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500. Todestag

Leonardo da Vinci – eine schwule Renaissance-Ikone

Über die Homosexualität des Künstlers und Universalgelehrten machten sich viele Menschen ihre Gedanken – von der Florentiner Sittenpolizei und der jungen Schwulenbewegung bis zu Sigmund Freud.


Der italienische Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph Leonardo da Vinci (1452-1519) gilt als einer der berühmtesten Universalgelehrten aller Zeiten

Heute vor genau 500 Jahren starb der italienische Universalgelehrte Leonardo da Vinci (15.04.1452-02.05.1519), der – weil da Vinci kein Familien-, sondern ein Herkunftsname ist – einfach nur Leonardo zu nennen ist. Vermutlich trägt mehr als die Hälfte aller Menschen in Deutschland eine Zeichnung Leonardos immer mit sich herum, denn schließlich ist auf jeder Gesundheitskarte der gesetzlichen Krankenkassen sein vitruvianischer Mensch abgebildet. Das Motiv gibt es auch bei Ikea zu kaufen, ohne dass dabei das männliche Genital von einem elektronischen Chip verdeckt wird. Man kann auch Brillenetuis mit seiner "Mona Lisa" kaufen. Seine Motive sind Kunstikonen und prägen den heutigen Lifestyle. Wie kann ein Mann nach einem halben Jahrtausend so unglaublich modern sein?

Für die Leserschaft von queer.de stehen wohl noch andere Fragen im Vordergrund: Hatte Leonardo Sex mit Männern, wie es in einer Anklageschrift hieß? Aus welchen Gründen hielt ihn Sigmund Freud für homosexuell? Saß Leonardos Liebhaber Modell, als er die "Mona Lisa" malte? Leonardo ist bis heute in der schwulen Szene präsent: Sein Leben gibt es als schwules Comic-Heft und sein "Abendmahl" in lesbischen und transsexuellen Variationen. Da muss man sich doch ernsthaft fragen: Ist Leonardo da Vinci wirklich tot?

Die Denunziation wegen Sex mit einem Stricher

Im April 1476, eine Woche vor seinem 24. Geburtstag, wurde Leonardo der Unzucht mit dem 17-jährigen Prostituierten Jacopo Saltarelli beschuldigt. Die anonyme Anzeige, die neben Leonardo auch noch drei weitere Beschuldigte als Beteiligte nannte, war in einem "tamburo", einer Art Brieftrommel, eingeworfen worden, die in Florenz für anonyme Beschuldigungen aufgestellt war. Auf diesem Zettel stand sinngemäß: "Ihnen […] zur Kenntnis, wie es sich in Wahrheit verhält, dass Jacopo Saltarelli [und Leonardo] da Vinci, […], dass es eine Tatsache ist: Diese haben sich sodomitisch verhalten mit besagtem Jacopo, und das schwöre ich euch."

Jacopo war bei den Behörden kein Unbekannter und wird auch in dieser anonymen Denunziation sehr genau beschrieben: Er kleide sich gerne schwarz, "hat viele liederliche Affären und ist jenen zu Diensten, die ihn um solche Sündhaftigkeit ersuchen". Beamte des Florentiner Magistrats ermittelten gegen Leonardo und die anderen Beschuldigten. Aufgrund fehlender Zeugen und Beweise wurde Leonardo da Vinci freigesprochen. Leonardo hatte Glück – einer der anderen Angeklagten gehörte zur bekannten Familie der Medicis.

Sein "absonderliches Vergnügen" an Salai


Leonardos Assistent Salai als Aktstudie

Gerüchte um Leonardos Homosexualität entstanden schon früh aufgrund seines Verhältnisses zum Lehrling Gian Giacomo Caprotti (1480-1524). Dieser ist besser bekannt unter seinem Spitznamen Salai, was soviel wie "Kleiner Teufel" bedeutet. Am 22. Juli 1490 zog Salai zu Leonardo und lebte danach rund 25 Jahre mit dem Künstler zusammen. Zu diesem Zeitpunkt war er zehn Jahre, Leonardo 38 Jahre alt. Schon Leonardos erster Biograf Giorgio Vasari (1511-1574) schrieb in seiner 1550 erstmalig erschienenen Biografien-Sammlung "Leben der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister" (hier in deutscher Übersetzung von 1843, S. 29), dass Leonardo an Salai ein "absonderliches Vergnügen fand" (S. 29).

