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Homophober Gesetzentwurf
US-Politiker will Gefängnisstrafen für Eltern von minderjährigen Dragqueens
Der republikanische Abgeordnete Tim Schaffer möchte öffentliche Drag-Auftritte von Minderjährigen teilweise verbieten. Er setzt derartige Aufführungen mit Kinderhandel gleich.

Tim Schaffer will Kinder und Jugendliche von Travestiekunst fernhalten
- 24. April 2019, 13:33h 3 Min.
Der US-Politiker Tim Schaffer glaubt, eine "Schlupfloch im Gesetz gegen die Ausbeutung von Kindern" gefunden zu haben: Der 56-jährige republikanische Abgeordnete im Parlament von Ohio hat deshalb den Gesetzentwurf HB 180 ins Parlament eingebracht, das zum Ziel hat, Auftritte von unter 18-jährigen Dragqueens in Restaurants, Kneipen oder Clubs mit Alkoholausschank zu verbieten.
Anlass für den kuriosen Entwurf ist der Auftritt des neunjährigen Jake vergangenen Dezember in einer Bar in der Kleinstadt Lancaster, dem Wahlkreis Schaffers. Der Auftritt von seinem Drag-Alter-Ego Miss Mae Hem hatte damals für einige Schlagzeilen gesorgt: Homophobe Organisationen empörten sich, dass damit bereits junge Menschen homosexuell "gemacht" werden würden, und verbreiteten Videos des Auftritts, was zu einer Empörungswelle im Internet führte. Bürgermeister David Scheffler musste sich daher im Januar auf Facebook zu dem Fall äußern und erklärte, dass die Polizei die Videos untersucht habe, aber keine Straftat feststellen konnten.
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Eltern verstehen die Aufregung nicht
Die Eltern verteidigen das Recht ihres Kindes, sich zu verkleiden: Jerri Measley, die Mutter des Jungen, erklärte in Lokalnachrichten, dass die Aufregung in keinem Verhältnis zu dem stehe, was vorgefallen sei: Ihr Sohn sei eben ein großer Fan der preisgekrönten Realityshow "RuPaul's Drag Race", bei der Dragqueens gegeneinander antreten. Daher habe er eine Choreografie einstudiert, die er als Miss Mae Hem öffentlich aufführte – die Performance sei nicht sexuell gewesen. Sie sei selbst bei dem Auftritt dabei gewesen und habe darauf geachtet, dass dem Kind nichts passiere. "Wo sonst könnte ein Kind, das sich als Mitglied der LGBT-Community identifiziert, dieses Interesse ausleben", fragte Measley.
Ohnehin träten in der Bar oft minderjährige Nachwuchssänger auf, über die sich bislang niemand empört habe, fuhr die Mutter fort. "Der einzige Unterschied ist, dass diese Performer keine Perücke und keine Stöckelschuhe tragen."
Instagram / desmondisamazing | Viele junge Dragqueens – wie der elfjährige Desmond Napoles, der als "Desmond Is Amazing" auftritt, sind in den USA bereits Stars mit eigener Instagram- und Wikipedia-Seite
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Schaffer: Drag ist immer sexuell
Der Abgeordnete Schaffer sieht Drag dagegen generell als sexuelle Aktivität an, was Kindern nicht zugemutet werden dürfe. In Interviews wurde er auch persönlich: Den Eltern von Miss Mae Hem warf er etwa vor, ein "Beispiel für schlechte Erziehung" zu sein.
Der Republikaner will in seinem Entwurf künftig Bars, die minderjährigen Jungs einen Auftritt in Frauenkleidern ermöglichten, die Alkoholausschankgenehmigung entziehen. Außerdem sollen für Erziehungsberechtigte beim ersten Vergehen eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten und eine Geldstrafe in Höhe von 1.000 Dollar anfallen. Bei "Wiederholungstätern" soll die Strafe steigen. Im Entwurf ist nicht direkt von Dragqueens die Rede – vielmehr sei alles für Kinder und Jugendliche illegal, was "die Durschnittsperson" als sexuelle Aktivität interpretiere.
"Angesichts unserer erhöhten Aufmerksamkeit für Menschenhandel und der Rolle, die Geld beim Kinderhandel spielt, musste ich reagieren, um sicherzustellen, dass so etwas nie wieder passiert", so Schaffer in einer schriftlichen Stellungnahme. "Wir können besser werden, um unschuldige Kinder zu schützen." Noch ist unklar, ob der Entwurf Gesetz werden wird. Zustimmung kam allerdings bereits vereinzelt von Parteifreunden und sogar von konservativen Demokraten.
Schaffer ist ein konservativer Republikaner, der in der Vergangenheit bereits erfolgreich Gesetzesinitiativen durchgesetzt hat. Sein größter Erfolg war 2011 ein Gesetzentwurf, der es Besuchern von Stadien, Restaurants und Bars mit Alkoholausschank erlaubt, eine geladene Waffe mit sich zu führen. Das von der Polizeigewerkschaft scharf kritisierte Gesetz fand eine Mehrheit im Parlament und wurde vom damaligen Gouverneur unterzeichnet.
Erbitterte Homo-Gegner empören sich in den USA immer wieder über erhöhte Sichtbarkeit von LGBTI-Lebensweisen und wollen diese oft mit homophoben Gesetzesinitiativen bekämpfen. Umstritten ist etwa die Dragqueen-Lesestunde in öffentlichen Büchereien, die etwa in Houston nach Drohungen abgesagt werden musste (queer.de berichtete). (dk)
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Wäre nicht das erste mal, dass es zu so einer ganz überraschenden Wende kommt.