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Repression

Polen: Polizei geht gegen queeres Marienbildnis vor

Der Innenminister lobt Polizeiaktionen und die Anklage gegen eine Aktivistin, die von der katholischen Kirche angegriffenen LGBTI beistehen wollte.


Dieses Bild beschäftigt die polnische Polizei und Politik seit Wochen (Bild: Twitter)

Zu Update springen: Großer Regenbogenprotest in Warschau (7.5., 21:40h)

Der Kulturkampf um LGBTI-Rechte in Polen wird immer bizarrer: In Warschau wurde am Montag eine 51-jährige regierungskritische Aktivistin festgenommen, der vorgeworfen wird, ein Bild erstellt und verbreitet zu haben, das die Jungfau Maria und das Jesuskind auf einem ikonischen Bild mit einem Regenbogen-Heiligenschein statt einem goldenen zeigt.

Das Original-Bild "Schwarze Madonna von Tschenstochau" gilt in Polen als nationales Symbol und in einer restaurierten Fassung im Kloster Jasna Góra als heiligste Reliquie des Landes. Elzbieta Podlesna wird nun vorgeworfen, mit der Regenbogenversion Gefühle von Gläubigen verletzt und ein religiöses Objekt missbraucht zu haben. Der entsprechende Strafrechtsparagraf sieht eine Geldstrafe oder Haft bis zu zwei Jahren vor.

Laut Medienberichten hatten am frühen Morgen sechs Polizeibeamte die Wohnung der regierungskritischen Aktivistin durchsucht, mehrere Regenbogen-Marienbilder und elektronische Geräte samt Smartphone beschlagnahmt und Podlesna festgenommen. Während Gerüchte über die Festnahme die Runde machten und viele Menschen in sozialen Netzwerken trotzig das Bild teilten, wurde die Aktivistin zu einer Wache in die 100 Kilometer entfernte Stadt Plock gebracht, wo sie die Bilder verteilt haben soll, und für fünf Stunden verhört. Nachdem sie sich schuldig bekannt habe, sei sie freigelassen worden.


Die liberale Zeitung "Gazeta Wyborcza" machte die Festnahme der abgebildeten Aktivistin Elzbieta Podlesna zum Thema des Tages und kommentierte, die PiS nutze die "absurden" Anschuldigungen, die vor Gericht keine Chancen hätten, zur Beruhigung rechter Wähler

Nun folgt eine Anklage, wie Innenminister Joachim Brudzinski ankündigte. Der Politiker der Regierungspartei PiS schrieb auf Twitter, die Polizei habe eine seit mehreren Tagen geplante Hausdurchsuchung wegen der "Entweihung" des Bildes durchgeführt, nachdem sich die Person zuvor im Ausland befunden habe (für eine Vortragsreihe von Amnesty International, das die Festnahme kritisierte, zur Lage in Polen war Podlesna durch die Niederlande und Belgien gereist). "Keine Fantasie über Freiheit und 'Toleranz' gibt jemand das Recht, die Gefühle von Gläubigen zu verletzen", so Brudzinski, der im letzten Jahr bereits Ermittlungen gegen CSD-Teilnehmer in Tschenstochau angekündigt hatte, die eine Fahne des polnischen Staatswappens in Regenbogenfarben zeigten (queer.de berichtete).

Marienbild war Reaktion auf Homophobie der Kirche

Die Regenbogen-Version der Schwarzen Madonna war vom 26. auf den 27. April rund um eine Kirche in Plock plakatiert und als Flyer verbreitet worden. Anlass war ein Konflikt wenige Tage zuvor an Ostern: In einer österlichen Tradition, Begriffe von Sünden rund um das Jesu-Grab zu befestigen, waren laut queer.pl in mindestens drei katholischen Kirchen in Polen neben "Gier", "Stolz" oder "Lüge" auch Begriffe wie "LGBT" oder "Gender" angebracht worden.

So auch in der Kirche St. Maximilian Kolbe in Plock. "Haltet uns vom Feuer des Unglauben ab", lautete hier die Überschrift über dem Kreuz zu den Begriffen drumherum. Als zwei LGBT-Aktivisten eine Regenbogenflagge unter das Kreuz legten, kam es zu einem Wortgefecht und dann einem Handgemenge mit dem Priester, der die Aktivisten als "pervers" beschimpfte und versuchte, ihnen die Speicherkarte der Kamera zu entwenden.