Der schöne Jüngling Salai war für Leonardo Modell und Muse – später vielleicht sogar sein Liebhaber. In seiner Biografie "Leonardo da Vinci" (2017, in deutsch 2018) widmet der Autor Walter Isaacson dem Verhältnis der beiden ein eigenes Kapitel (S. 185-188). Leonardo wurde oft von ihm beklaut, konnte ihm aber offensichtlich nicht böse sein. Im Gegenteil: Er kaufte ihm sogar Kleidung, u.a. mindestens 24 Paar modische Schuhe. Über viele Jahre fertigte Leonardo Zeichnungen von Salai an, auf denen dieser zwar altert, "aber er bleibt in allen Phasen weich und sinnlich". Als Leonardo ihn um 1504 auch nackt zeichnete, wird Salai wohl Anfang bis Mitte 20 gewesen sein (S. 189-195).


Der androgyne "fleischgewordene Engel" mit einer Erektion

Salai soll auch für die aufreizenden Gemälde "Johannes der Täufer" und "Bacchus" Modell gestanden haben. Eine Zeichnung mit dem Titel "Der fleischgewordene Engel" zeigt einen androgynen Mann mit Erektion, der mit seiner Fingerbewegung wie eine Vorstudie zu Leonardos "Johannes der Täufer" wirkt. Es bleibt spekulativ, ob sie von Leonardo oder einem seiner Schüler stammt.

Die Zeichnung wurde 2011 erstmals in der Schweiz gezeigt, dazu wurde mitgeteilt: Das Meisterwerk "wurde erst 1991 in Deutschland wiederentdeckt und hat wegen seiner erotischen Direktheit für erhebliches Aufsehen in aller Welt gesorgt. Meisterwerk oder homoerotische Phantasie, darüber scheiden sich die Geister." Warum glaubt dieser Verfasser, dass sich beides gegenseitig ausschließe?

War "Mona Lisa" Leonardos schwuler Lover?

Der italienische Autor Silvano Vinceti vertritt die These, dass Salai für die "Mona Lisa" Modell gesessen habe. Als Indizien für diese Theorie betont er Ähnlichkeiten der Nasen- und Mundpartien der Mona Lisa mit Gemälden, die eindeutig Salai zeigten. Außerdem habe sich bei einer hochauflösenden Aufnahme gezeigt, dass in den Augen der Mona Lisa die Buchstaben L und S (für Leonardo und Salai) zu sehen seien. Auf Französisch bedeute "mein Salai" übrigens "mon salai", was sich als Anagramm von "Mona Lisa" lesen lasse.

Viele Medien griffen diese Meldung auf: Neben queer.de (3.2.2011) gehörte dazu auch "Die Welt" (3.2.2011) mit dem Titel: "Mona Lisa war wohl ein schwuler Mann". Für "Die Zeit" (8.2.2011) hat Salai "ein ganz spezielles Verhältnis mit Leonardo" verbunden. Ob Leonardo "nun selbst seine Gesichtszüge dort verewigt hat oder die seines geliebten Schülers […] werden den Rummel um die Schöne aus dem Louvre immer am Leben erhalten".

Einige Jahre später griffen auch Medien aus der Schweiz und Österreich dieses Thema in aller Deutlichkeit auf. So schrieb "Blick" (23.4.2016): "Mona Lisa war Da Vincis Lustknabe", und oe24.at (21.04.2016) fragte: "War Mona Lisa Da Vincis schwuler Lover?"-

Eine schwule Mona Lisa in "Terra X" und "Sketch History"

Die Vermutung eines schwulen Modells für die "Mona Lisa" findet ihren Niederschlag nicht nur in Print-Medien, sondern auch in Fernsehserien.

