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Kölner CSD-Empfang

Stonewall war keine Onlinepetition!

Veränderung heißt für Johannes Kram, der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft auf die Nerven zu gehen. Wir dokumentieren seine starke Rede, die er am Samstag zur Verleihung der Kompassnadel gehalten hat.


Der Nollendorfblogger und Buchautor Johannes Kram wurde am Samstag beim Kölner CSD-Empfang vom Schwulen Netzwerk NRW mit der Kompassnadel ausgezeichnet – und bedankte sich mit einer kämpferischen Rede (Bild: Dietrich Dettmann)

Liebe Freundinnen und Freunde,

erinnert Euch mal bitte zwei Jahre zurück: Als wir damals hier und anderswo die Ehe für alle gefeiert haben, haben viele vorausgesagt, dass die Community bald auseinanderfallen oder an Bedeutung verlieren wird. Es hieß, nach dem Kampf um die Ehe gäbe es kein gemeinsames Ziel, kein gemeinsames Verständnis mehr.

Ich bin jetzt seit anderthalb Jahren auf Lesereise und lerne die Community in den großen, aber auch vielen ganz kleinen Städten kennen. Doch egal wo ich hinkomme, erlebe ich genau das Gegenteil: Die Community ist so stark wie nie! Die CSDs erleben überall einen Zulauf, werden diverser, jünger. Es werden sogar neue CSDs gegründet; überall gibt es vor Ort tolle Leute, die tolle Arbeit machen. Und es werden immer mehr! Was sich da zeigt, ist wirklich etwas Besonderes, etwas Wertvolles.

Obwohl wir als Community unterschiedliche Identitäten, unterschiedliche Formen von Begehren haben, so haben wir doch ein Gespür für das, was uns eint, ein diffuses inneres Verständnis, was uns als Community ausmacht und warum uns unsere Bewegung so wichtig ist. Und das obwohl wir eben nicht eine einheitliche Gruppe mit einem einheitlichen Ziel sind. Wir sind Community nicht trotz unserer Unterschiede, sondern auch wegen unserer Unterschiede. Wir haben gelernt, dass Diversität nicht schwach, sondern stark macht.

Ja, bei allem Streit: Wir können verdammt stolz auf unsere Community sein. Lasst sie uns bitte nicht kaputtreden. Sie ist die größte und nachhaltigste Bürgerbewegung, die dieses Land aufzuweisen hat.

Wir lernen, wir wachsen aneinander, miteinander

Aber sie ist noch mehr: In einer Zeit, in der behauptet wird, Gesellschaft bestünde immer mehr nur aus einer Ansammlung von Einzelinteressen, in der jeder angeblich nur noch in seiner eigenen Blase unterwegs ist, ist unsere Community der beste Gegenbeweis. Bei allen Schwierigkeiten und Konflikten: Unsere Bewegung hat in der Tradition von Stonewall erlebt, dass Solidarität funktioniert! Wir haben gelernt, dass es möglich ist, mit Menschen mitzufühlen und mitzustreiten, die biografisch von ganz woanders kommen, die teilweise ganz anders ticken als wir. Wir lernen, wir wachsen aneinander, miteinander.

Die dritte Option im Personenstandsrecht war nicht nur für intersexuelle Menschen wichtig, sie war eine Auseinandersetzung, ein Fortschritt zum Thema Geschlecht, von dem wir alle profitieren. Und genau so müssen wir uns alle gemeinsam gegen diesen neuen Entwurf zum Transsexuellengesetz stemmen, weil der Staat hier übergriffig ist auf das, was uns allen gleich wichtig sein muss: das Recht, selbst über seine eigene Identität zu bestimmen.


Johannes Kram mit der ziemlich schweren Kompassnadel (Bild: Dietrich Dettmann)

Und deswegen ist es wichtig, dass wir mit dieser Erfahrung als Community dazu beitragen, dass diese Solidarität, dass diese Fähigkeit zum Perspektivwechsel auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen gelingt. Besonders bei denen, die oft aus dem Blick geraten: Menschen mit Behinderung zum Beispiel, Menschen, die prekär leben, ältere Menschen und, natürlich, Menschen, die von Rassismus, von Sexismus betroffen sind, auch und gerade auch in der eigenen Community!

