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ESC-Interview

KEiiNO – Ein Eurovision-Plädoyer für Vielfalt

Für Norwegen tritt ein schwuler Wahl-Berliner, eine junge Sängerin und ein samischer Rapper an – ein Gespräch über unaufhörliche Kämpfe um Akzeptanz und die Besonderheiten des Joik-Gesangs.


Alexandra Rotan, Tom Hugo und Fred Buljo in Tel Aviv (Bild: keiinomusic / instagram)

KEiiNO ist eine norwegische Formation, die sich zum Eurovision Song Contest zusammengeschlossen hat und Anfang März den norwegischen Vorentscheid mit fast 60 Prozent der Zuschauerstimmen für sich gewann. Die Gruppe besteht aus der Sängerin Alexandra Rotan, dem samischen Rapper Fred Buljo und dem Singer/Songwriter Tom Hugo (Hermansen), der zusammen mit seinem Mann Alexander Nyborg Olsson seit drei Jahren in Berlin lebt. Letzterer hat auch an KEiiNOs Song mitgeschrieben.

"Spirit in the Sky" ist eine klassische Eurovision-Uptempo-Nummer zum Tanzen, Mitsingen und Mitklatschen gepaart mit Elementen samischer Musik. Bei den Fans von Anfang an Favoriten, müssen die Norweger jedoch in einem starken zweiten Semifinale am Donnerstag um den Finaleinzug bangen.

Direktlink | Der Beitrag im norwegischen Vorentscheid

Das Interview wurde von Martin Schmidtner in Tel Aviv auf Englisch geführt.

Tom, Du lebst seit drei Jahren in Berlin und scheinst ja ein sehr europäischer Mensch zu sein: Norweger, in Berlin lebend, mit einem Schweden verheiratet…

Tom: (lacht) Nein, er ist eigentlich Norweger – da hat Wikipedia eine falsche Information!

Aber Ihr lebt jetzt in Berlin? Die ganze Zeit?

Tom: Für mich ist es nur ein Teil der Zeit. Mein Ehemann arbeitet Vollzeit in Berlin, aber ich reise sehr viel. Und in den letzten drei Jahren, seitdem wir die Wohnung in Berlin haben, war ich etwa die Hälfte der Zeit in Norwegen und die Hälfte der Zeit in Berlin. Aber Berlin ist definitiv mein Zuhause – da ist all mein Zeug, da habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen, da kann ich entspannen, bekomme die Inspiration, neue Songs zu schreiben

Und da ist ja auch dein Ehemann!

Tom: Genau. Der Hauptteil von "Spirit in the Sky" ist in meinem Heimstudio in Friedrichshain entstanden.

In Friedrichshain lebt Ihr? Sehr hip!

Tom: Wir wohnen in der Gegend Frankfurter Allee und Samariterstraße. Da gibt es so viele Produzenten und Songschreiber, die dort leben. Zum einen ist es sehr nah zu den touristischen Bereichen von Friedrichshain, aber dennoch sehr ruhig.


War der Grund, nach Berlin zu gehen, dass Ihr dort bessere berufliche Möglichkeiten habt?

Tom: Einer der Gründe, warum ich nach Berlin gezogen bin, war mein neuer Vertrag mit BGM Publishing in Berlin und ich wollte näher an deren Hauptbüro sein. Außerdem habe ich in den letzten zwölf Jahren so viel mit deutschen Produzenten und Songwritern gearbeitet – vor zwölf Jahren lebte ich in Hamburg und ich habe immer eine Verbindung zu Deutschland und den deutschen Musikmarkt gespürt.

Hast Du jemals Gelegenheit gehabt, mit [Deutschlands Vorjahresvertreter] Michael Schulte zu arbeiten?