Christliche Ausgrenzungs-Kunst in Plock

Daraus entwickelte sich eine größere Debatte über Religionsfreiheit und Ausgrenzung, eine Beobachtungsstelle gegen Rassismus und Antisemitismus bezeichnete die Kirchen-"Kunst"-Aktion etwa als Hass. In einem von Podlesna bei Facebook verbreiteten Zeitungsinterview bekannten sich mehrere Warschauer Aktivisten anonym zu den Marienbildern, die Protest gegen die "Stigmatisierung nicht-heteronormativer Personen durch den Klerus" sein sollten. Es dürfe nicht sein, dass Kirche und Staat "imaginäre Feinde unter den Bürgern" ausmachten und angingen. Unter den Aktivisten befänden sich Gläubige, die sich nicht durch das Marienbild, sondern die Homophobie der Kirche verletzt fühlten. Man setze darauf, dass "das von Minister Brudzinski mobilisierte Ministerium" die Aktivisten ausfindig mache, um die Debatte vertiefen zu können.

In sozialen Netzwerken zur größten Verteidigerin des Priesters wurde Kaja Godek, eine ultrareligöse Aktivistin und Kandidatin eines zur Europawahl gegründeten Parteienbündnisses, das über ein derzeit im Parlament vertretenes Mitglied Teil der Fraktion "Europa der Freiheit und der direkten Demokratie" ist, in der Jörg Meuthen die AfD vertritt. Sie gehörte zu den ersten, die die Marienbilder skandalisierte, in sozialen Netzwerken zugleich selbst weiterverbreitete und auch Ermittlungen forderte.

Damit nicht genug, hielt Godek am Montag auch mit weiteren rechten und christlich-fanatischen Aktivisten unter dem Logo des Parteienbündnisses eine Mahnwache unter dem Titel "Stoppt Abweichungen" vor einer Schule in Plock ab. Darin forderte sie – zeitgleich zur Vernehmung der Marienbild-Künstlerin durch die Polizei – die Entlassung einer Lehrerin, die am Kirchenprotest beteiligt war. Plakate zeigten volksverhetzende Aussagen und entsprechende Bebilderungen zu "Sodomie" oder einen angeblich erhöhten Missbrauch durch Schwule, während Redner einen Stop der von der "Homo-Lobby" erzwungenen "Gender-Ideologie" im Unterricht forderten.


Zu dem volksverhetzenden Protest war vom Innenminister am Montag auf Twitter nichts zu hören. Das ist wohl kein Zufall: Seitdem Warschaus Bürgermeister Rafal Trzaskowski kürzlich eine Erklärung unterzeichnete, mit der sich die Stadt unter anderem zu umfassender und LGBTI-inklusiver Sexualaufklärung an Schulen verpflichtet, hat die Partei "Recht und Gerechtigkeit" einen AfD-artigen Kampf gegen LGBTI-Rechte zu einem ihrer wichtigsten Wahlkampfthemen gemacht. So warnte Parteichef Jaroslaw Kaczynski vor wenigen Tagen, die "LGBT- und Gender-Bewegung" bedrohe "unsere Identität und unsere Nation" (queer.de berichtete). Wenige Wochen vor Ostern hatte bereits die polnische Bischofskonferenz eine ähnlich drastische Warnung veröffentlicht (queer.de berichtete). (nb)


 Update  7.5., 21.40h: Großer Regenbogenprotest in Warschau

Am Dienstagabend haben bei einem innerhalb eines Tages organisierten Protests vor dem Kulturpalast in Warschau hunderte Menschen ihre Solidarität mit Elzbieta Podlesna gezeigt und unter dem Motto "Der Regenbogen ist nicht beleidigend" ein Zeichen für "ein demokratisches Polen" gesetzt.

Twitter / KPH_official

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#1 FelixAnonym
  • 06.05.2019, 23:11h
  • Auch dieses Bild fällt unter Redefreiheit und Freiheit der Kunst.

    Es wird Zeit, dass die EU endlich mal Polen klar macht, dass auch dort EU-Recht und die Grundrechte-Charta der EU gelten.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 PreisfrageAnonym
  • 06.05.2019, 23:25h
  • Und um welches Land geht es wohl hier?

