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"Späte Milde"

Der erste schwule "Spiegel"-Titel

Heute vor 50 Jahren erschien das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" mit dem Cover "§ 175. Das Gesetz fällt – bleibt die Ächtung?". War das guter Journalismus? Kann man da vielleicht noch was von lernen?


"Der Spiegel"-Schriftzug am neuen Verlagsgebäude in der Hamburger HafenCity (Bild: Noshe / Der Spiegel)

Das Cover zur ersten schwulen Titelgeschichte des "Spiegel" am 12. Mai 1969

Im Mai 1969 entschied der Deutsche Bundestag im Rahmen einer umfassenden Strafrechtsreform auf Initiative des Bundesjustizministers Gustav Heinemann (SPD) männliche Homosexualität unter Erwachsenen (ab 21 Jahren) nicht mehr strafrechtlich zu verfolgen (weibliche Homosexualität war straffrei). Diese Nachricht wäre bestimmt auf vielen Titelseiten gelandet, aber Homosexualität war noch weitgehend tabuisiert; die sexuelle Revolution hatte schließlich gerade erst begonnen.

Das linksliberale Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" war mutig und machte aus dem Heft 20 seine erste schwule Titelgeschichte. Mit einem großen und mehreren kleinen Beiträgen wollte der "Spiegel" ausführlich informieren – von der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation, der Kulturgeschichte und der Schwulenszene bis zum Leben und Sexualleben schwuler Männer. Heute reicht ein Klick, um sich davon zu überzeugen, ob das auch gut gemacht wurde.

Das Cover

Wer diesen Paragrafen nicht kennt, findet ihn als Eyecatcher bestimmt total ungeeignet. Aber dieser heute unscheinbar wirkende § 175 Strafgesetzbuch war früher so emotional aufgeladen wie der § 218 (Abtreibung) und hatte mit seiner Strafandrohung Generationen schwuler Leben zerstört. Schwule wurden als "175er" beleidigt und kämpften mehr als 120 Jahre für die Streichung des Paragrafen. Der § 175 auf dem Cover ist keine Nummerierung, sondern eine Anklage und ein Symbol staatlicher Schwulenverfolgung. Die Formulierung "Das Gesetz fällt" ist ein wenig verkürzt, übertrieben und sensationsheischend, denn das Gesetz wurde nicht abgeschafft, sondern nur reformiert. Im Innenteil wird dies relativiert und geradegerückt.

Das Foto ist wegen der nackten Haut ein Hingucker und kommt ohne Klischees aus. Sollten es zwei Männer sein, ließe sich die körperliche Nähe und das Abwenden als nicht ausgelebte Homosexualität interpretieren. Sollte es sich um die Spiegelung eines Mannes handeln, käme als zusätzliches Element noch Narzissmus hinzu, der als Zuneigung zum selben/gleichen Körper in einer langen homoerotischen Tradition steht.

Die Schwarz-Weiß-Werte sind wie bei einem Negativ-Film andersrum, haben andere Farbwerte. Der farbliche Hintergrund ist Lila, das seit den Zwanziger- und vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren eine schwule Signalfarbe war. Die Farbe Lila (auch Violett, Lavendel …) ist weiblich konnotiert und kann – weil sie als Mischung von Rot und Blau farbensinnbildlich weder kalt noch heiß ist – als analog zu "warm" angesehen werden. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde Lila durch die Farbe Rosa bzw. Pink abgelöst – die Konnotation, Farbzuschreibung und Bedeutung als schwulenpolitische Signalfarbe blieb. Rosa wurde quasi zum neuen Lila.

"Späte Milde" – Grundgesetz und Strafrecht

Der Artikel "Späte Milde" (S. 55-76, hier als PDF mit Bildern) ist mit 14 Textseiten der größte Beitrag in diesem Schwerpunkt-Heft und macht schon im Titel deutlich, dass die Reform viel zu spät kam. Danach wird der Artikel 3 des Grundgesetzes zitiert, wonach Männer und Frauen gleich sind (S. 55), und später erklärt, dass es daher eigentlich gegen das Grundgesetz verstoße, wenn nur die männliche, aber nicht die weibliche Homosexualität strafrechtlich verfolgt werde (S. 58). Es ist beschämend, dass es bis heute keine politische Mehrheit gibt, die sexuelle Identität unter den Schutz von Artikel 3 des Grundgesetzes zu stellen.


Das erste Bild im Innenteil mit einem händchenhaltenden schwulen Paar (S. 55)

"Nahezu 100 Jahre lang" wurde männliche Homosexualität strafrechtlich verfolgt (S. 55). Diese Äußerung im "Spiegel" ist so nicht richtig und ärgerlich, denn schließlich wurde Schwule nach früheren Gesetzen im Moor versenkt, auf Scheiterhaufen verbrannt oder auch brutal geköpft – nur halt nach anderen Gesetzen (queer.de berichtete), die ebenfalls zur langen und unrühmlichen Verfolgungsgeschichte von homosexuellen Männern gehören. Erst einige Seiten später geht der "Spiegel" auch auf ältere Gesetze wie das Preußische allgemeine Landrecht ein (S. 65).

