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"Verbotene Liebe"

Zum 50. Todestag von Hans Siemsen

Am 23. Juni 1969 starb der Schriftsteller Hans Siemsen. Wer war dieser Mann, der schon in den Zwanzigerjahren weitgehend offen schwul auftrat, gegen den Paragrafen 175 kämpfte, aber auch schon mal sympathische schwule Nazis porträtierte?


Skulptur der Bildhauerin Renée Sintenis: Hans Siemsen im Jahr 1923 (Bild: Kunsthalle Bremen)
  • Von Erwin In het Panhuis
    23. Juni 2019, 13:43h, 1 Kommentar

Der Journalist und Schriftsteller Hans Siemsen (27.06.1891-23.06.1969) lebte seit 1919 in Berlin und schrieb hier für die bekanntesten Zeitungen und Zeitschriften wie "Weltbühne" und "Die Aktion". Schon während der Zwanzigerjahre lebte er innerhalb der literarischen Kreise offen schwul und hatte weitverzweigte Kontakte zu anderen schwulen Größen des Kulturlebens wie Klaus Mann und Alfred Flechtheim.

Auch Dieter Sudhoff ("Hans war gut", 2006. S. 144) bringt die Hauptstadt Berlin und Siemens Freundeskreis mit seinem bedingt offen schwulen Auftreten in Verbindung: "Die Beschäftigung mit den neuen Theorien von Sexualwissenschaftlern wie Magnus Hirschfeld trug ebenso wie die Freundschaft mit schwulen Künstlern wie Rudolf Levy wesentlich dazu bei, dass Siemsen seine Homosexualität als natürliche Veranlagung akzeptierte – die gleichgeschlechtliche Liebe war für ihn fortan eine Liebe wie andere, 'pervers' nur die gesellschaftliche Situation des Homosexuellen."

Auf dem Gebiet der Filmkritik leistete er Pionierarbeit und schrieb die ersten deutschen Artikel zu dem von ihm bewunderten Charlie Chaplin. In einem Artikel vergleicht er ihn mit einem gleichaltrigen Mann, der den gleichen Schnurrbart trug: "Das ist aber auch das einzige, was sie gemeinsam haben: Das Alter und den Schnurrbart" ("Die Zukunft", 14.4.1939). Damit war Adolf Hitler gemeint, der Siemsens Leben ebenfalls mitbestimmen sollte.

Der Anfang: "Bisexuelles von Hartleben" (1913)


Siemsen in den Zwanzigerjahren

Siemsen war gerade mal 21 Jahre alt, als er seinen ersten Beitrag im schwulen Kontext in der Kunst- und Literaturzeitschrift "Pan" (Nr. 15; 10.01.1913, S. 355-356) publizierte. In "Bisexuelles von Hartleben" zitiert er ein ungedrucktes Gedicht von Otto Erich Hartleben (1864-1905), das mit den Zeilen beginnt: "In Hellas und im alten Rom war einst die Liebe frei, Die holden Launen der Natur bar jeder Heuchelei."

Es geht hier nicht darum, ob diese Zeilen historisch die Realität widerspiegeln, sondern darum, dass das Gedicht ein Beispiel für die weit verbreitete Strategie ist, über die Antike die Homosexualität der Jetztzeit zu legitimieren. Hier lassen sich genauso Rückschlüsse auf Siemsen ziehen, wie durch seine darauffolgenden Zitate von Hans Blüher (der 1912 die Diskussion um Homosexualität im Wandervogelbewegung entfacht hatte). Nach Siemsens Beitrag folgt ein Artikel von Alfred Kerr über einen Besuch von "Platens Grab", womit das Grab des (homosexuellen) Dichters August Graf von Platen gemeint ist und was ebenfalls im schwulen Kontext zu sehen ist.

Mit seinem Gedicht erregte Siemsen Aufmerksamkeit; es wurde auch im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1914, Heft 1, S. 71) besprochen. Die Literaturwissenschaftlerin Donatella Germanese schreibt in ihrem Buch "Pan (1910-1915)" von 2000 vielleicht etwas überinterpretiert von einem "Outing-Gedicht" und von einer "Enthüllung über" Otto Erich Hartleben. Weiterhin betont sie, dass der "Pan, direkt und indirekt, für eine Liberalisierung der Sexualmoral" kämpfte und verweist auf den Zusammenhang mit Paragraf 175 RStGB und auf die Verurteilung von Oscar Wilde (S. 241).

