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Gegen Hollywood und Gender

Manifest eines privilegierten Schwulen

Er will ja nur, dass wir uns aufregen: In seinem Buch "Weiß" schreibt sich "American Psycho"-Autor Bret Easton Ellis seinen Frust über politische Korrektheit, Identitätspolitik und Opferrolle vom Leib.


Bret Easton Ellis stieg 1991 mit seinem dritten Roman "American Psycho" zum Kultautor auf – damals lebte er noch nicht offen schwul (Bild: Camille Gévaudan / wikipedia)

Einmal lamentiert Bret Easton Ellis nach Art von US-Präsident Donald Trump: "Ich bezweifle, dass irgendein Autor meiner Generation schlimmere Rezensionen bekommen hat als ich." Das schreibt einer, der mit "Unter Null" Mitte der Achtzigerjahre erst zum Jung-Star wurde und später mit dem Serienkiller-Bestseller "American Psycho" endgültig in den Literaturkanon der Postmoderne einzog.

"Nicht schon wieder Donald Trump", möchte man bei der Lektüre von Ellis' eben auf Deutsch erschienenen Buch "Weiß" stöhnen – ganz so wie Evelyn in "American Psycho". In dem wegen seiner Gewaltszenen Anfang der Neunzigerjahre höchst umstrittenen Roman wirft sie dem massenmordenden Wall-Street-Yuppie Patrick Bateman, der seinem Idol verfallen ist, an den Kopf: "Diese Obsession muss aufhören!" Auf seine wichtigste literarische Figur kommt Ellis in "Weiß" immer wieder zurück.

Neun Jahre nach seinem letzten Roman "Imperial Bedrooms" ist "Weiß" nun eine Mischung aus Autobiografie und Zeitgeistanalyse. Darin nimmt der 55-jährige schwule Autor die demokratische Linke mächtig ins Visier. Sein um rund zwei Jahrzehnte jüngerer Lebenspartner wirft ihm in Evelyn-Manier vor, er sei "ein Trump-Apologet". Dabei gibt Ellis zu verstehen, den Republikaner gar nicht gewählt zu haben.

Stolz, ein "privilegierter weißer Mann" zu sein


Die deutsche Ausgabe des Buches ist bei Kiepenheuer&Witsch erschienen

Auf das Buchcover der Originalausgabe sind neben dem englischen Titel "White" auch die Wörter "Privileged" und "Male" gedruckt. Ellis macht sich zum "privilegierten weißen Mann" und damit selbst zum Angriffsobjekt des von ihm bekämpften angeblichen Mainstream. "Alle müssen gleich sein", wirft er vor allem dem Kunstbetrieb vor, "und wenn man sich weigert, in den Begeisterungschor einzustimmen, wird man als Rassist oder Frauenfeind gebrandmarkt".

In acht Essays arbeitet sich Ellis an allem ab, was ihn an der amerikanischen Gesellschaft nervt: Hollywood und Gender, "Systemmedien" und Entschuldigungsfuror, Millennials und Gesinnungspathos. Den Anhängern der Demokraten hält er vor, in einer Blase zu leben: "Wenn du alle Menschen geblockt oder ausgeschlossen hast, deren Meinungen oder Weltanschauungen du ablehnst, (…) dann beginnt eine Art wahnhafter Narzissmus das reizende Bild zu verzerren." Dass es der anderen Seite im Politikspektrum genauso geht? Davon kein Wort.

Selten hat jemand in dieser Schärfe die Geschichte der westlichen Kultur der vergangenen 30 Jahre umrissen, die mit dem "größten Underdog aller Zeiten" im Oval Office gipfelte. Ellis bleibt bei seiner Argumentation gewollt einseitig und lässt Themen wie Rassismus oder Frauenfeindlichkeit, so als würde es sie überhaupt nicht geben, größtenteils außen vor. Natürlich kritisiert der Autor, der lange Zeit einen öffentlichen Eiertanz über seine eigene sexuelle Orientierung machte, auch nicht Homophobie, sondern den vermeintlichen Opferkult von LGBTI-Aktivisten, schließlich gebe es flächendeckend eine "neue Akzeptanz schwulen Lebens und gesellschaftlicher Gleichheit".

