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§ 175 als Damoklesschwert

Der weltweit erste Film über Homosexualität

Vor 100 Jahren – am 24. Mai 1919 – wurde "Anders als die Andern" uraufgeführt. Der Film ist einzigartig, denn auch ein halbes Jahrhundert lang danach gab es kein vergleichbar emanzipatorisches Werk im Kino


Der berühmte Violinist Paul Körner nimmt den jungen Geigenvirtuosen Kurt Sivers als Schüler an. Die beiden entdecken bald ihre Gefühle füreinander – doch ein Erpresser tritt auf den Plan (Bild: Edition Filmmuseum)

Der homosexuelle Violinspieler Paul Körner lernt einen Mann kennen und wird später von ihm erpresst. Als er den Geldforderungen nicht mehr nachkommen möchte, zeigt er seinen Erpresser an, woraufhin jedoch auch gegen ihn nach Paragraf 175 RStGB ermittelt wird. Im anschließenden Gerichtsverfahren ist als Gutachter Dr. Magnus Hirschfeld zu sehen, der sich erfolglos für Körner einsetzt. Der Erpresser Franz Bollek wird zwar wegen Erpressung, Paul Körner jedoch nach Paragraf 175 verurteilt. Körners Ruf ist ruiniert und er wählt den Freitod.

Das ist, kurz zusammengefasst, die Geschichte von "Anders als die Andern", dem weltweit ersten Spielfilm über Homosexualität. Der Film von Richard Oswald wurde am 24. Mai.1919 (vor Pressevertretern) bzw. am 31. Mai 1919 in Berlin uraufgeführt. Heute ist der nur noch fragmentarisch erhaltene Film als rekonstruierte Fassung auf DVD erhältlich und seine Geschichte u.a. durch das gleichnamige Buch von James Steakley (2007) gut erschlossen.

Sein Status als erster schwuler Film


Ein Filmplakat zu "Anders als die Andern"

Einige Autoren sind erkennbar vorsichtig, wenn es darum geht, "Anders als die Andern" als ersten Film über Homosexualität zu bezeichnen. Dabei gibt es keinen Film, der ihm diesen Status streitig machen kann. Der Film "Vingarne" ("Flügel", 1916) erschien zwar zwei Jahre vorher, aber um die homoerotischen Zwischentöne überhaupt zu bemerken, muss man vermutlich schon den zugrundeliegenden Roman "Michael" von Herman Bang gelesen haben.

Die Filme "Der Knabe in Blau" (1919) und "Prinz Kuckuck" (1919) erschienen zwar im gleichen Jahr, aber halt doch einige Monate später – und auch diese Filme hätten nach vorsichtiger Einschätzung (beide Filme gelten als verschollen) "Anders als die Andern" nicht das Wasser reichen können. "Anders als die Andern" bleibt damit der erste homosexuelle Film, und selbst ein halbes Jahrhundert später gab es keinen anderen Film, der sich dermaßen deutlich für die Streichung des Paragrafen 175 RStGB und eine homosexuelle Emanzipation einsetzte.

Die Macher

Regie führte der österreichische Filmregisseur und Drehbuchautor Richard Oswald, der als Begründer des Sitten- und Aufklärungsfilms gilt. Er hatte schon früh tabuisierte Themen wie Abtreibung aufgegriffen und bei mehreren Filmen mit dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld zusammengearbeitet. Magnus Hirschfeld war nicht nur Sexualwissenschaftler, sondern auch Homosexuellenaktivist und hatte 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und damit die erste homosexuelle Interessenvertretung der Welt gegründet. Für Jahrzehnte prägte er das Bild der ersten Homosexuellenbewegung. In "Anders als die Andern" wird Hirschfeld als "wissenschaftlicher Berater" genannt.

Paul Körner wird im Film durch Conrad Veidt verkörpert, der in den Zwanzigerjahren zu den führenden Schauspielern in Deutschland gehörte. Neben seiner Rolle in "Anders als die Andern" ist auch seine Mitwirkung im Film "Prinz Kuckuck" (1919) zu erwähnen, der nach dem gleichnamigen (homoerotischen) Roman von Otto J. Bierbaum entstand.


