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Heimkino

Queerer Ödipus in Tokio

Mit "Funeral Parade of Roses" wurde ein Klassiker des Queer Cinema aufwendig restauriert. Jetzt ist der Film von Kultregisseur Toshio Matsumoto erstmals in einer Deutsch untertitelten Version auf DVD erschienen.


Klassiker aus dem Jahr 1968: "Funeral Parade of Roses" ist in schwarz-weiß gedreht und spielt in der queeren Szene von Tokio (Bild: Rapid Eye Movies)
  • Von Alkis Vlassakakis
    26. April 2019, 08:09h, noch kein Kommentar

Eddie ist der Star des Nachtclubs "Genet" in Tokio. Und sie hat eine Affäre mit dem Drogenhändler Gonda, dem Besitzer des Clubs. Das bleibt der Matriarchin des "Genet" nicht verborgen. Leda, auch Mama-san genannt, hat Anrecht auf Gondas Aufmerksamkeit und erkennt in der jungen, schönen Eddie die Konkurrenz.

Daneben ist da noch eine Gruppe junger Aussteiger, die mit Eddie zwischen Gras und Pillen einen Experimentalfilm drehen. Und es gibt Flashbacks in die Kindheit Eddies. Am Ende des ödipalen Erzählstranges sind einige Figuren ganz klassisch tot oder verstümmelt. Aber was bis dorthin passiert, ist atemberaubend anzusehen.

Bildgewaltige Kamera, außergewöhnliche Ausstattung


Rapid Eye Movies hat "Funeral Parade of Roses" mit deutschen Untertiteln auf DVD veröffentlicht

Irgendwann in der Mitte des Films lässt Regisseur Toshio Matsumoto den Filmemacher Jonas Mekas zitieren: "Es gibt keine absoluten Definitionen des Kinos mehr. Alle Tore stehen offen." Und dieses Zitat des Paten des amerikanischen Avantgardefilms ist wohl die treffendste Beschreibung, die man "Funeral Parade of Roses" angedeihen lassen kann. Die Welt der trans Frauen, damals im Film vermutlich in Ermangelung einer besseren Begrifflichkeit "Gay-Boys" genannt, ist spielerisch. Prostitution und Drogenhandel werden beiläufig eingebaut, dazwischen dreht der Regisseur auch mal den Zeitraffer hoch, wenn der Film in allzu große Ernsthaftigkeit abzugleiten droht.

Kurze Einblendungen und Erzählschleifen, Interviews mit den Darsteller*innen, ungewöhnliche Kamerapositionen und spontane Kostümwechsel, um die Stimmung zu illustrieren – Regisseur Matsumoto macht sehr schnell klar, dass er nicht das große, stringente Erzählkino präsentieren will. Vielmehr bedient er sich wild aus dem Fundus der französischen Nouvelle Vague und beim Umkreis des eingangs erwähnten Jonas Mekas.

Was leicht ins Auge hätte gehen könnte, wenn da nicht diese Bilder wären: die Mode der Sixties, das Styling der trans Frauen und der ungewöhnliche Einblick in den lebendigen Tokioter Underground zu einer Zeit, in der in Europa noch weitestgehend ein Totalverbot für Homosexualität herrschte. All das macht "Funeral Parade of Roses" zu einem Erlebnis. Die Kamera ist bildgewaltig, die Ausstattung außergewöhnlich und so verwundert es nicht, dass der Film als Inspiration für Stanley Kubricks "A Clockwork Orange" diente.


Regisseur Toshio Matsumoto starb 2017 in Tokio

Vom Experimentalfilm zu Kurosawa

Dazu kommt der Glücksgriff, den die Besetzung Eddies darstellt. Der damals gerade mal 16-jährige Shinnosuke Ikehata/Peter spielt dieses engelsgleiche Wesen, quasi entsprungen aus einem Werbeclip der Swinging Sixties. Er wurde von Matsumoto bei einem Casting in einer Gay-Bar gecastet, in der er damals gearbeitet hat. Vor dem Dreh trug er laut eigener Auskunft selten Make-up, doch die Rolle der Eddie ermöglichte ihm, nicht nur eine Drag Persona zu entwickeln, sondern auch eine Gesangskarriere zu starten und im Mainstream als offen schwuler Mann Karriere zu machen. Kurosawa besetzte ihn in seinem Spätwerk "Ran", und fürs Fernsehen drehte er Komödien.

2017 wurde anhand des Original-Kamera-Negativs eine aufwendige Restaurierung dieses queeren Klassikers präsentiert – und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Bilder der gerade veröffentlichten DVD sind detailreich und der Kontrast ausgewogen. An Extras bietet die DVD nicht viel, gute deutsche Untertitel sind darauf zu finden und ein paar Trailer zu anderen Veröffentlichungen des Labels. Einige Postkarten mit Filmstills ergänzen die Ausstattung fürs Heimkino.

Dieser Klassiker gehört wieder entdeckt, und diese DVD macht Lust darauf!

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Funeral Parade of Roses. Spielfilm. Japan 1968. Regie: Toshio Matsumoto. Darsteller: Peter, Osamu Ogasawara, Shotari Akiyama, Kiyoshi Awazu, Emiko Azuma. Laufzeit: 101 Minuten. Sprache: Japanisch. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 16. Extras: Trailer. Verleih: Rapid Eye Movies.
Galerie:
Funeral Parade of Roses
12 Bilder