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Neu im Albino Verlag

Die Rückkehr der Schlampe

Brontez Purnell lotet in seinem Roman "Alabama" mit viel Humor aus, was es bedeutet, schwarz, männlich, queer, ein Punk und ein Sohn aus den Südstaaten der USA zu sein.


Brontez Purnell arbeitet seit über zehn Jahren als Schriftsteller, Performancekünstler und Choreograf in Kalifornien. Für seinen Roman "Alabama" (im Original: "Since I Laid My Burden Down") wurde er 2018 mit dem renommierten Whiting Award für Literatur ausgezeichnet (Bild: Beowulf Sheehan)
  • Von Alkis Vlassakakis
    1. August 2019, 07:19h, 1 Kommentar

DeShawn ist ein Mann mittleren Alters, der in San Francisco mit vielen Männern schläft, Drogen nimmt und an seinem Durchbruch als Künstler arbeitet. Die Nachricht seiner Mutter, dass sein Onkel gestorben sei, bringt ihn zurück in seine Heimat, einem kleinen Kaff in Alabama, tief im Herzen der Südstaaten der USA. Ohne seinen Drogenkonsum und – vor allem mangels Möglichkeiten – seine ständig wechselnden Liebhaber, sucht er sich neue Freizeitaktivitäten. Und er landet vorübergehend im Schoß der örtlichen Kirchengemeinde, ohne aber den Glauben wieder zu finden, den er bereits als Jugendlicher abgelegt hat.

In anekdotischen Flashbacks erzählt Brontez Purnell in seinem Roman "Alabama" von der Vergangenheit DeShawns. Von seiner Kindheit, seinen ersten sexuellen Gehversuchen, von seiner Zeit als Punkrocker in einer Band. Und er zeichnet eine Reihe starker Frauenfiguren, die das Leben des ländlichen schwarzen Amerika prägen, den alleinerziehenden Müttern, den Großmüttern, den Urenkelinnen von Sklaven; und er erzählt auch von der Abwesenheit der Väter.

Es ist ein Buch über den Wert der Liebe zu den Männern in DeShawns Leben, zu den Onkeln, Brüder und Neffen; aber auch zu den zahllosen Liebhabern, die kommen, aber nie bleiben.

Nicht autobiografisch


"Alabama" ist im Berliner Albino Verlag der Edition Salzgeber erschienen

Zwar beteuert Purnell in Interviews, dass sein Debütroman nicht autobiografisch sei, aber die Gesellschaft, über die er schreibt, kennt der in Alabama geborene Autor sehr gut. Es ist eine enge, erdrückende Heimat, bewohnt von Menschen, die in erster Linie ihre Familien durchbringen wollen und vom Leben außerhalb der Südstaaten kaum etwas wissen.

Aber es ist auch eine – und hier unterscheidet sich Purnells Blick auf Alabama von dem vieler anderer schwarzer Autor*innen – angstfreie Heimat. Verletzungen fanden in der Vergangenheit statt, aber sie überschatten nicht die Gegenwart. Der hier beleuchtete Teilbereich Alabamas ist über weite Strecken keine weiß dominierte Gesellschaft. Seite für Seite geht die Reise DeShawns weiter, die schnell abgehandelten Kapitel und die Kürze des Buches betonen das Unstete in seinem Leben noch.

Die Charaktere in DeShawns Universum, die Purnell entwirft, sind knapp skizziert. Viele Ereignisse werden aus der Erinnerung DeShawns heraus beschrieben, tragische Szenen aus seinem Leben wechseln sich mit freudigen in rascher Folge ab. Seine erste Liebe, sein erster Sex, sein erster Verlust, sein erster Missbrauch. Sehr früh im Leben wird DeShawn dabei als queer, als anders definiert, ohne dass es die übliche Zurückweisung gibt. Zurückblickend ist Sex für ihn der auslösende Moment, der die Geschichte vorantreibt. Purnells Sprache ist dabei roh und direkt, auch und vor allem, wenn er über Sex schreibt.

Queeres Multitalent


Purnell posierte als Covermodel für die englische Originalausgabe

Purnell hat Übung darin, über Sex zu schreiben. In den Neunzigern, als das Internet noch kein echtes Medium war, gab er in Oakland Fanzines heraus, eines davon war "Fag School", das ein Aufklärungsmagazin sein sollte. Die semi-autobiografischen Essay-Bände "The Cruising Diaries" (2014) und "Johnny Would You Love Me If My Dick Were Bigger" (2015) sind Sammlungen alter und neuer Texte. Daneben ist er Musiker, Performer und Filmemacher. Wobei das Wort "daneben" wohl auf ihn nicht zutrifft, denn er meistert alle seine Künste. Seine Band "The Younger Lovers" veröffentlicht regelmäßig, mit der "Brontez Purnell Dance Company" ist er oft in internationalen Kunstinstitutionen zu Gast. Ein experimenteller Pornofilm von und mit ihm ist bei Naked Sword erschienen. Ein Nebeneinander der verschiedenen Kunstgattungen scheint für ihn möglich zu sein, ohne dass er sich auf eine davon spezialisiert.

Die deutsche Ausgabe des als "Since I Laid My Burden Down" 2017 erschienen Buches wurde von Peter Peschke übertragen. Er bedient sich dabei einer nüchternen Sprache und vermeidet dabei die Falle, Slang mit eingedeutschtem Slang zu übersetzen, so dass sich das Buch flüssig liest, ohne irgendwann peinlich zu werden, was leider keine Selbstverständlichkeit ist.

Direktlink | Bruce Purnell bei einer Lesung in San Francisco

Infos zum Buch

Brontez Purnell: Alabama. Roman. Aus dem Englischen von Peter Peschke. 216 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2019. Taschenbuch: 18 € (ISBN: 978-3-86300-275-6). E-Book: 12,99 €


#1 Andy2Anonym
  • 01.08.2019, 09:18h
  • Mit der Leseprobe hatte ich angefangen. War mir aber insgesamt zu schleppend und habe es wieder weggelegen.
    Schade, die letzten Albino-Veröffentlichungen sagen mir alle nicht zu. Die sollten sich lieber an Leute wie Julian Mars orientieren. Der kann schreiben mit Handlung und eben nicht schwafeln, wie viele der letzten Neuerscheinungen (nicht nur bei Albino) es tun.
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