Ellis will bewusst der "böse Bube" sein

Man kann sich darüber empören, sollte "Weiß" aber lieber als Debattenbeitrag lesen – von einem, der seit jeher ein wenig anmaßend ist. "Ich wollte mich amüsieren, den provokanten, leicht unverschämten und meinungsstarken Kritiker spielen, wollte der böse Bube sein, ein Idiot", schreibt Ellis. Es muss also gar nicht immer ausgewogen zugehen. Zumindest durchstößt der Autor in Teilen die Filterblasen, in denen es sich die politischen Kreise jeweils gemütlich gemacht haben. Denn: Auch wenn er mit dem Vorschlaghammer agiert, trifft Ellis doch auch kleinste wunde Stellen.

Dabei ist "Weiß" viel mehr als eine Abrechnung. Ellis wird gerade dort stark, wo er von der Politik Abstand nimmt und den Fokus aufs Persönliche lenkt. Dann zeichnet er die eigene Jugend an der US-Westküste nach, wie er sich recht zeitig zu Horrorfilmen hingezogen fühlte. Er erklärt seinen frühen Ruhm nach dem Debüt "Unter Null", oder wie er als junger Schwuler in die Big-Apple-Promiwelt einzog.

Niemals glücklicher will er gewesen sein als im Sommer 1991. Damals erscheint mit "American Psycho" der Roman, der Mode, Lebensgefühl, Kultur, Besessenheit, Gesichtslosigkeit, Pornografie und Gewalt mit äußerst präziser Wucht darstellt. Eines, sagt Ellis, habe er mit Bateman gemeinsam: "Wir ekelten uns vor der Gesellschaft, die uns geschaffen hatte." Mit "Weiß" zeigt er es auf neue Weise.

Infos zum Buch

Bret Easton Ellis: Weiß. 320 Seiten. Kiepenheuer&Witsch. Köln 2019. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN: 978-3-462-05351-7). Ebook: 16,99 €


#1 StephAnonym
  • 30.04.2019, 08:09h
  • Mir ist jeder Mensch sympathisch, der sich mit den regressiven linken anlegt, ohne dabei zu stark nach rechts zu driften. Dass er dabei Frauenfeindlichkeit und Homophobie nicht thematisiert, ist okay, denn darum geht es in diesem Buch nicht.
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#2 DominikAnonym
  • 30.04.2019, 08:36h
  • Ich finde, es klingt spannend. Ich mag Autoren, die etwas riskieren, anecken und der Gesellschaft bzw. bestimmten Gruppen unverblümt den Spiegel vorhalten. Ich kenne den Autor nur vom Namen her, habe bisher aber noch nichts von ihm gelesen. Die kritische Rezension hat mich jetzt neugierig gemacht, dies bald mal zu ändern. Ein Urteil fälle ich immer erst dann, wenn ich den Text bzw. das komplette Buch selbst auch gelesen habe und kenne, nicht vorher.
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#3 Oh jeAnonym
  • 30.04.2019, 09:45h
  • Oh je, hört sich an wie die gemäßigte altersmilde Form von Milo Yiannopoulos. Muss nicht sein!
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#4 schwulenaktivist
  • 30.04.2019, 09:48h
  • Ich erlebe es immer wieder, dass bürgerliche Schwule "einfach nur provozieren" wollen. Sie wollen nicht ernsthaft Ansichten oder Erfahrungen vermitteln. Das erspare ich mir, sobald ich es merke. ("Meinungen" sind immer schon gefressen!)
    Des weiteren ist "Identitätspolitik" ein Begriff, mit dem zurzeit nach allen Seiten geworfen wird. KeineR definiert ihn verständlich und die wenigsten verstehen ihn. Er ist eine Identitäre wie queer auch: Eine Kapuzenjacke unter die man/frau sich entziehen kann...
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#5 goddamn liberalAnonym
  • 30.04.2019, 10:07h
  • Antwort auf #4 von schwulenaktivist
  • Bürgerliche Schwule, die sich nicht für Bürgerrechte einsetzen, sind nicht bürgerlich.