"Wo hast du dich denn herumgetrieben?" (1919)

Nach dem Ersten Weltkrieg und seinem Erstlingswerk "Auch ich, auch du" (1919) schrieb Siemsen sein zweites Buch "Wo hast du dich denn herumgetrieben?" (1920). In dieser Schrift – die online angeboten wird – verbindet er seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg mit Reisebeschreibungen und Autobiografischem. Der Buchtitel gibt ein Zitat seines Vaters wieder, das er auf die Stationen seines Lebens überträgt.

Nur selten und vorsichtig behandelt er Homosexualität, als er zum Beispiel von einem König auf Schloss Sanssouci berichtet, dessen geliebter Freund von seinem Vater hingerichtet wurde und der später schlanke Windhunde und schlanke Pagen liebte (S. 59). Mit dem König ist Friedrich II. gemeint, der Hingerichtete ist dessen Jugendfreund Hans Hermann von Katte und der Vater der "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. In einer späteren Buchepisode besucht der Ich-Erzähler (Siemsen) seinen hübschen blonden 18-jährigen Freund Henry (S. 61). Am liebsten würde er ihn in seine Arme nehmen und zärtlich mit ihm sein, "wie man unter Männern nicht sein darf. Da ich nicht zärtlich sein darf, bin ich nur höflich" (S. 62, s.a. S. 83).

Es sind zwei kurze Beschreibungen über ein repressives Umfeld und nicht gelebte Homosexualität, die die depressive Stimmung des gesamten Buches gut widerspiegeln. Für den Verleger Michael Föster ist dies "eine der stärksten politischen Arbeiten Siemsens" (Siemsen: "Schriften II", S. 294). An seinem Inhalt gemessen wirkt das Cover des Buches kontextlos und zeigt einen jungen Mann in Anzug und Krawatte mit Stöckelschuhen.


Ausschnitt aus dem Cover von "Wo hast du dich denn herumgetrieben?"

Das prominente Umfeld mit Klaus Mann u.a.

Siemsen war mit vielen prominenten Persönlichkeiten seiner Zeit befreundet. Dazu gehörten etwa Asta Nielsen, die als erster großer weiblicher Star der Stummfilmzeit gilt, und Renée Sintenis, die sein "Tigerschiff" illustrierte. Dieter Sudhoff ("Hans war gut", 2006, S. 160) lobt die homoerotischen Darstellungen "schöner, 'unschuldiger' Jünglingsgestalten", die, "ähnlich wie die Arbeiten der ebenfalls mit Siemsen befreundeten Künstler Ernesto de Fiori und Otto Schoff, ganz dem exquisiten Geschmack eines gebildeten homosexuellen Publikums" entsprachen.

Der Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz hat mit "An Hans Siemsen" ein Gedicht verfasst, dass unter anderem die Zeile beinhaltet: "Du bist zart und weich. Und ein Mann mit hohem Geschmack" (Ausgabe von 1928). Auf einer Postkarte an Siemsen verwendete Ringelnatz die Formulierung "Sei geküßt und gegrüßt mein lieber Freund" (05.02.1934). In späteren Ringelnatz-Ausgaben fehlt das Wort "geküßt" (Siemsen: "Schriften III", S. 143, S. 345).

Siemsen hatte auch sporadischen Kontakt zu (dem homosexuellen) Klaus Mann, der in seinen Tagebüchern jedoch auch ein unangenehmes Treffen vom 30. Mai 1942 erwähnt: "Äußerst unangenehme Szene mit Hans Siemsen, der hereinplatzt – schwitzend und unappetitlich – und sofort in eine dieser lauten, nutzlosen und beschämenden politischen Diskussionen verfällt."

Für den Blogger Manuel Heßling passt das "Bild, das Klaus Mann hier von Siemsen zeichnet, […] nun so gar nicht zu jenem Verfasser zarter Prosastücke, dem intimen Freund von Joachim Ringelnatz und Renée Sintenis, dem schwulen Pastorensohn, einfühlsamen Liebhaber und naturverliebten Flaneur, den wir aus seinen Schriften und Briefen kennen". Manuel Heßling (1956-2012) war ein Blogger, der sich intensiv mit Siemsen auseinandergesetzt hatte und viele Details aus seinem Leben auf seinem Blog (24 Einträge) publizierte. Dort bezeichnete er sich auch schon mal recht selbstbewusst als "vermutlich besten Siemsen-Kenner östlich von Santa Fé".

Daneben hielt er auch Vorträge über Siemsen und schrieb in der Schwulenzeitschrift "Gigi" einen gut gemachten zweiteiligen Aufsatz über Siemsens Leben und Werk (Nr. 60 von 2009; Nr. 65 von 2010). Heßling dokumentierte auch Siemsens Freundschaft mit dem (homosexuellen) Autor, Verleger und Galeristen Alfred Flechtheim. In Flechtheims Zeitschrift "Querschnitt" publizierte Siemsen diverse Artikel und in Flechtheims Querschnitt-Verlag gab Siemsen als Privatdruck Rudolf Levys homoerotische "Lieder des alten Morelli" heraus. Ein Jahr später erschien bei Flechtheim auch Siemsens "Tigerschiff".


