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Erste ESC-Woche in Tel Aviv

Eurovision: Deutschland überrascht mit lesbischer Symbolik

Bei der ersten Probe setzten die S!sters auf allerlei Botschaften und Vielfalt – der Einsatz von Frankreichs Bilal Hassani für Respekt wirkt authentischer.


Deutschlands erste Probe beim Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv (Bild: Thomas Hanses / EBU)

Zu Update springen: Zweite Probe Deutschlands verzichtet auf LED-Frauenbilder (12.5.)

Beste Freundinnen, Schwestern, zwei augenscheinlich lesbische Paare beim Austausch von Zärtlichkeiten und zwei junge Frauen mit Kind – das sind nur einige Motive, auf die das deutsche Duo S!sters bei seinem ESC-Auftritt in Tel Aviv setzt.

Am Freitag, rund eine Woche vor dem Finale am 18. Mai, probten die Big-5-Länder und Gastgeber Israel zum ersten Mal und Deutschland überraschte mit der sicherlich nicht zufällig gewählten auch lesbischen Symbolik auf der LED-Leinwand im Hintergrund – gilt es doch, einer bei Fans und Wettbüros bislang eher als maximal durchschnittlich eingeschätzten Nummer Leben einzuhauchen.

Direktlink | Erste Eindrücke des Bühnenauftritts in Tel Aviv. Weitere und längere Videos gibt es erst zur zweiten Probenrunde, für Deutschland somit am Sonntag

Dabei hatte der NDR früh betont, dass die Vorteile des Songs trotz Fankritik – die zu einem eingekauften Lied zusammengecasteten Sängerinnen Carlotta Truman (19) und Laurita Kästel (26) waren an Teilen des Vorentscheidverfahrens vorbeigeschmuggelt worden – in einer starken Botschaft lägen: "Die Idee von 'Sister' ist gedacht als ein Beitrag zur 'MeToo'-Debatte", meinte der ESC-Verantwortliche Thomas Schreiber wohl auch in Gedanken an Vorjahressiegerin Netta. "'Sister' wurde als Song mit einer klaren Botschaft für starke, emanzipierte Frauen konzipiert."

Die klare Botschaft kam im Vorentscheid nur bedingt und nur bedingt begeisternd rüber. Wohl auch daher nun die Bildmotive im Hintergrund, zwischendurch wird gar "Respect" auf der LED-Leinwand eingefordert, zum Ende gibt es ein Peace-Symbol, das aus einem Mann/Frau- und Frau/Frau-Symbol erwächst. Doch geht es nun allgemein um Frauenemanzipation und Solidarität untereinander oder um Liebe unter Frauen? Was sich nicht ausschließt, gar zu einer inklusiven Botschaft ergänzen kann, hier aber unter konstanter "Sisters!"-Besingung vielleicht nicht so recht zusammenpassen will.

Vor Ort herrschte jedenfalls Verwirrung ob der großformatig eingefangenen lesbischen Sichtbarkeit in den Schlussmomenten der Inszenierung, die nun als "Gleichstellungshymne für Lesben missverstanden" werden könne, wie es die Blogger von ESC Kompact ausdrückten – nicht missmutig, mehr verwirrt über das dargebotene Gesamtpaket.

Direktlink | Der Song in der Vorentscheids-Version

Worum soll es also gehen? Wenn man als Frau aufwachse, habe man viele Probleme, sich selbst zu respektieren, sagte Laurita Kästel bei der anschließenden Pressekonferenz. Ihre große Schwester habe ihr dabei sehr geholfen, stark zu werden. Frauen müssten folglich zusammenstehen, um stärker zu werden, so die Botschaft der beiden. "Wir müssen der Schwester neben uns Respekt und Toleranz gegenüberbringen", zusammen stark sein, ergänzte Truman. Es gehe nicht um "liebes-bezogene Sisterhood", so Kästel rätselhaft in dem englischsprachigen Gespräch, sondern darum, sich anderen Frauen gegenüber so zu verhalten wie der eigenen Schwester gegenüber.

