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- 01. September 2005 4 Min.
Im Berliner Abgeordnetenhaus kam es am Donnerstag zu einem Schlagabtausch über ein Grußwort zum Folsom Europe.
Von Norbert Blech
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat am Donnerstag im Abgeordnetenhaus sein umstrittenes Grußwort für ein Leder-Fetisch-Fest verteidigt. Zuvor hatten Union und einige Springer-Medien anlässlich des Folsom Europe dem Bürgermeister vorgeworfen, "zweifelhafte Pornofeste" und "abartige Sexualpraktiken" zu unterstützen.
Moralische Grenzen
Anlass für die Diskussion war eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Michael Braun mit dem Titel: "Hat der Regierende Bürgermeister noch moralische Grenzen?" In Anspielung auf Wowereits Grußwort und den Bilderstrecken sowie Anzeigen in einer Festival-Broschüre fragte Braun, ob "Naziuniformen", Bilder erniedrigter Menschen und rassistische Anspielungen zur "Lebensfreude pur" gehörten. Braun fragte in Anspielung auf eine Entgegnung Wowereits weiter, ob es "verklemmt" sei, "dem bloßen Hedonismus nicht zu folgen" und entsprechendes Verhalten "nicht als Sexgenuss zu definieren".
Wowereit antwortete, er habe die CDU-Kritik zuerst als "Wahlkampf" verstanden. Aber es gehe offenbar auch um die gesellschaftspolitische Position der Union. Um zu zeigen, dass das Event in der Stadt willkommen sei, las er zuerst Briefe der Berlin Tourismus Marketing GmbH und der IHK vor. Die Tourismus-Manager hätten sich bemüht, dass das "internationale Event" in die Hauptstadt kam, denn es passe zu keiner anderen Stadt so gut wie zum weltoffenen Berlin. Der Folsom Europe sei im letzten Jahr erfolgreich absolviert worden und habe auch für dieses Jahr eine Genehmigung vom Bezirksamt.
Zu der Broschüre sagte Wowereit, für Leute, die mit der Szene nichts zu tun hätten, egal ob schwul oder hetero, sei "einiges sicher ungewöhnlich". Man sollte die Menschen aber "begrüßen". Die Diskussion von Medien und Politikern in den letzten Tagen hingegen habe "Tausende von Menschen diskriminiert und verletzt", er habe auch zahlreiche eMails in dem Sinne erhalten. Als Bürgermeister sei er es gewohnt, diskriminiert und beleidigt zu werden.
"Was ich jedoch nicht hinnehme, ist, dass kollektiv Menschen diskriminiert werden", so Wowereit. Dass Menschen verdrängt werden sollen, "die ein Recht haben, hier zu sein". Dafür stehe er als Bürgermeister. Wowereit zitierte noch aus einer Presseerklärung des Folsom Europe (s.u.), die zeige, dass die Aufregung "billige Polemik" sei.
Anti-Gewalt vs Zurschaustellung von Gewalt
Braun sah sich zu einer Nachfrage verursacht, stellte zuerst aber fest, dass es "unerträglich" sei, "dass Sie Teilen des Hauses oder dieser Stadt unterstellen, sie würden Homosexuelle oder Sonstige" diskriminieren. "Wo ist eigentlich die Grenze", fragte Braun, zwischen dem, was die Stadt unter einem friedlichen Fest verstehe und einer Zurschaustellung von Gewalt im öffentlichen Raum?
Wowereit konterte, wer der Auffassung sei, die Veranstaltung sei nicht legal, könne ja gegen sie vorgehen. Er erinnerte, dass auch die Union beim CSD und beim schwul-lesbischen Straßenfest in Berlin teilgenommen habe, zusammen mit den Veranstaltern und Anhängern des Folsom Europe.
Die CDU-Abgeordnete Katrin Schultze-Berndt fragte angesichts eines Kindes-Mordes in Zehlendorf, wie staatliche Anti-Gewalt-Arbeit und das Grußwort zu einem Festival mit "Gewaltphantasien" zusammenpassen würden. Wowereit konterte, diese Verknüpfung des Zusammenhangs zeige, dass man da tatsächlich unterscheiden müsse. Es gebe da offensichtlich Informations- und Afuklärungsbedarf. "Wäre schön, wenn sie sich dem stellen würden", so Wowereit zu der Abgeordneten, die doch mal die Veranstalter des Folsom Europe zu einem Gespräch einladen solle.
Veranstalter weist Kritik zurück
Daniel Rüster, Vorstandsvorsitzender des Folsom Europe e.V., hatte in einer Presseerklärung bereits am Montag die Kritik zurückgewiesen. Die Veranstaltung sei kein "Sado-Maso-Fest", sondern ein Straßenfest der Leder- und Fetisch-Gemeinde Europas. Diese spezielle Szene sei "bereits seit den 70er Jahren gesellschaftspolitisch aktiv" und habe in der 80ern "wesentlich zum Aufbau vieler Aids-Hilfen im In- und Ausland beigetragen". Den Vorwurf, rassistische Vergewaltigungspornografie verherrlichen oder gar fördern zu wollen, weise man zurück.
Während die Veranstalter den Mut Wowereits "ausdrücklich" begrüßten, distanzierten sie sich von der Kritik des CDU-Fraktionschefs Nicolas Zimmer an Wowereit. "Wir verstehen natürlich, dass sich der Fraktionsvorsitzende einer in Berlin seit Jahren umfrageschwachen CDU in Wahlkampfzeiten nach außen hin politisch erzkonservativ und empört geben muss. Aber wir wundern uns trotzdem sehr, dass gerade die CDU, die sich immer gern als Vertreter der wirtschaftlichen Interessen gibt, ein Grußwort zu einem Festival torpediert, dass nicht nur zum Abbau der offensichtlich noch starken Vorurteile über Frauen und Männer in Leder und Fetisch dient, sondern auch schon jetzt auf dem Weg ist, ein touristischer und somit auch wirtschaftlicher Schwerpunkt im Berliner Veranstaltungs-Kalender zu werden", so die Veranstalter.
1. September 1005, 16.15h
Links zum Thema:
» Folsom Europe










Auf die selbst gestellte Frage, ob man für ein schwules Fetisch-Fest ein Grußwort schreiben sollte, meinte Wowereit: "Zunächst dachte ich, man muss nicht, aber man kann. Jetzt denke ich: Man muss nicht, aber man sollte".
Bravo, Wowi!