Tom: Ich war zwar einmal in einem Camp mit Michael, habe aber dort nicht mit ihm zusammengearbeitet. Wir waren im Studiokomplex Bauteil 3; ein guter Freund hat eine Menge Songs geschrieben. Aber ich war Mentor in der Popakademie Mannhein und habe dort mit Thomas Stengaard gearbeitet, dem Co-Autoren von Michael im letzten Jahr. Und ich kenne Michelle Leonard, die Songschreiberin, die auch schon mit Michael zusammengearbeitet hat. Ich bin recht gut in der Popsongschreiber-Szene vernetzt.

Ich finde Berlin ist ein wirklicher "Melting Pot" und das war auch einer der Hauptgründe, warum ich umgezogen bin. Ich kann Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen und das inspiriert mich zum Songschreiben.

All die Berliner Ex-Pats!

Tom (lacht): Ja, die Techno-Ex-Pats.


Hast Du etwas Deutsch gelernt?

Tom (auf Deutsch): Also ich verstehe Deutsch und ich kann ein wenig sprechen. Aber ich fühle mich wie ein Kind, weil ich habe nicht die größte Vokabular.

Klingt doch super! (Englisch:) Was unterscheidet Dein Leben in Berlin von dem in Norwegen? Geboren bist du ja in Kristianssund.

Tom: Ich fühle mich sehr befreit in Berlin. Es ist eine sehr liberale Stadt. Dagegen ist Kristianssund eine sehr christliche und konservative Kleinstadt und es war für mich nicht einfach, dort aufzuwachsen. Ich hatte keine Person, zu der ich aufschauen konnte, die schwul oder bisexuell war. So habe ich mich als Kind wie ein Außerirdischer gefühlt. In größeren Städten ist die Vielfalt so viel größer.

Das finde ich persönlich sehr spannend. Als ich jung war, erschien es mir genau andersherum: Skandinavien war für uns der Inbegriff von Liberalität.

Tom: Ok, aber das hat sicher auch mit dem Thema Land und Stadt zu tun!

Fred: Grenzen zu überschreiten hat für die samische Kultur ja eine ganz andere Bedeutung als für uns oder Tom. Die samische Kultur ist ja nicht auf ein Land beschränkt. Wir leben in Finnland, Schweden, Norwegen und Russland.

Wie hoch ist der Stellenwert der Eurovision in der samischen Kultur?

Fred: Er ist recht hoch. Aber wir hatten bisher keine Songs, die gut genug für die Eurovision waren. Man muss bestimmte Formeln anwenden, um Erfolg beim Eurovision Song Contest zu haben, und das haben wir jetzt gemacht: traditioneller Joik mit Popmusik gemischt.

Gab es vor Dir Teilnehmer beim [norwegischen Vorentscheid] Melodi Grand Prix, die auf Sami gesungen haben?

Fred: Wir hatten 2007 Anne-Marie Anderson und 1980 Mattis Hætta. Darüber hinaus gab es eine Menge Songs, die eingeschickt wurden, aber die Songs waren in der Regel zu ambitioniert – sie passten in der Regel nicht in das Format des ESC. Wir wollten mit unserem Song auch die traditionelle Vorstellung, wie samische Musik zu klingen hat, aufbrechen.


Fred bei eine Probe in Tel Aviv. Bild: Andres Putting / EBU

Heißt das, die samische Musik war bisher ein sehr einschränkendes Genre?

Fred: In den letzten zwanzig Jahren gab es natürlich auch immer mal Experimente, Genres zu mischen, aber wir haben eigentlich eine lange Tradition, gerade Joik nicht mit anderen Genres zu mischen. Die Menschen wagten das bisher nicht.

Aber Du machst es – im Rahmen vom Projekt KeeiNO, das sich Diversität auf die Fahnen geschrieben hat. Wie geht die samische Kultur generell mit dem Thema Diversität oder speziell mit dem Thema Homosexualität um?

Fred: Es ist schwieriger, als Sami homosexuell zu sein, nicht so sehr für die Mädchen, die sich eher mal outen, aber besonders für die Jungen, denn unsere Kultur ist traditionell so maskulin. Wir hinken da ein wenig der norwegischen Gesellschaft hinterher.