Eine zusätzliche Botschaft für die queere Community wurde von den S!sters dabei nicht angesprochen. Beide Sängerinnen betonten hingegen mehrfach den Begriff "Sisterhood", der aus deutschem Munde etwas einstudiert und bemüht wirkte. Das gilt wohl auch für die lesbische Symbolik, mit dem sich der NDR offenbar erhofft, ein paar zusätzliche Signale zu senden und zusätzliche Stimmen zu holen. Botschaften der Toleranz gegenüber Homo- und Transsexuellen sind immer gerne gesehen und wichtig, gerade auf großer, in weite Teile der Welt ausstrahlender Bühne. Aber kommt das authentisch und passend rüber? Im Wiwibloggs-Forum fanden Nutzer schnell heraus, dass die deutsche ESC-Delegation offenbar die ersten Stock-Agentur-Videos zum Thema Lesben genommen hat, die sie finden konnte.

Twitter / TheRealEuroPaul

Frankreich: Selbst-Akzeptanz gegen Hass

Ein stärkeres Respekt-Zeichen dürfte da Bilal Hassani setzen: Der 19-jährige schwule Sohn einer aus Marokko stammenden Einwandererfamilie gewann im Januar den französischen Vorentscheid mit der selbstbewussten, französisch- und englischsprachigen Hymne "Roi" (queer.de berichtete). Die lyrisch verpackte Botschaft des androgyn auftretenden Sängers: Ich lasse es mir von niemanden nehmen, mein Ding so durchzuziehen, wie ich bin.

Direktlink | "Roi" in der Vorentscheids-Version

Für den Auftritt in Tel Aviv hat Bilal nicht nur stimmlich aufgeholt, sondern auch an der Inszenierung gearbeitet und Vielfalt und Können hinzugeholt: Er wird nun begleitet von der übergewichtigen, viral bekannt gewordenen Ballerina Lizzy Howell und einer tauben taiwanesischen Tänzerin, die zwischenzeitlich Gebärdensprache einsetzt.


Bild: Andres Putting / EBU

In einer von Fans als perfekt bewerteten Choreographie tanzt das ungleiche Trio mal zusammen und mal alleine, während im Hintergrund Videos aus dem Leben aller drei laufen oder Botschaten des Respekts eingeblendet werden – jeder, der irgendwie vermeintlich anders ist oder angefeindet wird, kann aus diesem Auftritt Kraft mitnehmen. Das könnte bei vielen Zuschauern, gerade den jungen, auf Resonanz treffen und manch wichtiges Zeichen in die weiten Ecken der Eurovisions-Länder und darüber hinaus senden.

Direktlink | Erste Eindrücke Frankreich

Der Auftritt enthält auch Botschaften des Hasses – Hassani wurde zur Zielscheibe von Online-Hetze, thematisierte das aber in Zusammenarbeit mit LGBTI-Organisationen und brachte sie teilweise zur Anzeige (queer.de berichtete). Bei der Nach-Proben-Pressekonferenz betonte er auf eine entsprechende Frage, er bekomme weiterhin Hass-Mails und -Tweets, die er aber ignoriere. Das eigene selbstbewusste und -bestimmte Leben sei wichtiger, und darüber zu singen, vor Millionen von Menschen, erst Recht. In Israel fühle er sich wohl und sei gespannt darauf, die Bühne mit Vorbild Conchita Wurst zu teilen – als 14-Jähriger sei er begeistert von ihrem ESC-Auftritt gewesen und geschockt von all dem Hass, der ihr entgegenschlug.

Im ESC-Vorfeld hatten übrigens einige Boulevardblätter selbst etwas Kontroversen schüren wollen: Das israelische Staatsfernsehen plante, kurz vor dem ESC eine Comedy über einen schwulen Muslim auszustrahlen, der Frankreich beim Song Contest vertritt und vom IS gezwungen wird, einen Terroristen mit nach Tel Aviv zu schmuggeln. Dann wählten die Franzosen Bilal im Vorentscheid aus. Entgegen den Berichten hatte Frankreich aber deswegen nicht mit einem Boykott gedroht und Israels Staatssender KAN brauchte keine lange Überredung, die Ausstrahlung der Comedy zu verschieben.

Vimeo / FIRMA Creative Production | Diese Comedy, die sich laut KAN über alle Seiten lustig machen will, wird nun erst nach dem ESC ausgestrahlt

Ein spannender Wettbewerb steht bevor

Inzwischen haben nun alle 41 teilnehmenden Länder mindestens einmal in der vergleichsweise kleinen Expo Tel Aviv geprobt, womit die von den jeweiligen Delegationen selbst festgelegten und für den Gesamteindruck wichtigen Inszenierungen feststehen. Größere Favoritenstürze gab es nicht: Weiter vorne bei den Wettbüros liegt der bisexuelle Niederländer Duncan Laurence mit "Arcade".