Den vom "Spiegel" vorgenommenen Vergleich von Homosexualität mit Ehebruch und Sex mit Tieren (S. 55) finde ich in dieser Form passend, weil diese drei früheren Straftaten auf Moral fußten und sich die entsprechenden Verbote noch nie mit verletzten Rechtsgütern im heutigen Sinne begründen ließen. Das gleiche gilt für Pornographie und männliche Prostitution, die auch noch nach 1969 für einige Jahre verboten blieben. Es ist gut, dass der "Spiegel" die weiterhin unterschiedlichen Schutzaltersgrenzen von Homo- und Hetero-Sex kritisiert. Der eher zaghafte Vergleich mit der Bundeswehr (S. 58) wäre auch in drastischeren Worten noch legitim gewesen, zum Beispiel so: Wer mit 18 Jahren einen Mann töten darf, sollte auch Sex mit einem Mann haben dürfen. Die grundsätzliche Linie des "Spiegel" stimmt: Er lobt und kritisiert das leider nur halbherzige Strafrechtsreförmchen.

"Späte Milde" – Biografien, Szene und Kulturgeschichte


Foto aus dem schwulen Theaterstück "The Boys in the Band" (S. 71), das kurz danach verfilmt wurde

Der Einstieg ist gut gewählt: Schwule berichten aus ihrem Alltag. Die Schilderungen hinterlassen eine Ahnung von einem Leben in der Illegalität. Zwei Bildunterschriften gehen darauf ein, dass "Einsamkeit" Schwule zur "Flucht in die Promiskuität" treibe (S. 57). Indirekt wird wohl vermutet, dass mit Legalisierung und gesellschaftlicher Akzeptanz die Promiskuität abnehmen würde. Später wird eine ähnliche Vermutung deutlich ausgedrückt: "Die homosexuelle Prostitution dürfte allmählich zurückgehen" (S. 76). Es ist schwer zu sagen, wie sich das Sexualverhalten nach 1969 tatsächlich veränderte, aber ich bin sicher, dass mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001 ähnliche Vorstellungen von einem Rückgang der Promiskuität verbunden wurden.

Auf Klappen und Kneipen (S. 57) macht der "Spiegel" durch Bilder aufmerksam, die alleine schon wegen der Balken vor dem Gesicht den Eindruck von Kriminalität vermitteln. Die Nennung schwuler Szene-Adressen halte ich für unangebracht, weil die Adressen, wie die der Hamburger "Flamingo-Bar" (S. 57) oder der öffentlichen Toiletten in Velbert (S. 74) weder dokumentarischen Wert haben noch sich als Coming-out-Hilfe eignen, sondern nur geeignet sind, allzu neugierige Heteros anzulocken.


Werbeanzeige für die Hamburger "Flamingo-Bar" mit Adresse (S. 57)

Die homosexuelle Kulturgeschichte von der Antike über das Mittelalter bekommt einen breiten Raum und dient der Legitimation der Gegenwart. Dazu gehören auch die mehrfachen Hinweise auf die Verfolgung in der NS-Zeit (S. 55, 57, 67), in der Schwule zu Tausenden in KZs starben, und darauf, dass sie auch noch nach 1945 nach der Nazi-Fassung des § 175 (R)StGB verurteilt wurden.

Viele Fotos haben zwar Unterschriften, bleiben im laufenden Text aber leider unkommentiert (S. 70-71). Das ist vor allem bei dem Foto aus dem erfolgreichen Theaterstück "The Boys in the Band" (S. 71) schade, denn aus ihm wurde kurz danach ein gleichnamiger Film, der zehn Monate nach diesem "Spiegel"-Artikel seine Premiere feierte und heute – als DVD und deutsch synchronisiert – als wichtiges schwules Zeitdokument immer noch sehr sehenswert ist.

"Späte Milde" – Prominente und Sprache

"In Frankreich konnten Männer wie André Gide, Jean Cocteau und Jean Genet nicht nur unbehelligt nach ihrer Veranlagung leben, sie propagierten sie auch offen in ihren Werken" (S. 58). Ich finde es gewagt, mit diesen Worten Jean Cocteau zu vereinnahmen und auch Isaac Newton (S. 65) als Homosexuellen zu bezeichnen. Viel wichtiger ist jedoch, was auch mit der Fotostrecke über Oscar Wilde, André Gide, Jean Genet und James Baldwin (S. 65) zum Ausdruck gebracht wird: Es ist eine Art schwule "Ahnengalerie", mit der über die Kulturgeschichte die gegenwärtige Homosexualität legitimiert werden soll – ein im höchsten Grade emanzipatorischer Ansatz.


Fotostrecke mit "Ahnengalerie" als Legitimation der Gegenwart (S. 65)

Wer in diesem "Spiegel"-Artikel auf die Verwendung des Wortes "schwul" achtet, merkt, dass das Wort nur als Schimpfwort zur Umgangssprache gehört und deshalb vom "Spiegel" vorbildlich in Anführungsstriche gesetzt wird (S. 62). Es ist die Rede davon, dass die Gesellschaft solche Männer "'schwul' nennt" (S. 59) und dass die Mehrheit aller Homosexuellen "weitab von allem 'schwulen' oder sonst auffälligen Gehabe" (S. 60) sei. Mit diesem "Gehabe" sind auffällige und übertrieben feminine Schwule gemeint.