Reinhold Schünzel (l.) und Conrad Veidt (r.) haben gemeinsam in acht Filmen von Richard Oswald (m.) mitgespielt

In dem biografischen Lexikon "Mann für Mann" sind Indizien bzw. Klatschgeschichten über Conrad Veidt zusammengestellt, die es als möglich erscheinen lassen, dass er homosexuell war. Wie bei Carsten Flöter / Georg Uecker aus der Fernsehserie "Lindenstraße" kann ich zum Teil nachvollziehen, dass es einen Zuschauer interessiert, wenn sich die Homosexualität des Schauspielers mit der seiner Filmrolle überschneidet. Veidt starb einige Monate nach der Premiere des Kultfilms "Casablanca" (1942), wo er an der Seite von Humphrey Bogart Major Strasser verkörperte.

Reinhold Schünzel, der im Film den Erpresser darstellt, führte bei einigen Filmen auch Regie. Sein Travestie-Film "Viktor und Viktoria" (1933) bietet eine doppelte Form der Travestie: Eine Frau hat schauspielerischen Erfolg, als sie sich als Mann ausgibt und auf der Bühne erfolgreich eine Frau verkörpert.

Die Meinungen

Als der Film "Anders als die Andern" im Mai 1919 in die Kinos kam, polarisierte er das Publikum. Steakley hat sehr gut die unterschiedlichsten Reaktionen zusammengestellt, die von Bewunderung bis Verdammung reichten. Einige verunglimpften diesen "Spinatfilm" über "Popographie"; andere bedankten sich bei den Verantwortlichen für die sensible Verfilmung.

Die Kritik an "Anders als die Andern" vermischte sich auch mit Antisemitismus, der sich auf Richard Oswald und Magnus Hirschfeld bezog. Die "Deutsche Zeitung" (7. Juli 1919) wütete: "Sollen wir Deutschen uns denn von den Juden verseuchen lassen?" Für Richard Oswald war die "Schuld an der Homosexualität" "eine neue Walze auf dem sonst schon stark abgespielten Leierkasten des Antisemitismus" (Steakley, S. 82-84).

In vielen Städten wurden die Aufführungen von konservativen Kräften gestört, die manchmal eine weitere Vorstellung verhinderten. Ich habe nicht damit gerechnet, dass auch Homosexuelle die Filmvorführungen störten – wenn auch aus einer gänzlich anderen Motivation heraus. Aber nach einem in der Homosexuellenzeitschrift "Freundschaft" (Heft 1, 1919) erschienenen Beitrag benahmen sich einige schwule Kinobesucher ziemlich "tantisch" (= tuntig) und störten eine Filmvorführung in Berlin mit Zwischenrufen wie "Huch nein" und "Aber Schwester".


Szene aus "Anders als die Andern" (Bild: Berlinale)

Der Aufklärungsfilm

"Anders als die Andern" gehört als Aufklärungsfilm zu einem typisch deutschsprachigen Genre, bei dem Sexualität in Grenzen behandelt werden durfte, wenn dies als wissenschaftlich legitimiert erschien – in diesem Fall von Dr. Magnus Hirschfeld.

Zu Beginn der sexuellen Revolution ein halbes Jahrhundert später erwies sich dieses Genre sogar als kommerziell recht erfolgreich: Nun waren es die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle (1968-1972), der sich von Dr. Hans Giese und dem Diplom-Psychologen Helmut Kentler beraten ließ und sich seine Filme auf diese Weise wissenschaftlich legitimieren ließ.

Heute gibt es ähnliche Aufklärungsfilme: Oswalt Kolles letztes Filmprojekt war die TV-Doku-Reihe "Sexreport 2008 – So lieben die Deutschen" (2008), die von der "Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung" wissenschaftlich begleitet und damit legitimiert wurde. Diese Filmreihe wurde auf Pro7 gezeigt, deren Zuschauer sich mehr für Sex als für Sexualwissenschaft interessieren.