Foto von Hans Siemsen mit seiner Freundin Renée Sintenis

"Das Tigerschiff" (1923)

Als Reprint (1982) ist "Das Tigerschiff" für den heutigen Leser leicht erreichbar. Nach dem etwas kitschigen Backcovertext gelangen diese "melancholisch-sinnlichen Jungensgeschichten Hans Siemsens […] in die Herzen all derer, die vor der Schönheit junger männlicher Körper […] nicht zurückweichen". Im Untertitel geht es um "Jungensgeschichten" – ein Begriff, der heute wohl reflexhaft auch mit sexuellem Missbrauch assoziiert wird.

Es ist eine Annahme, die zwar auch durch den Foerster Verlag nicht entkräftet wird, aber dennoch nicht gerechtfertigt ist. In Bezug auf die geschilderten Handlungen und das Alter bleibt diese Schrift im legalen und legitimen Bereich. Im Text geht es um schüchterne Blickkontakte (S. 16), Küsse auf einem Fußballplatz (S. 27) und fünf Jungen zwischen elf und 16 Jahren, die untereinander Zärtlichkeiten austauschen (S. 30-33).

Die zarten und vorsichtigen Zeichnungen der mit Siemsen befreundeten Künstlerin Renée Sintenis auf dem Cover und im Innenteil geben sehr gut die homoerotische Stimmung der Texte im Spannungsfeld von Freundschaft und Erotik wieder. Dieter Sudhoff beschreibt die Zeichnungen ("Hans war gut", 2006) über die Schönheit "männlicher Körper, deren Sexualität aber nur in harmlosen Gesten zärtlicher Zuwendung angedeutet wird". Über den Text schreibt Sudhoff: "Vielleicht besser als noch so wissenschaftlich fundierte Essays können diese unscheinbaren Geschichten aus Erinnerung und Alltag verdeutlichen, dass Schwule nicht anders fühlen, lieben, hoffen und leiden als andere auch. Ohne eigentlich beabsichtigt zu sein, ist ihnen ein Appell zur Toleranz eingeschrieben, der noch heute gehört zu werden verdient" (S. 162).


"Das Tigerschiff" (1923) mit harmlosen Gesten zärtlicher Zuwendung

Die Originalausgabe des "Tigerschiffs" ist äußerst selten, da die Schrift 1923 nur in 250 Exemplaren erschien, die alle nummeriert und von Siemsen und Sintenis signiert wurden. Die Nr. 49 wird im Internet zur Zeit für 1.500 Euro angeboten. Durch diese Seltenheit lässt sich die Begeisterung von Manuel Heßling nachvollziehen: "Der geplante Höhepunkt der Reise war jener Augenblick, als ich Hans Siemsens 'Tigerschiff' in eigenen Händen hielt, seine 'Jungensgeschichten' mit den zehn handsignierten Originalradierungen […]. Zauberhaft."

"Paul ist gut" (1926)

Diese Sammlung von Alltagsgeschichten ist ein für Siemsen typisches Buch der leisen Töne, durch das man viel über den Autor erfährt, zum Beispiel von seiner Liebe zu Osnabrück und zu Tieren. Seine Liebe zu Männern ist zunächst nur erahnbar, auch wenn man vielleicht schon mal hellhörig wird, wenn bei Freundschaften unter Männern Signalwörter wie "Sokrates" (S. 32-33) oder "Platon" (S. 71-72) dezent auf die Antike verweisen. Bei Sodom und Gomorrha (S. 66,69) scheint Siemsen nur den Vesuv vor Augen zu haben, und Fritz Haarmann (S. 126-127) wird als Mörder, aber nicht als Sexualmörder behandelt.

Erst bei einigen späteren Beschreibungen von jungen Männern wird seine gleichgeschlechtliche erotische Faszination deutlich. Die Formulierungen sind weder fordernd noch provokativ, aber vielleicht ja gerade deshalb leicht annehmbar. Dazu zählt der Badende, der sich seines braun gebrannten Körpers nicht zu schämen braucht (S. 96), oder auch der eitle Schlosserlehrling Otto, der sich stundenlang vor seinem Spiegel zurecht macht (S. 115-119). Ganz vernarrt ist Siemsen in einen Schauspieler von 17 oder 18 Jahren, der einen Hafenarbeiter verkörpert, Arm in Arm mit einem Freund geht und den sich Siemsen als Freund wünscht (S. 173-175).

