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Über 1.600 Übergriffe in 5 Jahren

Sachsen: Erheblich mehr Gewalt gegen queere Menschen als angenommen

Die Auswertung einer Online-Studie zum Dunkelfeld homo- und transphober Gewalt zeigt erschreckende Ergebnisse.



In Sachsen ist Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, trans- und intergeschlechtliche Personen sowie queere Menschen (LSBTTIQ*) deutlich weiter verbreitet als bisher offiziell bekannt. Zu diesem Schluss kommt eine Dunkelfeldstudie zu den Gewalterfahrungen von LSBTTIQ* im Freistaat, die am Dienstag in Dresden als Auswertung einer Online-Befragung vorgestellt wurde.

Diese erste Studie ihrer Art, die nicht repräsentativ oder umfassend ist, aber erste grundlegende Eindrücke ermitteln soll, zeige eine "gravierende Diskrepanz zwischen den seitens der Polizei erfassten Fällen von Hassgewalt gegenüber LSBTTIQ* einerseits und der durch durchgeführten Studie andererseits", so Christian Roßner von RosaLinde Leipzig e.V.

Im Zeitraum vom 1. Januar bis 15. Februar 2019 nahmen 369 Menschen an der Befragung online und analog teil. Erfragt wurden Ausmaß und Qualität der Gewalterfahrungen sowie die Anzeigebereitschaft in den letzten fünf Jahren in Sachsen. 267 Fragebögen sind in die Auswertung zu Gewalterfahrungen innerhalb der letzten fünf Jahre eingegangen. Insgesamt sind für diesen Zeitraum in zwei unterschiedlichen Fragen 1602 oder 1672 Übergriffe ermittelt worden.


Viele Teilnehmende wurden mehrfach Opfer von Gewalt

259 Teilnehmer*innen, also fast alle, erlebten insgesamt 868 Beleidigungen; rund 42,5 Prozent der Personen wurden sogar mehr als fünf Mal beleidigt. Auch schwere Körperverletzungen (insgesamt 58) und leichtere (140) sind in diesem Zeitraum teilweise mehrmals durch die Teilnehmer*innen erlitten worden.

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Polizei meldete kaum Fälle

Zwischen 2001 und 2017 registrierte der Kriminalpolizeiliche Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK) im Themenfeld "Hasskriminalität", Unterthema "Sexuelle Orientierung" dagegen insgesamt ganze 55 Fälle in Sachsen.

Von den 267 Personen aus der Online-Befragung hatten 30 mindestens einen Vorfall bei der sächsischen Polizei angezeigt. Das entspricht nur rund elf Prozent der von Gewalt Betroffenen. Insgesamt seien 72 Übergriffe gemeldet worden. 22 von 30 Personen gaben an, sich weniger oder gar nicht gut während der Anzeigeerstattung begleitet gefühlt zu haben. Das entspricht einem Anteil von 73 Prozent.


Die wenigen Teilnehmenden, die zur Polizei gingen, machten unterschiedliche Erfahrungen

"Innerhalb der Studie wurden uns einige drastische Fälle geschildert, in denen Betroffene körperliche Gewalt, Beleidigungen oder massive Bedrohungen erleben mussten, von denen einige auch den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt haben dürften", so Vera Ohlendorf, Autorin der Studie und Bildungsreferentin für Projektmitarbeit bei der LAG Queeres Netzwerk Sachsen. "Es macht mich umso mehr betroffen, dass sich so wenige LSBTTIQ* bisher professionelle Hilfe durch die Polizei erhoffen, was sich in der extrem niedrigen Anzeigebereitschaft zeigt."

Die durch eine Crowdfunding-Aktion im Herbst 2018 von der LAG Queeres Netzwerk Sachsen in Kooperation mit der Fakultät Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida realisierte Studie könne nur ein erster Schritt sein, so Christian Roßner: "Ich erwarte, dass die nun vorliegende Studie Auftakt zu einer flächendeckenden Sensibilisierung der Mitarbeitenden der Polizei und anderer Sicherheitsorgane ist. Zudem ist eine Lebenslagenstudie von LSBTTIQ* in Sachsen mehr als überfällig."


Angaben zu Gründen, nicht zur Polizei gegangen zu sein

Martin Wunderlich, Co-Autor der Studie und Pressesprecher des Queeren Netzwerk Sachsen, ergänzt, dass die Studie auch "wichtige Verbesserungsmöglichkeiten" benenne: "Curricular verankerte Sensibilisierung der Polizei zu Lebenslagen von LSBTTIQ*, sachsenweite Ansprechpartner*innen bei der Polizei, verstärkte Zusammenarbeit der Polizei mit queeren Vereinen – diese und weitere Aspekte sind wiederholt durch die Teilnehmenden der Studie genannt worden. Damit sind die Stellschrauben ganz klar aufgeführt, an denen wir alle drehen müssen, um Vertrauensbarrieren abzubauen, die Anzeigebereitschaft zu erhöhen und letztlich die Lebensqualität von LSBTTIQ* in Sachsen zu erhöhen."

Die Studie soll in den nächsten Wochen bei mehreren Terminen in Sachsen vorgestellt werden, am Donnerstagabend etwa in Leipzig (Termin bei Facebook). Eine Zusammen- und eine Langfassung, die auch Beispiele der Gewalt benennt, ist derzeit auf der Webseite der LAG abrufbar.