Vom Inhalt und Niveau her ist dieser "Sexreport" zwar nicht mit "Anders als die Andern" zu vergleichen, er gehört aber formal dem gleichen Genre an und funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Mit solchen Filmen lässt sich die Entwicklung dieses Filmgenres über einen Zeitraum von hundert Jahren nachvollziehen, wobei sich Elemente wie "Sex sells", Grenzüberschreitung und das Spielen mit Voyeurismus und sexueller Erwartungshaltung als wiederholte Muster erkennen lassen.

Die Geschichte des Filmtitels


Der Roman "Anders als die Andern" von Bill Forster. Das Titelblatt des Reprints (2009) mit einem Foto des Autors auf der Yacht von Joseph Pulitzer, dem Stifter der bekannten Literatur- und Pressepreise

"Anders als die Andern" ist als homosexuelle Chiffre (mit dem sprachlichen Reiz einer Alliteration) schon seit 1904 bekannt. In diesem Jahr publizierte Hermann Breuer (unter dem Pseudonym Bill Forster) seinen homosexuellen Roman "Anders als die Andern".

Mit dem gleichnamigen hier behandelten Film hat der Roman inhaltlich nichts zu tun. Da sich Hermann Breuer und Richard Oswald allerdings über das Schauspielhaus Düsseldorf kannten, ist es möglich, dass der Filmtitel dem Roman entlehnt wurde. Dass der Film ursprünglich den (grammatikalisch falschen) Titel "Anders wie die Andern" trug, spricht allerdings gegen diese Annahme. Der Filmtitel sorgte offensichtlich für die Popularisierung der Formulierung, denn in der darauffolgenden Zeit entwickelte sich diese zu einer beliebten Chiffre für Homosexuelle. Das bekannteste Beispiel aus den Zwanzigerjahren ist eine Zeile im "Lila Lied" – einer Art Hymne der Homosexuellenbewegung.

Bei zwei Büchern von mir habe ich "Anders als die Andern" als Buchtitel verwendet: zum einen als Titel meines Sachbuches mit dem Untertitel "Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918" (2006) – in Anlehnung an Breuers Roman. Zum anderen war ich an der erneuten Herausgabe des Romans 2009 beteiligt.

Bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur hatte ich in diesem Kontext nachgefragt, ob "Anders als die Andern" bereits die Kriterien an ein "geflügeltes Wort" erfüllt, und bekam die Antwort, dass eine Aufnahme in das Nachschlagewerk "Der große Büchmann. Geflügelte Worte" durchaus zu erwägen sei. Auch die Formulierung "Andersrum", als wohlwollende Bezeichnung für Schwule und Lesben, findet möglicherweise hier ihren Ursprung.

Die "Handschrift" Magnus Hirschfelds

Die Form der Ankündigung Magnus Hirschfelds wirkt zunächst recht bescheiden, weil in der Werbung nur von einem "Arzt" die Rede ist. Hirschfeld wollte so vermutlich dem Vorwurf der Eitelkeit entgehen. Die Aufgabenverteilung zwischen ihm und dem Regisseur bleibt zwar unklar, aber Hirschfeld war bestimmt mehr als nur der in der Handlung auftretende "Arzt", denn dafür trägt die gesamte Rahmenhandlung viel zu deutlich seine Handschrift.

Das fängt bei der Themenwahl an: Seit der Gründung des WhK 1897 hatte Hirschfeld darauf aufmerksam gemacht, dass die Abschaffung des Paragrafen 175 und der Kampf gegen Erpressungen für ihn wichtige Themen waren. Im Film muss Paul aufgrund der nur angenommenen Homosexualität die Schule verlassen, während Max mit seinem reichen Vater auf der Schule bleiben darf. Es ist leicht vorstellbar, dass auch hier der als Sozialdemokrat bekannte Magnus Hirschfeld das Drehbuch dazu schrieb.


Filmszene mit Conrad Veidt und Magnus Hirschfeld (Bild: Berlinale)

In der (rekonstruierten) Schlussszene betont Hirschfeld, dass es wichtig sei, "vielen Tausenden vor uns, mit uns und nach uns Recht und Ehre wiederzugeben". Die Verwendung von "uns" wirkt so, als würde sich Hirschfeld indirekt als Homosexueller einschließen. Das wäre für den eben nicht offen homosexuell lebenden Sexualwissenschaftler eine erstaunliche Äußerung. Aber redet Hirschfeld hier wirklich von sich selbst oder nur im Rahmen einer Filmrolle?

