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Mitstreiter von Jean Calvin

Homosexuelle Denunziation als Waffe in der Reformation

Heute vor genau 500 Jahren wurde Théodore de Bèze geboren. Der Reformator schwärmte in einem Jugendgedicht vom "süßen Audebert". Katholiken bezichtigten ihn deshalb der Homosexualität.


Théodore de Bèze (24.06.1519-13.10.1605), hier in einem Ölgemälde, war einer der führenden Theologen der reformierten Kirche
  • Von Erwin In het Panhuis
    24. Juni 2019, 07:23h, 3 Kommentare

Der aus einer reichen französischen Familie stammende Théodore de Bèze (eingedeutscht Theodor von Beza) zog nach seinem Rechtsstudium nach Paris, wo er als Dichter lebte und hier nach antikem Vorbild die Gedichtsammlung "Juvenilia" (1548) publizierte. Im gleichen Jahr zog er nach Genf, was von mehreren Kritikern als Flucht vor einer drohenden Strafverfolgung dargestellt wurde.

In Genf trat de Bèze der reformierten Kirche bei und wurde zum wortgewandten Mitstreiter und Verteidiger Jean Calvins, der in Genf – ähnlich wie Huldrych Zwingli in Zürich und vor allem Martin Luther in Deutschland – die Reformationsbewegung anführte. Nach Calvins Tod 1564 wurde de Bèze zum führenden Theologen der reformierten Kirche.

Die "Juvenilia"-Gedichte

Der Homosexuellenaktivist Ferdinand Karsch hat über Théodore de Bèze deutsche, aber vor allem französische und lateinische Quellen erschlossen und im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (4. Jg., 1902, S. 291-349) einen lesenswerten Beitrag publiziert. Zunächst geht Karsch auf de Bèzes lateinisch verfasste Gedichtsammlung "Juvenilia" (= "Jugendgedichte", 1548) ein (S. 297-303), die er in Verbindung mit dessen Erlebnissen in der Großstadt Paris sieht. Die späteren Kritiker bezogen sich meistens auf ein bestimmtes Gedicht, in dem de Bèze eine intensive Zuneigung sowohl zu der "zierlichen Candida" als auch zu dem "süßen Audebert" beschreibt.De Bèze: "Aber da ich einmal doch nun wählen muss, so ziehe ich dich vor, Audebert."

Spätere Ausgaben der Sammlung (1569, 1597) erschienen nur noch in gekürzter Form. Zum Verständnis der Texte führt Karsch an, dass sich de Bèze während seiner Zeit in Paris von den Gedichten der von ihm bewunderten (sexuell derben) römischen Dichter Catull und Horaz inspirieren ließ und ihnen literarisch nacheifern wollte. Einige Seiten später wird im "Jahrbuch" ein Catull-Gedicht zitiert, dessen Inhalt Karsch wohl auf die Situation von de Bèze übertragen wollte: "Keusch zwar muss der fromme Dichter selber sein, doch braucht er's nicht zu sein in seinen Verschen" (S. 319). Am Ende des Kapitels kommt Karsch zu dem Schluss: "Beza's Gedicht lässt einen sicheren Schluss auf des Dichters urnischen [homosexuellen] Wandel nicht zu, sein Uranismus lässt sich nicht eigentlich beweisen."

Bei dieser Einschätzung ist der Zeitgeist zu berücksichtigen, aus dem heraus Karschs und de Bèzes Äußerungen zu bewerten sind. Zu Karschs Zeiten wurde häufig darüber diskutiert, ob der jeweilige Dichter authentische Erfahrungen wiedergebe oder ob es sich "nur" um literarische Erfindungen handle. Für die Dichter der Frühen Neuzeit war Authentizität jedoch gar kein Bewertungskriterium und kam erst im 18./19. Jahrhundert auf. Insofern kann das "Ich" in Gedichten der Frühen Neuzeit grundsätzlich nicht mit der Person des Dichters gleichgesetzt werden.

Die Ankläger – zu Lebzeiten


Louis Maimbourg, hier in einem Kupferstich, bezeichnete Théodore de Bèze als "freidenkerisch, gottlos", "grausam" und "blutdürstig"

Ferdinand Karsch verweist zunächst auf einige der Kritiker, die de Bèze nach seinem Abfall von der katholischen Kirche zu Lebzeiten anklagten, weil er "mit einem jungen Manne Päderastie getrieben" haben solle, was sie einfach aufgrund des Gedichtes annahmen (S. 303-313).