In jedem Intro von "Terra X. Unterwegs in der Weltgeschichte" (2011) zwinkert Hape Kerkeling als Mona Lisa den Zuschauer an, was nur eine harmlose Form von Travestie ist. In der 3. Folge (bei 41:40 Min.) geht der Humor etwas weiter: Der schwule Hape Kerkeling zwinkert als "Mona Lisa" seinem Erschaffer Leonardo zu, und dieser zwinkert zurück. Wenn der Schreiber des Drehbuchs dabei Homosexualität vor Augen hatte, wird der unbedarfte Fernsehzuschauer das nicht verstanden haben.

Direktlink | Szene aus "Terra X" über Leonardo mit Hape Kerkeling (41:40 Min.)

Ähnlich verhält es sich mit der 12. Folge von "Sketch History" (2017): Leonardo da Vinci hat ein männliches Modell für seine "Mona Lisa", schminkt ihn und bittet ihn sogar um einen verliebten "Silberblick". Kurz danach endet diese Szene in einer leidenschaftlichen Knutscherei der beiden Männer. Das ist sehr witzig dargestellt, aber leider wird nur ein Bruchteil der Zuschauer erkannt haben, dass dieser Humor einen realen Hintergrund hat. So bleibt es auch hier eine Art schwuler Insidergag.


"Sketch History" mit einer schwulen Mona Lisa

Sigmund Freud: Leonardo war eine Klemmschwester

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat sich in "Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci" (1910) ausführlich mit Leonardos sexueller Orientierung auseinandergesetzt. Ihm fiel auf, dass Leonardo nackte Frauen mit einer "unschön herabhängenden Schlappbrust", das männliche Genital jedoch anatomisch viel "korrekter" gezeichnet habe.

Freud kommt zu dem Schluss, dass Leonardo "den größeren Anteil seiner Libido in Forscherdrang" sublimiert und daher wohl auch keine sexuellen Verhältnisse zu seinen Schülern gehabt habe (1. Kapitel). Dann zitiert er aus der Kindheitserinnerung von Leonardo, die ja auch Freuds Buchtitel prägt: Da "ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit diesem seinem Schwanz gegen meine Lippen gestoßen." Freud interpretiert diese Äußerung als Hinweisa auf Oralverkehr und den "Schwanz" des Vogels als männliches Glied. Er verweist zudem auf ähnliche Fantasien von "passiven Homosexuellen".

In Leonardos Fantasie sieht Freud auch eine Reminiszenz an das Saugen an der Mutterbrust; in diesem Zusammenhang geht er auf die alten Ägypter ein, die mit "Mut" eine mütterliche Gottheit verehrten, die mit einem Geierkopf abgebildet wurde (2. Kapitel). Seine Theorie, dass eine intensive Mutter-Bindung und ein abwesender Vater zur Homosexualität führen könne, sah Freud bei Leonardo bestätigt. Weil sich Leonardo seine Schüler "nach ihrer Schönheit und nicht nach ihrem Talent" ausgesucht habe, ist es für Freud nicht verwunderlich, dass keiner von ihnen später ein bedeutender Maler wurde (3. Kapitel).

Auch in Leonardos Traum vom Fliegen bzw. ein Vogel zu sein sieht Freud – mit einem Verweis auf das umgangssprachliche Wort "vögeln" – die Verhüllung eines sexuellen Wunsches. So wird aus Leonardos Traum vom Fliegen die Sehnsucht, "geschlechtlicher Leistungen fähig zu sein" (5. Kapitel). Am Ende steht Freuds Fazit, dass Leonardos Sexualtrieb von "Verdrängung, Fixierung und Sublimierung" bestimmt sei (6. Kapitel).

Was sagt die Schrift über Sigmund Freud?


