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Zwei junge Männer

Regenbogenanstrich für Alain-Fournier

Der neue Roman "Der große Kamerad" von Max Meier-Jobst ist ein literarisches Cover des Coming-of-Age-Klassikers "Le grand Meaulnes" aus dem Jahr 1909.


Mal ist er schaurig, mal schön: der Blick zurück ins "verlorene Paradies" der Kindheit (Bild: Dreamstime/jhandersen)
  • 3. August 2019, 07:50h, noch kein Kommentar

Der französische Autor Alain-Fournier, bürgerlich Henri-Alban Fournier, veröffentlichte 1909 mit nur 24 Jahren sein Kultbuch "Le grand Meaulnes"

"Das einzige Paradies ist das verlorene Paradies", schrieb Marcel Proust. Tatsächlich ruft kaum etwas intensivere Emotionen hevor, als mit einigem Abstand all die vergrabenen Schätze zu heben, die sich in den Erinnerungen an vergangene (Jugend-)Tage verbergen. Die erste Liebe, ebenso unvergesslich wie verflossen, die Freundschaften aus Sandkastenzeiten, die unerschütterlich erschienen und doch zerfielen, all die großen und kleinen Abenteuer des Erwachsenwerdens… Der wahre Wert dieser Erfahrungen zeigt sich schließlich meist erst in der Retroperspektive.

Auf solch eine wunderbare, nostalgisch-melancholische Reise in die Vergangenheit führt uns "Der große Kamerad" gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen handelt es sich um die Neuinterpretation eines in die Jahre gekommenen Klassikers, nämlich des 1909 erschienenen Romans "Le grand Meaulnes" von Alain-Fournier, der wenige Jahre nach der Veröffentlichung seines einzigen vollendeten Werkes im Ersten Weltkrieg fiel. Zum anderen spielt auch diese moderne Variante nicht in der Gegenwart, sondern in den Neunzigerjahren, und damit genau ein Jahrhundert später als das Original.

Behutsamer Neuanstrich in Regenbogenfarben


"Der große Kamerad" von Max Meier-Jobst ist im Juni 2019 bei BoD erschienen

Neu ist aber auch der Blickwinkel. Während Alain-Fournier eine durch und durch heterosexuelle Liebesgeschichte erzählt, hat der unter dem Pseudonym Max Meier-Jobst schreibende, offen schwule Schriftsteller das für ihn so inspirierende Buch offenbar einer Lektüre durch die regenbogenfarbene Brille unterzogen. Oder, um es abermals mit Alain-Fourniers Zeitgenossen und Landsmann Proust zu sagen: "In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst."

Erstaunlicherweise gelingt dieser zum Glück recht behutsam geratene Neuanstrich. Die schon in der Vorlage zentrale Freundschaft zwischen zwei jungen Männern verträgt durchaus eine homoerotische Note. Und auch wenn der Autor, der mit autobiografisch inspirierten Geschichten um eigene Missbrauchserfahrungen bekannt wurde, diesmal ganz ohne skandalträchtige Sex-Sujets auskommt, ist "Der große Kamerad" nicht nur romantisch, sondern auch dramatisch. Denn so schön das Erinnern an die erloschene Kinderzeit auch sein mag, liegt darin doch stets die bittere Erkenntnis eines unwiederbringlichen Verlustes. (cw/pm)

Infos zum Buch

Max Meier-Jobst: Der große Kamerad. Roman nach Motiven von Alain-Fournier. 284 Seiten. Paperback. Verlag: BoD, Norderstedt 2019. Taschenbuch: 11,99 € (ISBN 978-3-7431-4904-5). E-Book: 4,99 €