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Umfrage

Jeder vierte queere Arbeitnehmer hat Erfahrungen mit Benachteiligung

Ein Drittel der LGBTI-Beschäftigten sind im Job ungeoutet. Obwohl sich viele Arbeitgeber um ein inklusives Umfeld bemühen, spricht jeder Fünfte von Diskriminierungserfahrungen.


Nicht immer ist der Arbeitsplatz ein angst- und diskriminierungsfreier Ort (Bild: LinkedIn)

65 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, die sich schwul, lesbisch, bisexuell, pansexuall/omnisexuell, transgender, intersexuell oder nicht-binär/genderqueer/genderfluid identifizieren, gehen im Job offen mit ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität um. Von ihnen erklärten 91 Prozent, die Entscheidung zum Coming-out nicht zu bereuen. Das ist eines der Ergebnisse einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Berufsnetzwerks LinkedIn.

32 Prozent gaben an, eher nicht oder überhaupt nicht offen mit ihrem Status als LGBTI umzugehen. Nach den Gründen für die Geheimhaltung gefragt, gaben mehr als die Hälfte (53 Prozent) an, dass sie Arbeit und Privatleben strikt trennen und ihre Orientierung deshalb niemanden etwas angehe. 42 Prozent sagten, dass es schlicht bislang noch keinen Anlass gegeben habe, darüber zu sprechen. 38 Prozent fürchten, auf ihre Sexualität oder Identität reduziert zu werden. 27 Prozent haben außerdem Angst, von ihrem Team nach einem Coming-out anders behandelt zu werden. 24 Prozent haben sich auch im privaten Kontext noch nicht geoutet und zehn Prozent erklärten, sich ihrer Sexualität oder Identität selbst nicht sicher zu sein. Bei lediglich sechs Prozent ist die Entscheidung, sich nicht zu outen, eine Folge von negativen Erfahrungen an einem vorherigen Arbeitsplatz.

Unter allen Befragten gab knapp jeder Vierte (23 Prozent) an, am Arbeitsplatz bereits Erfahrungen mit Benachteiligung aufgrund von Orientierung oder Identität gemacht zu haben. Zwölf Prozent berichteten sogar von derartigen Erfahrungen an ihrem derzeitigen Arbeitsplatz. Dazu gehört etwa, dass sie Zielscheibe von Witzen oder sexualisierten Kommentaren wurden (46 Prozent der von Diskriminierung Betroffenen), eine Veränderung des Teamzusammenhalts bis hin zu Ausgrenzung (28 Prozent), aber auch psychische Gewalt oder Mobbing (28 Prozent) und verbale Gewalt bzw. Beleidigungen (24 Prozent). Zwölf Prozent aller Befragten gaben an, aufgrund von Diskriminierung oder Benachteiligungen schon einmal den Arbeitsplatz gewechselt zu haben, weitere vier Prozent sogar mehrfach.

Nur ein Viertel arbeitet in Unternehmen mit Antidiskriminierungsrichtlinien

Immerhin: 85 Prozent sind überzeugt, dass es ihrem Arbeitgeber "wichtig", "sehr wichtig" oder "äußerst wichtig" ist, ein inklusives und diverses Arbeitsumfeld zu bieten. Aber lediglich 27 Prozent gaben an, dass ihr Unternehmen Antidiskriminierungsrichtlinien im Verhaltenskodex festgeschrieben hat. Nur 25 Prozent berichten von der Integration eines dritten Geschlechtseintrags in Stellenanzeigen.

"Ob das Familienfoto auf dem Schreibtisch, der Small Talk über die Urlaubspläne mit der Partnerin oder die Einladung für den Partner zur Betriebsfeier – Heterosexuelle sprechen am Arbeitsplatz so selbstverständlich wie unbewusst über ihre sexuelle Identität", so kommentierte LSVD-Vorstandsmitglied Axel Hochrein die Ergebnisse. "Obgleich immer mehr Lesben, Schwule und Bisexuelle diese Offenheit für sich ebenfalls in Anspruch nehmen, müssen sie leider weiterhin mit negativen Reaktionen rechnen. Transgeschlechtliche Menschen können oftmals noch weniger zu ihrer Geschlechtsidentität stehen und erleben nach einem Coming-out noch häufiger zum Beispiel Kündigungen, Versetzungen oder verweigerte Einstellungen". Hochrein forderte daher, dass Betriebe und Unternehmen sich mit entsprechenden Diversity-Strategien und Antidiskriminierungsrichtlinien für einen offenen, angst- und diskriminierungsfreien Arbeitsplatz einsetzen sollten. "Das kommt allen Mitarbeitenden zu Gute", ist er überzeugt.