Sigmund Freud veröffentlichte 1910 das Buch "Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci"

"Brillant misslungen" findet der Sozialpsychologe und Kunstforscher Manfred Clemenz diese Schrift von Freud und findet in der Online-Ausgabe der "Neuen Zürcher Zeitung" (2008) klare Worte: Dass Freud den Vogel in Leonardos Schilderung fälschlicherweise als "Geier" bezeichne, liege im Interesse von Freud, denn schließlich habe er nur so seine Gedanken vom "Symbol der Mütterlichkeit" und der androgynen ägyptischen Gottheit aufbauen können. Clemenz kritisiert, dass Freud aus der symbolischen Interpretation von Fellatio und Mutterbrust zu schnell seine "umstrittene These" abgeleitet habe, dass die "Zärtlichkeit der Mutter" Leonardo zu einem "gehemmten Homosexuellen gemacht" habe.

Für Clemenz macht diese These "dann einen Sinn, wenn es Freud nicht in erster Linie darum ging, die Biografie Leonardos zu verstehen, sondern darum, einen bestimmten Persönlichkeitstyp, den des gehemmten Homosexuellen, theoretisch zu erklären". Dann stellt Clemenz die These in den Raum, ob nicht gerade die "ideelle Homosexualität, die Freud Leonardo zuschreibt", eigentlich Teil von Freuds eigener Persönlichkeit sei. "Wäre Freud somit gelungen, was Leonardo misslang: die Überwindung seiner Homosexualität? Wäre Freuds Leonardo-Studie somit eine Art Duell, ein psychischer Triumph […] oder eine Selbstanalyse vor der Projektionsfläche Leonardo?"

Eine Antwort auf diese Fragen bezeichnet Clemenz als "spekulativ". Damit tut er vor allem sich selbst einen großen Gefallen, denn er würde sich ansonsten der gleichen Kritik am Spekulativen aussetzen, wie er sie gegenüber Freud artikuliert. Die aufgeworfene Frage bleibt dennoch interessant.

Der schon oben zitierte Autor Isaacson bezeichnet die Geschichte mit dem Geier als einen "Fauxpas", denn Freud habe sich auf eine schlechte deutsche Übersetzung aus dem Italienischen bezogen, die den Vogel als "Geier" statt richtig als "Milan" bezeichnete. Freud habe seinen Fehler "später peinlich berührt" zugegeben. Aber auch der Freud-Kritiker Isaacson sieht bei Leonardo eine Sublimierung seiner sexuellen Triebe, die er sogar durch ein Zitat von Leonardo bestätigt sieht: "Die Leidenschaft des Geistes treibt die Sinnenlust aus" (S. 41-42).

Die frühe Homosexuellenbewegung

Laut dem Ausstellungskatalog "Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung" (1997, S. 48) trübte Freuds Schrift sein bis dahin gutes Verhältnis zur Homosexuellenbewegung, die Homosexualität immer als natürlich bzw. angeboren ansah und Freuds Thesen von den Ursachen der Homosexualität als einen "Angriff" wertete. Für Freud gab es nur selten Schwule, die – "wie etwa Leonardo da Vinci – trotz ihrer Entwicklungsstörung zu außerordentlichen Kulturleistungen fähig seien".

Die erste deutsche Homosexuellenbewegung ging in ihrem "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" mehrfach auf Leonardo ein, weil sie in ihm einen echten Vorzeige-Homosexuellen sah. So wurde die Schrift von Freud ausführlich besprochen (10. Jg., S. 421-426) und ein Autor richtete sich auch dezent an das schwule Kopfkino der Leser, indem er auf die "fesselnde Vermutung" einging, dass der Künstler Il Sodoma (1477-1549) vielleicht von Leonardo in die "Geheimnisse" "der Liebe" eingeweiht worden sei (9. Jg., S. 82).

Ausführlich wird im "Jahrbuch" auch ein Roman von Dmitry S. Merejkowski über Leonardo rezensiert, der sehr positiv mit der "sokratischen Liebe" und androgynen Männern umgeht. Diesen Roman gibt es mittlerweile auch online, sodass man die zwei Textpassagen über die Gerichtsverhandlung wegen Sodomie (6. Buch) und "recht Gepfeffertes von der sokratischen Liebe" (17. Buch) leicht nachlesen kann.