Hirschfelds Vortrag sollte eigentlich im Mittelpunkt des Films stehen, was vermutlich recht langweilig geworden wäre. Am Ende wurde aus "Anders als die Andern" ein Genre-Mix aus Melodram und Wissenschaft. Vielleicht war die Äußerung über "uns" nur wegen dieses Genre-Mix möglich. Filme mit einem ähnlich hybriden Charakter – wie zum Beispiel Dokudramen – sind bis heute üblich.

Tanzen als Grenzüberschreitung

In "Anders als die Andern" (1919) gibt es zwei Tanzszenen, bei denen Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen. Sie wirken unauffällig – vergleichbar mit dem ersten schwulen Kuss in der "Lindenstraße" (1987). Aber in ihrer jeweiligen Zeit waren diese Szenen bestimmt gut kalkuliert und wurden erwartungsgemäß als Provokation und Grenzüberschreitung wahrgenommen.

Die (zärtlichen) Berührungen zwischen homosexuellen Männern zu sehen, ging für einige Zuschauer zu weit und stieß selbst bei liberalen Kritikern auf Ablehnung ("Der Film", 31. Mai 1919). Ein anderer Rezensent schrieb: "Als da aber das 'Pupencafé' erschien, wo in widerlichster Weise getanzt wurde, […] kam es zu erneutem Tumult" ("Deutsche Zeitung", 7. Juli 1919).


Tanzende Männer in einem Café

Beide Tanzszenen hat James Steakley in seinem Buch ausführlich behandelt (S. 55-58). Die erste Tanzszene in einem Café wurde später in der Dokumentation "Before Stonewall" (1984) übernommen. Die zweite Tanzszene spielt auf einem Kostümball, wo Paul Körner seinen späteren Erpresser kennen lernt. Steakley erinnert dieser Kostümball – hinsichtlich der weiteren Handlung – an einen "Totentanz" (S. 57).

Bei einem Kostümball würde es zunächt nahe liegen, an das klassische Motiv Maskerade und Verstellung zu denken, was dem Thema des Filmes entsprochen hätte. Hätte dies jedoch in der Absicht der Verantwortlichen gelegen, hätte man nicht auf die die Identität verschleiernden Gesichtsmasken verzichtet.

Natürlich hat Steakley Recht, wenn er betont, dass "Anders als die Andern" immer schön "platonisch" bleibt und nie "grobsinnlich" wird (S. 54). Dabei zitiert er zwei Autoren, die darauf verweisen, dass die Werbung für diesen Film eine "Grenzüberschreitung" in Aussicht gestellt habe, die der Film nicht eingelöst habe (S. 51f.). "Gesellschaftlich tabuisierte Grenzen wurden angesprochen, ohne sie wirklich zu übertreten" (S. 52). Das ist nur aus heutiger Perspektive richtig, denn viele Zuschauer haben gerade in den Tanzszenen eine solche Grenzüberschreitung gesehen.

Das Damoklesschwert

Das Schwert ist in "Anders als die Andern" ein recht prägnantes Symbol. Wenn im Film betont wird, dass mit "Feuer und Schwert" gegen Homosexuelle vorgegangen werde, steht es für die lange und blutige Tradition der Verfolgung. Das Schwert symbolisiert zwar häufig auch Gerechtigkeit (Richtschwert der Justitia), kommt im Film aber vor allem als sogenanntes "Damoklesschwert" vor, dass eine ständig bestehende Gefahr symbolisiert.

Das Damoklesschwert ist auf einem Werbeplakat zu sehen, wird in Besprechungen des Films ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" 1919/1920, S. 6) und in der Dokumentation "Gefährliche Neigungen. Die Skandalgeschichte von 'Anders als die Andern'" (2006) benannt und ist auch in einer Filmszene zu sehen. Das Damoklesschwert für Schwule war der Paragraf 175 RStGB, der als eine ständige und immer präsente Bedrohung Schwule zu einem Leben in der Illegalität zwang und dazu führte, sich nie sicher fühlen zu können.

