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Enthüllungsroman

Ein Stricher im Paris der Zwanzigerjahre

Alec Scouffis historischer Roman "Hotel zum Goldfisch" aus dem Jahr 1929 über das Leben eines jungen Sexworkers in Montmarte ist neu in der Bibliothek rosa Winkel erschienen.


Altbau in Montmarte (Bild: Alessandro Prada / flickr)
  • Von Alkis Vlassakakis
    30. Juni 2019, 06:59h, noch kein Kommentar

In Montmartre tummelte sich die Halbwelt von Paris, mittendrin der kleine Chouchou. Eigentlich Pierre, aber in der Übersetzung von Karl Blanck und Helene Schauer wird daraus ein Peter. Ein Ausreißer ist er, der der Mutter einen Batzen Geld gestohlen hat. Jetzt will er die weite Welt entdecken, kommt aber aus Paris nicht raus.

Schritt für Schritt verkommt der junge Mann, er hat Liebschaften und Begegnungen mit Frauen und Männern. Er ist Muse für Künstler und ein nicht immer billiges Vergnügen für Familienväter aus der Provinz.

Das ist nicht "Pretty Woman"


"Hotel zum Goldfisch" ist in der Bibliothek rosa Winkel des Männerschwarm Verlags erschienen

Und immer wieder blitzt bereits zu Anfang die Tragik der Lebensverhältnisse in der illegalen Prostitution durch, die Repression durch die Polizei, die Konkurrenz, die Gewalt.

Seine geliebte Luise, sein Lover Bob, der Konkurrent Luc und Bijou, die Matrone mit dem großen Herzen – sie alle sind bunte Glassteinchen im Kaleidoskop des Vergnügungsviertels rund um das namengebende "Hotel zum Goldfisch". Diese Herberge mit dem zweifelhaften Ruf ist dabei Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, der Verlust dieses Ankerpunkts besiegelt den Niedergang Peters.

Die Romantik einer "Pretty Women" sucht man in dem Roman von Alec Scouffi vergebens. Scouffi bedient den Zeitgeist, der in vermeintlich realistischen Enthüllungsromanen dem Bürgertum Erbauung mit moralischer und anrüchiger Literatur lieferte. So etwas verkauft sich auch heute noch gut und dient oft genug als Feigenblatt, erotische Szenen zu skizzieren. Wobei Scouffi sich mit Andeutungen begnügt und nie pornografsch wird, auch wenn die Bandbreite der angedeuteten Sexualpraktiken und Fetische recht beachtenswert ist.

Mitunter liest sich das Buch wie eine Vorlage für eine große Oper, auch Chouchou leidet schlussendlich an Tuberkulose, was in diesem Genre gerne beschönigend als Schwindsucht bezeichnet wird und immer zum Ende der tragischen Opernfigur führt. Die Nähe zur Oper ist nicht ganz zufällig, wie Herausgeber Wolfram Setz in seinem – wie immer gründlich recherchiertem – Nachwort beschreibt.

Tod in der Halbwelt


Alec Scouffi veröffentlichte 1929 mit "Hotel zum Goldfisch" (Au Poiss' d'Or. Hôtel meublé) seinen Debütroman (Bild: Männerschwarm)

Alec Scouffi wurde als Alexandre Scouffi 1885 im ägyptischen Alexandria in eine wohlhabende griechische Familie hinein geboren, er studierte Gesang und schrieb bereits in Alexandria Lyrik. Dort war er auch mit dem schwulen griechischen Poeten Konstantin Kavafis bekannt. Er übersiedelte 1920 nach Paris und reüssierte gelegentlich als Sänger in Brüssel und Monaco, auch wenn er diese Laufbahn auf Grund gesundheitlicher Probleme nicht permanent einschlagen konnte. Er schrieb und veröffentlichte seine Gedichte mit einigem Erfolg auf Französisch, der bevorzugten Fremdsprache des gehobenen griechischen Bürgertums.

1932 wurde Alec Scouffi mit dutzenden Stichwunden tot in seiner Wohnung aufgefunden, der Mordfall erregte die Aufmerksamkeit der Pariser Öffentlichkeit. In zahlreichen Nachrufen wurde immer auch die Nähe zum Milieu betont, über das Scouffi 1929 in "Au Poiss' d'Or. Hôtel meublé" so lebensnah schrieb.

Bereits 1930 erschien die deutsche Übersetzung als "Hotel zum Goldfisch" im Leipziger Elite Verlag, die dieser Neuausgabe zu Grunde liegt. Und so erklärt sich auch die gesetzte, für heutige Leser*jnnen etwas altmodisch wirkende Sprache des Romans, mitsamt seiner eingedeutschten Eigennamen. Das Bild aber, das Scouffi von den heute nicht mehr existierenden Vergnügungsvierteln zwischen dem Place Pigalle und dem Bois de Boulogne zeichnet, ist amüsanter und weitaus lebensnaher, als es Hollywood mit "Moulin Rouge" oder "Irma La Douce" je sein durfte. Daran ändert auch die Übersetzung nichts.

Infos zum Buch

Alec Scouffi: Hotel zum Goldfisch. Roman. In der Übersetzung von Karl Blanck und Helene Schauer mit einem Nachwort von Wolfram Setz, Festeinband. 244 Seiten. Bibliothek rosa Winkel, Band 75, Männerschwarm Verlag / Salzgeber Buchverlage. Berlin 2019. 18,00 €. ISBN 978-3-86300-075-2