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"Fortwährende Eingriffe"

Der Prophet der Schwulenbewegung

Der Männerschwarm Verlag hat die klugen Aufsätze, Vorträge und Reden von Martin Dannecker zu HIV und Aids aus vier Jahrzehnten zusammengestellt und als – nach wie vor aktuelles – Buch veröffentlicht.


Martin Dannecker, Jahrgang 1942, gehört zu den Pionieren der Schwulenbewegung. Von 1991 bis 2005 lehrte er als außerordentlicher Professor am Institut für Sexualwissenschaft des Klinikums der Universität Frankfurt am Main (Bild: Doris Belmont)

Die gesellschaftliche Aufarbeitung der Aidskrise hat in Deutschland bis heute kaum stattgefunden, weder in der Kunst noch in der Wissenschaft. Die Ausstellung der Berliner nGbK "Love, Aids, Riot, Sex" des 2016 verstorbenen Kurators Frank Wagner von 2013, der Roman "Wie Jakob die Zeit verlor" des ebenso erst kürzlich verstorbenen Jan Stressenreuter, die Werke der an den Folgen von Aids gestorbenen Schriftsteller Mario Wirz und Detlev Meyer, sie alle können getrost als Ausnahmen gelten und schafften es großteils nicht aus der Nische heraus. Doch es gibt keinen Film von der Emotionalität eines "120 bpm", kein Musical von der Durchschlagkraft der "Angels in America", keine Fernsehserie so authentisch wie "Pose".

Erst letztes Jahr unternahm der Journalist Martin Reichert mit seinem Buch "Die Kapsel" den Versuch, die Geschichte von Aids in der Bundesrepublik zu erzählen, immerhin bei Suhrkamp. Doch ein bundesweites Aids-Archiv gibt es bis heute nicht, auch wenn der Versuch unternommen wird, die überall verstreut liegenden Zeitdokumente wenigstens virtuell zusammenzuführen. Aids hat in Deutschland weniger Spuren hinterlassen als in anderen westlichen Ländern, Frankreich oder die USA zum Beispiel. Das liegt auch dran, dass es in Deutschland frühzeitig Erfolge gab, die Infektionszahlen vergleichsweise niedrig blieben. Heute sind die Überlebenden der Katastrophe meist gut versorgt, die Prävention in professionellen Händen, die Konflikte verdrängt, die Toten allzu oft vergessen.

Ein Glücksfall zu Beginn der Aidskrise

In dieser Gesamtlage sind die Schriften Martin Danneckers zum Thema ein wahrer Glücksfall. Dannecker war zu Beginn der Aidskrise in Deutschland bereits ein bekannter Sexualwissenschaftler am renommierten (und 2006 skandalöserweise abgewickelten) Institut für Sexualforschung der Universität Frankfurt. 1974 hatte er zusammen mit Reimut Reiche "Der gewöhnliche Homosexuelle" die erste "soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der BRD" verfasst. Eine Arbeit, die aus seinen Kämpfen in der frühen Schwulenbewegung erwachsen war.

Von Anfang begleitete Dannecker kritisch die sich entfaltende Arbeit der Aidshilfen, die beginnende Kooperation schwuler Männer mit dem großen Teils noch als Feind wahrgenommenen Staat und machte sich Gedanken zu den sozialen und psychologischen Folgen von Aids, sowohl im Hinblick auf die Akzeptanz schwuler Männer in der Gesellschaft, als auch die Veränderung der Sexualität durch die bis heute nicht heilbare Krankheit. 2016 erhielt er für seine jahrzehntelanges Engagement die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Aidshilfe.

"Von Anfang an war Aids nicht nur eine schwere Erkrankung"


"Fortwährende Eingriffe" ist bei Männerschwarm / Salzgeber Buch erschienen

Der Männerschwarm Verlag hat nun Danneckers Aufsätze, Vorträge und Reden zu HIV und Aids aus vier Jahrzehnten zusammengestellt und als Buch unter dem Titel "Fortwährende Eingriffe" veröffentlicht. Manches davon ist eher geschichtlich von Interesse, wie zum Beispiel Danneckers Replik auf die moralisierenden Texte Rosa von Praunheims zur Aidskrise oder seine beißende Kritik an der Rolle des "Spiegel" bei der Stigmatisierung Homosexueller und Hysterisierung der bundesdeutschen Gesellschaft in der ersten Hälfte der Achtziger.