Kritik an toten schwulen Promis

Das Damoklesschwert in der Filmszene hängt über den Köpfen einer Gruppe historischer Persönlichkeiten unterschiedlicher Epochen und Länder. Aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass es sich um tote Prominente handelt, die für schwul gehalten wurden. Dabei handelt es sich weniger – wie häufig dargestellt – um einen Leidenszug homosexueller Männer, die unter unterschiedlichen Strafbestimmungen zu leiden hatten, sondern in erster Linie um eine "Ahnengalerie" großer schwuler Männer, die den Homosexuellen in den Augen der Gesellschaft Respekt verschaffen sollten.


Ein Leidenszug bzw. eine "Ahnengalerie" bekannter homosexueller Männer

Zu erkennen sind Leonardo da Vinci, Friedrich II. von Preußen, Ludwig II. von Bayern und Oscar Wilde. Der "Film-Kurier" (31. Mai 1919) kritisierte diese Szene: "Man ist vom Thema abgewichen. […] Man sagte mehr als nur 'Laßt uns in Ruh'. Man wirft sich an die Brust: da der geistreiche Platen, der große Winckelmann, der berühmte Wilde." Damit wurde indirekt kritisiert, dass die Homosexuellenbewegung nicht nur an Gleichberechtigung interessiert sei, sondern sich für etwas Besseres halte.

Das Filmende

Am Ende von "Anders als die Andern" wählt Paul Körner den Freitod. Trotzdem lässt sich dieser Film nicht mit den vielen Filmen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren vergleichen, in denen die meisten Schwulen ermordet wurden oder sich selber umbrachten. "Anders als die Andern" geht da einen anderen Weg. Nach dem Freitod ist Kurt Sivers zu sehen, der an Paul Körners Sarg um seinen Freund trauert und sich nun ebenfalls umbringen möchte. Magnus Hirschfeld hält ihn jedoch davon ab, macht ihm Mut für die Zukunft und appelliert an ihn, für seine Rechte zu kämpfen, was natürlich auch als Appell an die Zuschauer gedacht war.


Kurt Sivers trauert um seinen verstorbenen Freund Paul Körner

Am Ende des Films streicht eine Hand mit einem Pinsel den unseligen Paragraf 175 durch. Und so gibt es doch noch ein Happy End, denn nun kann jeder Zuschauer – wenigstens im Film – die (symbolische) Streichung miterleben.

Verboten

"Anders als die Andern" entstand zu Beginn der Weimarer Republik, als es keine staatliche Filmzensur gab. Aufklärungsfilme wie dieser lösten jedoch schnell eine breite öffentliche Diskussion aus und so wurde schon am 12. Mai 1920 die Filmzensur wieder eingeführt und der Film Ende 1920 verboten.

Die Verbotsbegründung – nachzulesen im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (Jg. 20, 1919/1920, S. 116-119) und bei Steakley (S. 124-127) – verweist auf einige spannende Aspekte der damaligen Einstellungen zur Homosexualität. So erkannte die Prüfstelle durchaus an, dass der Verfasser "ehrlich und seiner Überzeugung getreu" aufklären wollte. Das Verbot des Films wurde damit begründet, dass die Aufklärung "nicht mit wissenschaftlicher Objektivität" vorgenommen werde, sondern parteiisch sei. (Diesem Teil der Begründung kann man zustimmen. Der Film versucht gar nicht erst, objektiv zu sein, sondern vertritt konsequent eine opferorientierte Sichtweise).

Homosexualität – so die Film-Oberprüfstelle – sei zwar grundsätzlich angeboren, aber es sei auch eine "außerordentlich leichte Beeinflussung" nachweisbar, "durch die ein geschlechtlich noch nicht reifer Mensch in das immer größer werdende Lager der Homosexuellen hinübergezogen werden könne". Aus "Gründen der Volkserhaltung" sei eine solche "Beeinflussung" zu verhindern. (Gemeint ist die sogenannte "Verführungstheorie", die nie belegt wurde, die aber auch noch 70 Jahre später als Rechtfertigung für eine strafrechtliche Diskriminierung herhalten musste. Das angeblich "größer werdende Lager" ist eine homophobe Angstphantasie, lässt sich aber auch positiv als Indiz für eine funktionierende Bewegung verstehen).