Im "Jahrbuch" wird dieser Leonardo-Roman als "dunkel und rätselhaft" bezeichnet (5. Jg., S. 1076-1078), was dem Bild über Leonardo zu dieser Zeit entsprochen zu haben scheint. Ein Jahr zuvor wurden im "Jahrbuch" die "Geheimnisse" in Leonardos Kunst mit der "Schalkhaftigkeit" seines schwulen Künstlerkollegen Il Sodoma verglichen (9. Jg., S. 85) und es wurde von dem "mystisch sinnlichen Lächeln" von Leonardos "Johannes der Täufer" geschrieben (9. Jg., S. 117).

Magnus Hirschfeld verweist in seinem Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" ebenfalls auf die Studie von Sigmund Freud und schreibt, dass Leonardo "in den Armen seines Lieblingsschülers Melzi" gestorben sei (1914, S. 666-667).

"Leo" als bisexueller cooler Actiontyp


Szene aus "Da Vincis Dämonen": Leonardo mustert den Stricher Jacopo Saltarelli

Wer sich für eine historisch korrekte Biografie interessiert, ärgert sich vermutlich über die mystische Action-Serie "Da Vincis Dämonen" (USA/GB, 2013-2015). Leonardo da Vinci – den seine Freunde nur Leo nennen – ist hier ein junger, smarter Rebell, der sich – auch wortwörtlich – durchs Leben schlägt und wie der Serienstar Mac Gyver gerne mal bastelt. Leo betont, dass er sich als Freigeist auch sexuell nicht festlegen lässt. Wer es historisch nicht so genau nimmt, freut sich vielleicht darüber, wie der Mythos von einem Menschen aus der Renaissance seine Wandlungsfähigkeit in der modernen Gesellschaft beweist.

Schon in der ersten Folge der Serie rekelt sich Leos späterer Erpresser Jacopo Saltarelli nackt im Bett des Herzogs von Mailand. Danach bietet er auch Leo seine Dienste als "Modell" an, der zwar ablehnt, aber dennoch findet, dass er "nett anzusehen" sei. So wird schon in der ersten Folge klar: Leo ist bisexuell und Jacopo prostituiert sich.

Direktlink | Die erste Folge von "Da Vincis Dämonen"

Einige Folgen später wird Leo durch Jacopo Saltarelli der Sodomie beschuldigt, was als Cliffhanger angelegt ist. Die Folge danach behandelt fast ausschließlich Leos Sodomie-Prozess und ist in der Inszenierung genauso aufwendig wie unhistorisch.

Direktlink | Die fünfte Folge von "Da Vincis Dämonen"

Kulturelle Referenzen werden in der Serie aus dem Kontext gerissen und spannend neu zusammengesetzt. Damit meine ich nicht nur Leos Basteleien an Flugapparaten und der Camera obscura, sondern auch Motive im Zusammenhang mit schwuler Geschichte: die Gespräche über Donatellos "David"-Statue, die Theater-Aufführung des "Decamerone" und die Laszivität von Leos Zeichnung "Johannes der Täufer". Selbst hinter dem derben Trinkspruch in dieser Folge "Auf Florenz, wo du – egal ob Männlein und Weiblein – jeden ungeschoren ficken kannst" versteckt sich ein bisschen schwule Kulturgeschichte: Florenz galt zu dieser Zeit als "ein Hauptsitz homosexueller Betätigung" und "florenzen" war ein umgangssprachlicher Ausdruck für schwulen Sex (Hirschfeld, 1914. S. 20).

Leonardo: "Nichts, wofür ich mich schämen müsste"

Die Doku "Ich, Leonardo da Vinci" (Großbritannien/Kanada, 2013) nimmt sich fast fünf Minuten Zeit, um in Leonardos Leben den Aspekt der Homosexualität zu beleuchten: die Strafanzeige wegen Sodomie, die Ermittlungen der Sittenpolizei und auch die vielen Männer, die für Leonardos Leben bestimmend waren. Die Doku zitiert auch aus seinen 6.000 überlieferten Tagebuchseiten. Wie unter einem Mikroskop beobachtete Leonardo seine eigenen körperlichen Reaktionen: "Manchmal regt er sich von ganz alleine. Ohne meine Erlaubnis. Nichts, wofür ich mich schämen müsste." In diesem Kontext wirkt Leonardos Zitat so, als würde sich der Kommentar auf eine Erektion und damit auf Sexualität bzw. Homosexualität beziehen.