Spannend zu lesen und wiederzuentdecken ist, wie stringent Dannecker über die Jahrzehnte hinweg seine Gedanken zu HIV und Aids entwickelt hat. Zurecht schreibt er in seiner Vorbemerkung: "Von Anfang an war Aids nicht nur eine schwere Erkrankung. Aids war auch ein Zeichen für ein angeblich falsch gelebtes Leben. […] Nachgewiesen wurde das Aids verursachende Virus im Blut, im Schweiß, im Sperma und in Tränen. Alles Stoffe, aus denen die Mythen und die Leidenschaften gewebt sind."

Es sind diese Verwicklungen von Sexualität, Leidenschaft, Mythos und Moral in Zusammenhang mit Aids, die Dannecker in seinen Schriften über vier Jahrzehnte und mit dem kritischen Blick eines von der Frankfurter Schule erzogenen Denkers entwickelt. 1986 formuliert er in weiser Voraussicht: "Aids liefert keinen Anstoß zur Selbstreflexion, sondern schreibt die Richtung vor, in die sich homosexuelle Männer verändern sollen."

Die Kontrolle der schwulen Sexualität

Wie diese Richtung aussehen wird, liefert Dannecker gleich mit:"Virologen und Infektiologen sprechen über Aids und führen dabei zugleich einen Diskurs über Sexualität, in dem diese fest mit Krankheit und Tod verschmolzen wird". Dannecker zitiert den Satz seines Kollegen Gunter Schmidt, der diese Angst als "kollektive Hypochondrie" bezeichnet, weil sie "in keiner Relation mehr zur wirklichen Gefahr steht, sondern irrational ausufert und stellt fest: "In die Homosexualität wird Verantwortung, Kontrolle und Rationalität eingezogen."


Martin Dannecker auf der ersten Schwulendemonstration Deutschlands in Münster 1972 (Bild: Rosa Geschichten)

Diese Warnung klingt im Nachhinein prophetisch. Sind unsere Diskurse nicht bis heute mehr von den krankmachenden, als den gesundheitsfördernden Aspekten der Sexualität geprägt? Schon 2002, sechs Jahre nach Einführung der ersten Kombitherapien, stellt Dannecker in seinem Vortrag "Erosion der HIV-Prävention" fest, wie der Begriff "Safer Sex" schleichend auf weitere sexuell übertragbare Krankheiten ausgedehnt wurde, während gleichzeitig die tödliche Bedrohung durch Aids abnahm. Hauptsache, die einmal errungene Kontrolle geht nicht wieder verloren.

Doch nicht alle seine Befürchtungen realisierten sich so, wie Dannecker sie voraussah. Mitte der Achtziger schreibt er: Kein moralischer Satz muss nach Aids mehr fallen, um durchzusetzen, was in der Vergangenheit nicht mehr gelang: monogame Beziehungen und der Schein von Treue. […] Was keinem Papst mehr gelang, könnte Aids besorgen: die Wiedererrichtung strenger sexueller Sitten. Sollte das gelingen, wird sich das Sexuelle wieder mit jener Kälte überziehen, von der es einen flüchtigen historischen Augenblick lang befreit schien."

Ganz so ist es nicht gekommen, auch wenn sich durchaus die Frage stellen lässt, wie viel heteronormative Scheinheiligkeit seitdem in schwule Beziehungen eingezogen ist und wie wenig reflektiert und schambesetzt auch heute noch schwule Promiskuität gelebt wird, kurz ob schwule Männer im Umgang mit ihrer Sexualität tatsächlich Fortschritte gemacht haben.

Aids brachte die Integration der Homosexuellen voran

Von Anfang an kritisch begleitete Dannecker die Präventionsarbeit der Deutschen Aidshilfen und insbesondere deren Zusammenarbeit mit dem Staat. Er sieht aber auch schon in den Achtzigern voraus: "Zu den Paradoxien, die mit Aids einhergehen, wird es gehören, dass Aids die Integration der Homosexuellen in die Gesellschaft voranbringen wird." Auch wenn er den Anlass dafür höchst kritisch betrachtet: "Die Interessen des Staates und der Impuls der Homosexuellen scheinen von Aids zur Deckung gebracht worden zu sein. Beide Seiten sind sich darüber einig, dass das Sexualverhalten der homosexuellen Männer verändert werden muss."