Die Langfassung der Studie listet einige Gewalterfahrungen auf

In Chemnitz waren in der letzten Woche drei rechtsextreme Männer zu Haftstrafen verurteilt worden, die einen schwulen Bekannten getötet hatten (queer.de berichtete). Die Polizei hatte das als Hassverbrechen eingestuft, Staatsanwaltschaft und Gericht allerdings nicht (nb/pm)



#1 easykeyProfil
  • 11.06.2019, 20:25hLudwigsburg
  • Ein Schelm, der diese Studie mit den letzten Wahlergebnissen übereinander legt und gewisse Schlüsse zieht. Nein, es ist ganz gewiss nicht meine Absicht alle über einen Kamm zu scheren, aber Zahlen sprechen nun mal eine glasklare Sprache.
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#2 Alexander_FAnonym
  • 12.06.2019, 02:31h
  • Die Ergebnisse sind definitiv sehr beunruhigend, und sie lassen Sachsen schon in einem sehr fragwürdigen Lichte dastehen.

    Gibt es solche oder ähnliche Studien auch für andere Bundesländer? Nicht, dass mir unbedingt eine Ehrenrettung Sachsens im Sinn wäre, aber Vergleichswerte wären durchaus sehr hilfreich.

    Zudem würde es mich nicht wundern, wenn sich bei manchen Bundesländern ebenfalls einige unschöne Überraschungen zeigen würden.
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#3 goddamn liberalAnonym
  • 13.06.2019, 10:49h
  • Antwort auf #2 von Alexander_F
  • "Gibt es solche oder ähnliche Studien auch für andere Bundesländer? Nicht, dass mir unbedingt eine Ehrenrettung Sachsens im Sinn wäre, aber Vergleichswerte wären durchaus sehr hilfreich."

    In Berlin ermittelt bei homophoben Taten der Staatsschutz.

    Im NSU-Rückzugsland Sachsen hat der demokratische Staat wenig Freunde, auch der putinistische MP Kretschmer gehört nicht wirklich dazu. Von der bis auf Leipzig überall triumphierenden AfD ganz zu schweigen.

    Was kann da also groß erwarten?
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#4 Alexander_FAnonym
  • 13.06.2019, 14:51h
  • Antwort auf #3 von goddamn liberal
  • Einerseits würde es die Bedenklichkeit der sächsischen Zustände weiter unterstreichen, und andererseits steht es zu erwarten, dass die Dunkelziffer nicht registrierter Vorfälle auch abseits des braunen Lochs recht hoch sein dürfte.

    Wie gesagt, an einer Ehrenrettung Sachsens liegt mir nicht viel, nur daran, dass das Vorgehen gegen Hassverbrechen bundesweit einheitlich ist, und dazu gehört auch eine bundesweite Erfassung solcher Verbrechen.
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#5 TheDadProfil
  • 13.06.2019, 22:30hHannover
  • Antwort auf #4 von Alexander_F
  • ""Wie gesagt, an einer Ehrenrettung Sachsens liegt mir nicht viel, nur daran, dass das Vorgehen gegen Hassverbrechen bundesweit einheitlich ist, und dazu gehört auch eine bundesweite Erfassung solcher Verbrechen.""..

    Das bleibt trotz eines einheitlichen Strafgesetzes weiterhin schwierig, denn jedes Bundesland hat eine eigene Polizei, dazu eigene Polizeigesetze, eine eigene Justiz, dazu eigene Strafvollzugsgesetze..
    Wenn man denn ein solches inzwischen formuliert hat, ist ja aber auch erst seit 2005 die Aufgabe der Länder das zu erlassen um das völlig veraltete Bundesjustizvollzugsgesetz durch Landesregelungen zu ersetzen..

    Ob und in welchem Umfang Statistiken erhoben werden in denen Straftaten aufgeschlüsselt nach einheitlichen Gesichtspunkten wie "Hassverbrechen" überhaupt geführt werden obliegt damit dann auch den einzelnen Bundesländern..

    Berlin macht das..
    In Hamburg ist es zum Teil der Fall, nur nicht so dezidiert wie in Berlin, und in einigen größeren Kommunen findet das auch statt..
    diese Statistiken "verschwinden" dann aber in der Landes-Statistik..
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#6 Alexander_FAnonym
  • 14.06.2019, 14:47h
  • Antwort auf #5 von TheDad
  • Das ist natürlich ein Problem, das hier eine gewichtige Rolle spielt, und das ich auch nicht leugnen möchte. Andereseits ist es aber auch nicht unbedingt ein unüberwindliches Problem. Entsprechende Absprachen bei einer Innenministerkonferenz könnten dies durchaus in die Wege leiten. Das würde natürlich aber den Willen der jeweiligen Innenminister/innen bzw. Landesregierungen voraussetzen, und in dem Punkt wirst du wieder Recht haben, weil man mit diesem Willen bei bestimmten Landesregierungen, beispielsweise CSU-geführter, nicht unbedingt rechnen kann.
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#7 TheDadProfil
#8 mar8Anonym
  • 03.07.2019, 07:28h
  • und die Politik schaut zu... es kann doch nicht sein, dass nichts passiert. das immer neue Horrormeldungen erscheinen, vor allem in den neuen Bundesländern. was ist da los? so hat es vor 70-80 jahren auch angefangen.... es ist sehr traurig. aber unsere Politik kümmert sich derweil lieber um wichtigere Sachen, Dieselfahrverbote, Diätenerhöhung, usw.
    dachte man, man bräuchte keine Aufklärung um Toleranz mehr, geht Deutschland nun in vielen schritten hier zurück statt nach vorne.
    dabei ist hier eines am wichtigsten. die Würde des Menschen.
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