Laut Begründung der Prüfer wäre ein Film über die Legalisierung von Homosexualität an sich nicht zu beanstanden gewesen, aber sie kritisieren, dass der Film den falschen Eindruck erwecke, als wäre schon die geschlechtliche Neigung an sich oder eine freundschaftliche Zuneigung strafbar und nicht erst eine (sexuelle) Handlung. Dadurch werde der Zuschauer verunsichert und das Ansehen des Staates gefährdet. (Wenn der Film eine strafbare Handlung wie Analverkehr unter Männern angedeutet hätte, wäre er wohl wegen seiner "Unsittlichkeit" verboten worden. Daher lässt sich die gesamte Begründung auch für ein Zweckkonstrukt halten, die darauf abzielte, jede öffentliche emanzipatorische Darstellung von Homosexualität zu verhindern).


Zärtlichkeiten im Film zwischen Paul Körner und seinem Freund Kurt

Die Prüfstelle erkennt eine "kulturhistorische Bedeutung" des Films ausdrücklich an. Sie meint dies jedoch nicht nur in einem positiven Sinne, sondern im Sinne von großer positiver und negativer Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Dieser Hinweis diente als Erklärung, warum der Film Medizinern weiterhin gezeigt werden durfte. (Daraus lässt sich die spekulative Vermutung ableiten, dass der Film ohne den durch die Öffentlichkeit erzeugten Druck für alle Zuschauer verboten worden wäre. Die Legitimierungsstrategie durch die Sexualwissenschaft hätte damit ein Totalverbot verhindert).


Ein Vortrag im "Institut für Sexualwissenschaft" (1919-1933) von Magnus Hirschfeld, wo der Film vor Medizinern weiterhin gezeigt werden durfte

Verloren und gefunden

Was mit dem Film ab Mitte der Zwanzigerjahre passierte, gleicht einem Drama bzw. einem Krimi. Nach dem Verbot des Films 1920 drehte Magnus Hirschfeld 1927 den Dokumentarfilm "Gesetze der Liebe". Ein Teil davon behandelte das Thema Homosexualität und trug den Titel "Schuldlos geächtet. Tragödie eines Homosexuellen". Hirschfeld verwendete dafür eine gekürzte Fassung des Films "Anders als die Andern" und hoffte dadurch wohl, der Zensur zu entkommen. Aber auch "Gesetze der Liebe" wurde zensiert und die komplette Episode "Schuldlos geächtet" musste entfernt werden.


Werbeplakat für "Gesetze der Liebe" – ohne die homosexuelle Episode "Schuldlos geächtet"

In Deutschland galt der Film lange als verschollen, bis Ende der Siebzigerjahre vom Filmmuseum München eine ukrainische Export-Fassung von "Gesetze der Liebe" entdeckt wurde. Das Münchner Filmmuseum restaurierte den Film, rekonstruierte daraus den Film "Anders als die Andern" und stellte die rekonstruierte Fassung am 28. Mai1999 öffentlich vor. Im Jahre 2000 wurde diese Fassung bei arte gezeigt und ist seit Oktober 2006 mit einer kurzen Dokumentation als DVD erhältlich.

Was bleibt

Der Film fällt in eine spannende Zeit, denn die erste deutsche Demokratie begann mit vielen neuen Rechten: Frauen durften erstmals wählen und gewählt werden, die Filmzensur wurde abgeschafft und die Abschaffung des "Schwulenparagrafen" schien in greifbare Nähe zu rücken.

Der weltweit erste Film über Homosexualität war kein Film von Religionsfanatikern und auch kein Film, der die Todesstrafe für Schwule propagierte. Der erste Film über Homosexualität ist "Anders als die Andern", kommt aus dem Kreis der ersten Homosexuellenbewegung und steht nun als Meilenstein der Filmgeschichte in den Geschichtsbüchern. Seine Forderung könnte nicht deutlicher und emanzipatorischer sein: die Streichung des § 175 und damit die Legalisierung von Homosexualität.