Die ersten Vorwürfe kamen 16 Jahre nach dem Erstdruck der Gedichte von dem Juristen François Baudouin (bei Karsch eingedeutscht als Franz Balduin), der durch die Veröffentlichung offenbar seine Männlichkeit bedroht sah, weil es darin um "Cynädismus" [sexuelle Passivität] gehe, "der die Unterscheidung der Geschlechter verwirrt und Männer behandelt, als wenn sie Weiber wären".

Eine nach Karsch noch "größere Lästerzunge" war der Theologe F. Claudius de Sainctes (?-1591), der ebenfalls entsetzt war, dass sich de Bèze "eher an männlicher als an weiblicher Begierde" sättige. Am einflussreichsten war der Theologe und Mediziner Jérôme-Hermès Bolsec (eingedeutscht Hieronymus Bolsec, ?-1584), der de Bèzes Umzug von Paris nach Genf als eine Flucht vor Strafverfolgung darstellt. Bolsec berichtet auch von einem Spottgedicht gegen de Bèze, das mit den Versen beginnt "Spintria nunc fueras, mollisque salaxque poeta" ("Du warst ein passiver Päderast und ein weichlicher und geiler Dichter"). Für Bolsec ist de Bèze nicht nur ein "Sodomit" – er ist (dadurch) ein "Mörder seiner eigenen Nachkommenschaft".

Die Ankläger – posthum

Viele Kritiker gingen mit ihren Vorwürfen erst posthum an die Öffentlichkeit (Karsch, S. 313-319). Dazu gehört u.a. Louis Maimbourg (1610-1686), der 1682 Théodore de Bèze als "freidenkerisch, gottlos", "grausam" und "blutdürstig" bezeichnete, was selbst hinsichtlich der ihm konkret vorgeworfenen Handlungen recht übertrieben anmutet. Auch Maimbourg stellt de Bèzes Umzug nach Genf als eine Flucht dar, um wegen seiner Verse in Paris "dem Feuertode zu entgehen".

Der vermutlich katholische Theologe Adrien Baillet (1649-1706) kritisierte ebenfalls die "Juvenilia" und betonte, dass de Bèze zu diesem Zeitpunkt kein Katholik mehr war und die Entstehung daher den Protestanten zur Last gelegt werden sollte – eine heute merkwürdig anmutende Form religiöser Kollektivhaftung.

Der lutherische Theologe Thomas Ittig (1643-1710) beurteilte diesen Punkt anders: Auch er kritisierte de Bèzes Verse, fügte jedoch erklärend hinzu, dass der Dichter diese in einem Alter geschrieben habe, als er nur die Gottesdienste der "Papisten" gekannt habe, bei denen dieses "Laster" schließlich "eingebürgert" sei. ("Papisten" war eine als Kampfbegriff verwendete und abwertende Bezeichnung für Katholiken, die den Katholizismus auf das Papsttum reduzierte). Ittigs Meinung nach können de Bèzes Verse nicht "vor keuschen Ohren" gelesen werden und sind "der Vernichtung wert".

Die italienischen und französischen Verteidiger

Nach Ferdinand Karsch (Karsch, S. 319-342) war de Bèzes einziger Verteidiger im 16. Jahrhundert der italienische Dichter und Humanist Antonio Flaminio (1498-1550), der von de Bèzes Gedichten begeistert war und diese auch später mutig verteidigte.


Antonio Flaminio war ein Fan von de Bèzes Gedichten

Der französische Protestant André Rivet (1572-1651) verband die Verteidigung Bèzes und Calvins mit einem Angriff, weil schließlich "viele Katholiken, ja sogar Päpste Päderasten gewesen seien". De Bèzes Gedichte dagegen seien ja nur Fiktion bzw. Scherze und nicht auf die Realität übertragbar. Nach Rivet sei de Bèze bei einigen Texten sogar einsichtig gewesen und habe einige seiner "widerlichen Früchte" bereits selbst vernichtet.

Für den reformierten Theologen Pierre Jurieu (1637-1713) waren die Verleumdungen "romanhaft, aber nicht einmal geschickt erfunden". Für ihn waren es Anklagen, die ohne Teilnehmer, Zeugen und Untersuchungen ausgekommen seien und sich auf Verse einer Zeit bezogen hätten, "als Beza noch dem Papsttum angehörte". Latein als Sprache der Gedichte ist für ihn alleine schon ein "Beweis dafür, dass sie nicht aus einer Unreinheit seines Herzens hervorwuchsen", und man dürfe daraus kein "Verbrechen konstruieren". Jurieu verwies dabei auch auf die Schwierigkeiten der Übersetzung, denn ein lateinisches Wort wie "amplector" lasse es offen, ob ein Mann von einem Mann umarmt oder geliebt werde und ob so der Geist oder die Sinne gereizt würden.