Und damit hat James W. Jones in "The Third Sex in German Literature" (1986, S. 471) recht, wenn er von Siemsens Bewunderung der Schönheit männlicher Teenager schreibt. Mit Bezug auf eine Inschrift "Paul ist gut" wünschte sich Siemsen, dass es auch einmal über ihn heißen werde: "Hans war gut" (S. 186). Er hätte sich darüber gefreut, dass 80 Jahre später Dieter Sudhoff einen Aufsatz über Siemsen unter diesem Titel veröffentlichte.

"Verbotene Liebe" (1927)

Zu Siemsens bedeutendsten Schriften gehört das Buch "Verbotene Liebe", dessen Cover schon die "erschütternden Briefe eines Homosexuellen" als "Anklage gegen den § 175 des St.G.B" hervorhebt.

Das Buch gliedert sich in zwei unterschiedliche Teile. Im ersten Teil sind die Liebesbriefe von Ernst und Ernest Arno zu lesen (S. 7-55), wobei es sich nach den späteren Angaben Siemens um authentische Briefe des nach London emigrierten Schneidergesellen Ernst Arno handelte, dessen Freund Fred sich 1921 wegen eines drohenden Strafverfahrens nach Paragraf 175 das Leben genommen hatte. Das genaue Maß an Authentizität bleibt trotzdem schwierig zu bestimmen. Zu den im Buch behandelten Männern gehört übrigens "Beppo" (S. 19), der auch schon im "Tigerschiff" (S. 20) vorkommt.

Der zweite Teil besteht aus einem Nachwort von Siemsen (S. 56-79), das bekennerhafte Züge trägt. Zunächst beschreibt er recht lebendig die Kneipenszene mit ihren Strichjungen. Seine Kommentare über die "Schwulen" und die "Tanten" (=Tunten) sind immer noch sehr lesenswert.

Zum Paragraf 175 argumentiert er recht schlüssig. Wenn Homosexualität eine Krankheit wäre, warum bestraft man dann nicht auch Tuberkulose und Tripper? Wenn es ein Laster wäre, könnte man auch Trunksucht bestrafen. Durch Homosexualität werde jedoch niemand geschädigt oder mit Schaden bedroht. Mit einer solchen Gradlinigkeit in Bezug auf homosexuelle Emanzipation hat er Anerkennung verdient. Diese Schrift mit dem Untertitel "Briefe eines Unbekannten" sollte eigentlich schon 1921 im Steegemann-Verlag erscheinen – mit dem leicht abweichenden Untertitel "Briefe eines Verlorenen".

Die beiden Teile der Schrift – die Briefe und Siemsens Polemik – wurden sehr unterschiedlich bewertet, wobei mir die Rezension in "Der Zwiebelfisch" (20. Bd., 1927, S. 433) als recht typisch erscheint: "Diese Briefe vermögen weder literarisch noch in bezug auf das Thema viel Interesse zu erwecken. Aber die Polemik gegen § 175 im Anhang ist rechtlich und moralisch höchst beachtenswert."

Die schwule Presse über "Verbotene Liebe" mit einer Rüpel-Rezension

In den zwei wichtigsten Periodika der frühen Schwulenbewegung wurde Siemsens Werk ausführlich besprochen. Vom "Wissenschaftlich-humanitären Komitee" (WhK) wurden die Briefe als eine "gute Waffe im Kampf um das träge und gedankenlose gesunde Volksempfinden" angesehen. Anhand des Nachwortes lobt der Autor Siemsens Begabung, es gehöre in seiner "präzisen, geschliffenen Klarheit zum Feinsten, was über das Thema geschrieben wurde" ("Mitteilungen des WHK", 7 Jg., 1927, S. 54-55).

In der Schwulenzeitschrift "Der Eigene", in der auch schon Teile aus "Das Tigerschiff" abgedruckt worden waren, wird das Werk mehrfach rezensiert. Zuerst lobt Erich Kampf diese Schrift, die strategisch nützlicher als "alle Aufklärung von Hirschfeld" sei (11 Jg., 1927, Heft 7, S. 227-228), und ein Heft später wird das Buch als "großes Kunstwerk" bezeichnet (Heft 8, S. 267-268).

Auch der Herausgeber Adolf Brand meldete sich zu Wort. Was er hier über Siemsen schrieb, ist für die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz ("Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 213) eine "Radikal-Rezension"; ich würde es eher als eine "Rüpel-Rezension" bezeichnen: Brand lobt zwar ebenfalls das Nachwort, verwendet die Briefe jedoch als Angriff gegen Hirschfeld, weil die "femininen Homosexuellen" nur wegen Hirschfeld in der öffentlichen Diskussion so präsent seien. Brand will für diese "Tanten [=Tunten], Tölen [=hier ebenfalls Tunten] und Trottel" "keinen Kulturkampf" führen, weil sie nur darauf aus seien, "ihre sexuelle Habgier zu befriedigen". Siemsen – so Brand weiter – hätte "besser daran getan" sich einen nicht so femininen Helden zu wählen.