Tom: Aber man sollte auch bedenken, dass es bis vor dreißig Jahren in den norwegischen Schulen nicht erlaubt war, Joik zu singen und es lange keine Sami-Schulen gab. Darum war es für uns so wichtig, einen samischen Künstler und Songschreiber in dieses Projekt mit einzubinden. Es ist nämlich so, dass wir erst dann wirklich gut sind, wenn wir in allen Lebensbereichen zu 100 Prozent wir selbst sein können. Deswegen wollten wir auch zusammenarbeiten.

Probieren wir es nochmal mit Wikipedia. Joik ist demnach eine Form der Kommunikation, miteinander in Kontakt zu treten. Ist das diesmal richtig?

Fred: Ja, eigentlich ist Joik nicht für eine Bühnenpräsentation gedacht, sondern dient der Kommunikation von Gefühlen.

Ursprünglich solltest Du der Rapper der Gruppe sein und dann bist Du in die Rolle des Joikers gewechselt…

Fred: Ja, Tom hatte mich gebeten zu rappen, aber auf dem Weg zum Studio haben wir gemerkt, dass ich aus meiner Komfortzone rauswollte und endlich tun das wollte, was ich schon immer machen wollte, nämlich joiken. Und ich hatte bisher nie eine Arena hierfür gefunden und jetzt habe ich sie.

Alexandra: Du joikst vor 200 Millionen!

Fred: Mein erstes Publikum waren 12 Kinder, dann eine Million, und jetzt fast 250 Millionen.

Und vermutlich werden nahezu alle Kommentatoren das Thema Joik während der Postcards vor Eurem Auftritt ansprechen und erläutern.

Fred: Das hoffe ich sehr!


In einem früheren Interview habt ihr gesagt, dass das Thema Eures Songs Diversität und Akzeptanz sei. Tom, du bist schwul, Fred, du bist Sami. Was ist Dein Zugang zu diesem Thema, Alexandra?

Alexandra: Als ich anfing, Musik zu machen, habe ich es gemacht, weil ich unbedingt auf einer Bühne stehen wollte. Ich war jung und die Leute waren nicht so hart. Aber als ich richtig in das Musikgeschäft eingestiegen bin, haben Leute mir gesagt, dass ich auf diese oder jene Art Musik machen sollte, diese oder jene Kleider zu tragen hätte, so oder so zu sein habe. Und dann hieß es: Du hast nicht, was eine Frau braucht, um es im Musikbussiness weit zu bringen.

Und nun als Teil dieses Projekts KEiiNO, wenn ich unseren Song singe, fühle ich mich sehr wohl, es genau jenen Leuten zu zeigen, die mir gesagt haben, ich sei nicht gut genug. Ich kann es, weil ich eben ich selbst bin und akzeptiere, wer ich bin. Das ist meine Geschichte dabei. Ich will anderen Leuten zeigen: Du kannst sein, wer du sein willst. Tu, was du zu tun liebst. Es gibt niemanden, der dir etwas anderes vorschreiben darf.

Und du liebst diese Art von Musik? Und nicht die klassischen Balladen?

Alexandra: Balladen zu singen, ist so langweilig. Ich habe niemals gerne Balladen gesungen. Hier kann ich singen, tanzen, fröhlich sein und lächeln.

Tom: Vor drei Wochen haben wir in Berlin in den Hansa-Studios neue Musik geschrieben und Samstagnacht waren wir im Schwuz, wo ausschließlich Pop gespielt wurde und Alexandra tanzte stundenlang. Selten habe ich sie so glücklich gesehen – sie braucht die pure Popmusik.

Das Schwuz ist ja auch eine Pop-Oase in der Techno-Stadt Berlin! (Tom nickt!) Eine Frage noch zum Song: Ihr propagiert Euer Lied als Projekt für Akzeptanz. Als ich den Song zum ersten Mal gehört habe, verstand ich ihn eher als eine Story über den Wunsch, jemanden als Freund zu haben oder den Kontakt mit jemanden herzustellen – könnt Ihr mir mit der Interpretation weiterhelfen?