Ähnlich einige Seiten später, wenn es um die "Gruppe der betriebsamen Homosexuellen" und ihr "betont auffälliges Verhalten" (S. 74) geht. Nach der Legalisierung werden sie noch frecher, politischer und provokanter auftreten und sich selbstbewusst "Tunten" nennen – ein in diesem Artikel gemiedener Begriff. Extrovertierte feminine Schwule hatte es schon lange vorher gegeben. Als sich vor 100 Jahren die Schwulenbewegung gründete, hießen sie noch "Tanten", was unmittelbarer das Feminine betonte.

"Späte Milde" – schwuler Sex, Ursache und Heilung von Homosexualität

Laut "Spiegel" hat sich die "Form des analen Koitus" in der "deutschen Umgangssprache bis zur Gattungsbezeichnung" verdichtet. Damit hat sich der "Spiegel" – sprachlich elegant – zur Beleidigung "Arschficker" positioniert, ohne das Wort zu verwenden. Laut "Spiegel" praktizieren nur acht Prozent aller Homosexuellen den Analverkehr – entgegen einem "hartnäckigen Vorurteil". Als Quelle wird auf Magnus Hirschfeld und das Kinsey-Institut verwiesen (S. 69). Diesen Zahlen hätte der "Spiegel" misstrauen sollen, weil sie von Wissenschaftlern publiziert wurden, die Vorurteile zu bekämpften suchten, und weil man keine ehrlichen Antworten auf Fragen nach kriminalisierten Handlungen erwarten darf. Die nach der Legalisierung publizierten Zahlen – von Martin Danneckers Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" (1974) bis zu heutigen Studien der Aids-Hilfen – sprechen eine andere und ehrlichere Sprache.


Foto aus dem schwulen Theaterstück "Geese" aus New York (S. 70)

Gerade bei der Ursache von Homosexualität ist die Veränderung des Zeitgeistes deutlich spürbar. Die "Übersättigung" wird als "Aberglaube", die "Verführung" als selten bezeichnet (S. 68). Die Frage, ob Homosexualität angeboren oder erlernt sei (S. 70-71), wurde früher selbst in liberalen Kreisen nicht als illegitim angesehen und ist auch heute unproblematisch, wenn sie nicht aus einem pathologischen Blickwinkel gestellt wird bzw. sich nicht nur auf Homosexualität bezieht.

Leider verweist der "Spiegel" bei der Thematisierung der Ursache von Homosexualität vollkommen ungeniert (S. 71) auf einen früheren "Spiegel"-Beitrag (Heft 10, 1969, S. 152, hier als PDF), der einer ganz anderen, homophoben Linie folgt: die Ratten-Experimente des Endokrinologen Günther Dörner, der eine homosexuelle "Fehlsteuerung" zu heilen versuchte. Dörners Ratten-Experimente sind bis heute heftig umstritten, auch wenn sich Dörner mittlerweile (vielleicht nur vorgeschoben) für eine homosexuelle Emanzipation einsetzt. Wenigstens das hier behandelte Heft 20 positioniert sich deutlich gegen die "Heilung" von Homosexualität (S. 73), was auch heute noch – vor allem in den USA, aber auch in Deutschland – nicht selbstverständlich ist.

"Späte Milde" – Kirche und Bundeswehr

Es ist richtig, dass der "Spiegel" die Entkriminalisierung nicht einfach abfeierte, denn der Abbau gesellschaftlicher Ächtung blieb fraglich und die "Deklassierung der Homosexuellen" wurde beibehalten (S. 76). Von den männerdominierten Berufen war zu dieser Zeit wenig zu erwarten: Die katholische Kirche machte Schwule für Erdbeben, Hungersnot und "dicke gefräßige Feldmäuse" verantwortlich (S. 65), was bis zur frühen Neuzeit tatsächlich breit propagiert wurde. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, auch sensiblen Humor in diesem ernsten Artikel einfließen zu lassen.

Die Bundeswehr sah bei Schwulen eine "Anfälligkeit gegenüber Agenten fremder Mächte" (S. 76). Aus einem früheren "Spiegel"-Artikel ("Lex Homo", 3.2.1969) kann der Leser sogar erfahren, dass sich das Verteidigungsministerium darum bemühte, Homosexualität in "Männergesellschaften" weiterhin strafbar bleiben zu lassen. Es dauerte noch Jahrzehnte, bis die Bundeswehr Schwule auch als Vorgesetzte akzeptierte. Die Hoffnung auf eine Veränderung der Situation und ein Ende der Ächtung lag – wie so oft – bei der jüngeren und aufgeschlosseneren Generation.

"Wir tanzen so gern zusammen"

Ergänzend zum Hauptartikel wird in dem Text "Wir tanzen so gern zusammen" (S. 62, hier als PDF) das schwule Paar Eberhard und Joachim porträtiert, das eine eheähnliche Gemeinschaft führt. Laut "Spiegel" gibt es Hunderttausende solcher Homosexueller, deren bürgerliche "homosexuelle Ehe" eine "getreue Reproduktion der heterosexuellen Ehe" ist.

