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Neu im Albino Verlag

Wenn der Ehemann auf junge Männer steht

Mark Merlis' letzter Roman "Halbstark" spielt vor Stonewall und erzählt eine tragische Familiengeschichte aus zwei Perspektiven – aus der eines selbsthassenden schwulen Schriftstellers und aus der seiner Ehefrau.


Eine (glückliche?) Hetero-Familie in den Sechzigerjahren (Bild: Gordon T. Smith)
  • Von Oliver Maus
    22. Juni 2019, 11:34h, noch kein Kommentar

Martha, eine alte Dame, erblickt auf ihrem Nachhauseweg nicht weit von ihrer Wohnung eine tote Osterglocke. Als praktizierende Buchillustratorin entschließt sie sich, die verwelkte Blume zu malen. Auch wenn das erstmal als merkwürdige Idee erscheint, kann Martha das gut begründen: "Eine Blume ist sehr viel längere Zeit welk als frisch, ein geduldiges Modell, das nicht ermüdet".

Die darin liegende Melancholie verschließt sich aber auch ihr nicht, und diese lässt sich auch leicht erklären, erfährt man mehr über die Lebensgeschichte dieser Romanfigur Martha. Ihrer Leidenschaft und ihrem Beruf, dem Malen, geht sie im Zimmer ihres im Vietnamkrieg verstorbenen Sohnes Mickey nach. Mickey bestimmt beinahe all ihre Gedanken; noch immer, auch Jahre nach seinem Tod. Und nachdem ihr Ehemann – ein nicht ganz unbekannter Schriftsteller mit dem Namen Jonathan Ascher – ebenfalls verstorben ist, verbleibt sie allein in ihrer New Yorker Wohnung. Nun malt sie gar bereits verwelkte Blumen.

Durchbrochen wird ihr eintöniger Alltagstrott durch das Interesse eines Juniorprofessors, der über ihren verstorbenen Mann Jonathan eine literarische Biografie verfassen möchte. Eine ungewöhnliche Anfrage, findet sie. Es kam ihr zuletzt vor, als sei ihr Mann bereits dabei, in Vergessenheit zu geraten. Trotzdem ist diese Anfrage für Martha Auslöser, die Schicksale des verstorbenen Ehemanns und des gemeinsamen Sohns Mickey aufzuarbeiten. In einer solchen Biografie würden schließlich Mickey und sie selbst eine Rolle zuteilwerden. Es kommt für sie überhaupt nicht infrage, dass ihre Familiengeschichte aus den Aufzeichnungen Jonathans erzählt wird, ohne dass sie sich vorher selbst ein genaueres Bild seines Blickwinkels gemacht hat.

Aus dieser Ausgangssituation einer Witwe, die nach dem Tod ihres Sohnes nie so recht ins Leben zurückgefunden hat und die nun den literarischen Nachlass ihres verstorbenen Mannes aufarbeitet, entspinnt sich die Erzählung einer Familiengeschichte über mehrere vergangene Jahrzehnte. Eine Erzählung aus zwei Perspektiven.

Witwe und verstorbener Ehemann im Zwiegespräch


"Halbstark" ist im Berliner Albino Verlag erschienen

Marthas Erinnerungen an Jonathan sind kaum positiv. Er hat sie häufig für kurze Affären mit anderen Männern alleingelassen. Das wusste sie, und sie versuchte es immer nach Möglichkeit zu verdrängen. Dass sie überhaupt eine Zusage zur biografischen Aufarbeitung des Lebens vom tendenziell eher verhassten Ehemann in Erwägung zieht – ein Vorgang, der ja auch einer Art Adelung gleichkommt – liegt vielmehr in ihrem Glauben, dass jemand erst vollständig sterbe, sobald sich niemand mehr der Person erinnere. Dieses Schicksal fürchtet sie nicht für Jonathan, sondern für den gemeinsamen Sohn: "Und wenn ich sterbe, wird niemand diese Abwesenheit spüren. Ich werde Mickey mit mir nehmen".

Vor der Freigabe aller Schriften Jonathans beginnt sie also, in seinen Tagebüchern zu lesen. Die Hinterlassenschaft ist ausufernd, so hat er seine Gedanken und Erlebnisse stets in langen Einträgen verarbeitet; jahrelang. Im Prozess des Lesens kommt Martha wieder ins Gespräch mit ihrem verstorbenen Ehemann. Die Tagebücher fördern dabei nicht nur Jonathans Gedanken zum vergangenen Eheleben zutage, sondern auch seine Geheimnisse in all ihren unerträglichen Details.

In der formalen Gestaltung eines Zwiegesprächs mit Perspektivwechseln liegt immer auch die Herausforderung, sprachlich genau zu arbeiten. So sollen Passagen aus verschiedenen Erzählperspektiven unterscheidbar sein, sodass den Figuren eine eigene Stimme gegeben scheint. Gleichzeitig sollen diese aber auch nicht übersteigert in ihrer Differenz wirken. Gerade hierin zeigt sich eine besondere Kunstfertigkeit von Mark Merlis, denn seine Figuren sind so fein gezeichnet, dass sie nicht nur leicht auseinander zu halten sind, sie sind ausgestattet mit reichem Innenleben aus Charakterstärken, Charakterschwächen und mit solchen Widersprüchlichkeiten, die Figuren erst menschlich machen.

Sozialkritik mit Eigennutz

Der Klappentext bringt "Halbstark" mit Ginsberg und Kerouac, zwei der bedeutendsten Autoren der "Beat Generation", in Zusammenhang. Deren Aufbegehren gegen eine Elterngeneration sei Motivation und Inspiration der Romanfigur des Jonathan. Mit dieser Synopsis geht aber auch eine gewisse Erwartungshaltung einher, der das Buch nur bedingt gerecht wird.