Brands Tunten- und WhK-Feindlichkeit wird hier – wie so oft – nur allzu deutlich. Marita Keilson-Lauritz nimmt Brands Rezension zum Anlass, sich zur Funktionalisierbarkeit literarisch-emanzipatorischer Texte zu äußern. Das lässt sich anders und als Frage formulieren: Welche Schwulen sind als Roman-Helden eigentlich am besten geeignet?

Ob diese Schrift positiv zur Identitätsbildung beitragen konnte, ist schwer zu beurteilen. Spannend fand ich einen Brief des homosexuellen Schriftstellers Joseph Breitbach vom 3. Mai 1927 an seinen Freund Alexander Mohr: "Mein Lieber […] ich werde Dir als Gastgeschenk das neue Buch von Hans Siemsen ins Gastbett legen". Es erscheint nicht abwegig, im "Gastbett" ein sexuelles Signalwort zu erkennen.


Immer noch sehr lesenswert: der Anhang von "Verbotene Liebe" (1927)

Heutige Sicht auf "Verbotene Liebe"

Dieter Sudhoff ("Hans war gut", 2006, S. 171) beurteilte das Nachwort so: "Mag Siemsen den literarischen Wert der Briefe aus England auch überbewertet haben, so funktionieren sie doch in der Kombination mit einer Kampfansage gegen die Ächtung der Homosexuellen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt."

Authentisch wirkende "Briefe", wie in dem von Siemsen publizierten Buch, waren früher fester Bestandteil homosexueller Emanzipationsliteratur und werden heute auch hinsichtlich der Frage nach der Authentizität behandelt. Neben dem Literaturwissenschaftler Dirck Linck in der Zeitschrift "Forum Homosexualität und Literatur" (Nr. 40, 2002, S. 64) tut dies auch der Soziologe und Historiker Klaus Müller in seinem Buch "Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut" (1991, S. 252): Wie bei den Briefen von Siemsens "Verbotene Liebe" "haftete solchen Ego-Dokumenten etwas Konstruiertes gerade dort an, so sie scheinbar absichtslos 'erzählten'. Stärker als die Kurzautobiographien lasen sie sich als 'exemplarische urnische Leben', ohne Widersprüche oder Leerstellen. Im Gegensatz zu den autobiographischen Selbstdarstellungen fehlte ihnen deren fragmentarischer, bruchhafter Charakter."

Der Journalist Axel Schock hat in seinem Buch "Die Bibliothek von Sodom. Das Buch der schwulen Bücher" (1997, S. 208-209) im Siemsen-Kapitel die Schrift "Verbotene Liebe" in den Fokus genommen. "Im verzweifelten Ton wird darin von einem Leidensweg berichtet, auf der Suche nach 'wahrer Liebe' und Freundschaft, und doch immer wieder wird nur unbefriedigende, rein körperliche Lust oder Heuchelei und Unfähigkeit zu echter Gefühlsbindung angetroffen."

Siemsens Leben nach 1933


Hans Siemsen in den Dreißigerjahren

Für einen Homosexuellen, pazifistischen Linken und Gegner des NS-Regimes gab es in Deutschland nach 1933 keine Existenzmöglichkeiten mehr, und er war zur Flucht gezwungen. Der Blogger Manuel Heßling schrieb dazu: "Hans Siemsens zweite Lebenshälfte, die mit dem 30. Januar 1933 beginnt, ist ja das traurige Kapitel eines Entwurzelten, dessen Schicksal kaum dadurch leichter wird, dass er es mit unzähligen Leidensgefährten teilt."

Anfang 1934 floh Siemsen über die Schweiz ins Pariser Exil. 1939 stellte er einen Antrag auf ein Visum für die USA, wurde jedoch kurz darauf in einem französischen Lager interniert. 1940 gelang ihm die Flucht, und er konnte in der kleinen französischen Stadt Sanary-sur-Mer für ein paar Monate untertauchen. 1941 bekam er ein Visum für die USA und gelangte über Portugal dorthin.