Sich unbeliebt machen, die Dinge beim Namen nennen

Aber auch das ist eine Lehre aus Stonewall: Alles, was wir erreicht haben, haben wir nur durch ausdauernden Kampf erreicht. Natürlich muss auch Dialog sein. Er hilft, unsere Anliegen zu verankern. Er schafft notwendige Brücken und Verständnis. Doch nichts von dem, was tatsächlich verändert und verbessert wurde, ist nur durch Dialog passiert. Entscheidend für Veränderung war immer das Kämpfen. Und das heißt, auf die Nerven gehen, Druck machen, sichtbar sein, Konsequenzen ziehen, sich unbeliebt machen, die Dinge beim Namen nennen. Und noch mal: auf die Nerven gehen!

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir wieder deutlicher, wieder kämpferischer und auch wieder etwas radikaler werden! Liebe Freundinnen und Freunde, ich sage es auch hier: Stonewall war keine Onlinepetition! Und das gilt auch für die Kämpfe, die wir heute zu führen haben.

Wir müssen viel entschiedener für die von uns kämpfen, die in anderen Ländern verfolgt und bedroht werden. Und das fängt hier an: Wer sich als internationale Marke mit dem Regenbogen schmückt und sagt, "dafür stehen wir", von dem müssen wir erwarten, dass er das nicht nur hier auf den CSDs so macht, sondern auch da, wo es schwierig ist und sich dort nicht auf die Seite unserer Gegner schlägt. Wer anderswo gegen uns ist, kann hier nicht für uns sein!

Die Schuld liegt nicht bei uns

Und da es ja hier in Deutschland so gerne heißt: "Ja was wollt ihr eigentlich noch, ihr habt doch jetzt alles erreicht": Nur ein Drittel aller LGBTI-Beschäftigten sind out im Job. Ein Drittel! Warum das so ist, davon erzählen mir auf meinen Lesungen immer wieder ältere wie auch junge, aufgeweckte und selbstbewusste Leute. Machen wir uns nichts vor: Hunderttausende unserer Leute haben kein Vertrauen darauf, dass auf ihrer Arbeit gut mit ihnen umgegangen wird, wenn es hart auf hart kommt. Das ist leider die Realität in diesem Land.

Und wir müssen endlich wirksam gegen die "schwule Sau" und das alltägliche Mobbing von queeren Jugendlichen an den Schulen vorgehen. "We are Family" heißt auch: Das sind unsere Kids!

All das erreichen, das verändern wir nicht, indem wir noch netter sind, noch verständnisvoller sind, noch mehr Imagekampagnen machen, noch mehr Dialog führen. Das verändern wir, in dem wir die Schuld für solche Zustände nicht bei uns suchen, sondern die homophoben Strukturen klar benennen und gegen sie angehen:

Es braucht Aktionspläne., es braucht klare Regeln in den Unternehmen, in den Schulen. Und ja, es braucht unseren Schutz im Artikel 3 des Grundgesetzes!

Sich verstecken, aufpassen müssen, wo und wem man vertrauen kann, sich und andere anlügen, immer angreifbar sein, immer Gespött sein können, sich etwas vormachen: All das macht Stress. Und Studien zeigen: das macht krank, vermindert die Chancen im Beruf, Schule und im alltäglichen Leben.

Gleichen Rechten müssen gleiche Chancen folgen

Liebe Freundinnen und Freunde, wir haben für gleiche Rechte gekämpft. Jetzt müssen wir für gleiche Chancen kämpfen! Doch gleiche Chancen für unsere Leute kann es nicht geben, wenn out im Job und Coming-out bei jungen Leuten immer noch so ein Riesenproblem ist.


Der Kölner CSD-Empfang wird jährlich vom Schwulen Netzwerk NRW und der Aidshilfe NRW ausgerichtet (Bild: Dietrich Dettmann)


Dass das in Deutschland so ist, hat auch viel mit dem Versagen der Medien hier zu tun, die es nicht schaffen, uns endlich angemessen in unserer Vielfalt abzubilden.

Und wenn ich schon in Köln bin, und weil der WDR den homophoben Mist, den er manchmal produziert, oft gar nicht wahrhaben will:

Lieber WDR, aber auch gerne an alle anderen Medien: Homophobie bedarf keiner Absicht. Man kann auch homophob sein, wenn man es nicht will. Wir alle leben in einer strukturell homophoben, in einer strukturell rassistischen Gesellschaft. Es reicht nicht, nicht homo- oder transphob sein zu wollen. Man muss es tun und man muss es können. Es braucht klare Leitfäden: Das ist der Grund, warum wir damals den Waldschlösschen Appell gemacht haben.