Vieles aus diesem Beitrag wie Joachims verständnisvolle Mutter erinnert an spätere typische Coming-out-Geschichten. Aber es ist auch die Rede von mehreren Bekannten, die sich aufgrund von Diskriminierung und Selbsthass im Kontext ihrer Homosexualität das Leben nahmen. Es befremdet, dass Eberhard und Joachim die Adressen und Telefonnummern von Freunden auswendig lernen und Briefe vernichten müssen, damit sie und ihre Freunde z.B. bei einem Einbruch nicht angreifbar sind. Beide Männer waren früher mit Frauen verheiratet, "als das deutsche Volk besonders gesund empfand". Mit dieser Formulierung sollte an das "gesunde Volksempfinden" erinnert und indirekt für die NS-Verfolgung sensibilisiert werden. Der Wunsch nach einem Partner, nach sexueller/sozialer Treue und einem Zuhause ist ein Grundbedürfnis vieler Menschen. Er ist mehr als der vom "Spiegel" geschilderte Drang, heterosexuelle "Rollenspiele" (S. 63) zu kopieren.


Schwule Männer beim Tanzen in einer "Homo-Bar in Hamburg" (S. 57)

"Dann wäre ich sofort meine Prokura los…"

Etwas länger ist der Beitrag "Dann wäre ich sofort meine Prokura los…" (S. 78, 81-82, hier als PDF mit Bild) über den kaufmännischen Angestellten G. (31 Jahre), der von seiner alltäglichen Angst erzählt. Seine Angst, wie er seine Beine übereinanderschlägt oder seine Zigarette hält.

Seit einem Überfall wünscht er sich, heterosexuell zu sein, um endlich keine Angst mehr haben zu müssen. "Wenn der Paragraph nicht wäre, hätte ich ihn angezeigt. […] Ich leide nicht darunter, daß ich homosexuell bin. Ich leide darunter, dass ich nicht 'ich' sein kann". Im Text werden viele Fragen aufgeworfen – zur Erziehung, Ehrenhaftigkeit und Geschlechterrollen. G. würde nie ein Kind adoptieren. (Von außen betrachtet, war das bestimmt auch gut so, denn auch mit einem Kind hätte er ein versteckt schwules Leben geführt und das wäre schlecht für das Kind). Am Ende macht er sich Gedanken um seine Zukunft, und auch ich frage mich beim Schreiben dieses Artikels, was in den späteren Jahren wohl aus diesem Mann geworden ist, der heute 81 Jahre alt wäre.


Ein Mann vor einem "Homo-Treff in München" (S. 82)

"Verbrechen. Lebach. Der dritte Mann"

Der vierte und letzte Teil der "Spiegel"-Titelgeschichte behandelt einen Mordprozess, bei dem auch die Frage gestellt wird, welchen Anteil die Dynamik schwuler Liebesbeziehungen an dem Verbrechen von Lebach (S. 99-103, hier als PDF) hatte. Es ist ein schwieriger, aber letztendlich gelungener Balanceakt: Im gleichen Heft, in dem man die Emanzipation schwuler Männer behandelt, werden auch schwule Mörder porträtiert.

Im Gegensatz zu den anderen Beiträgen werden die schwulen Mörder allerdings – wie zu dieser Zeit üblich – nicht anonymisiert. Erst die juristischen Auseinandersetzungen um diesen Mord sorgten dafür, dass Täter-Namen später anonymisiert wurden. Auch Mörder haben ein Recht auf Resozialisierung – ein manchmal fast unerträglicher Gedanke. Zu dem mittlerweile gut dokumentierten Mordfall habe ich vor einigen Monaten hier auf einen Artikel geschrieben.

Im Rückblick: Reaktionen von "Spiegel"-Lesern

Die Leserbriefe zum "Spiegel"-Heft erschienen zwei Wochen (!) später (1969, Heft 22, S. 10, 12) und geben ein recht gemischtes Stimmungsbild wieder. Briefzitate wie "Alle Homos gehören kastriert" (S. 12) sind nicht als legitime Meinungen, sondern als Beispiele für unverbesserliche Menschen erkennbar. Entgegen seiner üblichen Praxis ließ der "Spiegel" auch fünf anonyme Zuschriften von Schwulen zu. Für einen von ihnen ist die Homosexualität so angeboren wie rote Haare. "Sicher wird einmal die Zeit kommen, wo es jedem Menschen gestattet sein wird, seiner Veranlagung entsprechend seinen Partner zu suchen. Aber wann? Ich wollte, ich wäre in 200 Jahren auf die Welt gekommen."

Im Rückblick: Reaktionen von außerhalb

Von den vielen Besprechungen, die sich näher mit dem "Spiegel"-Heft beschäftigten, möchte ich drei herausgreifen. Auf der Internet-Plattform "Vocer" (2012) betont Katrin Schuster, dass der "§ 175" des Titels früher nicht nur irgendeine Strafgesetz-Nummerierung war: "Die Paragraphen, die damals ins Wanken gerieten, avancierten dank der Medien zu Chiffren einer moralischen Auseinandersetzung." Sie vergleicht das "Spiegel"-§175-Cover mit dem zwei Jahre späteren "Stern"-§218-Cover und spannt danach einen Bogen zur weitgehenden Legalisierung von Prostitution und Pornographie für Erwachsene.