"Hitler Youth" (1940)


Das Buch "Hitler Youth" (1940) mit dem Darsteller des Hitlerjungen Quex, der dem Verb "quexen" seinen Namen gab

Im Februar 1936 lernte Siemsen in Paris den aus Deutschland geflohenen ehemaligen HJ-Führer Walter (Karl) Dickhaut kennen und verliebte sich in ihn. Dieser inspirierte ihn zu seinem Buch "Hitler Youth" bzw. "Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers". Weil die Rahmenhandlung als unter strategischen Gesichtspunkten arrangiert erscheint, ist in Bezug auf die von Siemsen beteuerte Authentizität Skepsis angebracht. So wird die Heterosexualität des vorbildlichen Protagonisten betont, was als Konzession an die anti-homosexuellen Vorurteile in Exilkreisen angesehen wird.

Das Buch behandelt zunächst nur die Gerüchte, dass sich einige Jungen ihre "Sterne im Bett verdient" hätten (nach den satzgleichen deutschen Ausgaben 1947 und 2000, S. 89, 92, 137), d.h. sie hätten sich hochgeschlafen. Ab der Mitte des Buches wird der Fokus auf die Homosexualität gelegt und der Leser erfährt zunächst nur von einzelnen Schwulen in der HJ.

Einzelne schwule Jugendliche in der HJ darzustellen, ist nicht besonders problematisch, weil sich leicht vermitteln lässt, dass Jugendliche gleichzeitig Opfer und Täter des NS-Systems sein können. Von einzelnen Autoren wird es jedoch als problematisch angesehen, dass Siemsen das in jener Zeit häufig eingesetzte und denunziatorisch wirkende Stereotyp des homosexuellen Nazis verwendete und damit Vorurteile gegen Schwule bestätige.

Es stimmt, dass Siemsen die Homosexualität nicht nur als sexuelle Orientierung Einzelner beschreibt, sondern Homosexualität für systemimmanent hält: "Die Homosexualität spielt in der HJ eine große, eine wichtige, nicht eine nur zufällige Rolle" (S. 169-178, hier S. 169). Siemsen bleibt bei diesem homophoben Klischee jedoch nicht stehen, sondern nimmt eine wichtige Differenzierung vor: Er schildert nicht nur die "perversen" Führer, die einen Harem brauchen (S. 102), sondern auch charakterfeste und sympathische schwule NS-Funktionäre wie den Adjutanten Fritz Holk (S. 106-108), dessen einziger Fehler der Glaube an den Nationalsozialismus ist.

Mit dieser Differenzierung arbeitete er auch erkennbar gegen eine homophobe Stereotypisierung. Aus diesem Grund halte ich seine Darstellung für legitim und den Versuch, Siemsen eine denunziatorische Absicht zu unterstellen, für absurd. Dieses Buch kommt ohne klassische Freund-Feind-Unterteilung aus und leistet damit auf untypische Weise seinen Beitrag zum Thema Schwule und Faschismus.

Das Buch erschien erstmals 1940 in England unter dem Titel "Hitler Youth". Auf dem Cover dieser Ausgabe ist Jürgen Ohlsen in seiner Rolle als "Hitlerjunge Quex" (1933) im gleichnamigen NS-Propagandafilm zu sehen. Weil Ohlsen eine Beziehung zum homophilen Jugendführer Baldur von Schirach nachgesagt wurde, entwickelte sich "quexen" zu einer umgangssprachlichen Formulierung für schwulen Sex bzw. für "hochschlafen". Von Siemsen wurde der Begriff in diesem Buch erstmals literarisch aufgegriffen (dt. Ausg., S. 170-172) – ohne ihn dabei genau zu erklären. Als "Hitler Youth" erschien, verschwand Ohlsen aus der Öffentlichkeit, sodass Gerüchte aufkamen, er sei ermordet worden.

"Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers" (ab 1947)

Erst später erschienen unter dem Titel "Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers" auch deutschsprachige Ausgaben des Buches (1947, 1981, 2000), sie sind bis heute leicht verfügbar. Die Cover der Ausgaben von 1981 und 2000 zeigen austauschbare Bilder von der HJ ohne konkreten homosexuellen Bezug.

Es ist eine Stärke der Ausgabe aus dem Verlag rosa Winkel (2000), dass das politische Pro und Contra zum negativen Stereotyp des homosexuellen Nazis am Ende nebeneinanderstehen, d.h. zuerst wird Siemsen vom Literaturwissenschaftler Jörn Meve angegriffen und dann vom Herausgeber verteidigt. Bei dieser Meinungsverschiedenheit schließe ich mich der Meinung des Herausgebers an: "Hans Siemsen hat zumindest den Versuch unternommen, der stereotypen Vorstellung vom homosexuellen Nazi literarisch entgegenzuwirken" (S. 239). Jörn Meves Meinung über Siemsen war schon aus seinem Buch "Homosexuelle Nazis" (1990) bekannt, wo er Siemsen für seine undifferenzierte "kitschig-naive Situationsschilderung" kritisierte (S. 80, s.a. S. 81).

