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New York City

Auf Regenbogen-Tour im Greenwich Village

New York hat in diesem Jahr 50 Jahre Pride gefeiert, den Geburtstag der LGBTI-Bewegung. Im Greenwich Village können Besucher*innen der bewegten Geschichte nachspüren.


Beliebt für Selfies: Gay Liberation Monument im Christopher Park (Bild: F Delventhal / flickr)
  • Von Dörte Nohrden, dpa
    20. Juli 2019, 11:36h, noch kein Kommentar

Lester Barnett steht vor dem Triumphbogen des Washington Square Parks, an dem die kilometerlange 5th Avenue beginnt, und breitet seine Arme aus. "Willkommen, genau das ist Greenwich Village, das Viertel der Künstler, Musiker, Bohemians, der unkonventionellen Freidenker", sagt der New Yorker, der als ehrenamtlicher "Big Apple Greeter" so etwas wie ein Botschafter der Stadt sein soll. Und der Park ist ein bedeutender Ort.

Beim Beatnik-Aufstand 1961 zum Beispiel wehrten sich Musiker erfolgreich gegen die Polizei, die sie aus dem Park schmeißen wollte. Und als es noch illegal war, öffentlich seine Homosexualität zu leben, etablierte sich das Greenwich Village als Herz der Schwulenszene. Dieser Park sei wie eine Insel der Freiheit gewesen, erzählt Lester, der seit 13 Jahren mit seinem Partner liiert ist. "Wenn die Cops mal hinein kamen, haben sie weggeschaut."

Heute geht es gesellig zu. Eine Band spielt. Studenten und Familien entspannen im Schatten einer uralten Ulme. Der Washington Square Park ist ein guter Ausgangspunkt, um das Greenwich Village zu erkunden.

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Ein Ort des Widerstands

Anfang des 19. Jahrhunderts widersetzte sich "The Village" dem Plan, auch dieses Viertel strikt nach Schachbrettmuster anzulegen. So versprüht es bis heute seinen alten Charme, auch viele Prominente leben hier. Die Straßen, teils aus Kopfsteinpflaster, tragen statt aufsteigender Nummern ihre ursprünglichen Namen.


Häuser im Greenwich Village (Bild: Nicolas Vollmer / flickr)

Eine der bekanntesten ist die legendäre Christopher Street. Sie führt vom Hudson River rund einen Kilometer bis zur 6th Avenue. Mittendrin liegt der Christopher Park. Unzählige Regenbogenflaggen flattern am schmiedeeisernen Zaun, der rund um die kleine, dreieckige Stadtoase führt. Auf den größten prangen riesige Buchstaben: "PEACE".

Die Eingangspforte gibt den Blick frei auf den gepflasterten Platz, umrahmt von einladenden Parkbänken, von denen eine dauerhaft belegt ist: Eine weiß lackierte Bronzeskulptur zeigt zwei lebensechte Frauen in sich zugeneigten Posen, gleich vor ihnen steht die Statue eines männlichen Paares. Bereits 1992 wurden die Werke des Künstlers George Segal im Christopher Park installiert. Auf den übrigen Bänken turteln Pärchen, schießen Tourist*innen Selfies, andere lesen oder entspannen in der Mittagspause unter schattigen Bäumen.

Razzia zur Beerdigung von Judy Garland

Auf der anderen Straßenseite steht das heutige "Stonewall Inn". Die linke Eingangstür ziert ebenfalls fünf großen Buchstaben: "PRIDE".

In der lauen Sommernacht des 28. Juni 1969, nachdem die New Yorker die Sängerin und Schwulen-Ikone Judy Garland ("Somewhere over the Rainbow") zu Grabe getragen hatten, wurde dieser Ort zum Wendepunkt für die LGBTI-Community.

An jenem Freitagabend feierte und trauerte die Gemeinschaft in einem der wenigen Clubs in New York, in denen sie unbehelligt miteinander tanzen konnte. Nicht unüblich in den Bars des Village, rückte um etwa ein Uhr nachts die Polizei an – eine Razzia.

Das "Stonewall Inn" lag seit 1967 in der Hand eines Mafioso. Die Bar besaß keine Schanklizenz, zum anderen durften Gaststätten zu dieser Zeit per Gesetz keinen Alkohol an homosexuelle Gäste verkaufen. Das "Stonewall" wurde so zum Geschäft für die Mafia.