Die Ergebnisse sind mit Vorsicht zu genießen, da es sehr schwierig ist, einen repräsentativen Querschnitt der LGBTI-Bevölkerung zu finden. So steht das Resultat, dass zwei Drittel im Job geoutet sind, im Widerspruch zu einer im Januar veröffentlichten Umfrage der Boston Consulting Group (BCG). Damals hatten nur 37 Prozent der Befragten angegeben, im Job geoutet zu sein – allerdings waren in dieser Umfrage nur Berufstätige unter 35 sowie Studierende gefragt worden (queer.de berichtete).

YouGov hatte für die Umfrage insgesamt 1.032 LGBTI-Arbeitnehmerinnen und -Arbeitnehmer online befragt. Die Befragung lief vom 6. bis zum 14. Juni. (pm/dk)



#1 PetterAnonym
  • 10.07.2019, 12:52h
  • Diskriminierung und fehlende Gleichstellung/Akzeptanz schadet einer ganzen Volkswirtschaft. Es sorgt für geringere Leistungsfähigkeit, mehr Fehlzeiten, etc. Außerdem profitiert jedes Unternehmen davon, wenn möglichst vielfältige Menschen mit den unterschiedlichsten Sichtweisen und Ideen beschäftigt sind.

    Die erfolgreichsten Unternehmen der Welt haben den Wert von Diversity längst erkannt und fördern das explizit, weil sie wissen, dass das ein Wettbewerbsvorteil ist.

    Das alles ist in zig wissenschaftlichen Studien belegt worden. Unternehmen und Staaten, die das einfach ignorieren, schaden sich selbst und der gesamten Volkswirtschaft.
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#2 Ralph
  • 10.07.2019, 15:24h
  • Antwort auf #1 von Petter
  • Das ist richtig, wird aber gerne negiert oder nur teilweise anerkannt. Mein seinerzeitiger Dienstherr, eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz, gab zu Beginn des Jahrtausends eine Erklärung rund, den sog. Mainzer Appell aus der Feder von Kurt Beck, in der jede Diskriminierung abgelehnt wurde. Dieser Appell sparte freilich die Diskriminierungsmerkmale sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität aus. Wir sollten diese Erklärung alle unterschreiben; der Bürgermeister war mit gutem Beispiel vorangegangen. Ich lehnte die Unterzeichnung selbstverständlich ab. Dass sexuelle Orientierung fehlte, hatte seinen guten Grund: Nach meiner Verpartnerung verweigerte man mir gleiche Besoldung und strich mir den Familienzuschlag. Erst nach mehreren Jahren musste er wegen auf Druck der Grünen erfolgter rückwirkender Anerkennung der Lebenspartnerschaft im Landesrecht voll nachgezahlt werden. Und Angela Merkel hat für den Staat ja schon vor längerer Zeit die Parole ausgegeben, alle Menschen seien gleich zu behandeln, unabhängig von ihrer Religion - alle anderen Kriterien dürfen nach ihrer Ansicht also durchaus zur Diskriminierung herangezogen werden. So lange aber der Staat keine wirksamen Maßnahmen ergreift (siehe das sog. Antidiskriminierungsgesetz oder den lückenhaften Art. 3 GG), werden auch Arbeitgeber gerne jedes Schlupfloch nutzen, vor allem die im sozialen Bereich in vielen Regionen geradezu Monopolstellung genießende kath.Kirche.
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#3 PetterAnonym
  • 10.07.2019, 17:24h
  • Antwort auf #2 von Ralph
  • """"""""""""""""""""""""""""""
    [...] aus der Feder von Kurt Beck, in der jede Diskriminierung abgelehnt wurde. Dieser Appell sparte freilich die Diskriminierungsmerkmale sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität aus.
    """""""""""""""""""""""""""""""""

    Und mal zur Erinnerung:
    Kurt Beck war Ministerpräsident. Und von der SPD. Da kann die SPD nicht behaupten, sie sei von der Union dazu gezwungen worden. Das macht die SPD ja gerne (wobei man selbst da, wo das passieren mag, ja auch einer dazu gehört, der sich das bieten lässt und darauf eingeht).

    Also auch ganz ohne Druck der Union diskriminiert die SPD gerne mal LGBTI. Und das zeigt sich ja bis heute zu, dass die SPD auch dort, wo sie gar nicht mit der Union koaliert, oft verzögert oder blockiert.