Nach Magdalena Beljan in ihrer Dissertation "Rosa Zeiten? …" (Bielefeld: transcript, 2014. S. 68-69) folgte der "Spiegel" mit seiner Titelgeschichte "der Beschreibung einer historischen Kontinuität in der Unterdrückung homosexueller Männer". Diese Beschreibungen und auch die Kritik an der zu späten Reform werden für sie jedoch leider mit "ausschweifenden Beschreibungen existenter Klischees und Stereotype homosexueller Männer" kombiniert. Mit den Fotos von Transvestiten und Lederkerlen "bediente und reproduzierte die Wochenzeitschrift letztendlich eben jene Bilder und Vorstellungen, die sie selbst als gängige Vorurteile und verfälschte Annahmen […] kritisierte."


Teil schwuler Realität und negativer Klischees: Schwuler Mann in Frauenkleidern (S. 60)

Michael Schwartz stellt im "Jahrbuch Sexualitäten 2016" (Göttingen: Wallstein, 2016. S. 69-72) den "Spiegel" in dieser Zeit als Wortführer und "linksliberales Leitmedium" vor, der auch mit diesem Heft Homosexualität zur "zentralen Botschaft für eine breite Öffentlichkeit" machte. Das Cover war "mit einem heute harmlos wirkenden, für damalige Verhältnisse aber provokanten Titelbild zweier Rücken an Rücken stehender nackter männlicher Oberkörper plakatiert".

Schwartz betont, dass der "Spiegel" dabei "eine widersprüchliche gesellschaftliche Entwicklung" konstatierte: Einerseits gehörte auch Homosexualität zur Flutwelle erotischer Filme und sonstiger Kultur, andererseits blieben aber sowohl die Geschlechterrollen als auch die Vorstellungen von Normalität unverrückbar. In der Veränderung der Mode und des Verhaltens junger Menschen sieht der Autor jedoch "Indizien für die Relativierung heteronormativer Rollenmuster". Gerade die liberalere Einstellung der jungen Generationen habe es erst möglich gemacht, dass sich – auch mit diesem Artikel – "die Diskussion um den Umgang mit Homosexualität von der juristischen auf die gesellschaftliche Ebene verlagerte".

Das Vorspiel: Berichte des "Spiegel" bis zur Reform 1969


Bundesjustizminister Heinemann mit einem veralteten Strafgesetzbuch ("Spiegel", 10.04.1967)

Der "Spiegel" berichtete schon lange vor 1969 über Homosexualität und die Strafrechtsreform in Deutschland. Es sind Artikel, die eine Einordnung und nähere Beurteilung von Heft 20 von 1969 erleichtern.

Als sich die Bundesrepublik gründete, wurde noch betont, dass eine Legalisierung von Homosexualität "nicht möglich" sei (15.09.1949). Ein Jahr später wurde die Hoffnung auf eine baldige Strafrechtsreform mit dem Hinweis auf "Eine Million Delikte" gut zum Ausdruck gebracht (29.11.1950) und sogar von vielen Prominenten unterstützt (19.06.1957). Die Strafbarkeit blieb allerdings über Jahre bestehen – trotz vieler Positionierungen zur Homosexualität (1958; 1960; 1963). Erst 1966 fällt von SPD und FDP endlich die Äußerung, auf die viele Schwule so lange warten mussten: "Die einfache Homosexualität unter Männern soll straflos werden" (17.01.1966).

Aber auch danach zog sich die Reform noch endlos hin. Zweieinhalb Jahre vor der Legalisierung wird Justizminister Gustav Heinemann auf dem "Spiegel"-Cover mit einem Strafgesetzbuch abgebildet (10.04.1967) und der Leser erfährt in den Beiträgen "Schuld ohne Strafe" und "Reform ohne Erneuerung" (10.04.1967), wie es u.a. um die Legalisierung von Homosexualität steht. Während ein CDU-Jurist noch "spezielle Vorschriften für Kasernen, Internate" und andere Männerbereiche ins Gespräch brachte (16.09.1968), war Heinemanns Position recht deutlich: "Ehebruch und Homosexualität zwischen erwachsenen Männern" gehörten "nicht ins Strafgesetzbuch" (13.01.1969). Erst im September 1969 wurde die Reform umgesetzt und Homosexualität unter erwachsenen Männern endlich legalisiert.

Der "Spiegel" von 1973

Das Cover von 1969 ist durchdacht und gut, aber nicht überragend. Das merkt man vor allem bei einem Vergleich mit dem helleren und optisch ansprechenderen Cover der zweiten schwulen Titelgeschichte "Homosexuelle. Befreit – aber geächtet" (Heft 11, 1973). Diese zweite Titelgeschichte knüpft mit seinem ernüchternden Titel bzw. dem Wort "geächtet" an den von 1969 an und zeigt damit, dass auch der "Spiegel" über ein Langzeitgedächtnis verfügt. Die Grundstimmung ist nun kämpferischer und offensiver.

Es ist befreiend, dass die Schwulen in diesem Artikel nun keine Balken mehr vor dem Gesicht tragen. Die hier porträtierten Aktivisten Martin Dannecker ("Der gewöhnliche Homosexuelle") und Rosa von Praunheim ("Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt") sind bis heute ein wichtiger Teil der deutschen schwulen Geschichte.