Ein in Danneckers Augen zutiefst illiberaler Impuls auf die kurze Phase sexueller Freiheit der Siebzigerjahre, der sowohl den Vertretern der Prävention, wie denen des Staates innewohnt: "Die Staat und Gesellschaft entsprungene Sexualität soll zurückgeholt oder aber, wie im Falle der praktizierten Homosexualität, erstmals in allen Details unter die Regie der Gesellschaft gebracht werden." Eine These, die in unseren Tagen noch immer höchst diskussionswürdig erscheint – sieht es doch durchaus danach aus, als sei genau dies in großen Teilen gelungen. Seine Warnung: "Entfernt sie sich zu weit von den Menschen, gerät auch die liberale Aids-Prävention in die Gefahr, zu einem System der sozialen Kontrolle zu werden." gehört nach wie vor ins Stammbuch aller HIV-Präventionist*innen der Republik.

Immer in Schutz nahm und nimmt Dannecker den homosexuellen Mann selbst. Das wird besonders in seinem Text "Safer Sex im Liebesfall" von 1994 deutlich. Dem gesellschaftlichen Bild vom beziehungsunfähigen homosexuellen Mann mit monströser Promiskuität hält Dannecker entgegen: "Es ist paradoxerweise gerade die so oft bestrittene Beziehungs- und Liebesfähigkeit der homosexuellen Männer, die ihnen ein Handeln nach der Logik der HIV-Prävention erschwert", denn "dem glücklich Verliebten schreibt sich alles vorher Gewesene zur Bedeutungslosigkeit um."

Ein Blick auf die unbewältigten Herausforderungen

Die kluge Verbindung von gesellschaftlicher Analyse mit den Methoden der Psychoanalyse zeichnen den Denker Dannecker aus. Es ist das Verdienst der DAH-Mitarbeiter Clemens Sindelar und Karl Lemmen diesen Sammelband seiner Schriften zum Thema HIV und Aids initiiert zu haben. Die Texte bieten so viel mehr als nur einen Rückblick auf eine im Großen und Ganzen überwunden geglaubte Krise. Sie konfrontieren uns vor allem mit den unbewältigten Herausforderungen, wie sie nur eine öffentliche und kritische Aufarbeitung der "kollektiven Trauer" leisten kann, die Dannecker schwulen Männer seiner und meiner Generation attestiert, die bis heute aber wenn überhaupt, dann nur in Ansätzen stattfindet.

Eine Hoffnung äußerte Martin Dannecker 1991 im Schlusskapitel seines Essays "Der homosexuelle Mann im Zeichen von Aids", als er schrieb: "Noch eine geraume Weile werden die homosexuellen Männer der Verarmung ihres Lebensgefühls standhalten müssen. Und noch ist ihre Trauer nicht am Ende. Aber wenn diese aufgezehrt sein wird, werden die Hinterbliebenen wieder frei auf die Homosexualität blicken."

Es scheint, leider ist dieser Tag noch immer nicht gekommen. Wieder frei auf Homosexualität zu blicken, bleibt eine Aufgabe, die noch vor uns und den nachfolgenden Generationen schwuler Männer – und queerer Menschen – liegt.

Infos zum Buch

Martin Dannecker: Fortwährende Eingriffe. Aufsätze, Vorträge und Reden zu HIV und AIDS aus vier Jahrzehnten. 232 Seiten. Männerschwarm Verlag / Salzgeber Buchverlage. Berlin 2019. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-86300-271-8). Ebook: 13,99 €
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#1 Sven100Anonym
#2 FggHZSAnonym
#3 anonymAnonym
  • 03.06.2019, 19:07h
  • Fachlich falsche Aussagen sollten aber nicht einfach unkommentiert übernommen bzw. zitiert werden:
    1. Ein Nachweis von HIV in Schweiss ist bisher nicht gelungen.
    2. In der medizinischen Literatur wird die Möglichkeit des Übertritt von HIV in die Tränenflüssigkeit unterschiedlich bewertet, Nachweise sind nur selten gelungen und wenn, dann nur in klinisch nicht relevanten Mengen.
    3. Eine HIV-Infektion und AIDS sind zwei verschiedene Sachen, der zitierte Mann wirft diese Begrifflichkeiten ständig durcheinander.
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