    """"""""""""""""""""""""""""""""""""
    Erst nach mehreren Jahren musste er wegen auf Druck der Grünen erfolgter rückwirkender Anerkennung der Lebenspartnerschaft im Landesrecht voll nachgezahlt werden.
    """"""""""""""""""""""""""""""""""""""

    Da sieht man wieder mal, wer sich immer für uns einsetzt und wer immer und immer wieder auf allen Ebenen und bei allen Themen für stetigen Fortschritt sorgt.

    Natürlich können die Grünen auch nicht von heute auf morgen alles ändern, was jahrzehntelang versaut wurde. Aber sie gehen es zumindest an. Und wer will, dass es schneller geht, sollte sich halt überlegen, welche Parteien er wählt und welche nicht.
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#4 Julian SAnonym
  • 10.07.2019, 18:08h
  • Was mich nach wie vor wütend macht, sind die Ausnahmen im AGG, die Union und SPD schon bei der ersten Groko unter Merkel beschlossen haben.

    Damals hat man Kirchen explizit die Diskriminierung erlaubt, was dann zu Fällen wie dem sehr bekannt gewordenen, wo eine lesbische Putzfrau aus einem Kindergarten entlassen wurde, geführt hat. Und vielen ähnlichen Fällen. Alles mit Segen von Schwarz-Rot.

    Ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz, das manchen Organisationen explizit Diskriminierung erlaubt, hat seinen Namen nicht verdient und ist eine Pervertierung der eigentlichen Idee von Diskriminierungs-Schutz.

    Pfui CDU.
    Pfui CSU.
    Pfui SPD.
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#5 KetzerEhemaliges Profil
  • 10.07.2019, 18:09h
  • "Ob das Familienfoto auf dem Schreibtisch, der Small Talk über die Urlaubspläne mit der Partnerin oder die Einladung für den Partner zur Betriebsfeier Heterosexuelle sprechen am Arbeitsplatz so selbstverständlich wie unbewusst über ihre sexuelle Identität"

    Richtig.
    Deshalb ist es auch Bullshit und Vogel-Strauß-Taktik, so zu tun, als ginge die sexuelle Orientierung niemanden etwas an. Und umso unglaubwürdiger ist es auch, dass es für 42% "schlicht bislang noch keinen Anlass gegeben habe, darüber zu sprechen." Diese 42% schalten dann nur regelmäßig sofort auf "Ohgottohgott - jetzt sich bloß nicht verraten"- Modus um, wenn ihre Heten-Kolleg_innen ganz normal von ihrem Alltag berichten. Als wenn das nicht auch auffällig wäre, wenn jemand nie von seinem_ihrem Privatleben erzählt oder immer nur irgendwie herumdruckst.

    "27 Prozent haben außerdem Angst, von ihrem Team nach einem Coming-out anders behandelt zu werden."

    Zu Recht: in einem Job, in dem ich von 2001-2009 gearbeitet habe, wurde ich von meiner Vorgesetzten ausgegrenzt, sobald sie erfuhr, dass ich schwul bin. Plötzlich sah sie in mir das personifizierte Böse und hatte Angst, ihr Sohn könne auch "schwul werden". Sie wies mir sogar eine andere Person als Ansprechpartnerin zu, falls ich Fragen hätte, da sie so wenig wie möglich mit mir zu tun haben wollte. Sie blieb also offiziell meine Vorgesetzte, entzog sich aber komplett der Ansprechbarkeit. Im Team bildeten sich dann zwei Fraktionen - die eine hing IHR an und mied mich künftig wie der Teufel das Weihwasser - die andere ging mit mir relativ tolerant um. Das Verhältnis war 50:50. Das heißt, die Hälfte meiner Kolleg_innen waren plötzlich gegen mich. Die Tür zum Nachbarzimmer, die bisher immer offen gestanden hatte, musste plötzlich stets geschlossen bleiben. Wenn ich das andere Zimmer betrat, um dort zu faxen, verstummten plötzlich alle Gespräche.

    Trotzdem: ich habe keine Sekunde bereut, mich zu outen. Ich hatte mir immerhin selbst nicht vorzuwerfen. als verschüchterter und gebeugter Duckmäuser mit eingezogenem Kopf durch die Gegend zu laufen. Und ich musste auch nicht mehr aufpassen, nur ja nicht das Falsche zu sagen, wenn es mal irgendwie auf Privates kam. Mit "Privatem" meine ich hier aber NICHT die sexuelle Orientierung als solche, sondern z.B. Was hat man am Wochenende gemacht? Verreist man im Urlaub mit Partner_in? Etc. ...

