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Erotische Lehrer-Schüler-Beziehung

Eine schwule Liebe in Nazi-Deutschland

Der international geschätzte Giftgas-Experte Rudolf Hanslian schrieb Anfang der Vierzigerjahre einen autobiografischen schwulen Liebesroman. Fast 80 Jahre später wird "Stephan" erstmals veröffentlicht.


Ausschnitt aus dem Cover: Rudolf Hanslians Roman "Stephan" ermöglicht einen völlig neuen Blick auf eine kontroverse Persönlichkeit der deutschen Zeitgeschichte (Bild: Männerschwarm)

Ausgerechnet im Münchener Hofbräuhaus macht der Chemiker Doktor Rainer im Jahr 1940 eine Begegnung, die seine weiteren Pläne verändern sollen: Auf dem Zwischenstopp von seiner Heimat Berlin in den Wanderurlaub in den österreichischen Alpen fällt ihm der junge Student Stephan von Valén auf. Dieser zunächst als "ohne Emotionen und Sensationen, ohne Beschwingtheit und Beeindruckung" beschriebene Tag kehrt sich doch ins Gegenteil.

Die Zuneigung trifft auf Gegenseitigkeit, auch der Chemiestudent scheint an dem deutlich älteren Mann interessiert. Dessen humanistische Bildung und sein Talent zum Zitat faszinieren ihn genauso wie das gemeinsame Interesse für Musik und antike Philosophie.

Doch Doktor Rainer – der allwissende Erzähler nennt ihn oft nur den Doktor – verlässt München in Richtung Salzburger Alpen, wo vom Krieg wenig zu spüren ist. Der Student beendet sein Semester kurzerhand etwas früher und folgt ihm nach, so groß ist die Sehnsucht. Es entwickelt sich ein "Freundschaftsbund griechischer Neigung", eine erotische Lehrer-Schüler-Beziehung.

Hanslians Homosexualität wurde erst durch den Roman bekannt


Rudolf Hanslian (1883-1954) leitete von 1931 bis 1937 die Zeitschrift "Gasschutz und Luftschutz". 1949 wurde er zum Herausgeber der "Apothekerzeitung" berufen

Es ist eine kleine Sensation, dass der autobiografische Roman "Stephan – Fragment einer Leidenschaft" doch noch veröffentlicht wurde. 1940 geschrieben, war eine Publikation unter den Nazis unmöglich, und auch später in der Bundesrepublik – so berichtet es das ausführliche und akribisch recherchierte Nachwort von Detlef Grumbach – erfolglos.

Durch einen glücklichen Fund kam das Manuskript ans Licht: Auf dem Dachboden von Rudolf Hanslians Neffen hat es dessen Enkel schließlich entdeckt. Der Autor selbst hat sich die Veröffentlichung ausdrücklich gewünscht, auch wenn sie seine Person in ein neues Licht rückt. Rudolf Hanslian war an den deutschen Giftgas-Einsätzen im Ersten Weltkrieg beteiligt, wurde Experte auf diesem Gebiet und Herausgeber verschiedener Fachzeitschriften.

Hanslian war weder Nationalsozialist noch Teil des Widerstandes, auch wenn es nach dem Krieg so dargestellt wurde. Dass er, der nach der Befreiung vom Faschismus unter anderem die Apothekerzeitung herausgegeben hat, unter den Nazis nach Paragraf 175 verurteilt wurde, wurde erst durch den Roman bekannt. In der "Erzählung des Doktors" berichtet er von den Ermittlungen, vom Verfahren, der Zeit in Untersuchungshaft und schließlich im Tegeler Gefängnis.

Der Roman ist Mahnung und Erinnerung


"Stephan" ist im Männerschwarm Verlag erschienen

So ist der Roman einerseits bedeutendes historisches Dokument eines Zeitzeugen, der die Schwulenverfolgung unter den Nazis selbst erleben und erleiden musste. Andererseits gibt er spannende Einblicke in eine idealisierte, hochstilisierte homoerotische Lehrer-Schüler-Beziehung nach antikem Vorbild.