Bewertungen des "Hitlerjungen Goers"

Es ist nachvollziehbar, dass die meisten Autoren, die das Buch seit den Neunzigerjahren besprochen haben, auf das nicht ungefährliche antifaschistische und homophobe Klischee vom schwulen Nazi eingingen.

Für den Blogger Manuel Heßling war Siemsen zwar kein "im engeren Sinne politischer Autor", aber die Zeitläufe zwangen ihn, Stellung zu beziehen. Mit diesem Buch habe er ein hochpolitisches Werk vorgelegt, dessen "Tendenz aber nicht ideologisch determiniert ist, sondern […] einem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden folgt". Heßling erklärt zudem, warum die erste deutsche Ausgabe von 1947 kaum Leser fand: "Die Deutschen haben nach dem verlorenen Krieg andere Sorgen und wollen ihren schrecklichen Irrtum so schnell wie möglich vergessen. Über die Geschichte der Hitlerjugend gibt es mittlerweile mehrere ausführliche Monographien, die die Organisationsstruktur und [Demagogie] in allen wesentlichen Details transparent werden lassen. Siemsens Erfahrungsbericht eines Betroffenen übertrifft jedoch in seiner subjektiven Unmittelbarkeit […] jede dieser nüchternen, streng sachbezogenen Darstellungen der HJ. Zudem thematisiert das Buch, für seine Zeit ein zusätzliches Wagnis, die Homosexualität als verdrängte und doch untergründig wirksame Triebkraft solcher männerbündischen Zusammenschlüsse."

Der schwule Literaturwissenschaftler Wolfgang Popp hat in seinem Buch "Männerliebe" (1992, S. 324-327) diesen Roman im Fokus. Was Siemsen mitgeteilt worden sei, sei eine "Offenlegung von 'perversen' homosexuellen Umtrieben" in der HJ. Siemsen bediene damit ein (nicht ungefährliches) antifaschistisches Klischee. Er erzähle vom Missbrauch, aber auch von Liebesverhältnissen im NS-Machtapparat. Siemsen biete damit eine positive Charakterisierung schwuler Faschisten, was sich nicht nur auf gutes Aussehen, sondern auch auf gutes Benehmen und ein hohes Maß an Kultiviertheit beziehe. Siemsen habe sein Buch 1936/1937 geschrieben, als das Klischee des homosexuellen Nazis, nach dem Röhm-Putsch von 1934, "an Bedeutung verloren hat", was erkläre, warum das Manuskript bei Exil-Verlagen zunächst kein Interesse gefunden habe.

Brigitte Bruns schreibt in "Hans Siemsen. Filmkritiker" (2012, S. 124): Manche "der negativen zeitgenössischen Urteile, die hier etwas zu viel 'Schwulitäten' unter dem Vergrößerungsglas sahen, sprechen aus heutiger Sicht gerade für den Text". Danach zitiert sie den schwulen Autor Martin Ripkens: Die Veröffentlichung dieses Buches auch in deutscher Sprache werde Siemsen "möglicherweise Überwendung gekostet haben, denn was in dem Bericht über den Umgang der faschistischen Machthaber mit der Homosexualität zu lesen ist […] könnte in weniger klaren Köpfen die Triebrichtung selbst bereits in Mißkredit bringen".

Als Vorwurf formuliert dies auch der Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller, der in seinem Lexikon "Mann für Mann" (2010, 2. Teilbd., S. 1115) die Meinung vertritt, dass Siemsen mit seinem Buch das Ziel verfolgt, "ein politisch-plakatives Stereotyp des (verdeckten) 'homosexuellen Nazi' zu entwerfen". Auch nach Auffassung des Historikers Armin Nolzen ("Streng vertraulich..", Aufsatz im Sammelband "Homosexualität und Staatsräson", 2005, S. 252-253) bedient Siemsen Klischees, "die aus dem klassischen Repertoire der antihomosexuellen Agitationskampagnen der NS-Gegner stammten. […] Siemsens Roman ist von der Annahme durchzogen, dass die HJ ein Hort der Homosexualität gewesen sei, ja unterschwellig wird der Nationalsozialismus in toto als Bewegung Homosexueller denunziert. Deshalb hat man Siemsen, der selbst homosexuell war, bisweilen 'schwulen Selbsthass' nachgesagt".

Ich widerspreche den Vorwürfen Meves, Nolzens und Hergemöllers, da sich gerade durch die differenzierte Darstellung Siemsens keine denunziatorischen Ziele unterstellen lassen. Siemsen hat die Realität so dargestellt, wie sie seiner Meinung nach war.