Sprachlich orientiert sich Mark Merlis beispielsweise viel stärker am "bürgerlich-intellektuellen Milieu", dem die beiden Protagonisten angehörten. Mit dem an Jazzimprovisation orientierten literarischen Stil zwischen Stream of Consciousness und Experimentierfreudigkeit, für den die "Beat Generation" so bekanntgeworden ist, hat "Halbstark" eher wenig gemein. Vor allem wirft dieser historische Verweis im Klappentext aber die Frage auf, ob es sich bei Jonathan Ascher um einen realexistierenden Schriftsteller handelt. Ein Vorbild, an das die Romanfigur sehr lose angelehnt ist, gibt es tatsächlich: Paul Goodman.

Paul Goodman war in den Sechzigerjahren als Autor und Denker über sozialkritische Theorien bekanntgeworden. Darin stellte er Überlegungen zu Gesellschaftsmodellen an, die einer Generation von Freigeistern gerecht werden könne. Vor allem im Schlüsselwerk Goodmans liegt ein Anknüpfungspunkt an die Romanfigur Jonathan: Der Buchtitel "Halbstark" (im Englischen "JD" für "Juvenile Deliquent", also etwa Jugendliche Missetäter) bezieht sich auf das gleichnamige fiktive Werk der Romanfigur des Jonathan Ascher. Dieses Werk, für das er bekanntgeworden sei, handle von einer unfreien Jugendgeneration und Ideen einer Befreiung. Das erinnert nicht zufällig an "Growing Up Absurd", Goodmans erfolgreichstes Buch, in dem er Erziehungskonzepte und ein System kritisiert, das Menschen hervorbringe, die vornehmlich für eine Nation brauchbar sein sollen, anstatt solche, die offene Sexualität und Freigeist erlernen.

In beiden Werken, Goodmans "Growing Up Absurd" und dem fiktiven Pendant "Halbstark", ist zu lesen, dass Liebe zwischen Männern nicht weiter zu verurteilen sei. Was erstmal als ein rational vernünftiges Ziel erscheint, hat jedoch auch mit einem gewissen Eigennutz zu tun. So scheint es offensichtlich, dass Jonathan sich eine neue Welt erdenkt, in die er sich selbst gewünscht hätte; in der er seine Sexualität offener hätte ausleben können.


Der Schriftsteller Mark Merlis starb am 15. August 2017 im Alter von 67 Jahren, "Halbstark" ist sein letzter Roman

Selbsthass Prä-Stonewall

Es ist dieser Blickwinkel, den Juniorprofessor Philip Marks, der die Biografie über Jonathan schreiben möchte, um dessen Werk einer Neubewertung zu unterziehen, gewählt hat: Wie ordnet sich Jonathan Aschers Prä-Stonewall entstandenes Schaffen in eine Zeit Post-Stonewall ein? Jonathan habe in Romanen und Gedichten stets Andeutungen zu gleichgeschlechtlicher Liebe und zu Sex zwischen Männern gemacht. Gleichzeitig, so weiß seine verwitwete Frau Martha, habe Jonathan die "Schwuchteln" verachtet. Weder sah er sich als Teil der Lesben- und Schwulenbewegung noch hatte er ein Interesse, mit dieser in Verbindung gebracht zu werden.

Dass "Halbstark" damit die Frage aufwirft, wer sich was in der Zeit vor Stonewall leisten konnte, ist ebenfalls klar. Dem "bürgerlich-intellektuellen Milieu" geschuldet sind nicht nur eine Doppelmoral mit dem Privileg ausgestattet zu sein, sich sexuell ausleben zu können, nebenher Frau und Kind zu haben und gleichzeitig abschätzig auf die Schwulen- und Lesbenbewegung herabzuschauen; sondern auch sprachlich problematische Stellen. Wiederholt wird diskriminierende Sprache für People of Colour, kleinwüchsige Menschen und Homosexuelle verwendet. An mehr als einer Stelle von "Halbstark" ist das Lesen unbehaglich. Vor allem dann, wenn Jonathan zum Beispiel in einem Tagebucheintrag darüber phantasiert, was er mit dem Hintern eines Jungen anfangen möchte, der zu diesem Zeitpunkt im jungen Alter seines Sohnes ist. Jonathan fühlte sich offensichtlich vornehmlich von jugendlichen bis kindlichen Jungs angezogen.

Gleichzeitig widmet sich "Halbstark" damit auch Mechanismen von Unterdrückung, Selbstunterdrückung und daraus resultierenden Folgen. Allgemein klingen auch Schattenseiten queerer Zeitgeschichte an. Der Roman arbeitet dabei zum Glück relativ nuanciert und in sehr ruhigem Tonfall.

Dass die Fülle an angedeuteten Themen nicht überfordert, liegt vor allem daran, dass Martha in den Mittelpunkt der Erzählung gestellt wird; eine Figur, die beim Versuch, die eigene Familiengeschichte zu durchdringen, zunehmend von einem zutiefst menschlichen Verlangen geleitet wird: dem Versuch zu verstehen, was genau passiert ist, dass sich in ihrem Leben alles zum Schlechten gewendet hat.

Infos zum Buch

Mark Merlis. Halbstark. Roman. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Joachim Bartholomae. 344 Seiten. Albino-Verlag. Berlin 2019. Gebundene Ausgabe: 24 Euro (ISBN 978-3-86300-274-9). E-Book: 17,99 €