Direktlink | Seit 1980 haben die Niederlande den Contest nicht mehr gewonnen. Duncan Laurence könnte das ändern

Erstmals knapp aus Platz zwei (bei den Wettbüro-Chancen auf Sieg) liegt Schwedens John Lundvik mit dem dank Gospelchor sehr einprägsamen "Too Late for Love", gefolgt von Russlands Sergei Lasarew mit "Scream", der zuletzt Ziel homophober Anfeindungen wurde (queer.de berichtete), und Italiens Mahmood mit "Soldi", der ebenfalls rassistisch und homophob angegangen wurde und ein öffentliches Coming-out für nicht mehr zeitgemäß hält (queer.de berichtete). Auch in Tel Aviv betonte er, dass die Gesellschaft heute offen sei und ein Labeln in sexuelle Orientierungen Menschen teile, statt verbinde. Der Mit-Favorit stürzte mit erkältet-unsicherer Stimme und noch unstimmiger Inszenierung minimal bei den Wettquoten ab, aber das muss nicht das letzte Wort bleiben.

Direktlink | Italiens Mahmood gilt als Favorit für das Jury-Voting

Der größte Aufsteiger nach den Proben aus dem Mittelfeld heraus liegt mit Aserbaidschans Chingiz und dem für das Land recht queer wirkenden Song "Truth" auf dem fünften Platz. In dem engen und schwer voraussagbaren Bewerberfeld an der Spitze haben aber vielleicht auch noch die Schweiz mit Luca Hännis "She got me" oder Island Chancen – die irgendwie queere und doch offenbar heterosexuelle "antikapitalistische BDSM-Techno-Perfomance-Kunst-Gruppe" Hatari ("Hatrið mun sigra") sorgte allerdings für Ärger, nachdem sie in einem Interview vor Ort Israel Apartheid-Politik vorwarf. Frankreich kletterte nach der Probe knapp in die Top Ten hinein, während Deutschland weiterhin keine großen Chancen eingeräumt werden.

Direktlink | Gewinnt doch wieder Schweden? John Lundviks Auftritt im Melodifestivalen


 Update  12.5., 13.50h: Zweite Probe Deutschlands verzichtet auf LED-Frauenbilder

Bei der zweiten Probe am Sonntag verzichtete Deutschland auf das Einblenden unter anderem der lesbischen Paare: In Hintergrund-Videos sind nur noch gelegentlich die beiden Sängerinnen selbst zu sehen. Auch die Einblendungen von Schriftzügen wie "Respect" und des Peace-Symbols sind nun verschwunden. Das Ändern von Auftritten zwischen Proben ist nicht unüblich: Sie sind dafür da, Elemente zu erkennen oder zu verbessern, die nicht funktionieren. In Eurovision-Blogs wurden die Änderungen größtenteils begrüßt: der Auftritt wirke so reduzierter und stimmiger.

Bei der anschließenden Pressekonferenz, deren Wortlaut uns zur Zeit nicht vorliegt, zogen die "S!sters" einen Startplatz in der ersten Hälfte des Finales am Samstag. Die genaue Startreihenfolge wird nach dem zweiten Halbfinale von den Produzenten der Sendung festgelegt. Die übrigen direkt für das Finale gesetzten Länder inklusive Frankreich und Gastgeber Israel starten in der zweiten Hälfte. Frankreichs Bilal Hassani ist bei Wettbüros inzwischen auf Platz drei in den Chancen auf den Sieg hochgeklettert.

Inzwischen sind nun alle Einzelproben in Tel Aviv abgeschlossen, am Abend folgt der offizielle Red-Carpet-Empfang und am Montag geht es schon los mit den Show-Proben des ersten Halbfinales am Dienstag. Auch bei den "Dress Rehearsals" kann es noch zu Änderungen am jeweiligen Auftritt kommen.

Wöchentliche Umfrage

» Es ist Eurovision-Woche. Was bedeutet das für dich?
    Ergebnis der Umfrage vom 13.05.2019 bis 20.05.2019


#1 3zrtzhtrfhAnonym
  • 11.05.2019, 16:46h
  • Das wird einer der schlechtesten ESCs der letzten Zeit.

    Die Songs sind alle nicht so besonders gut.