Das vergiftete Toleranz-Gerede

Aber natürlich ist nicht nur die unreflektierte, die schrecklich nette, die "Ich hab ja nichts gegen, aber-"Homophobie ein Problem, dem wir uns noch viel stärker stellen müssen, sondern auch die Homophobie, die ganz genau so gemeint ist: Die Homo-, Trans-, und Interphobie der Menschen, die uns ganz bewusst abwerten für den billigen Lacher, die billigen Wählerstimmen, das billige "Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen!" Allein schon deswegen darf Annegret Trump-Karrenbauer nie Kanzlerin dieses Landes werden! Und weil diese Leute immer sagen: "Aber wir sind doch tolerant", lasst uns nie vergessen, wie vergiftet dieses Toleranz-Gerede ist.

Und man muss es klar aussprechen: Auch die Position der katholischen Kirche stellt einen Gewaltaufruf dar, denn auf Zweigeschlechtlichkeit zu bestehen, bedeutet einen brutalen Eingriff in die körperliche und seelische Unversehrheit von Menschen. Die Kirche müsste hier gesellschaftlich genau so geächtet werden wie es mit Organisationen und Parteien geschieht, die eine gewalttätige Stimmung gegen Ausländer verbreiten.

Nollendorfblog vom 26. Januar 2015:

Wer sich mit Toleranz zufriedengibt, bedankt sich dafür, nicht verfolgt zu werden. Wer sich dafür bedankt, nicht verfolgt zu werden, wird es irgendwann wieder werden. Toleranz funktioniert nicht. Sie konserviert das Ressentiment, das Gefühl, dass der andere nur deswegen so anders als man selbst sein darf, weil man es hinnehmen muss. Und nicht, weil Menschen eben anders sind und das gut so ist. Toleranz möchte das Anderssein des anderen überwinden und nicht das Problem, was Menschen mit dem Anderssein anderer Menschen haben.

Lasst uns das ändern. Lasst uns unsere Gesellschaft verändern. Lasst und gemeinsam weiterkämpfen!



#1 KetzerEhemaliges Profil
  • 06.07.2019, 17:59h
  • Lieber Johannes,

    vielen Dank für Deine großartige Rede.
    Ich stehe 100%ig auf Deiner Linie und könnte fast jeden Satz noch einmal betonend hervorheben.

    Meine Unterstützung hast Du - hat das Grundthema solidarisch gemeinsam kämpfen - solange ich das noch kann in meinem Leben.

    Beste Wünsche Dir und uns allen für die Zukunft!
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#2 FaktencheckAnonym
#3 zundermxeAnonym
#4 LotiAnonym
#5 ZustimmungAnonym
  • 06.07.2019, 20:53h
  • Genau, so ist es. Den Leuten, die diskriminieren, schön auf den Zahn fühlen. Nicht still sein, nicht dulden, sondern Grenzen deutlich machen: verbal und non-verbal.

    "Auf die Nerven gehen"
    Ja, auch das. Da, wo es einem selbst möglich ist. Aber zuerst ausloten, wie weit man gehen kann. Man sollte sich nicht selbst schaden dabei. Also: überlegen wie, wann, wo, und bei wem/bei was.

    Erst heute Morgen hatte ich eine Gelegenheit. Die Situation war typisch: ich sitze in der Bahn, hinter mir eine Person. Ich gehe auf die Toilette, komme zurück, und: dann geht das Dauer-Räuspern dieser Person hinter mir los, aber nicht aufgrund von Erkältung, sondern absichtlich. Einmal gehört und ich antwortete mit demselben. Das wirkte. Diese Person war überrascht ;-) Sie versuchte es zwar noch paar Mal, aber längst nicht mehr so überzeugt wie sie wollte. Am Ende war sie still. Als ich ausstieg und an ihr vorbei ging, sah ich ein Hauch von Achtung in ihrem Gesicht - Achtung nicht als Warnung, sondern Achtung im Sinne von leichtem Respekt.
    Quasi hab ich ihr den Spiegel vorgehalten so nach dem Motto: "Schau mal, was du da gerade machst."

    Man muss Situationen immer ausloten und herausfinden, was in welcher Situation am besten sein kann. Und sobald was wirkt, fühlt es sich sehr gut an :-)

    Danke für den Kommentar, sehr lesenswert.

    ©BuntesUndSchönes
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#6 Dont_talk_aboutProfil
  • 06.07.2019, 22:03hFrankfurt
  • Naja, es wird immer Leute geben, die gar kein INTERESSE daran haben, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielt, weil man ihr Engagement dann nicht mehr bräuchte.

    Das muss man wissen, um die Rede beurteilen zu können.
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#7 EulenspiegelAnonym
  • 06.07.2019, 22:39h
  • Antwort auf #6 von Dont_talk_about
  • Es wird immer Menschen geben, denen es wichtiger ist, Engagierte zu diskreditieren als sich selbst zu engagieren oder wenigstens Unrecht sls solches anzusprechen.