Das zweite schwule "Spiegel"-Cover (1973, Heft 11) und der erste lesbische "Spiegel"-Titel (1974, Heft 36)

Der "Spiegel" von 1974

Unter Homosexuellen verstand man früher vor allem männliche Homosexuelle. Mit dem heutigen sensiblen – und manchmal allzu übersensiblen – Blick fällt auf, dass Lesben und Transpersonen im Heft von 1969 nur ganz am Rande vorkommen. Bei früheren Pressemeldungen lag das üblicherweise daran, dass nur Männer im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses standen. Im Heft von 1969 ist der auf Schwule fokussierte Blick alleine schon durch das Thema des Heftes legitimiert.

Erst einige Jahre später beschäftigte sich der "Spiegel" im Rahmen seiner Titelstory "Frauen lieben Frauen. Die neue Zärtlichkeit" (Heft 36, 1974) auch ausführlich mit Lesben. Mit den Hinweisen auf Biographien, lesbische Kulturgeschichte ("Mädchen in Uniform", "Lulu") und lesbische Prominente (Sappho, George Sand, Gertrude Stein) liegt ein ähnlicher Aufbau wie im Heft von 1969 vor. Mit Bezug auf den eigentlichen Anlass – einen Mordprozess gegen Lesben – distanziert sich der "Spiegel" von der sensationslüsternen Presse. Der Umgang mit weiblicher Nacktheit und lesbischer Sexualität ist wie erwartbar nur bedingt mit der von Männern bzw. Schwulen vergleichbar.

Das Foul: Der "Spiegel" über die "HIV-Desperados" und die "Schwulenseuche" Aids

Wer an die Berichterstattung des "Spiegel" über Homosexualität denkt, erinnert sich häufig an die Beiträge zu HIV/Aids aus den 1980er Jahren. Mit ihrer Doppelmoral und repressiven Linie stellen sie einen deutlichen Kontrast zur grundsätzlich liberalen Linie der Zeitschrift dar und dürfen bei dem Versuch der Charakterisierung des "Spiegel" nicht unberücksichtigt bleiben.

Ein Skandal von 2013 bringt die Auseinandersetzungen mit diesen Artikeln gut zum Ausdruck und zeigt, dass die Schwulenszene über ein politisches Bewusstsein mit Langzeitgedächtnis verfügte. Das "Schwule Netzwerk NRW" wollte mit der Verleihung seiner Auszeichnung "Kompassnadel" eine Person oder Institution ehren, "die sich besonders um die Förderung der gesellschaftlichen Akzeptanz" von Schwulen verdient gemacht hatte (queer.de berichtete).

Die Ankündigung, mit diesem Preis 2013 auch den "Spiegel" zu ehren, wurde von der Deutschen Aidshilfe wegen der "unsäglichen Berichterstattung" des Magazins während der ersten Jahre von Aids kritisiert (queer.de berichtete). Diese Kritik kann ich gut nachvollziehen, denn der "Spiegel" dramatisierte in diesen Jahren statt aufzuklären und er verwendete Begriffe wie "HIV-Desperados", um die Unverantwortlichkeit von infizierten Schwulen zu untermauern. Während der Zeit der größten Hetze veröffentlichte der "Spiegel" sogar die Adressen von schwulen Treffpunkten, was als Aufruf zur Gewalt interpretiert werden kann. Bei der trotz aller Protesten durchgeführten Preisverleihung von 2013 betonte der "Spiegel"-Redakteur Markus Verbeet, dass er die durch die damalige Berichterstattung hervorgerufenen Verletzungen "zutiefst" bedaure (queer.de berichtete).

Ist die Titelgeschichte zum "§ 175" gelungen?

Die Artikel von 1969 sind flüssig geschrieben und informativ. Die oben erwähnte Kritik an klischeehaft wirkenden Bildern im Innenteil kann ich nicht teilen, weil die Bildauswahl insgesamt ausgewogen ist. Nur klischeefreie Bilder zu verwenden, hätte der abzubildenden Realität auch nicht entsprochen. Dass der Text eine emanzipatorische Grundrichtung hat, ist auch daran zu erkennen, dass er bei einem Blick ins Ausland nur Positivbeispiele anführt, wie die bereits erfolgte Entkriminalisierung in der DDR (S. 66) und die Blicke nach Italien, Türkei und Niederlande mit ihren recht niedrigen Schutzaltersgrenzen (S. 58). An einigen Stellen gehen die Artikel in die Tiefe – für einige Leser vermutlich zu tief. Die kurze Textpassage über schwulen Analverkehr ist insgesamt dezent gehalten und für eine Enttabuisierung notwendig.

Mein größter Kritikpunkt ist, dass sich die Kirchen-Kritik nur auf das Mittelalter bezieht. Die Kirchen haben nicht nur früher Schwule auf Scheiterhaufen verbrannt, sondern betätigen sich bis heute als geistige Brandstifter. Mit Hilfe von weltlichen Instanzen, wie Fürsten, Gerichten und Politikern, haben sie erst dafür gesorgt, dass aus "Sünden" Straftaten wurden. Zu den weiteren Kritikpunkten gehört, dass viele der abgedruckten Bilder nicht im laufenden Text besprochen werden und damit nur wie kontextloses Füllmaterial wirken. So bleibt es vollkommen unklar, ob das Standbild aus dem Aufklärungsfilm "Du" (S. 63) eine dokumentarische "echte" Szene oder eine inszenierte Spielfilmhandlung zeigt.


