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ESC 2019 in Tel Aviv
Niederlande gewinnen Eurovision: Man selbst sein und Träume umsetzen
Der bisexuelle Sänger Duncan Laurence setzte sich in einer spannenden und unterhaltsamen Show aus Israel mit einer emotionalen Pop-Ballade durch.

Duncan Laurence mit der Eurovision-Trophäe (Bild: EBU / Thomas Hanses)
- 19. Mai 2019, 09:22h 6 Min.
Die seit Monaten als Favoriten gehandelten Niederlande haben in der Nacht zum Sonntag den diesjährigen Eurovision Song Contest in Tel Aviv gewonnen. Mit seiner Popballade "Arcade" setzte sich der 25-jährige Sänger Duncan Laurence im Finale knapp vor Italien durch. Das emotionale, von Laurence mitkomponierte Lied behandelt den frühen Tod eines geliebten Menschen, lässt sich aber auch allgemeiner als Lied über das verzweifelte Festhalten an einer Liebe deuten.
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Mit 492 Punkten erzielte Laurence nur 27 Punkte mehr als Italiens Sänger Mahmood. Auf Platz drei kam Russlands Sergei Lasarew mit bereits weiter abgeschlagenen 369 Punkten. "Dies ist großen Träumen gewidmet – und der Musik, die immer zuerst kommt!", rief Laurence nach der Bekanntgabe seines Sieges. Sein Traum, an dem er hart gearbeitet habe, sei wahr geworden, sagte er bei der anschließenden Pressekonferenz.
Dort setzte der bisexuelle Niederländer erneut auch ein Zeichen für queere Sichtbarkeit und Akzeptanz. Der bürgerlich Duncan de Moor heißende Sänger meinte auf die Frage, was er der LGBTI-Community raten würde: "Das Wichtigste ist natürlich, dem treu zu bleiben, wer man ist, und sich so zu sehen, wie ich mich selbst sehe – ein Mensch, der Talente hat, der Dinge tun kann", so der Sänger. "Bleib dem treu, was du liebst, auch wenn du eine andere Sexualität hast." Man sollte Menschen akzeptieren und gegenseitig für das lieben, was sie sind, anstatt über sie zu urteilen.

Laurence bei der Sieger-Pressekonferenz
"Ich bin mehr als nur ein Künstler, ich bin ein Mensch, eine lebende Person, ich bin bisexuell, ich stehe für Dinge ein", hatte Laurence bereits in der Pressekonferenz nach dem zweiten Halbfinale gesagt. "Und ich bin stolz, dass ich die Chance habe zu zeigen, wer ich bin."
Laurence hatte im letzten Herbst bei Instagram geschrieben, dass er sich vor einigen Jahren bereits im Freundeskreis als bisexuell geoutet habe. "Nicht weil ich mit sowohl Jungen als auch Mädchen rummachen will oder weil ich mich nicht entscheiden kann – Ganz im Gegenteil: Meine Wahl ist klar. Ich verliebe mich in eine Person." Er sei glücklich, vor einigen Monaten eine Person gefunden zu haben, schrieb er damals wenige Monate vor seiner direkten Ernennung als Eurovision-Vertreter durch das niederländische Fernsehen. In mehreren Interviews sprach er danach von seinem Boyfriend.
Instagram / itsduncanlaurence | Der Coming-out-Eintrag vom 22. Oktober 2018
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Die Niederlande, wo das Finale am Samstag eine Einschaltquote von 80 Prozent erzielte, hatten den Wettbewerb zuvor vier Mal gewonnen, zuletzt 1975, und fünf Mal ausgetragen, zuletzt 1980. Laut niederländischen Medien sind mehrere Städte und Austragungsorte für den Wettbewerb im nächsten Jahr im Gespräch.
Norwegen holte Televote
Laurence konnte allerdings weder die Abstimmung der Jury noch die des Publikums gewinnen. Beide Stimmabgaben unterschieden sich zum Teil deutlich. So bekam die nordmazedonische Sängerin Tamara Todevska nach den 237 Punkten von der Jury lediglich 58 Punkte vom Publikum – damit landete sie am Ende auf Platz acht. Der nach der Jury-Wertung mit 239 Punkten knapp führende Schwede John Lundvik bekam vom Publikum nur 93 Punkte und rutschte auf Platz sechs.

Das Gesamtergebnis des Finales
Mit der neuen Vergabereihenfolge der Punkte der Zuschauer nicht nach deren Höhe, sondern nach dem Ranking der Länder beim Televoting, ging während der Show unter, dass Norwegens Gruppe KEiiNO rund um den schwulen Wahlberliner Tom Hugo das Televoting gewonnen hatte – durch den 15. Platz bei den Juries wurde es schließlich für sie ein fünfter Platz.