    Im Übrigen sind mir in meinem Leben so viele unterprivilegierte irgendwie hellhäutige Menschen, auch Männer, begegnet, dass mich die ganze Thematik nur langweilt.
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#6 MonomiloAnonym
  • 30.04.2019, 11:15h
  • Antwort auf #5 von goddamn liberal
  • Dein Desinteresse sei dir gegönnt, aber dann auch akzeptieren wenn Leute n f### auf homorechte geben weil das sie net interessiert....

    Aber du hast recht, in Deutschland sind mir bis jetzt auch weitaus mehr unterpriviligierte "irgendwie hellhäutige" begegnet als privilegierte "irgendwie farbige".... oO

    Zum Buch... Während ich die Unter Null, American Psycho und ganz besonders "Rules of attraction" gefeiert habe af fand ich "glamorama" und "imperiale bedrooms" beide wahnsinnig öde und bemüht.... Irgendjemand des teil schon gelesen?
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#7 HyenadykeProfil
  • 30.04.2019, 12:16hKöln
  • Antwort auf #2 von Dominik
  • Soso, was "riskiert" denn der Autor? Applaus aus der rechten Ecke? Die das Buch wahrscheinlich nicht mal lesen werden, sondern sich in typisch rechter Rosinenpicker-Manier auf selektive, aus dem Kontext gerissene Aussagen stürzen und diese dann als Strohmann in ihrem Kulturkampf benutzen.

    Ach ja, nochmal zur allgemeinen Klarstellung:
    Die Kritik an Alten, Weißen, Privilegierten Männern richtet sich NICHT gegen das Alter, die Hautfarbe oder das Geschlecht. Sie richtet sich gegen die Haltung, dass da sie ja selber nicht von Diskriminierung auf Grund dieser Kriterien betroffen sind, sie von diesen nichts wissen und hören wollen und um Extremfall sogar die Existenz dieser Diskriminierungs-Erfahrungen leugnen. Mit der Begründung, diese Erfahrungen nicht gemacht zu haben - wie denn auch.
    Es geht also um eingeforderte Solidarität und um die Bereitschaft, wenn man(n) schon Nichts zur Überwindung dieser Ungerechtigkeiten beitragen möchte, dann wenigstens nicht im Weg zu stehen.
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#8 goddamn liberalAnonym
  • 30.04.2019, 12:16h
  • Antwort auf #6 von Monomilo
  • "Dein Desinteresse sei dir gegönnt, aber dann auch akzeptieren wenn Leute n f### auf homorechte geben weil das sie net interessiert...."

    Nö.

    Bürger*innenrecht sind bei mir einfach unteilbar.

    Zumal selbst Menschen mit proletarischem plus Migrationshintergrund hierzulande meist irgendwie hellhäutig sind.

    Genauso wie es die Millionen Arbeitsklav*innen waren, die sich der deutsche Staat hielt. Leider oft wortwörtlich bis zur Vergasung.

    Das ist im Gegensatz zu den USA die hiesige Faktenlage. Und deshalb muss ich mich nicht für jeden dortigen Diskurs brennend interessieren.
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#9 MonomiloAnonym
  • 30.04.2019, 12:30h
  • Antwort auf #8 von goddamn liberal
  • "irgendwie hellhäutig" ist alles was nicht schwarz ist und "irgendwie dunkelhäutig" alles was nicht weiß ist... Dann is es doch erstaunlich dass ich egtl nur dann von der Polizei kontrolliert werde wenn ich mit meinen besten Freund türkischer Herkunft unterwegs bin.... oO

    Imho lassen sich die Strukturen nicht auf Amerika isolieren...
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#10 goddamn liberalAnonym
  • 30.04.2019, 12:50h
  • Antwort auf #9 von Monomilo
  • Über Diskriminierung brauchen wir nicht zu diskutieren.

    Aber:

    Meine 'türkischen' (also oft auch irgendwie kurdischen oder griechischen) Freunde sind nach ihrem Selbstverständnis und objektiv irgendwie 'weiß' wie auch ich.

    Was auch sonst?

    Ihre Vorfahren waren nie versklavt, weil sie sich immer sehr gut wehren konnten.

    de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Gallipoli

    Sie waren im 1. Weltkrieg Verbündete.

    Das ist die Faktenlage im Gegensatz zu den USA.
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