Standbild aus dem Aufklärungsfilm "Du – Zwischenzeichen der Sexualität" von 1969 (S. 63)

Es gibt große Unterschiede zwischen diesem "Spiegel"-Heft und einem Beitrag, wie er heute erscheinen würde, aber die Unterschiede liegen nicht in einem unterschiedlich guten Journalismus, sondern im unterschiedlichen Zeitgeist begründet. Es ist richtig, dass der "Spiegel" Homophobie dokumentiert, auf Kriminalisierung und Pathologisierung verweist und auf die Ursache von Homosexualität eingeht – auch wenn er damit für unser heutiges Verständnis eine Schieflage zu haben scheint. Für mich sind die Beiträge in diesem Heft emanzipatorisch und die erkennbare Einstellung ist wesentlich fortschrittlicher als die durchschnittliche der damaligen Gesellschaft.

Diese Bewertung bezieht sich jedoch nur auf dieses Heft 20 von 1969 und nicht auf den "Spiegel" im Allgemeinen, denn für eine allgemeinere Bewertung sind die Artikel im "Spiegel" viel zu heterogen, was vor allem in Verbindung mit dem wechselnden Zeitgeist der vergangenen 70 Jahre zu sehen ist. Im "Spiegel" wurden über die Jahre auch viele homophobe Artikel veröffentlicht – die oben erwähnten Beiträge zu HIV/Aids und den Ratten-Experimenten von Günther Dörner sind dafür nur einige Beispiele.

Aus dem "Spiegel"-Heft von 1969 kann man viel lernen. Dabei geht es nicht nur darum, wie der Blickwinkel auf schwule Männer am Ende der Sechzigerjahre aussah. Er macht auch deutlich, wie sich die schwule Szene und der Zeitgeist seit dieser Zeit veränderten. In unserer heutigen schnelllebigen Zeit braucht es vermutlich wesentlich weniger als 50 Jahre, damit uns unsere heutige Gegenwart ähnlich fremd vorkommt, wie uns heute dieser "Spiegel"-Artikel von 1969 erscheint.



#1 FredericAnonym
  • 12.05.2019, 11:22h
  • Das war eine herausragende Leistung damals. Danke an den Spiegel und an den sehr gut geschriebenen Artikel hier.
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#2 MarthaAnonym
#3 vor ortAnonym
  • 12.05.2019, 13:08h
  • Erinnere mich noch gut an das erscheinen dieser Ausgabe, habe jede Zeile regelrecht verschlungen
    bei meiner Auswanderung nach Thailand War
    Dieser Spiegel auch dabei und heute über 31 Jahren
    steht er immer noch in meinem buecherregal
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#4 andreAnonym
  • 12.05.2019, 13:22h
  • Früher war das echt mutig und bahnbrechend. Heute liest man die Artikel des Spiegels (Relotius) wohl eher mit viel Skepsis. War, vor einigen Wochen, bei meinen Eltern in Leipzig. Weil Langeweile wollte ich mir den "Spiegel" an der nahen Tankstelle holen. Nicht mehr im Sortiment, wurde mir gesagt. Der Brüller.
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#5 Ralph
  • 12.05.2019, 13:40h
  • Antwort auf #2 von Martha
  • In diesem Artikel gibt es auch einen Link zu einem Spiegel-Artikel, in dem es um das Skandalurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1957 geht. Dort hebt der Spiegel hervor, dass das Bundesverfassungsgericht damals klarstellte, dass das Grundgesetz für Schwule nicht gilt. So handhabten das auch die berüchtigten Richter di Fabio und Landau noch vor rund zehn Jahren. Sie bildeten die Mehrheit einer dreiköpfigen Kammer, die jeweils zu entscheiden hatte, ob Verfassungsbeschwerden über die schlechtere Besoldung schwuler Beamter dem Senat zur Entscheidung vorgelegt würden. Sie stoppten solche Beschwerden und verhinderten, dass der Senat darüber befinden konnte. Ihre Begründung bediente sich des klassischen Zirkelschlusses, den Juristen in ihrer Ausbildung zu vermeiden lernen. Schwule seien deswegen nicht in mit Heterosexuellen vergleichbarer Situation, weil sie ja rechtlich schlechtergestellt sind. Die Diskriminierung wurde also mit sich selbst gerechtfertigt. Erst nach dem Ausscheiden der beiden ließen ihre Nachfolger in der Kammer solche Verfassungsbeschwerden zum Senat durch, der dann die besoldungsrechtliche Benachteiligung schwuler Beamter als verfassungswidrig verurteilte - und damit di Fabio und Landau Verfassungsbruch attestierte. Für die beiden blieb das folgenlos. Ihnen wurde weder die Altersversorgung entzogen noch wurden sie zu Haftstrafen verurteilt. Wie einst im Dritten Reich brauchen Richter auch heute noch keine Strafverfolgung, nicht einmal dienstrechtliche Konsequenzen zu fürchten. Auch die braunen Richter, die als treue Sachwalter des Führers 1957 dessen Paragraphen bestätigten, gelten noch heute als ehrbare Juristen. So ist das in Deutschland: Ein Verbrechen ist dann kein Verbrechen, wenn der Verbrecher bei der Begehung der Tat eine Richterrobe trägt. Noch heute giftet di Fabio, ein fanatischer katholischer Familienideologe, gegen die Eheöffnung.
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#6 Miguel53deProfil
  • 12.05.2019, 21:27hOttawa
  • 1965, ich war noch 17, dann bald 18 Jahre alt, gab es die Illustrierte Quick, die erstmals eine Serie zum Thema Homosexualität veröffentlichte.