Zuschauer und Juries hatten unterschiedliche Vorlieben. Jedes der 41 teilnehmenden Länder vergab jeweils zweimal 1 bis 8, 10 und 12 Punkte. Grafik: Wikipedia
Schlusslicht des Abends wurde Großbritannien, das dem Wettbewerb seit Jahren recht ideenlos gegenübersteht. Das drittletzt platzierte Deutschland erfuhr aber eine eigene Demütigung, indem es als einziges Land null Punkte beim Televoting erzielte. Das vom NDR zu einem eingekauften Song gecastete Duo S!sters holte lediglich acht Jury-Punkte aus Dänemark und Weißrussland, sechs aus der Schweiz, fünf aus Litauen, drei aus Australien und zwei aus Irland. Die weißrussische Jury war allerdings kurz vor dem Finale disqualifiziert worden und die Punkte nach einem noch unklaren Verfahren durch die EBU festgelegt worden – insgesamt holte Deutschland nur einen Punkt mehr als das zweitletzte Land, Weißrussland.
Der in der ARD für den Wettbewerb verantwortliche Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber sagte dem Sender, mit dem Ergebnis "haben wir natürlich auch die Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland enttäuscht". Schreiber kündigte an, das Auswahlverfahren der deutschen Starter überdenken zu wollen. "Zu sagen, wir machen jetzt weiter so wie bislang, wäre sicherlich der falsche Weg." Allerdings war es der NDR, der "Sister" am aufwändigen, mehrstufigen Vorentscheidsprozess teilweise vorbei geschmuggelt hatte. Das sich bereits vorab abzeichnende Debakel schadete aber nicht dem Interesse am Wettbewerb: In der ARD und im Spartensender One schauten zusammen 8,1 Millionen Menschen die mehr als vierstündige Liveübertragung. Der ARD-Marktanteil lag bei 34,3 Prozent, damit holte das ESC-Finale die besten Einschaltquoten am Samstagabend.
Deutschland Zuschauer gaben zwölf Punkte an Norwegen, zehn an die Schweiz (Luca Hännie holte mit dem vierten Platz das beste Schweizer Ergebnis seit 1993) und acht an Russland, während die deutsche Jury Italien, Australien und die Niederlande bevorzugte. Die EBU veröffentlichte inzwischen alle Detailergebnisse zu allen drei Shows. Das erste Halbfinale am Dienstag hatte Australien, das zweite die Niederlande gewonnen.
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Die Niederlande holten mit dem durch akkreditierte Journalisten bestimmten Press Award auch einen der zusätzlich vergebenen Marcel Bezençon Awards. Der von Kommentatoren ausgewählte Artistic Award ging an Kate Miller-Heidke (Australien), während eine Jury beteiligter Komponisten Mahmood, Dardust und Charlie Charles für Italien auszeichneten.
Madonna schockte Publikum
Auch wenn einige Delegationen eine nicht immer 100-prozentige Kamera- und Schnittführung bei ihren Auftritten beklagten, machte die aufwändig inszenierte Show aus der vergleichsweise kleinen Expo in Tel Aviv einen überwiegend guten Eindruck. Gastauftritte von Netta, Dana International, Conchita Wurst oder Verka Serduchka wurden ebenso begrüßt wie eine Kiss-Cam im ersten Halbfinale. Während im Publikum immer wieder Regenbogenflaggen zu sehen waren, sprach der offen schwule Moderator Assi Azar mehrfach von seinem Ehemann.
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Für Schock- und Spottwellen in sozialen Netzwerken sorgte allerdings der seit Wochen als Highlight promotete Gastauftritt von Weltstar Madonna, die für eine von einem Unternehmer privat beglichene Millionensumme "Like a prayer" und den neuen Song "Future" als Weltpremiere aufführte. Doch der Prayer-Klassiker blieb farblos, während die Sängerin Schwierigkeiten zeigte, die Töne zu treffen. ARD-Moderatorin Barbara Schöneberger sagte, "alle haben besser gesungen als Madonna". Die Sängerin setzte zugleich ein politisches Zeichen, indem zwei sich Arm und Arm verbindende Tänzer die israelische und palästinensische Flagge auf dem Rücken zeigten.
Wie zuvor in einigen Interviews einseitiger zeigte sich die isländische Band Hatari, die vor Ort schon eine "Apartheid" Israels beklagt hatte und während der Punktevergabe im Finale Schals in den Farben der palästinensischen Flagge mit der Aufschrift "Palestine" (Palästina) hochhielt, was zu einem langen Chor von Buh-Rufen führte. Die EBU bewertete das inzwischen als Regelverstoß, der nun der EBU Reference Group für eine mögliche Sanktionierung gemeldet werde. (nb)














Vielleicht sollte Deutschland sich auch erst im Halbfinale qualifizieren müssen, dann wäre diese Peinlichkeit im Finale erspart geblieben. Mit einem anderen Teilnehmer aus einem anderen Genre, welches überall in Europa Fans hat, hätte man aus jedem Land Punkte holen können... Aber auf diesen Bonus verzichtet man freiwillig, weil man es nicht kapiert...
PS. Dafür, dass Italien nicht auf englisch gesungen hat, ist es ganz weit gekommen (im Gegensatz zum anderen Italienisch-sprachigen Land, was lieber auf seine schöne Sprache verzichtet und dagegen auf Englisch gesetzt hat...) Soviel dazu, dass man anderen Ländern angeblich ihre Chancen nehmen will, wenn sie in ihrer eigenen Sprache singen sollen.... Gähn... Es ist ja auch sooooviel bunter und nicht eintönig, wenn fast alle einheitlich auf englisch singen...