräftigte, dass er damals an eine "Revolution" glaubte, da man sich in einem weltweiten linken Befreiungskampf sah. Ein anderer Gesprächspartner beschreibt die HAW als eine "Familie mit Außenwirkung". In dieser "Familie" hatte man keinen Sex. So entstand die skurrile Situation, dass die HAW-Mitglieder heimlich auf die Klappe gingen, die man jedoch theoretisch in der Gruppe ablehnte.

Schwanken zwischen (Selbst-)Disziplinierung und Nonkonformismus

Henze fasst treffend zusammen, dass die damaligen Gruppen zwischen (Selbst-)Disziplinierung und Nonkonformismus schwankten. Manchmal führte dies zu Situationen, die "völlig gaga, abgedreht" waren, so ein weiterer Interviewter. Ständige Streitereien waren die Folge. Doch die HAW errichtete eine Institution, die noch heute existiert: das SchwuZ. Hier fehlen mir im Buch soziologische Bezüge vom Wandel sozialer Bewegungen und der Bedeutung eigenständiger Institutionalisierungen.

Der Westberliner "Tuntenstreit" ist ein weiteres Kuriosum. Auf einer Schwulendemonstration 1973 in Westberlin, die im Anschluss eines Kongresses stattfand, liefen einige italienische und französische Tunten im Fummel. Dies störte "den heiligen Ernst der Revolution" wie ein Teilnehmer süffisant berichtet. Die verschrobenen Diskussionen wurden durch eine Praxis aufgelockert. Henze schildert treffend, dass dies nicht zum Gefallen einiger Theoretiker geschah, die ernsthaft argumentierten, dass dabei die Arbeiterklasse abgeschreckt würde.

Mit dem Eklat in der Bonner Beethoven-Halle endete die Schwulenbewegung der Siebzigerjahre. Dort organisierten bereits zerstrittene Schwulengruppen eine öffentliche Parteienbefragung. Hierzu kam es nicht, da abermals die inneren Konflikte der Gruppen zu widerstreitenden Interessen führten. Anarchos und die Indianerkommune störte die Veranstaltung, die dann abgebrochen werden musste. Der Eklat markiert damit auch das Ende der Schwulenbewegung, die faktisch erst mit dem Aktivismus um Aids wiederbelebt wurde.

Besonders verstörend wirkt heute, dass die Indianerkommune eine Pädophilengruppe war, die die Kriminalisierung von Pädophilie mit Faschismus gleichsetzte. Gerade für die aktuellen Debatten (Vergleiche die Funde im Schwulen Museum) hätte Henze hier mehr in die Tiefe gehen sollen. Denn Pädophile hatten sich in der Schwulenbewegung lange vor dem Beethoven-Halle-Eklat in der Schwulenbewegung geäußert. Sie waren nicht nur geduldet, sondern geradezu etabliert. So verstörend, dass man dies in einer Darstellung der Schwulenbewegung breiter darlegen muss.

Individueller Zugewinn an Selbstbestimmung


Patrick Henze als Patsy L'Amour LaLove (Bild: Dragan Simicevic Visual Arts)

Davon abgesehen, ist Henzes Darstellung solide und lesenswert. Zurecht kommt der Autor zum Schluss, dass das Engagement für die Aktivisten "einen wirklichen individuellen Zugewinn an Selbst­bestimmung" darstellte. Die Stärken von Henzes Buch liegen in der Darlegung der inneren Konflikte der Schwulengruppen. In der Beschreibung der Bewegung kommt er jedoch zu selten auf den zuvor entwickelten Ansatz zurück.

Der Autor kokettiert an verschiedenen Stellen mit einer nichtkapitalistischen Gesellschaft, um Emanzipation zu verwirklichen. Doch fehlen mehr als nur sporadische Bezüge zu einer Gesellschafts- und Ökonomiekritik, anders als bei der Kritischen Theorie (Horkheimer, Adorno, Marcuse), die sich ja hier als erweiterter Theorierahmen (Freud und Ökonomiekritik) angeboten hätte, aber diese wird nur selten erwähnt.

Das Interessante an der Schwulenbewegung war aus meiner Sicht, dass sie Teil der Neuen Sozialen Bewegungen, Teil der Neuen Linken war. Eine von mehreren Bewegungen (dies erwähnen mehrere Interviewte) in Westdeutschland und überhaupt im Westen, die sich – trotz voluntaristischer Bezüge – jenseits der Tradition der Arbeiterbewegung entwickelten und in Deutschland zur Gründung der Partei Die Grünen führte. Diese Entwicklung mag man bedauern oder begrüßen, aber es gibt hierzu eine umfangreiche Forschung, die Henze leider ignoriert. So auch die Pionierarbeit von Andreas Salmen und Albert Eckert zur Schwulenbewegung.

Fehlende Problematisierung einer schwulen Identität

Mit "Beißreflexe" löste Patrick Henze eine wichtige Diskussion aus, indem er den Dogmatismus und manche Irrwege heutiger Aktivist*­innen schonungslos darlegte. Die zu Beginn des neuen Buches angekündigte Verbindung mit queertheoretischen Überlegungen (z.B. zu Judith Butler und Michel Foucault) unterbleibt. Die Erweiterungen des Queeransatzes würdigt er nicht (Identitätskritik, Bündnisgedanke, Produktivität der Macht, Abschied von der Repressionshypothese), dabei hätten sie für die vorliegende Arbeit produktiv sein können. Gerade die fehlende Problematisierung einer schwulen Identität ist im Hinblick auf das Wie und Was einer Emanzipation bedenklich.

Auch scheinen mir einige Aussagen nicht gedeckt: Die vermeintlich geringere Homo­sexuellenfeindlichkeit sei nur eine "Scheintoleranz, die in noch stärkerem Maße (heute) vorhanden ist." Trotz des aktuellen Rechtsrucks sprechen doch die juristische Entwicklung und zahlreiche empirische Studien zum Einstellungsmuster der Bevölkerung eine andere Sprache. Zudem beschleicht mich das Gefühl, dass Henze an einer Geschichtsschreibung einer gesicherten Identität des schwulen Mannes bastelt.

Seine Darlegung der Schwulenbewegung fördert manches Erhellendes zutage. Doch hätte er aus meiner Sicht mit einem vertiefenden Ansatz noch weitergehende Fragen – gerade im Hinblick auf eine Gesellschaftskritik, denn hierum geht es, wenn man von Emanzipation und Befreiung spricht – erörtern können.

Infos zum Buch

Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte. Zur westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Sachbuch. 436 Seiten. Querverlag. Berlin 2019. Taschenbuch: 18 € (ISBN: 978-3-89656-277-7). Ebook: 9,99 €

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-w-

#1 LotiAnonym
  • 21.04.2019, 14:19h
  • 1972 Gründungsgesprächsrunden im Hinterzimmer der Dennewitzklause. Allet war noch übersichtlich in Westberlin. Während es in Münster längst die HAM gab.
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#2 la_passanteAnonym
  • 22.04.2019, 03:03h
  • Kurz, Patsy macht mal wieder halbe Sachen. Mal halblinks, mal halbrechts.
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#3 BewegungsschwesterAnonym