    Ich habe das mit Spannung verfolgt und fand es damals als ausgesprochen gut geschrieben. Ob das heute noch so wäre, weiß ich nicht.

    Insbesondere beeindruckend waren allerdings die Leserzuschriften, in denen ich mich selbst wiederfand. Mit all den Nöten und Ängsten, die einen Jugendlichen, einen schwulen Jugendlichen, in dieser Zeit belasteten.

    Diese Artikel hatten mich am Ende dazu veranlasst, mich gegenüber einem Arbeitskollegen und Freund zu outen. Der hat es ziemlich kühl aufgenommen. Wir sind ein paar Monate später sogar gemeinsam in Urlaub gefahren und haben in einem Bett geschlafen. Allerdings hätte ich es nie gewagt, mich ihm zu nähern.

    Dem Spiegel werde ich seine Berichterstattung zum Thema AIDS nie verzeihen. Das war beinahe aggressiver als die Reaktion einer CDU. Eher auf dem Niveau einer CSU. Das war und ist bis heute unfassbar.

    Ganz unfassbar ist bis heute auch, dass ein Di Fabio nichts, aber auch gar nichts dazu gelernt hat, was unser Thema angeht. Und - dass die Politik bis heute verweigert, Minderheiten wie Schwule, Lesben, Transsexuelle etc. unter einen besonderen Schutz gegen Diskriminierung zu stellen. Es ist, als wolle sie sich eine Hintertür offen lassen, falls sie doch wieder Raum für eine auch staatliche Diskriminierung geben möchte.
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#7 Ith_Anonym
  • 13.05.2019, 08:15h
  • Antwort auf #5 von Ralph
  • Das mit der führer'schen Unrechtssprechung war in dem Zeitraum leider keine Seltenheit:

    www.tagesschau.de/inland/faq-sinti-roma-101.html

    (drauf gekommen, weil 1957 => das war ein Jahr nach diesem Urteil hier)

    Zum Urteil über die Sinti und Roma gab es allerdings schlussendlich doch eine Aufarbeitung - aber eben erst 60 Jahre später.
    Also, vor gerade mal 3 Jahren.

    Ja, Minderheit sein sucks. Weil man sich Augen und Ohren sehr viel effektiver und bewusster aktiv zuhalten muss, um von solchen Ungerechtigkeiten nicht zu wissen.
    Dinge, für die Mehrheits-Höcke-Fans sich nie interessieren brauchten, und auch nie werden interessieren müssen. Und deswegen fällt's denen vergleichsweise auch relativ leicht, von unserer Nationalhymne die erste Strophe zu singen und nix dabei zu finden.
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#8 hugogeraldAnonym
#9 Ralph
  • 13.05.2019, 19:57h
  • Antwort auf #7 von Ith_
  • Wie weit verbreitet natiuonalsozialistische Ideologie war, ist oft gar nicht bekannt. Ich lese gerade ein kleines Buch über den Rosa-Winkel-Gedenkstein im KZ Dachau. Erst in den 90ern durfte der dort aufgestellt werden. Vorher war die Aufstellung durch das Komitee der sog. ehemaligen Häftlinge verhindert worden - mit genau den selben Nazi-Parolen, die die Betreiber des KZ abgesondert hatten. Schwule seien eben einfach nur Verbrecher gewesen und ihre Gleichstellung mit den "echten" Opfern (gemeint waren politisch Verfolgte, die dieses Komitee beherrschten) eine Ungeheuerlichkeit. Auch sog. Asoziale sowie Sinti und Roma wurden von diesen feinen Herrschaften ausgegrenzt. Wenn schon Opfer der Nazis andere Opfer diffamierten, wie leicht konnten das dann deutsche Politik und Justiz auch tun.
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#10 TheDadProfil
  • 13.05.2019, 22:00hHannover
  • Antwort auf #9 von Ralph
  • Ähnliche Vorgänge gab es auch in anderen Gedenkstätten ehemaliger KZ's, so in Bergen-Belsen..

    Die Gedenksteine für die Sinti&Roma und die Schwulen Männer wurden erst um die Jahrtausendwende herum aufgestellt, obwohl man hier zur Ehrenrettung der Gedenkstätte anführen muß das schon Ende der 70'er Jahre in den Filmen die im Dokumentationszentrum auf dem Gelände gezeigt wurden auch an die anderen Opfer-Gruppen erinnert wurde..
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