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Dritte Option

"Das Vertrauen in Staat, Politik und Gerichte ist gering"

Der Bundesverband Intersexuelle Menschen hat viele Erklärungen, warum sich bisher nur wenige Menschen als divers gemeldet haben – darunter Unsicherheit und Angst vor Diskriminierung.


Im Rahmen der "Aktion Standesamt 2018" wurde im Oktober vergeblich für eine weitergehende Reform des Personenstandsrechts gekämpft (Bild: AktionStandesamt2018 / twitter)

Der neue Geschlechtseintrag für intersexuelle Menschen ist in mehreren deutschen Großstädten bislang wenig nachgefragt. Das hat eine stichprobenartige Umfrage der Deutschen Presse-Agentur im März und April ergeben (queer.de berichtete).

Die Stadt mit den meisten Änderungen der Geschlechtsangabe von männlich oder weiblich in divers ist demnach Berlin: Dort wollten seit Jahresbeginn bis zum Stichtag 11. April neun Erwachsene bei den Standesämtern ihre Angaben entsprechend ändern, wie ein Sprecher der Innenverwaltung mitteilte.

In Köln war bisher von sechs, in Nürnberg von fünf und in Regensburg von drei solchen Änderungswünschen im Personenstandsregister die Rede. In München, Hamburg, Erfurt, Leipzig und Essen wollten je zwei Menschen den neuen Eintrag divers. Weitere Städte wie Stuttgart und Mannheim teilten mit, dass Menschen bisher in Einzelfällen das Anliegen hatten. Vielerorts meldeten sich noch keine intersexuellen Menschen, etwa in Großstädten Schleswig-Holsteins und Brandenburgs.

Reform vom Verfassungsgericht gefordert

Der Bundestag hatte die Einführung einer dritten Geschlechtsoption Mitte Dezember beschlossen (queer.de berichtete). Damit setzte das Parlament eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem November 2017 um. Die bisherige Pflicht, einen Menschen dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen, wurde darin als Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot gewertet (queer.de berichtete). Eine Kampagnengruppe aus Leipzig rund um die intersexuelle Person Vanja hatte zuvor geklagt.

Zur Änderung des Eintrags müssen Menschen ein ärztliches Attest vorlegen, in Ausnahmefällen soll auch eine eidesstattliche Versicherung reichen (queer.de berichtete). Aus den Unterlagen muss laut Berliner Innenverwaltung hervorgehen, dass die Person wegen einer Variante der Geschlechtsentwicklung weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht eindeutig zugeordnet werden kann. Auch Neugeborene, bei denen dies zutrifft, können nun als divers eingetragen werden – einen solchen Fall gab es in Göttingen, wie die dpa-Umfrage ergab.

Neuer Eintrag ohne Rechte, aber mit Gefahren

Der Bundesverband Intersexuelle Menschen sieht auf Anfrage eine ganze Reihe von Gründen für die offenbar zurückhaltende Inanspruchnahme. Dazu zählt, dass es in Standesämtern noch "große Unsicherheit" gebe, sie warteten auf eine Durchführungsverordnung zum Thema. Auch befürchteten Menschen mit Varianten der geschlechtlichen Entwicklung, vor allem im Ausland diskriminiert zu werden: "Insbesondere die Eintragung im Pass schreckt viele Menschen davon ab", hieß es.

Manche intergeschlechtliche Menschen hielten sich auch an die Arztanweisung, die Abweichung von der medizinischen Norm geheim zu halten, "weil das Bekanntwerden […] das soziale Aus darstellen könnte", teilte der Verein weiter mit. Wieder andere hätten sich mit ihrem Eintrag als weiblich oder männlich abgefunden oder sähen keine positiven, mit dem Eintrag verbundenen Rechte. Manche lehnten diese Kategorien ganz ab oder fänden den Begriff divers unpassend. So nutzten in Berlin im Abfragezeitraum etwa auch neun zuvor als männlich oder weiblich eingetragene Menschen die Möglichkeit, den Eintrag offen zu lassen.

Generell spiele der Personenstand eine untergeordnete Rolle für die Interbewegung, so der Verein Intersexuelle Menschen: "Das Vertrauen in den Staat, die Politik und in die Gerichte ist gering." Bis heute erlebten intergeschlechtlich geborene Menschen "keinen wirksamen Schutz vor medizinischen Maßnahmen und Gegebenheiten".

Zu früh, um erste Bilanz zu ziehen

Es sei vermutlich noch zu früh, um die tatsächliche Resonanz auf die Gesetzesänderung zu beurteilen, sagte die Bremer Juristin Konstanze Plett, Expertin für Intergeschlechtlichkeit. "Es darf jetzt nicht vorschnell auf fehlenden Bedarf geschlossen werden." Einen möglichen Grund für die offenbar niedrige Inanspruchnahme sieht sie darin, dass die Verfahren bei den Standesämtern einige Zeit dauerten. Zudem stelle sich die Frage, ob intersexuelle Menschen bei einem lange tabuisierten Thema wie diesem so schnell Flagge zeigen wollten.

Die Forderung eines ärztlichen Attests wurde von Beginn an von Interessensverbänden sowie der Opposition kritisiert. Damit werde Intergeschlechtlichkeit weiterhin pathologisiert, also wie eine Krankheit behandelt, bemängelte der Bundesverband Intersexuelle Menschen. Viele der betroffenen Menschen seien durch Ärzte so stark traumatisiert, dass sie sich nun keine Bescheinigung holten, ergänzt der Verein nun. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualitität hatte gefordert, nur eine Selbsterklärung ohne medizinische Begutachtung dürfe Zugangsvoraussetzung sein.

