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- 02. September 2005 3 Min.
Der schwule Christdemokrat verteidigt die CDU-Hetze gegen "Folsom Europe". Das Fest schade der gesamten Szene.
Von Micha Schulze
Vorab: Die Jungs und Mädels von der LSU sind wahrlich nicht zu beneiden. Es gehört schon Mut und einige Kraft dazu, als Lesbe oder Schwuler die konservative Union für eine homofreundliche Politik zu erwärmen, belächelt von einem erheblichen Teil der Szene. Eine ständige Gratwanderung zwischen Parteidisziplin und dem Willen, sich nicht zu verbiegen. Eine Sisyphusarbeit, weil den LSU-Aktivisten trotz etlicher Hintergrundgespräche immer wieder eigene Partei"freunde" in die Parade fahren. Ob sie nun Norbert Geis, Edmund Stoiber oder – wie zuletzt – Frank Henkel aus Berlin heißen.
Im Berliner Sommertheater um Wowis Grußwort für "Folsom Europe" wäre es eigentlich Aufgabe der Berliner LSU gewesen, sich zum einen bei den Festveranstaltern für die Äußerungen des CDU-Generalsekretärs zu entschuldigen und sich zum anderen diesen Herrn Henkel mal still und heimlich vorzuknöpfen. Ihm vielleicht bei einer Tasse Kaffee und Keksen zu erklären, um was für ein Fest es sich bei "Folsom Europe" wirklich handelt, dass Berlin eine tolerante Metropole ist, dass auch Fetischfreunde die CDU wählen, dass er mit seinen Äußerungen weit mehr Menschen als nur die erwarteten 15.000 Straßenfest-Besucher beleidigt hat. Und dass Herr Henkel doch künftig bei der LSU anruft, wenn er wieder eine Pressemitteilung zu einem ähnlichen Thema herauszugeben beabsichtigt.
Nichts von all dem ist geschehen, leider. Statt so aufrecht und deutlich wie Klaus Wowereit am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus die schmierige CDU-Kampagne zurückzuweisen, macht sich Berlins LSU-Chef Jan Kayser zum nützlichen Idioten seiner spießigen und verklemmten Parteifreunde. "Folsom Europe gefährdet mit der aggressiven Darstellung des Festcharakters und dessen potentieller Besucher die Akzeptanz der gesamten Homosexuellenszene in der Gesellschaft", behauptet der schwule Unions-Mann allen Ernstes in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer. Und: Für die LSU gelte "grundsätzlich die Ablehnung jeglicher Gewalt oder gar faschistoider Tendenzen".
Eine absurde Argumentation: Sind nun ausgerechnet reisende Lederkerle aus aller Welt beispielsweise dafür verantwortlich, dass von einer CDU-geführten Bundesregierung keine Verbesserungen in der Homopolitik zu erwarten sind? Der Versuch, "Folsom Europe" darüber hinaus – gegen alle Tatsachen und wider besseres Wissen – als aggressives Festival darzustellen, es gar in eine rechtsextreme Ecke zu drängen, ist eine unerträgliche Hetze, die in Wirklichkeit das tolerante Klima in Berlin gefährden kann.
Freiwillig lässt sich ausgerechnet der LSU-Chef von seinen heterosexuellen Parteifreunden als Kronzeuge in einer Schmutzkampagne vorschieben, die doch nur die homophoben Ressentiments gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit bedienen soll. Aus Naivität, mangelndem Rückgrat oder Parteiräson fällt Kayser der Community in den Rücken, in dem er versucht, vermeintlich anständige Homos gegen jene bösen Schwulen auszuspielen, die doch lediglich einen Faible für Lederklamotten haben oder Blümchensex ablehnen.
Nach LSU-Bundeschef Roland Heintze, der sich kürzlich gegen ein Adoptionsrecht für Lesben und Schwule aussprach, hat nun auch Jan Kayser den Lesben und Schwulen in der Union einen Bärendienst erwiesen. Für soviel politische Dummheit, Feigheit, Verklemmtheit und Intoleranz gibt es nur eines: die Homogurke!
2. September 2005