    Das muss man wissen, um deinen Bullshitkommentar einzuordnen.
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#8 stromboliProfil
  • 06.07.2019, 22:59hberlin
  • Antwort auf #6 von Dont_talk_about
  • >> Naja, es wird immer Leute geben, die gar kein INTERESSE daran haben, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielt, weil man ihr Engagement dann nicht mehr bräuchte. <<

    Mit anderen worten: schafft das schwule ab.
    Endlich die endlösung, die unsere heterosexuellen mitmenschen beim denken über die ihnen ungenehme minderheit der gleichgeschlechtlichen immer im hinterkopf hatten modisch aufgemotzt.
    Man merkt, das hinter dem entzaubern dessen was man als sozial aufoktruierte orientierung erfasst glaubt, das wissen um triebkonstrukte verloren gegangen ist.
    Wer aber aus sozialen repressionen entstehende deformierungen der sexuellen psyche gleichsetzt mit grundlegend vorhanden triebstrukturen, die eine fixierung auf ein libidoobjekt beinhalten, hat grundsätzlich von sexualität nichts verstanden.
    Der bewegt sich aber auch gefährlich an einer strategie der neutralisierung vorhandener libidos zwecks zuordnung unter eine neu zu erschaffende sexualnorm.
    Von der heteronorm hinein in die queernorm.

    Das problem solcher modeerscheinungen ist, dass meist junge menschen in ihrer phase des ausprobierens nicht mehr sich mit dem ausprobieren zufrieden geben, sondern meinen, ihre neugierde sei gleich auch der weisheit letzter schluss.
    Wollen wir doch mal sehen, wo in 10-20 jahren die selben vorreiter stehen, wenn sich ihr entdeckerdrang erschöpft hat und sie wieder in die alten rollen zurück fallen.. selig daran denkend wie progressiv sie doch mal daher kamen.

    Bullshit!
    Es wird für alle kommenden formen sexueller interaktionen immer triebstrukturern geben die in die eine wie andere richtung sich manifestieren!
    Es ist dies auch die ursache , nicht die soziale prägung, die eine manifeste orientierung hervorruft.
    Ohne triebstruktur, keine sexualität!

    Das "engagement für eine orientierung bezieht sich auf die sozialen imblikationen die gesellschaft vorgibt.
    Da wird engagierter/e sich mit den gesellschaftlichen regeln beschäftigen, die der orientierung/libido-triebstruktur fesseln anlegt.
    Also auch die sicher nötiger als jeder umpolungsapologet der sich hinter der vermutung verbirgt, orientierung sein überflüssiges sozialgedöns.
    Solange es geschlechter gibt und geben wird, wird orientierung ein sozialer akt der selbstverwirklichung bleiben!
    Wie weit sich der begriff geschlechter erweitern wird, ist hier dann ebenso eine frage der sozialen weiterungen, also die einer orientierung!
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#9 Ith_Anonym
  • 06.07.2019, 23:05h
  • Ich sach jetz einfach mal: trans*, pervers und trotzdem schwul.

    Mal gucken, ob's zur Orientierung bzgl. szeneinterner Akzeptanz schon reicht.
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#10 stromboliProfil
  • 06.07.2019, 23:15hberlin
  • Antwort auf #5 von Zustimmung
  • >> Erst heute Morgen hatte ich eine Gelegenheit. Die Situation war typisch: ich sitze in der Bahn, hinter mir eine Person. Ich gehe auf die Toilette, komme zurück, und: dann geht das Dauer-Räuspern dieser Person hinter mir los, aber nicht aufgrund von Erkältung, sondern absichtlich. Einmal gehört und ich antwortete mit demselben. Das wirkte. Diese Person war überrascht ;-) Sie versuchte es zwar noch paar Mal, aber längst nicht mehr so überzeugt wie sie wollte. Am Ende war sie still. Als ich ausstieg und an ihr vorbei ging, sah ich ein Hauch von Achtung in ihrem Gesicht - Achtung nicht als Warnung, sondern Achtung im Sinne von leichtem Respekt. <<

    Mal nachgefragt: was war an deinem gang zur toilette so zum räuspern, das die person sich räuspern musste.
    Gibt es etwas , das dich hervorhebt beim gang aufs scheißhaus, das andere sich räuspern müssen...
    Oder wird da eine geschichte konstruiert, die eher nach verfolgungswahn klingt als nach wirklich stattfindender homophobie..
    Gegenräuspern als respektseinforderung..
    ; auch mal was neues.
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