Tom: In vorchristlichen und auch in der samischen Kultur gibt es den Glauben an helfende Geister. Das können auch Tiergeister sein, die durch schwierige Zeiten führen. Im Song redet der Hauptcharakter mit diesen helfenden Geistern. Sie oder er braucht diesen Spirit, um zu leben.

Also als Empowerment?

Tom: Ja, genau um die Stärke dazu zu haben. In den ersten Zeilen heißt es ja auch: "The violent nightshade / They took away my light / They call us nothing / My name is nothing / Come see me!"

Mit diesen Zeilen wollte ich mich auch auf die historischen Kämpfe beziehen, die besonders für unsere Anerkennung als Sami oder als Schwule bestritten wurden, weil uns erzählt worden war, wir seien nicht gut genug; die Kämpfe gegen die Mehrheit, die uns unsere Rechte aberkennen wollte.


KEiiNO am Sonntag auf dem roten Teppich der offiziellen ESC-Eröffnung. Bild: Thomas Hanses / EBU

Ihr geht als Frau, als Schwuler und als Sami für Norwegen zum Song Contest? Kannst Du Dir vorstellen, auch ein klein wenig für Berlin anzutreten, Tom?

Tom: Absolut! Ich fühle mich definitiv als Berliner. Ein norwegischer Berliner. Es ist nämlich so, dass [der deutsche Songwriter und Produzent] Rüdiger Schramm auch Teil des Projektes ist. Das Intro des Songs stammt von ihm, als er mich in Norwegen besucht hat und wir zusammen zurückgefahren sind. Der Song hat also eine sehr enge Verknüpfung mit Berlin. Ich fühle mich in Berlin zu Hause.

Ihr tretet am Donnerstag im Halbfinale an, in dem auch Deutschland stimmberechtigt ist! (…) Wollt Ihr Euch direkt an das deutsche Publikum wenden?

Tom: Wir waren gerade im Studio und schreiben neue Musik. Es wird demnächst eine deutsche Veröffentlichung unseres Titels geben und wir wollen auf Tour in Deutschland gehen. 2013/14 hatte ich schon mal eine Radiotour in Deutschland. Vor deutschem Publikum zu spielen macht viel mehr Spaß als vor norwegischem Publikum. Die Deutschen lassen sich eher begeistern und hören besser zu. Unser Song ist ja auch definitiv eine Art von Schlager.

Mit klassischem Eurovisions-Rhythmus!

Tom: (lacht) Oh ja, sehr klassisch "Eurovision"! Wir passen sicher gut zu einem großen deutschen Stadtfest mit unserem Mitsing-Song, wie eben auch Bier und Wein dazu gehören.

Wir drücken die Daumen und vielen Dank für Eure Zeit.

Direktlink | Ausschnitt aus der zweiten Probenrunde letzten Samstag in Tel Aviv

Martin Schmidtner und sein Partner Marc Schulte, der die Fotos vom Interview beitrug, reisen seit Jahren gemeinsam zum jeweiligen Eurovision Song Contest und betreiben dazu das Blog Eurovisionen.

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    Ergebnis der Umfrage vom 13.05.2019 bis 20.05.2019


#1 FelinProfil
  • 16.05.2019, 14:02hMünchen
  • Sehr sympathisch, die 3 von KEiiNO. Und sie haben wirklich ein schönes Lied! Heute Abend kann auch Deutschland dafür abstimmen, sodass sie ins Finale kommen! :-)
  • Antworten » | Direktlink »
#2 ZenkimausAnonym
#3 Patroklos
  • 16.05.2019, 22:01h
  • Für mich gehört Norwegen ins große Finale und ich könnte mir vorstellen, daß Tom vielleicht auch mal für Deutschland antritt.
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