    "§ 166
    Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen

    (1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

    (2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören."
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Alexander_FAnonym
  • 06.05.2019, 23:39h
  • Antwort auf #2 von Preisfrage
  • Um ein Land, dessen Präsident vor Kurzem einer der finstersten Theokratien der Welt zum 40-jährigen Bestehen gratuliert hat, dieses seither mit Waffen beliefert, das zwei (und vielleicht auch bald drei) Religionen eine eigene Paralleljustiz zugesteht, diese mit reichlich Pfründen bedenkt....Die Liste ist lang, der Abend kurz.
    Kennst du es wohl?
    Von dort, von dort, zog es mich fort.
    Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen.

    Das ändert natürlich nichts daran, dass die Verhältnisse jenseits der Oder auch sehr bedenklich sind. Mal wieder ein Beispiel dafür, wie die religiösen Mimöschen und HB-Männchen aller Couleur darauf reagieren, wenn man einmal ein harmloses Witzchen über sie macht.

    "Schlachtermeister, wahrt eure heiligsten Güter!", nicht nur in Weimar 1919, sondern auch in Warschau 2019.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 Ana NymAnonym
  • 07.05.2019, 01:34h
  • Antwort auf #2 von Preisfrage
  • [166](
    dejure.org/gesetze/StGB/166.html)

    Das Gesetz ist notwendig um Angehörige und deren Religion(en) zu schützen. Etwa auch damit so Sachen wie die, die die Nazis gemacht haben nicht straffrei bleiben.

    Ein Regenbogen als Heiligenschein ist jedoch keine "Beschimpfung", ganz im Gegenteil:
    Christliche Symbole:
    "Regenbogen
    Wie die Taube ist der Regenbogen ein Symbol des Friedens und der Verbundenheit.
    Nach der Sintflut schließt Gott mit Noah einen Bund und besiegelt ihn mit dem Zeichen des Regenbogens.
    Er verspricht Noah, dass Saat und Ernte, Frost und Hitze von nun an nicht mehr aufhören werden" (vgl. Genesis 8,22; 9, 13)."

    Wir hoffen, dass es für die "Ankläger" so richtig peinlich wird: Vor der eigenen Bevölkerung und der, der anderen EU-Staaten :-)
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Gerlinde24Ehemaliges Profil
  • 07.05.2019, 02:03h
  • Interessant! Gefühle von Gläubigen dürfen nicht verletzt werden, sofern diese polnisch und heterosexuell sind. Auf den Gefühlen von LGBTIQ-Menschen darf man in Polen hingegen herumtrampeln, da diese, trotz EU-Mitgliedschaft Polens, kaum Rechte haben. Was wäre, wenn z.B. ein schwuler Pole, und ein schwuler Deutscher in Deutschland miteinander die Ehe eingehen würden, und nach Polen ziehen würden? Wäre ihre Ehe dort gemäß EU-Richtlinien anerkannt, oder verboten?
  • Antworten » | Direktlink »
#6 PreisfrageAnonym
  • 07.05.2019, 02:45h
  • Antwort auf #4 von Ana Nym
  • "Das Gesetz ist notwendig um Angehörige und deren Religion(en) zu schützen."

    Nicht wirklich. Wenn es um die Gläubigen geht, greifen bereits andere Paragraphen wie Beleidigung oder Volksverhetzung. Ich sehe keinen Grund, religiöse "Bekenntnisse" und "Gebräuche" gesondert zu schützen, jedenfalls nicht mehr als nichtreligiöse.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 ChrisviennaAnonym
#8 FredinbkkProfil
  • 07.05.2019, 09:53hBangkok
  • Antwort auf #4 von Ana Nym
  • Nach der Sintflut schließt Gott mit Noah einen Bund und besiegelt ihn mit dem Zeichen des Regenbogens....
    und weil es ums verecken nicht regnen wollte ,benutzte Gott einen Rasensprengler von GARDENA ..Amen.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 Ona NieAnonym
  • 07.05.2019, 11:10h
  • Antwort auf #4 von Ana Nym
  • Klar, Religioten fühlen sich ja pausenlos beleidigt, wenn man ihre Störung hinterfragt. Dass dieser mittelalterliche Blasphemieparagraph nur Religioten unter Artenschutz stellt, stört dich nicht? Religionsfreie Menschen verdienen keinen Schutz?
  • Antworten » | Direktlink »
#10 PetterAnonym