Bei intergeschlechtlichen Menschen sind die Geschlechtsmerkmale, also etwa Chromosomen, Hormone und Genitalien, nicht eindeutig ausgeprägt. Die Schätzungen zur Zahl der Betroffenen gehen stark auseinander. Das Bundesverfassungsgericht berief sich 2017 in seinem Beschluss zum Thema auf eine Quelle, der zufolge es bundesweit circa 160.000 Intersexuelle geben könnte. (cw/dpa)



#1 NickikiAnonym
  • 24.04.2019, 09:14h
  • beim Lesen des Artikels ist mir eine Idee eingefallen:

    wie wäre es, wenn man als Erwachsener angeben "kann" wieviel Prozent eigener Einschätzung man weiblich oder männlich ist. Das wäre doch mal eine Möglichkeit ordentlich zu Schubladisieren!
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#2 KetzerEhemaliges Profil
  • 24.04.2019, 11:45h
  • ""Es darf jetzt nicht vorschnell auf fehlenden Bedarf geschlossen werden.""

    Allerdings.

    Erstens hat ein Minderheitenrecht auch dann zu gelten, wenn selbst nur eine einzige Person betroffen wäre - denn Minderheitenrechte sind Menschenrechte.

    Und zweitens braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Nachfrage gering ist - bleibt die Möglichkeit des Eintragswechsels doch allen nicht-binären Menschen bislang weiterhin vorbehalten.

    Wir müssen weg von der Pathologisierung und der damit verbundenen Vorschrift, ein ärztliches Attest vorlegen zu müssen. Der Eintrag muss allen zur Verfügung stehen, die sich nicht eindeutig als männlich oder weiblich definieren.

    Wenn wir mal so weit sind (ich schätze mal, in vielen Jahren, wenn überhaupt), wird auch die Nachfrage steigen.
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#3 MadamaButterflyAnonym
  • 24.04.2019, 13:04h
  • Es würde schon helfen, wenn Standesämter die geforderten ärztlichen Atteste überhaupt anerkennen würden. Doch selbst das ist vielerorts leider nicht der Fall und Anträge werden mit fadenscheinigen Gründen abgewiesen oder nicht weiter bearbeitet.
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#4 Ralph
  • 24.04.2019, 14:58h
  • Wenn ich mich an die Gesichter mancher Leute erinnere, wenn ich auf entsprechende Frage antwortete, verpartnert zu sein (was ja gleichbedeutend mit der Angabe war, schwul zu sein), kann ich mir die Gesichter der selben und ähnlich gestrickter Leute vorstellen, wenn die Frage nach dem Geschlecht mit "divers" beantwortet wird. Man hatte bei der Lebenspartnerschaft und hat beim dritten Geschlechtseintrag nicht die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wem gegenüber und in welcher Situation man sich outen will oder nicht. Allerdings: Die Gesichter der meisten Leute waren auf die Angabe "Lebenspartnerschaft" freundlich bis neugierig, manche verdutzt bis gewollt ausdruckslos und nur die wenigsten feindselig. Und: 1970 gab es nur wenige, die offen schwul lebten. Das hat sich geändert. Ich denke, auch für zwischengeschlechtliche Menschen und mehr noch für deren Eltern wird die Hemmschwelle im Laufe der Jahre niedriger werden.
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#5 LebenAnonym
  • 26.04.2019, 17:54h
  • Also, keine Ahnung wo Sie die 160.000 her haben, aber laut einer Studie der UN gibt es bis zu 1,7 % Menschen in einer Bevölkerung die zu dem Spektrum Inter* gehören.
    www.unfe.org/intersex-awareness/
    das wären in Deutschland 1,3 Millionen Menschen. Dann gibt es für Inter* Menschen 4 Optionen als Eintrag. Weiblich, Männlich, Divers und gestrichen. Warum erwähnen Sie nur Divers? Und warum sollten sich das auf einem Mal alle trauen zu outen? Es gehen immer nur Einige Mutige voran, schauen wir was die Zeit bringt. Ob die Chancen genutzt werden Menschen als Menschen zu sehen und nicht zu diskriminieren. Die meisten heute Erwachsenen Inter* Menschen wurden als Kind noch verstümmelt und bis zu 90 % von Ihnen zu Frauen gemacht und Ihnen verschwiegen was sie sind. Und das passiert heute auch noch bei vielen Kindern. Erst wenn eine Generation von nicht fremdbestimmten herangewachsen ist, die frei und heil entscheiden konnte, werden wir sehen wofür die Wahlfreiheit wichtig ist.
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#6 TheDadProfil
  • 26.04.2019, 22:12hHannover
  • Antwort auf #5 von Leben
  • ""Also, keine Ahnung wo Sie die 160.000 her haben, aber laut einer Studie der UN gibt es bis zu 1,7 % Menschen in einer Bevölkerung die zu dem Spektrum Inter* gehören.""..

    Rechenfehler..
    Die Geburtenrate für Intergeschlechtliche Menschen liegt bei 1,7 PROMILLE, nicht bei 1,7 Prozent..

    Damit liegt dann die Zahl derzeit lebender Menschen in der BRD mit einem der über 400 Möglichkeiten eines Intergeschlechtlichen Spektrums bei derzeit geschätzten 140.743..

    Die Schätzung von 160.000 Menschen ist damit recht passabel..
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