Die deutschen Verteidiger

Karsch nennt aus dem 19. Jahrhundert einige deutschsprachige Autoren als de Bèzes Verteidiger. Dazu gehören die beiden evangelischen Theologen Johann Wilhelm Baum (1809-1871) und Heinrich Heppe (1820-1879), deren Positionierungen zu de Bèze ich hier nicht anhand von Karschs Äußerungen, sondern anhand ihrer jeweiligen Biografien zu de Bèze verdeutliche.

In der Biografie "Theodor Beza" von Johann Wilhelm Baum (2 Bd., 1843 und 1851, hier erster Teil) widmet der Autor den "Juvenilia" ein eigenes Kapitel (S. 67-81). De Bèze wird hier mit den Worten zitiert, dass seine Gefühle beim Lesen der beiden antiken Autoren Catull und Horaz "durch die Obszönitäten" zwar "beleidigt" worden seien und er "die Augen von einigen Stücken abwandte", dass er ihnen aber mit seinen eigenen Texten trotzdem möglichst habe nahekommen wollen (S. 77).


Auch der deutsche Theologe Johann Wilhelm Baum (1809-1871) verteidigte Bèze

Diese Texte führten später zu de Bèzes Schmähung als "Knabenschänder" (S. 78). Es wirkt strategisch ungeschickt, wenn ausgerechnet in dieser Verteidigungsschrift darauf verwiesen wird, dass sich de Bèze nur "nach dem Drang der damaligen Umstände" verlobt habe (S. 78) und dass de Bèzes Verhältnis zu "Audebert" nicht fiktiv gewesen sei, sondern mit seinem Freund Germain Audebert einen realen Hintergrund gehabt habe. De Bèze schrieb einen Brief an seinen Freund, in dem er sein "sehnliches Verlangen, ihn wieder zu sehn" ausdrückte, was Baum als übliche "poetische Scherze" bezeichnete. Laut Baum scheuten de Bèze Gegner nicht, dessen Freund "in einen Adonis zu verwandeln" und de Bèze damit "ein Verbrechen aufzubürden" (S. 78/79).

Auch Heinrich Heppes Biografie "Theodor Beza" (1861) widmet de Bèzes Zeit in Paris und den "Juvenilia"-Gedichten ein eigenes Kapitel (S. 8-18). Die Gedichte bezeichnet er als eine Mischung aus "christlicher Lebenserregung" und "Begeisterung für die antike Kunst" (S. 15). Mit "antiker Kunst" sind hier die Autoren Catull und Horaz gemeint. Die Ausführungen Baums hierzu sind nahezu wortgleich auch bei Heppe zu finden (S. 16-18).

Die Denunziation Calvins und die Rückendeckung von Bèze


Die angebliche Brandmarkung von Jean Calvins wegen Päderastie

Auch gegen de Bèzes Freund Jean Calvin (1509-1564) wurde (posthum) der Vorwurf homosexueller Handlungen erhoben. Der oben bereits erwähnte Theologe Jérôme-Hermès Bolsec gilt als Urheber der Denunziation und hatte dies in einer französischen Schrift von 1577 erstmals behauptet, die einige Jahre später als "Wahrhafte History vom Leben Sitten Thaten Lehr und Todt Joannis Caluini" (1581) auch in deutscher Sprache erschien.

Im 5. Kapitel (ohne Seitenzählung) schreibt der Autor, dass Calvin wegen "eines sodomitischen Lasters" angeklagt worden sei und eigentlich habe verbrannt werden sollen. Die Strafe sei jedoch gemildert worden und es sei nur mit einem brennenden Eisen eine Lilie in seine Schulter gebrannt worden. (Eine Lilie als Brandmal war in Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert üblich. Die Lilie war das heraldische Symbol der französischen Könige und verdeutlichte, dass die Bestrafung im Namen des Königs erfolgte.)

Bolsecs Schrift wurde danach oft und gerne aufgegriffen und zitiert. Alleine in meiner "Online-Bibliographie zur Homosexualität" habe ich mehr als 25 Publikationen verlinkt, die diese Vorwürfe, meistens mit wenigen Sätzen, übernahmen. Einige von ihnen verweisen darauf, dass Calvin von seinem Freund de Bèze verteidigt worden sei, wie Sigismund Freyberger in "Germania Perturbata…" (1650, S. 254-257) und Karl F. Flögel in "Geschichte der komischen Litteratur" (1785, 2. Bd., S. 484-488). In "Grundfeste Catholischer Warheit…" (1617) wird betont, dass aufgrund der "Sodomiterey" auch Calvins Freunden "ein Makel anklebt" (S. 240), womit der Autor eben nicht nur Calvin, sondern auch de Bèze treffen wollte.