Direktlink | Die Doku mit einer längeren Filmszene über Leonardos Homosexualität (45:55-50:20 Min.)

Das Zitat stammt vermutlich von Leonardos Text "Über den Penis", der auch von Walter Isaacson in seiner Biografie zitiert wird (S. 109): "Und es scheint, dass der Mensch sich mit Unrecht schämt, es bei seinem Namen zu nennen, geschweige denn zu zeigen. Im Gegenteil, er bedeckt und verbirgt es immer, obwohl er es eigentlich schmücken und feierlich vorweisen sollte." Unabhängig davon, ob sich Leonardos Äußerung auf Nacktheit, eine Erektion im Allgemeinen oder Homosexualität bezieht: Sich nicht schämen zu brauchen bleibt in allen Fällen eine passende Formulierung.

"Das Abendmahl" mal anders


"Das Abendmahl" von Leonardo da Vinci ist eines der berühmtesten Wandgemälde der Welt

Leonardos "Das Abendmahl" (1494-1497) gilt als Höhepunkt seines malerischen Schaffens, befindet sich in einem Mailänder Kloster und ist eines der berühmtesten Wandgemälde der Welt.

Von den vielen queeren Adaptionen seines Werkes möchte ich einige exemplarisch nennen. Aus den USA stammt eine schwule Leder-Version (2007), die das "San Francisco Folsom Street Fair" bewarb und auf dem Jesus und seine Jünger halbnackt mit Sexspielzeugen zu sehen sind. Proteste von Christen ließen nicht lange auf sich warten. Zehn Jahre später sorgte eine weitere schwule Adaption des Gemäldes (2017), die für ein LGBT-Event in der italienischen Stadt Salerno warb, für eine ähnliche Aufregung unter Christen.

Im "Lesbischen letzten Abendmahl" (2013) zeigt die US-Künstlerin Bronwyn Lundberg die Moderatorin Ellen DeGeneres als wichtigste Lesbe in der Mitte der Tischrunde und jeweils sechs lesbische Prominente zu ihrer linken und rechten Seite sitzend. Grundsätzlich sollten die Frauen damit geehrt werden, wenn auch Shane McCutcheon – trotz ihres eigentlich fiktiven Charakters in der lesbischen Serie "The L-Word" – ganz bewusst als "Judas" dargestellt wurde.

Variationen des Abendmahls müssen nicht zwangsläufig zu Kontroversen mit gläubigen Christen führen. Andy Warhols Version des Abendmahls (1986) wird heute sogar dazu verwendet, um Warhol als einen gläubigen Katholiken zu charakterisieren. Dabei sollte eigentlich schon alleine der Ort des Kunstwerkes die Kirche provozieren: Warhol schuf das Werk für eine Mailänder Bank in unmittelbarer Nähe zu Leonardos Original, womit zwischen der Bank – als einem "Tempel des Kapitals" – und Leonardos religiöser Ikone im Kloster ein Bezug hergestellt wird.


Ein transsexuelles Abendmahl (2016) der "Ausgestoßenen"

Die Adaption des Abendmahls mit transsexuellen Personen (2016) der schwedischen Künstlerin Elisabeth Ohlson Wallin wird im Internet von der evangelischen Kirche sogar ausdrücklich beworben. Das Bild stelle eine Verbindung zu Jesus dar, der "gerne mit gemeinhin unbeliebten und ausgestoßenen Menschen" gespeist habe.

Es ist die erkennbare Absicht dieser Künstler und Künstlerinnen, mit dem religiösen Motiv zu provozieren. Auch die klischeehaften Darstellungen der abgebildeten queeren Personen – mit Ausnahme von Andy Warhols Werk – sind auf Provokation angelegt und lassen sich kontrovers diskutieren.