Diese Schilderungen sind bisweilen aufgeplustert – allein der erste Satz des Romans geht über elf Zeilen – und driften hier und da ins Kitschige ab. Hanslians Stil, voller Pathos, Platon- und von Platen-Zitaten, schwülstigen Beschreibungen der Berge und dozierenden Reden ist zweifellos gewöhnungsbedürftig, am Ende jedoch verzeihlich und von Seite zu Seite sympathischer.

Rudolf Hanslian hat seinen Roman geschrieben, um aufzuklären und um Identifikationsfläche zu sein. Er sollte nach seinen Angaben "vor der Welt verborgen ruhen, bis die Stunde der Freiheit für sie und für Europa schlägt". Heute, wo diese Freiheit zwar in Europa weitestgehend herrscht, aber auch bedroht wird, sollte er uns als Mahnung und Erinnerung zugleich dienen.

Infos zum Buch

Rudolf Hanslian: Stephan. Fragment einer Leidenschaft. Roman. 320 Seiten, Männerschwarm. Hamburg 2018. Taschenbuch: 24 € (ISBN 978-3-86300-258-9). E-Book: 17,99 €


#1 lindener1966Profil
  • 29.06.2019, 20:25hHannover
  • Habe den Roman neulich gelesen und obwohl die Sprache sehr gewöhnungsbedürftig ist -sie ist hochtrabend genau und präzise, wie ich sie noch vom Lateinunterricht kenne. er benutz z.B. noch den traditionellen Dativ mit der Endung "e" - habe ich es nicht bereut. Sein Ideal einer schwulen Beziehung lehnt sich an das der alten Griechen an mit ihrem pädagogischen Eros. Es ist also auch immer eine Schüler - Lehrer Beziehung. Darin liegt für ihn der Sinn der Homosexualität. Der Ältere gibt seine Erfahrung an den Jüngeren weiter, was dann auch somit der Gesellschaft als ganzer zugute kommen soll. Manches ist recht kitschig, manches aber auch sehr bildhaft-romantisch und schön. Kritik am Nationalsozialismus wird nur ganz leise ausgesprochen, durch den Jüngeren.
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#2 ErlkönigAnonym
#3 steffdaAnonym
  • 30.06.2019, 11:17h
  • Antwort auf #2 von Erlkönig
  • "Ein solcher Tiefschlag ist gewiss der Roman Stephan: Fragment einer Leidenschaft..." (
    dasendedessex.de/von-seite-zu-seite-sympathischer-der-giftga
    s-wissenschaftler-rudolf-hanslian-wird-auf-queer-de-gefeiert
    /)


    Warum ist der Roman ein Tiefschlag? Ist der Roman schlecht, weil dessen Autor auch sehr kritisch zu sehende Dinge in seinem Leben gemacht hat?

    Ich behaupte mal in jeder Biografie finden sich Widersprüche und Brüche.
    Die hier von Heinz-Jürgen Voss zugrunde gelegte Annahme das Leben eines Menschen müsse widerspruchsfrei, ungebrochen.. nun... letztlich vor sich hin plätschern, ist an Idealisierung, an... letztlich.. Kitschigkeit kaum zu überbieten.

    Warum gelingt Differenzierung nicht mehr?

    Warum können der Roman nicht gewürdigt und andere Dinge in Hanslians Leben nicht kritisiert werden? Warum diese Ausschließlichkeit?
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#4 dellbronx51069Anonym
#5 KageAnonym
  • 30.06.2019, 13:48h
  • Der Roman ist ein Zeitdokument. Eines, durch das ich mich hindurch quälte. Da ist diese wichtigtuerische inhaltsleere Sprache: Hochwörter, entleerter Pathos, epigonal-romantische Sentimentalität, Traktätchen und Zitate, klassische Kultur als Fassade. Der damit geschaffene Text ist durchzogen von einem Bedürfnis der Rechtfertigung. Es scheint als schreibe da einer, der sich darüber wundert, dass er wegen seiner Liebe zu jungen Männern von der (nationalsozialistischen) Gemeinschaft ausgestoßen wurde, wo er doch, wie er meint, mit seinem Wissen, seinem Können und seinem pädagogischen Eros so viel Potenzial für diese hätte. Sympathisch geht anders.
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