https://queer.de/?33761
Sarah Connor
Radiosender kürzen schwule Stelle in "Vincent"-Song
"Vincent kriegt kein' hoch, wenn er an Mädchen denkt" – dieser Satz ist vielen privaten Radiochefs offenbar zu heikel. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat dagegen weniger Probleme mit dem Song.

Sarah Connor in ihrem Video zu "Vincent"
- 4. Juni 2019, 15:29h 4 Min.
Sängerin Sarah Connor wird mit ihrem neuen Lied "Vincent" oft nur gekürzt im Radio gespielt. Grund ist die als "anzüglich" kritisierte erste Textzeile des Songs, der unter Verweis auf eine mangelnde Erektion bei Mädchen die Homosexualität des Protagonisten andeutet. So strahlt etwa der private Radiosender Antenne Bayern "Vincent" ohne den ersten Satz aus – angeblich unter anderem aus Gründen des Jugendschutzes. Manche verbannen den Song, der vom früheren Rosenstolz-Frontmann Peter Plate mitverfasst wurde, sogar aus dem Programm.
"Vincent" handelt von Verwirrung und Schmerz in der Liebe bei verschiedenen Personen – unter anderem bei dem titelgebenden Jungen "Vincent", der erkennt, dass er schwul ist. Die Kritik richtet sich konkret gegen den ersten Satz im Lied: "Vincent kriegt kein' hoch, wenn er an Mädchen denkt". Diese Zeile werde wie auch eine Wiederholung später in dem Stück herausgeschnitten, sagte Antenne-Bayern-Programmdirektorin Ina Tenz der dpa. "Die erste Zeile gehört nicht on air bei Antenne Bayern." Über das Thema hatte zuerst die "Bild" berichtet.
Der private Berliner Familiensender "Radio Teddy" spielt das Lied laut "Bild" gar nicht. Hitradio Antenne 1 in Stuttgart sendet im Tagesprogramm eine entschärfte Version, wie Programmkoordinator Daniel Stupp der dpa sagte. Das Wort "hoch" ist dort nicht zu hören, sondern mit einem Instrumental unterlegt. Es sei ein familienorientierter Sender, und so gerieten Eltern nicht unter Erklärungszwang. "Damit, gehen wir mal davon aus, kann eine Familie an einem normalen Werktag mit zwei kleinen Kindern entspannt frühstücken, ohne dass sie sich danach mit den Kindern noch mal 25 Minuten extra hinsetzen muss." Auf keinen Fall wolle der Sender aber auf den Song verzichten, so Stupp: "Grundsätzlich finden wir, dass das das richtige Lied an der richtigen Stelle ist. Auch mit dem richtigen Inhalt."
Auch Tenz betonte: "Wir finden den Song ganz großartig und unterstützen auch das Thema Toleranz." Aber es müsse nicht sein, dass Kleinkinder das im Radio hören, sagte Tenz, die im Sender auch Jugendschutzbeauftragte ist. "Ich möchte Sarah Connor erleben, wie sie künftig ihrem kleinen Sohn erklärt, was damit gemeint ist."
Antenne Bayern hat mit dem Connor-Management über die Kürzung gesprochen. Aus Sicht von Programmdirektorin Tenz steckt hinter dem Text und der Veröffentlichung auch eine Strategie, eine Debatte auszulösen: "Wenn der erste Song des neuen Albums ausgerechnet mit einem solchen Satz beginnt, dann ist da PR einkalkuliert." Insgesamt warb Tenz für einen sorgsameren Umgang mit Sprache im Radio.
Öffentlich-Rechtliche spielen "Vincent" unzensiert
Zustimmung für Connor kommt vom Bayerischen Rundfunk. "Wir finden den Song musikalisch toll und textlich sehr mutig, und deswegen läuft er regelmäßig in Bayern 3", erklärte Bayern-3-Programmchef Thomas Linke-Weiser. "Wir haben bisher so gut wie keine Beschwerden unseres Publikums deswegen bekommen." Eher fänden es die Leute gut, dass sich eine Mainstream-Künstlerin wie Connor eines solchen Themas annehme.
Bei den RBB-Sendern Antenne Brandenburg und rbb 88.8 gibt es laut Musikchef Holger Lachmann keine Einschränkungen für den Connor-Song. Es habe nur wenige Hörer-Einwände gegeben, die sich vor allem auf das Coming-Out des Protagonisten Vincent bezogen hätten. Lachmann findet den Song und das Thema "wahnsinnig wichtig" – und musikalisch sei der Titel "ein Hammer".
Christian Brost, Musikchef des öffentlich-rechtlichen Senders hr 3, kann die Aufregung nicht verstehen: "Er ist ein Statement, weil es um Toleranz geht. Wir haben mit einem Psychologen gesprochen, ob das Lied 'Vincent' Auswirkungen auf Kinder mit diesem Namen hat. Er hat darin aber kein Problem gesehen", betont er.
Die WDR-Jugendwelle 1Live spielt den Song zwar nicht. "Was allerdings daran liegt, dass Sarah Connor nicht in das 1Live-Musikprofil passt", wie Sprecherin Svenja Siegert erläuterte. In der Informationswelle WDR 2 lief das Lied dagegen unzensiert.
Gegenüber "Bild" hatte Sarah Connor bestätigt, dass sie daran gedacht habe, die erste Zeile für Radiosender in "Vincent wird nicht rot" zu ändern – diese Methode, eine Radioversion zu erstellen, wird oft von Künstlern mit englischsprachigen Liedern angewandt, da in amerikanischen Sendern eine Liste von "obszönen" Worten wie "Shit" nicht ausgesprochen werden darf – auch Großbritannien und Australien haben entsprechende Sprachverbote, zumindest zur Tageszeit. Am Ende habe sie sich aber dagegen entschieden, so Connor: "Ich weiß, dass die erste Zeile erst mal verblüfft, überrascht und vielleicht sogar empört. All das ist gut und wichtig für die Auseinandersetzung mit dem Thema."
Bereits kurz nach der Veröffentlichung des Songs hatte die 38-jährige Künstlerin erklärt, dass es Vincent "wirklich" gebe: "Es ist der Sohn einer Freundin von mir, der sich kürzlich geoutet hat, dass er schwul ist" (queer.de berichtete).
Der Song "Vincent" ist derzeit in Deutschland sehr erfolgreich: In den aktuellen Single-Charts von Media Control stieg er zuletzt fünf Plätze nach oben und befindet sich auf dem zehnten Rang. (dpa/dk)