Falschmeldungen können sich, wenn sie auf fruchtbaren Boden fallen, zu wilden Phantasien entwickeln. Der katholische Theologe Leonhard Mayr schreibt in seinem Buch "Mariae Stammen Buch…" (1642) Calvin sei zur Sodomie "verführet" worden, Calvinisten wie er seien für 5.000 ermordete Priester verantwortlich, aber aufgrund seiner "Ketzerey" habe die Vorhölle für ihn schon zu Lebzeiten eingesetzt: Er sei krank gewesen, Würmer und Läuse seien aus seinem Körper gekommen und seinen "Gestanck kon[n]t[e] niemand erdulden" (S. 165-167). Die Verwendung des Motivs Würmer ist dabei ein alter Topos aus der polemischen Anti-Ketzer-Literatur.

Im Kontext der späteren Homosexuellenbewegung befasste sich H. J. Schouten in seinem Artikel "Die vermeintliche Päderastie des Reformators Jean Calvin" im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (7. Jg., 1905, S. 289-306) mit diesen Vorwürfen und druckte hier als Dokument auch einen Kupferstich ab, der die angebliche Brandmarkung wegen homosexueller Handlungen zeigen soll (S. 306).

Der Stand der Forschung

Es gibt mittlerweile einige Publikationen über Homosexualität in der Reformationszeit. Erinnert sei an die Publikationen von Bernd-Ulrich Hergemöller wie "Männer, 'die mit Männern handeln' in der Augsburger Reformationszeit" (2000) oder auch an die Publikationen von Helmut Puff wie "Sodomy in Reformation Germany and Switzerland 1400-1600" (2003).

Im Rahmen des 500. Reformationsjubiläums hielt Helmut Puff auch diverse Vorträge über Homosexualität in der Reformationszeit, die sich mit spannenden Fragestellungen beschäftigten: Wie würde es Homosexuellen heute gehen, wenn es Luther nicht gegeben hätte? Welche Weichen wurden in der Reformationszeit für Homosexualität in Bezug auf Lebenswerte und gesellschaftliche Normen gestellt? Die Vorwürfe gegen Théodore de Bèze und Jean Calvin wegen homosexueller Handlungen sind ein Teil in diesem gesellschaftlichen Puzzle und gehören wohl zu den bekanntesten Fällen sexueller Denunziation in dieser Epoche.

Die Einschätzung der Denunziationen gegen de Bèze und Calvin

Ferdinand Karsch kommt im "Jahrbuch" von 1902 zu dem Schluss: "Für die Behauptung, Beza sei Urning [ein Homosexueller] gewesen, lässt sich auch nicht die Spur eines eigentlichen Beweises erbringen, jedoch bleibt Beza eine für die Geschichte des Uranismus [der Homosexualität] ausserordentlich interessante Persönlichkeit" (S. 343). Drei Jahre später kommt Schouten im "Jahrbuch" von 1905 in Bezug auf Calvin zu einem ähnlichen Ergebnis: "Wir glauben […], daß die Beschuldigung, Calvin habe Pedication getrieben, als eine boshafte und absichtliche Verleumdung eines konfessionellen Gegners zu betrachten ist" (S. 306). Beide Einschätzungen verwundern mich nicht. Sie sind auch unter Berücksichtigung des Umstandes spannend, dass gegenüber dem WhK, dem Herausgeber der Jahrbücher, oft der Vorwurf erhoben wurde, jeden Prominenten als Homosexuellen zu vereinnahmen.

Jean Calvin als Gutachter

Auf einer Homepage habe ich den Hinweis gefunden, dass Johannes Calvin die Genfer Kirchenordnung (1541) verfasst habe, wonach gegen "sittenwidrige" Taten wie Homosexualität und Ehebruch mit aller Härte, bis zur Hinrichtung, vorgegangen wurde. Dies lässt sich jedoch anhand der "Genfer Kirchenordnung (hier Ausgabe von 1593) nicht bestätigen und ist auch sehr unwahrscheinlich, weil für schwere Delikte, die mit der Todesstrafe bedroht waren, nur die weltlichen Gerichte zuständig waren.