"Der vitruvianische Mensch" – schön, symmetrisch

Auch Leonardos Zeichnung "Der vitruvianische Mensch" – in Anlehnung an den römischen Architekten Vitruv – ist heute weltweit eine populäre und häufig adaptierte Figur. Die bekanntesten Beispiele dafür sind wohl der Abdruck auf den Gesundheitskarten der gesetzlichen Krankenkassen und die Wiedergabe auf der Rückseite der italienischen Ein-Euro-Münze.


Leonardo da Vincis Zeichnung "Vitruvianischer Mensch" enstand um 1490

Auf wissenschaftlicher Ebene steht die Zeichnung für die Bedeutung von Mathematik, Kunst und Wissenschaft. Es ist aber auch ein Symbol für Körperbewusstsein und drückt Symmetrie, Schönheit und Gesundheit aus. Die Nacktheit der männlichen Figur wirkt nicht aufdringlich, sondern natürlich. Dies sind nur einige Aspekte, die die Faszination dieser Zeichnung für den heutigen Betrachter erklärt.

Die "Fachgruppe Wissenschaftsjournalismus" im "Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen" verwendet das Motiv als Logo seit März 2000 und hat es aufgrund seiner besonderen wissenschaftlich-ästhetischen Anmutung gewählt.

In Brad A. Townsends Fantasy-Roman "The Order: Vitruvian Man" (2018) prägt die Zeichnung das Buchcover und den Titel des Romans. Auf dem Cover wird das Genital durch eine Art Feuerring verdeckt, der ebenso mystisch angelegt ist wie der Inhalt des Buches, das von zehn genetisch veränderten schwulen Männern handelt. Die Motiv-Auswahl kann darin begründet sein, dass Leonardos Zeichnung mystisch und zeitlos wirkt.

Bei einem Poster-Motiv eines unbekannten Künstlers wurde Leonardos Zeichnung mit Gender-Symbolen kombiniert, die auf das körperliche Geschlecht, die soziale Rolle und die sexuelle Orientierung verweisen und so für sexuelle und soziale Vielfalt stehen. Leonardos Zeichnung ist offenbar ähnlich zeitlos und anpassungsfähig wie die beiden zugrundeliegenden jahrtausendealten Symbole für Mars und Venus.

Die heutige Sicht auf Leonardo


Titelseite der Wochenzeitung "Die Zeit" vom 3. Januar 2019

Es gibt viele Beispiele, bei denen die Autoren kurz und fair auf Leonardos mögliche Homosexualität eingehen. Weil Leonardo vor Gericht freigesprochen wurde und die Äußerungen von Sigmund Freud angreifbar sind, ist seine mögliche Homosexualität schlecht greifbar.

Bei vielen Autoren hat man aber auch das Gefühl, dass dieser Aspekt Leonardos Leben spannender und facettenreicher erscheinen lässt. Die "Zeit" schrieb im Rahmen ihrer Titelgeschichte über Leonardos 500. Todestag: "Leonardos imaginierte Weiblichkeit ist frei von sexuellem Begehren, kein Wunder, er war schwul". Ich habe mich nicht über diesen Satz gewundert, aber schon darüber, wie wenig Erläuterungen in diesem großen Artikel dafür geboten werden.

Die Graphic Novel "Leonardo & Salaï" verdient in der aktuellen Literatur eine besondere Aufmerksamkeit: In diesem Comic wird die Liebe Leonardos zu seinem Assistenten Salai behandelt, Leonardos Alltag als Maler und Erfinder beleuchtet und ein interessantes Bild von der italienischen Gesellschaft um 1500 gezeichnet. Sowohl in der Form als auch durch den Inhalt stellt er eine lebendige Ergänzung zur bisherigen biografischen Literatur dar.