    Einige singen live grauenhaft (Griechenland, Zypern, etc.).

    Die Bühne ist viel zu klein. Winzig.

    Die israelischen Kameraleute zeigen trotzdem lieber die Bühne als die Künstler.

    Viele Länder haben ein schlechtes Staging für ihren Song gewählt, teilweise richtig billig und lächerlich.

    Der deutsche ESC-Beitrag ist mal wieder haushoher Favorit für den letzten Platz.

    Und schließlich findet der ESC, der eigentlich für Zusammenhalt und Frieden stehen soll, in einem zerrissenen Kriegsgebiet im Nahen Osten statt.

    Willkommen beim ESC 2019 in Tel Aviv.

    Hoffentlich schlagen während der Show keine Rakete der Hamas ein.
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#2 Patroklos
  • 11.05.2019, 19:52h
  • Morgen steht die zweite Probe für Deutschland an und da wird es an der Inszenierung noch die eine und andere Änderung geben.
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#3 same_procedureAnonym
  • 11.05.2019, 22:00h
  • Antwort auf #1 von 3zrtzhtrfh
  • Ist das jemals anders gewesen? Ich staune immer wieder, wie jedes Mal Erwartungen in diese Show gelegt werden, die noch nie in der Form erfüllt wurden.
    Sind da möglicherweise Gedanken darunter, die offensichtlich nicht zum ESC passen, weil eben die Veranstalter andere Vorstellungen haben oder andere Ziele im Blick haben?
    Vielleicht ist der ESC einfach nicht deine Welt, kann ja auch sein. Dann nutzt Kritik allerdings auch nichts.

    Vom ESC erwarte ich nichts, was mir gefallen könnte, insofern enttäuscht mich das auch nicht. Ich gucke nur sporadisch über's Internet rein - schaue hauptsächlich den Auftritt aus Deutschland an und vielleicht noch einen zweiten, der mir spontan gefällt.
    Am Ende lese ich das Ergebnis und das war's.

    Dass in Tel Aviv die Bühne klein ist, wird wohl das kleinste Problem sein. Manche Künstler brauchen nur ein Klavier und ein Mikro um zu überzeugen :-)

    Dass aber der ESC dieses Mal in einer politisch krisenhaften Region stattfindet, kann auch was positives bewirken. Die Bevölkerung hat Abwechslung und erlebt zumindest für kurze Zeit einen friedlichen Abend.

    Das mit den Raketen ist ein schlechter Scherz. Während die europäische Öffentlichkeit zuschaut, wird wohl niemand Raketen auf den ESC abschießen.

    ©BuntesUndSchönes
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#4 vulkansturmAnonym
  • 12.05.2019, 08:18h
  • Antwort auf #1 von 3zrtzhtrfh
  • Es gibt dieses Jahr eine ganze Reihe von guten Songs. Von dem niederländischen und dem italienischen Beiträgen bin ich sogar regelrecht begeistert. Ansonsten fanden bisher nur Proben statt. Die müssen noch nicht perfekt sein. Und Israel hat nun einmal gewonnen und damit auch das Recht, den ESC zu veranstalten. Gerade der ESC, bei dem muslimische und christliche Musiker friedlich zusammenarbeiten, kann vielleicht ein positives Signal in dieser konfliktreichen Gegend setzen.
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#5 Patroklos
  • 12.05.2019, 12:55h
  • Deutschland startet im Finale in der ersten Hälfte. Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien treten in der zweiten Hälfte auf. Übermorgen wird das offizielle Video zum Song "Sister" veröffentlicht.
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#6 andreAnonym
#7 Onkel TomAnonym
#8 Onkel TomAnonym
  • 12.05.2019, 14:01h
  • Davon abgesehen dass diese Symbolik an den Haaren herbeigezogen ist, schaffte es TaTü 2003 nur auf Platz 11.
    Davon abgesehen ist der deutsche Beitrag eine Unverschämtheit und landet bei mir und sicherlich auch in Europa auf den letzten Platz.
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#9 andreAnonym
  • 12.05.2019, 15:19h
  • Aus Luca Hänni ist ja ein richtig heißes Teil geworden. Ich glaube das war 2012 als er DSDS gewonnen hat. Der Titel ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig vor dem Hintergrund Schweiz, Latino und Schweiz, aber OK. Ist ja DSDS doch nicht ganz nutzlos.
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#10 ZenkimausAnonym