Reformator Jean Calvin wurde ebenfalls von seinen Gegnern als schwul denunziert

Aus einem Verfahren im Jahr 1554 ist allerdings ein Gutachten bekannt, dass Jean Calvin gemeinsam mit einem weiteren Geistlichen und zwei Juristen in einem Sodomieprozess für das Genfer Stadtgericht im Jahr 1554 einreichte (s. William Naphy, 2002). Dabei ging es um fünf männliche Jugendliche, bei denen das Gutachten empfahl, die zwei jüngeren mit Prügeln zu bestrafen und sie streng zu verwarnen; für die drei älteren schlug das Gutachten die Todesstrafe oder wahlweise die Prügelstrafe vor. Das Gericht ließ daraufhin auch die älteren Jungen "nur" prügeln. Es entsprach auch der gängigen Verteilungspraxis, bei der – trotz Todesstrafe – Jugendliche häufig milder als Erwachsene bestraft wurden.

Fazit

Was mir bei der Einschätzung beider Autoren fehlt, ist die stärkere Berücksichtigung der religiösen Hintergründe, ohne den die Denunziationen nicht zu verstehen sind. Natürlich sagen diese Dokumente viel aus über die gesellschaftliche Einstellung zur Homosexualität, denn auf Homosexualität stand schließlich die Todesstrafe, die zu dieser Zeit auch angewendet wurde.

Die Dokumente sagen aber vor allem etwas aus über den Hass der Religionen. Damit meine ich nicht nur den Hass zwischen Protestanten und Katholiken, sondern auch den Hass zwischen Calvinisten und Lutheranern. Der Vorwurf, ein Sodomit zu sein, war offenbar nur schwer zu entkräften. Die Denunzianten konnten sicher sein, dass irgendwas schon hängen bleiben würde.

Auf diese Weise wird die sexuelle Denunziation seit Jahrhunderten als effektive Waffe nicht nur gegen politische, sondern auch gegen religiöse Gegner eingesetzt. Es geht gar nicht so sehr um Homosexualität, sondern um die alte Frage, welche Religion denn die richtige sei. Und für diese Frage wurde gelogen, geheuchelt und gemordet.



#1 Sven100Anonym
  • 24.06.2019, 11:34h
  • "Wie würde es Homosexuellen heute gehen, wenn es Luther nicht gegeben hätte? "

    Zur Beantwortung dieser Frage sollte man in die katholischen Länder, die nicht oder kaum von der Reformation berührt wurden, blicken: Italien, Spanien, Portugal, Südamerika. Die Menschen in diesen Ländern drücken beim Thema (Homo-)Sexualität ein Auge zu, denn "der Papst ist weit weg"
    Die Reformation dagegen bewirkte, dass sich die Kontrollfunktion des Menschen von Papst und Kirche weg zum eigenen Gewissen verlagerte, vor dem man nicht weglaufen kann. Viele strenge(!) Protestanten laufen daher oft mit einem ernsten Gesicht herum und verbieten sich viele Freuden des Lebens, zu denen auch die Sexualität in ihrer ganzen Fülle zählt.

    Die Lehren der Reformatoren führte in vielen Fällen zur harten Verfolgung von untreuen Eheleuten und Homosexuellen. So wurden in den calvinistischen Niederlanden die Homosexuellen aufs grausamste verfolgt.

    Das alles muss man natürlich aus der Zeit der Reformation betrachten. Heute sind die meisten katholischen und reformierten Länder eher liberal.
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#2 Religioten-WatchAnonym
  • 24.06.2019, 15:10h
  • Antwort auf #1 von Sven100
  • Die meisten Länder, in denen Christen wie z.B. Katholen oder Protestanten immer noch viel zu viel mitreden dürfen, sind nur deshalb liberaler, weil die Christen dort relativ auf ihren Platz verwiesen werden, indem man zumindest teilweise ihre unbotmäßigen Versuche der Einflussnahme verhindert.

    Länder wie Russland, Nigeria oder Kenia, in denen Christen schalten und walten dürfen, wie sie möchten, werden LGBT*IQs diskriminiert, verfolgt und mit dem Tod bedroht.
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#3 TheDadProfil
  • 24.06.2019, 21:47hHannover
  • Antwort auf #1 von Sven100
  • ""Zur Beantwortung dieser Frage sollte man in die katholischen Länder, die nicht oder kaum von der Reformation berührt wurden, blicken: Italien, Spanien, Portugal, Südamerika. Die Menschen in diesen Ländern drücken beim Thema (Homo-)Sexualität ein Auge zu, denn "der Papst ist weit weg" ""..

    Weit weg ?
    Italien ?
    Ja, nee, ist klar..
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