    Also: der Weg kann extrem steinig sein. Aufrecht gehen kann ich diesen Weg aber nur, wenn ich zu mir selbst stehe.
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#6 Julian SAnonym
  • 10.07.2019, 18:25h
  • Ja, wir können nur etwas ändern, indem wir offen sind und zu uns selbst und unseren Liebsten stehen.

    Hätten vor 50 Jahren die Leute bei den Stonewall Riots und den ersten CSDs Angst vor den Folgen gehabt, würden wir wahrscheinlich heute noch im Versteckten leben, es gäbe keine noch so kleine Gleichstellung, es gäbe weiterhin Gesetze wie den § 175, etc.

    Nur, wenn die Leute sehen, wie viele wir sind und auch wie vielfältig wir sind, kann sich wirklich etwas ändern.

    Und ganz ehrlich:
    selbst wenn anfangs vielleicht auch mal Kollegen komisch reagieren, dann ist das oft auch einfach Unsicherheit, weil sie Angst haben, sich falsch zu verhalten. Je normaler und selbstverständlicher man selbst damit umgeht, desto normaler und selbstverständlicher wird es dann auch für die Kollegen.

    Und die paar Kollegen, die dann vielleicht wirklich ein Problem mit einem haben, können einem egal sein. Mit solchen Leuten will man doch eh nichts zu tun haben. Und wie sagt man so schön: "Es ist besser für das was man ist, gehasst zu werden, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden." Denn bevor sie davon erfahren haben, haben sie ja auch nicht einen selbst gemocht, sondern nur ein Phantasiewesen, das gar nicht real existiert.
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#7 RyluriAnonym
  • 10.07.2019, 18:33h
  • Im Kapitalismus ist das ganze diversity Gerede sowieso nur da, weil es nach außen hin gut aussieht. In der Praxis wird dann genauso weiter gemacht wie immer.
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#8 CheckAnonym
#9 cinnamonEhemaliges Profil
  • 10.07.2019, 19:14h
  • Seit 2004 bin ich geoutet und nehme seit dem ganz selbstverständlich die beschriebene >>Offenheit<< für mich in Anspruch, ich wüsste gar nicht, dass wie ich das sonst machen sollte. Glücklicherweise habe ich bis jetzt noch keine negativen Erfahrungen machen müssen.

    Was mich allerdings wundert: wo sind all die anderen Schwulen? In meinem bisherigen Berufsleben bin ich noch NIE einem begegnet. Ich fühle mich manchmal wie Daffyd aus Little Britain. Nicht mit jedem, mit dem man zu tun hat, spricht man darüber, wie und mit wem man das Wochenende verbracht hat, aber im Laufe der Jahre sind es dann doch viele.
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#10 nutzt_nicht_vielAnonym
  • 10.07.2019, 19:51h
  • Die Studien vom ADS sind eigentlich sehr repräsentativ und konkret. Zumindest schaue ich mir von ihnen die Angaben eher an als von einem Beautrager Namens LinkedIn.

    "Jeder vierte queere Arbeitnehmer hat Erfahrungen mit Benachteiligung"
    Im Jahr 2019 dürften es garantiert mehr sein. Wenn schon jede/r zweite Diskriminierung erlitten hat, dann sind die Benachteiligungen meistens noch öfters an der Tagesordnung. Denn meistens hat im Vorfeld schon Benachteiligung stattgefunden, wenn Diskriminierung geschieht.

    Und es ist auch so, dass der LSBTTIQ häufiger gekündigt wird - ich wiederhole: gekündigt WIRD. Arbeitsplatzwechsel ist grundsätzlich oft der Fall, auch bei Heteros. Aber für uns spitzt sich das leider zu. Denn wir werden nicht selten als Sündenböcke degradiert, egal wie unschuldig wir auch sind. Und anstatt der Arbeitgeber für Schlichtung sorgt, greift er zum Papier und schreibt die Kündigung. Über Diskriminierung wird ja nicht gesprochen, das ist tabu.
    Davon hab ich genug Geschichten von Schwulen, Lesben, einer bi, und von Trans* gehört. Und nein, das ist nicht ausgedacht.

    Solange das AGG nicht erweitert und die sexuelle wie auch die geschlechtliche Identität nicht im GG verankert wird, solange wird es auch nicht besser werden.

    Übrigens: diejenigen, die es als Mode betrachten, Nicknamen zu diffamieren, sind auch nicht besser als so manch homophober Hetero.

    ©BuntesUndSchönes
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