Bekannteste queere Kneipe der Welt: "The Stonewall Inn" (Bild: annulla / flickr)

Immer wieder wurden homosexuelle Partygäste bei Razzien rüde behandelt, gedemütigt und im schlimmsten Fall festgenommen. Doch in dieser Nacht wehrten sich Stammgäste, vehementer als zuvor. Der Funke sprang auf den Mob über. Spätestens, als erst eine Trans-Aktivistin und schließlich eine lesbische Frau von der Polizei geschlagen wurden, flogen Ziegelsteine und andere Gegenstände. Die Polizei verbarrikadierte sich chancenlos selbst in der Bar.

Aus dem Stonewall-Aufstand, der noch mehrere Tage anhielt, ging eine neue, stärkere Organisation hervor, die Gay Liberation Front – und damit eine Bewegung. Ein Jahr später zogen die ersten Pride-Paraden durch die Straßen von New York, Los Angeles und San Francisco.

Der erfolgreiche Kampf für gleiche Rechte

Lester Barnett, damals 26 Jahre alt, war seinerzeit nicht persönlich involviert. Er war glücklich mit seiner Frau verheiratet, die Geburt seines zweiten Sohnes stand kurz bevor. "Ich war bereits 32 Jahre alt, als ich spürte und mir eingestand, dass ich mich von Männern angezogen fühlte. Ich war verwirrt, verstört, bis ich es begriff", erzählt er bei einem Wasser an der Bar des schummrigen "Stonewall Inn", das er an diesem Tag zum ersten Mal betritt.

"Meine Familie und vor allem meine Frau reagierten wundervoll, ich hatte Glück. Und ich habe ihr und der LGBTQ-Community eine Menge zu verdanken", sagt Lester. Doch während er die jungen Paare heutzutage um ihre Unbefangenheit beneide, sei er noch niemals Hand in Hand mit seinem Partner durch die Straßen New Yorks gelaufen. "Es ist schwer zu beschreiben, es schwebt immer noch eine Art Angst mit."

Es verwundert nicht. Schwule und Lesben wurden früher auf offener Straße regelmäßig drangsaliert, auch geschlagen. Und wer bei Razzien verhaftet wurde, verlor nicht selten alles. Eltern, Schule oder Arbeitgeber wurden informiert. Für viele bedeutete dies das soziale Aus. Sie verloren ihre Jobs, ihre Wohnungen. Insbesondere bei der heute älteren Generation sitzt diese Erfahrung tief.

Obama erklärte das "Stonewall Inn" zum Nationaldenkmal

Seitdem hat sich viel getan: Bill Clinton erklärte 1999 als erster US-Präsident den Juni zum Gay and Lesbian Pride Month, Obama zog ab 2009 mit dem weiter gefassten LGBT Pride Month nach. Seit 2015 dürfen gleichgeschlechtliche Paare in den USA heiraten. Im Juni 2016 erklärte der damalige Präsident den Christopher Park im Village und das "Stonewall Inn" zum ersten U.S. National Monument mit queerem Bezug (queer.de berichtete).


New Yorks jährliche Pride-Parade zieht durchs Greenwich Village (Bild: elyaqim / flickr)

Die derzeitige US-Regierung sendet ganz andere Signale. In diesem Jahr verbot das Außenministerium seinen Auslandsvertretungen, die Regenbogenflagge zum Gay-Pride-Month an den Fahnenstangen der Botschaften zu hissen (queer.de berichtete). Manche taten es dennoch.

In New York, einem Top-LGBTI-Reiseziel, leuchtet das Symbol allerorten. Millionen Besucher*innen aus aller Welt reisten zum World Pride 2019 an und zogen in einer schillernden Parade durch Manhattan – vorbei am "Stonewall Inn", wo vor 50 Jahren alles begann.

Greenwich Village in New York

Reiseziel: Der New Yorker Stadtteil Greenwich Village liegt im südlichen Manhattan östlich des Hudson Rivers.

Anreise und Formalitäten: Direktflüge nach New York gibt es von verschiedenen deutschen Flughäfen. Deutsche USA-Urlauber*innen brauchen einen Reisepass und müssen sich online eine elektronische Einreiseerlaubnis (Esta) besorgen. Sie kostet 14 US-Dollar und gilt zwei Jahre lang.

Informationen: NYC & Company c/o Aviareps Tourism, Josephspitalstraße 15, 80331 München (E-Mail: newyork@aviareps.com, Website: nycgo.com).