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Literatur

Die heimliche Liebe von Friedeward und Wolfgang

In seinem Roman "Verwirrnis" schreibt der 75-jährige Schriftsteller Christoph Hein, selbst heterosexuell, über schwules Leben in der jungen DDR.


Christoph Hein 2016 auf der Leipziger Buchmesse. Der 75-Jährige ist in zweiter Ehe mit der Opernsängerin Maria Husmann verheiratet (Bild: Heike Huslage-Koch / wikipedia)
  • Von Stefan Hölscher
    22. April 2019, 17:00h, noch kein Kommentar

Es ist erstaunlich, dass der Roman "Verwirrnis", in dem es – wie es auf dem Klappentext heißt – um "eine geheime [und das heißt hier vor allem schwule; d. Red.] Liebe in unruhigen Zeiten" geht, geschrieben von einem so bekannten und vielfach preisgekrönten Autor wie Christoph Hein, zwar in klassischen Medien wie "FAZ", "Spiegel" oder "Zeit" besprochen wurde, gleichzeitig aber kaum in queeren Medien Resonanz gefunden hat. Dabei hat dieser schon im August 2018 bei Suhrkamp erschienene Roman durchaus Aufmerksamkeit verdient.

Zum einen ist er nämlich einfach spannend geschrieben. Man möchte als Leser wissen, wie es weitergeht und bleibt mühelos und neugierig dran. Zum anderen verbindet die Story die Dramatik einer Jugend und schwulen Liebe in einem äußerst homophoben Umfeld mit einem Spannungsbogen deutscher Geschichte, der vom ersten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung reicht.

Erziehung mit dem Siebenstriemer


Heins Roman "Verwirrnis" ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Im Mittelpunkt der Handlung steht Friedeward Ringeling, dessen Initialien sicher nicht zufällig denen von Friedrich II. ("Der Große") von Preußen, Friedricus Rex, gleichen. So wie dieser hat jener einen unbarmherzig strengen und strafenden Vater. Pius Ringeling, Vater von Friedeward, durch Giftgas schwerverletzter, aber mit Orden dekorierter Veteran des ersten Weltkrieges, erzieht seine drei Kinder drakonisch streng und züchtigt seine Söhne Friedeward und Hartwig regelmäßig mit dem Siebenstriemer, den auch er von seinem Vater spüren gelernt hat.

Für den katholisch frommen Pius erscheint dies als der einzige und richtige Weg, aus unerzogenen Kindern pflichtbewusste und gottesfürchtige Erwachsene zu machen. Die Furcht vor der Peitsche des Vaters gräbt sich so unauslöschbar tief in Friedewards Körper und Geist ein, dass sie ihn sein ganzes Leben lang nicht loslässt und ihn, als der Vater schon lange tot und Friedeward ein hoch angesehener Germanistik-Professor ist, am Ende in eine existenziell ausweglose Situation bringt.

Der Roman beschreibt anschaulich und exakt die Verhältnisse, aus denen der im katholischen Heiligenstadt in Thüringen Anfang der Dreißigerjahre geborene Friedeward stammt. Er beschreibt seine Entwicklung, die ihn zu Wolfgang führt, dem Sohn des Kantors seiner Heimatstadt. Friedeward und Wolfgang fühlen sich geistig und körperlich stark voneinander angezogen. Sie werden beste Freunde und Liebhaber, müssen sich aber in einer durch und durch homophoben Welt permanent verstecken.

Den schwulen Sohn beim Sex erwischt

Als Pius die beiden trotzdem in flagranti ertappt, bekommt sein 17-jähriger Sohn als Strafe für diese aus Sicht des Vaters größtmögliche Sünde wider Gottes Natur noch einmal brutal den Siebenstriemer, und der schon 18-jährige Wolfgang muss, um nicht von Pius angezeigt zu werden, Schule und Wohnort sofort verlassen.

Beide begegnen sich später im Studium wieder. Wolfgang studiert in Leipzig Kirchenmusik, Friedeward erst Philosophie in Jena, später, auch um wieder mit Wolfgang zusammen zu kommen, ebenfalls in Leipzig Germanistik. Beide lernen das seine Liebe gleichermaßen versteckt lebende lesbische Paar Herlinde und Jaqueline kennen und nutzen die Möglichkeiten dieser Vierer-Konstellation, um nach außen "normal" zu erscheinen und gleichwohl ihre Liebe zu leben.

So scheint ein Modus Vivendi gefunden zu sein – bis es durch die deutsch-deutsche Grenzziehung mit dem Mauerbau erst zu einer geografischen und dann zu einer persönlichen Trennung von Wolfgang, der seinen beruflichen Weg im Westen nimmt, und Friedeward, der an der Universität in Leipzig bleibt, kommt. Der Roman beschreibt ab hier vor allem die Geschichte Friedewards weiter bis zu dessen tragischem Ende Anfang der Neunzigerjahre.

Eine deutsch-deutsche Geschichte

Christoph Hein erzählt schnörkellos und nüchtern. Er baut die Spannungsbögen seiner Geschichte geschickt auf und führt den Leser durch die Genauigkeit seiner Darstellung stringent in die Lebenswelt seiner Protagonisten. Er zeigt, dass persönliche und gesellschaftliche Entwicklung untrennbar miteinander verwoben sind. Ihr ist nicht zu entrinnen.

Hein ist Chronist sowohl gesellschaftlich-historischer Abläufe als auch in der Darstellung der Liebesbeziehungen. Dies macht die Stärke seines Erzählstils aus und auch dessen Schattenseite. Der Autor packt den Leser vor allem durch konkrete Schilderung und Handlung, deutlich weniger aber durch eine lebendige Beschreibung der Gefühlswelt seiner Akteure. In Heins Sprache gibt es weder starke Metaphern noch einen den Leser in den Bann ziehenden Drive ungewöhnlicher Perspektiven oder Sprachkompositionen. Hein bleibt in der Rolle des konkret und durchaus dem Anspruch nach abbildhaft Beschreibenden.

Wer das zu schätzen weiß und eine intelligent gemachte Verbindung von persönlicher Liebesgeschichte und deutsch-deutscher Gesellschaftsgeschichte sucht, für den ist dieses Buch eine lohnenswerte Lektüre.

Infos zum Buch

Christoph Hein: Verwirrnis. Roman. 303 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlon 2018. Gebunde Ausgabe: 22 € (ISBN: 978-3-518-42822-1). Ebook: 18,99 €