Wegen des Verbots des Films könnte man Mai 1919 für einen recht schlechten Zeitpunkt für eine Veröffentlichung halten, aber nur ein Jahr vorher oder nachher wäre der Film erst gar nicht möglich gewesen. Es ist eine Frage der Perspektive, ob man sich darüber ärgert, dass zwei Drittel des Films vermutlich für immer verloren sind, oder ob man sich freut, dass ein Drittel des Films gerettet wurde.

Trotz meiner Begeisterung kann ich nachvollziehen, dass der Film nach hundert Jahren jüngere Schwule vermutlich nicht mehr erreichen kann. Ein Schwuler von heute muss schon älter als 30 Jahre sein, um sich überhaupt noch an die Abschaffung des Paragrafen 175 im Jahr 1994 erinnern zu können. Themen, für die der Film so engagiert gekämpft hat, haben heute keine Bedeutung mehr – auch darüber kann man sich freuen.

Magnus Hirschfeld ist als Brücke in die schwule Vergangenheit nach wie vor geeignet, und die Veranstaltungen zu seinem 150. Geburtstag vor einem Jahr haben noch einmal gut seine Bedeutung in der Szene gezeigt. Als Sexualwissenschaftler hat Hirschfeld die zu publizierenden Zahlen, Daten und Fakten manchmal danach ausgesucht, ob sie Homosexuellen nutzten oder schadeten, was man richtig finden kann. Das führt aber dazu, dass ich in Magnus Hirschfeld auch in "Anders als die Andern" keinen neutralen Sexualwissenschaftler sehen kann. Ich sehe hier einen Homosexuellenaktivisten, ohne dessen vorbildliches Engagement dieser wichtige Film vermutlich nie entstanden wäre.

Vimeo / peter kenny | Englische Fassung des Film auf Vimeo

Am Sonntag, den 26. Mai um 13.30 Uhr findet anlässlich des Jubiläums in Berlin ein Kiezspaziergang mit anschließender Filmvorführung beim LSVD statt.

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#1 Ralph
  • 25.05.2019, 12:41h
  • Wieder mal ein kenntnisreicher Beitrag zu einem heute weithin unbekannten Thema. Vielen Dank. Wir haben nicht nur jeder für sich und zusammen als Bevölkerungsgruppe eine Gegenwart, sondern auch eine Geschichte, die nicht in Vergessenheit geraten darf.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 GayofcultureAnonym
  • 25.05.2019, 21:18h
  • Ich habe den Film auf DVD gesehen und muss sagen, dass die Epigonen ganze Arbeit geleistet haben, denn trotz des Verlustes von einem Teil des Filmes ist es Ihnen gelungen, einen inhaltlich stimmigen Film zu machen.

    Der Beitrag gehört zu dem Besten, was ich je auf Queer.de gelesen habe. Dem Autor sei Dank für diesen leichtverständlichen und informativen Essay.

    Spannend bleibt die Frage, ob der Film nicht wg. seiner Aufnahmen von Dr. Magnus Hieschfeld etwas besonderes sind, da es zwar viele Fotografien vom Meister gibt, aber Aufnahmen in Celluloid, da dürfte es nicht so häufig geben?

    Auch das Juden und Homosexuelle gemeinsam einen Film machen, der Vertreter beider von den Nazis verfolgten Gruppen zeigt, dürfte für damals einzigartig gewesen sein.

    Das Gejammere einiger Medien damals, Schwule würden nur für die Aktion nicht aber für die Neigung verfolgt, hat die Geschichte eines besseren belehrt. Do bleibt der Film ein einzigartiges Dokument der europäischen Filmkultur und Schwulenemanzipation. Ein Jahrhundertwerk!!!
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#3 Julian SAnonym
  • 26.05.2019, 10:25h
  • Ein wahrer Meilenstein...

    Verstehe ich das richtig, dass der ganze Film gar nicht verfügbar ist, weil das nur noch aus einer Fassung der gekürzten Version rekonstruiert wurde?

    Sehr sehr schade...
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#4 Bonifatius49Anonym