Szene aus der Graphic Novel "Leonardo & Salai"

Auf ganz andere Weise verdeutlicht die Schwulenzeitschrift "Mate" Leonardos Stellenwert in der heutigen Szene. Das Magazin veröffentlichte in seiner Ausgabe von September 2012 eine Liste der homosexuellen Männer, die den größten Einfluss auf die Gesellschaft hatten bzw. haben. Leonardo erreichte dabei den ersten Platz. Auch wenn die Zusammenstellung noch so merkwürdig erscheinen mag, zeigt sie dennoch die Aufmerksamkeit, die Leonardo auch heute noch zuteilwird.

Gutes bleibt

Leonardo schuf Kunstwerke mit geheimnisvoller Erotik. Nicht nur bei seinen Erfindungen, sondern auch in Bezug auf Erotik, Nacktheit und Sexualität scheint er aus seiner Zeit zu fallen und seinen ganz eigenen Weg gegangen zu sein. Auch bei anderen Künstlern der Renaissance – wie bei Il Sodoma, Donatello, Michelangelo Buonarroti und Benvenuto Cellini – wird über eine mögliche Homosexualität diskutiert, aber von Leonardo scheint nach wie vor die größte Faszination auszugehen.

Walter Isaacson schreibt in seiner Biografie von einem Glücksfall, dass Leonardo unehelich geboren wurde, weil er ansonsten Jurist geworden wäre. Diese These verlockt zu einer weiteren These: Was wäre, wenn Leonardo nie einen Widerspruch zwischen seiner Sexualität und der Moral seiner Zeit gefühlt hätte? Wenn er seine Sexualität tatsächlich mit seiner Kunst sublimierte, war das zwar schlecht für Leonardo, aber gut für die Kunst. Seine Kunst ist das, was bleibt und Menschen auf der ganzen Welt bis heute inspiriert.

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#1 FaboAnonym
  • 02.05.2019, 14:19h
  • Umfangreicher Artikel mit ein paar spannenden Details, die ich so noch nicht kannte! Danke!
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#2 Sukram712Anonym
#3 Homonklin44Profil
  • 03.05.2019, 07:18hTauroa Point
  • Die Verwechselung von Geier und Milan hätte ich sprachlich für sonderbar gehalten, da sich die Entsprechungen in Latein und italienisch doch sehr unterscheiden. Vielleicht kam das dadurch zustande, dass beide Vögel gerne Aas fressen, und ein Ausdruck wie "Aas-Vogel" verwendet worden sein könnte. Wichtig wäre es dann wohl, die Traumdeutung aus jener Zeit mit einzubeziehen. Milane haben etwa längere Gabelschwänze mit äußeren, überlangen Steuerfedern. Das könnte in einer anderen Symbolik münden, als der relativ kurze Schwanz der meisten Geier.

    Bei Freud wundert mich das allerdings nicht mehr sehr. Wenn man seine weiteren Deutungen und wilden, freien Spekulationen zur Herandeutung verschiedener seiner Ideen kennt, meine ich. Man hat bei ihm oft das Gefühl, auf einem Jahrmarkt der freien Assoziation herum zu turnen. Ob auch Freud versteckt homosexuell war, weiß der Geier, aber er hatte wenigstens eine profunde Fixation auf allerlei sexuelle Konnotation und scheinbar lüsterne Fantasien.

    Leonardo war als Universalgenie seiner Zeit in Vielem weit, weit voraus und hatte einen Blick für das Detail in jedem Sachgebiet, dem er sich annahm. Es könnte sein Salai als Geliebter oder heimlicher Partner auch Inspirator für die großen Werke gewesen sein.
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#4 R_BruehceAnonym
  • 03.05.2019, 20:57h
  • Interessanterweise kommt hier dann doch niemand trotz hunderter Artikelwörter auf die am nächsten liegende Idee, um was es sich bei der mysteriösen Geschichte um den Vogel (weiss der Geier, was für einer das denn nun war) denn in Wirklichkeit gehandelt haben könnte. Freud hätte die Idee der verklausulierten Symobole in diesem förmlich ins Gesicht springen müssen. Vielleicht wollte er auch einfach nur nicht noch einen weiteren Skandal auslösen.
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