Siemsens Leben nach 1945 bis zu seinem Tod

Siemsens vermutlich letzte politische Aktivität war die Beteiligung an einer Radio-Sendung. Zu den von Manuel Heßling zusammengetragenen Dokumenten gehört eine seltene Audio-Aufnahme von Hans Siemsen. Auf der CD "1945 – Kapitulation und Wiederaufbau" (Track 12), herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, befindet sich ein dreiminütiger Mitschnitt der Sendung "Voice of America", in dem ein "Pfarrer Silesius" (=Hans Siemsen) die militärische Niederlage des "Dritten Reiches" begrüßt und seine deutschen Landsleute zum Wiederaufbau ermutigt.

Die Trennung von seinem Geliebten im Exil hatte Siemsen erkennbar destabilisiert, er wurde alkoholabhängig und kehrte Ende der Vierzigerjahre nach Deutschland zurück. Heßling beschreibt seine letzten Lebensjahre so: "Er hatte mit dem Interesse am Leben auch das am Schreiben verloren – oder umgekehrt. […] Fragte man ihn, ob er nicht Papier haben wolle, damit er etwas schriebe, antwortete er mit großer Geste: 'Nein, nichts mehr.'" Seine letzten 16 Lebensjahre verbrachte Siemsen in einem Essener Altersheim, wo er 1953 eingeliefert wurde und am 23. Juni 1969 im Alter von 78 Jahren starb. In der französischen Stadt Sanary-sur-Mer erinnert heute noch eine Gedenktafel an Siemsen, der hier für einige Monate einen Unterschlupf fand.


Gedenktafel im französischen Sanary-sur-Mer, wo Siemsen für einige Monate unterkam

Was bleibt

Hans Siemsen trat in der Weimarer Republik recht offen schwul auf, engagierte sich schwulenpolitisch und bezog deutlich gegen den Nationalsozialismus Stellung. Alleine diese Informationen sind geeignet, das Interesse auf einen spannenden Autor zu lenken. Dass Siemsen kein vergessener Autor ist, zeigt sich nicht nur an den posthumen Nachdrucken seiner Werke, sondern auch daran, dass er in Werken zur schwulen Literaturgeschichte bis heute seinen festen Platz hat.

In den Achtzigerjahren war der Verleger Michael Föster engagiert, das literarische Erbe Siemsens wieder bekannt zu machen und veröffentlichte in seinem Essener Torso-Verlag eine dreibändige Ausgabe der Schriften von Hans Siemsen. Föster gab übrigens auch die Schwulenzeitschrift "Torso" (1982-1983) heraus, wo der Artikel "Schwul im Exil. Über den Schriftsteller Hans Siemsen…" (1983, Nr. 6, S. 46-50) erscheinen konnte.

Wolfgang Popp schreibt in seinem Buch "Männerliebe" (1992, S. 324-327), Siemsen verdiene gerade dadurch Anerkennung, "dass er sich in seinen Publikationen nicht auf homosexuelle Themen und Probleme beschränkt oder kapriziert, sondern an den sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit offensiv teilnimmt".

Brigitte Bruns hebt in "Hans Siemsen. Filmkritiker" (2012, S. 44-45) andere Dinge hervor: "Siemsens Unbefangenheit in erotischen Dingen, seine Unmittelbarkeit wie sein Charme muss viele eingenommen haben. […] Der autobiographische Faktor [bei seinen Äußerungen zur Homosexualität] mag zudem Authentizität vermittelt haben und zeugt von Freimütigkeit und persönlichem Mut. [Das] ist eine kaum hoch genug einzuschätzende moralische Leistung." Der Blogger Manuel Heßling betonte u.a. Siemsens ruhigen Schreibstil: "Siemsen hat sich schon in einer Zeit, als dies noch mit großen persönlichen Risiken verbunden war, offen zu seiner Homosexualität bekannt, was ihn posthum […] zu einem Vorkämpfer der Schwulenbewegung gemacht hat. Dabei steht dieses Thema in seinem Werk durchaus nicht im Vordergrund. […] Wenn man um seine sexuelle Orientierung weiß, dann erklärt man sich vielleicht die Zartheit seines Tonfalls, seine geschärfte Sensibilität, seinen Blick auf das Unscheinbare damit und findet bei ihm möglicherweise gar den typischen Ausdruck einer 'schwulen Ästhetik'."

Der große Charlie-Chaplin-Fan Hans Siemsen hat seit Anfang der Vierzigerjahre in den USA gelebt und dort vielleicht den Kinofilm gesehen, in dem sich Chaplin mit seinem kurzen Schnurrbart über einen Politiker mit kurzem Schnurrbart lustig macht. Ich frage mich, was Siemsen wohl für Gedanken durch den Kopf gingen, als er vielleicht "Der große Diktator" (1939) gesehen hat.