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Literaturgeschichte

Der Lesbenklassiker der Weimarer Republik und sein kleiner schwuler Bruder

Vor 100 Jahren publizierte Anna Elisabet Weirauch zeitgleich ihre beiden Romane "Der Skorpion" und "Der Tag der Artemis" – zwei wichtige Werke der homosexuellen Literaturgeschichte.


Ausschnitt aus der Coverillustration des 1931 erschienenden dritten Bandes von "Der Skorpion" (Bild: Askanischer Verlag)
  • Von Erwin In het Panhuis
    4. August 2019, 07:56h, 3 Kommentare

Anna Elisabet Weirauch im Jahr 1922 (Bild: Atelier Eberth / wikipedia)

Die deutsche Schriftstellerin Anna Elisabet Weirauch (1887-1970) ist mit ihrem dreibändigen Lesbenklassiker "Der Skorpion" Teil des lesbischen Langzeitgedächtnisses geworden. Die Geschichte dieses Romans und ihrer Autorin ist mittlerweile in mehr als zehn Publikationen gut erforscht, wobei zwei Autor*innen hervorzuheben sind: Claudia Schoppmann schrieb 1983 ihre Examensarbeit über diesen Roman und danach weitere darauf aufbauende Beiträge wie das Buch "Der Skorpion. Frauenliebe in der Weimarer Republik" (Frühlings Erwachen, 2. Aufl., 1991). Auch Michael Fisch beschäftigte sich mehrfach mit diesem Roman, u.a. in seinem umfassenden Nachwort zur Neuausgabe von "Der Skorpion" (1993, S. 214-271).

Dieser Lesbenklassiker hat noch einen kleinen schwulen Bruder: den zur gleichen Zeit publizierten Roman "Der Tag der Artemis" über eine homoerotische Jungenfreundschaft. Der Unterschied in der Rezeption könnte kaum größer sein, weil sich mit diesem Roman noch niemand inhaltlich beschäftigt zu haben scheint. Beide Romane wurden zwar gemeinsam beworben, aber nur beim "Skorpion" wird "das Problem der gleichgeschlechtlichen Liebe" schon in der Ankündigung deutlich.

Zum gesellschaftlichen Hintergrund

Schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Berlin – weltweit zunächst einmalig – eine Homosexuellenbewegung, die sich mit ihren Strukturen in der Weimarer Republik festigen konnte. Vor allem in Berlin entwickelte sich ein breites subkulturelles Leben mit Vereinen und Bars. In Deutschland stand zu dieser Zeit nur männliche Homosexualität unter Strafe. Dies basierte jedoch nicht auf Toleranz gegenüber lesbischen Frauen, sondern war Ausdruck dafür, Frauen auch in sexueller Hinsicht nicht ernst zu nehmen.


Werbung u.a. für "Der Skorpion" und "Der Tag der Artemis" in der Zeitschrift "Simplicissimus" vom 14. Oktober 1919

Als Beispiel für die neuen Freiheiten der Weimarer Republik wird oft die große Anzahl der neu erschienenen Zeitschriften genannt. Dies ist nur bedingt richtig, da einige dieser unterschiedlichen Zeitschriftentitel – wie "Frauenliebe"/"Garçonne" und "Die Freundin"/"Ledige Frauen" – nur aus rechtlich erzwungenen Titeländerungen resultierten und deshalb eher ein Indiz für Zensur als für ein breites Zeitschriftenangebot waren.

Die lebendige homosexuelle Szene der Weimarer Republik wurde Anfang 1933 von den Nazis brutal und nachhaltig zerstört. Vor diesem hier nur angerissenen historischen Hintergrund sind auch die beiden Romane Weirauchs aus den Jahren 1919 bis 1931 zu betrachten. Auch wegen meiner von Claudia Schoppmann abweichenden Einschätzung der "Skorpion"-Trilogie lohnt es sich, auf die Inhalte der Bücher etwas ausführlicher einzugehen.

"Der Skorpion" (1. Band, 1919)

Der erste Band beginnt mit der Kindheit von Melitta Rudloff, Mette genannt, die von ihrer Tante Emilie erzogen wird. Unterrichtet wird sie von Friedel Eggebrecht, die Mette auch mal durch das Haar streichelt, sie an sich drückt und sie "fast leidenschaftlich auf den Mund" küsst (Ausgabe 1919, S. 28).

Im Alter von 18 Jahren lernt sie die zehn Jahre ältere Olga Radó kennen und ist von ihr angetan. Für Olga kauft sie weiße Rosen (S. 119), was sich als Zeichen sexueller Unschuld deuten lässt. Es kommt auch zu Gesprächen über den Tod, wobei Olga davon ausgeht, dass sie nach dem Tod nicht als Engel, sondern als Mann wiedergeboren wird (S. 126). Nach einem ersten Kuss (S. 170-171) haben sie gemeinsamen Sex, der positiv, ausführlich und einfühlsam beschrieben wird.

Für Mette fängt damit ein neues Leben an (S. 224-227). Ihre Tante Emilie wird jedoch zur Widersacherin, die von "krankhafter Geschmacksverirrung" und von Frauen spricht, die sich "zu allem Abstoßenden und Ungesunden hingezogen fühlen" (S. 112). Sie bestellt sogar einen Psychiater nach Hause, der Olgas Einfluss auf Mette als "höchst verderblich" bezeichnet und befürchtet, dass Mette "auf die Bahn des Verbrechens" getrieben werde. Danach wird Mette von Olga getrennt (S. 178-192).

Später stirbt auch noch Mettes Vater. Auf seinem Schreibtisch findet Mette viele Romane und Sachbücher, die alle nur das Thema Homosexualität behandeln und "die vermuten ließen, daß diese Tausende[n] von Menschen alle miteinander eine große Gemeinde bildeten", die nur durch den "Trieb zur gleichen Ausschweifung" miteinander verbunden sind. Diese Situation am Schreibtisch überfordert Mette. Am liebsten würde sie Olga fragen: "Bist du so? Bin ich so?", aber auf ihre Briefe bekommt sie keine Antwort (S. 282-285). Später erfährt sie durch Otto Petermann, Peterchen genannt, dass sich Olga zu diesem Zeitpunkt bereits das Leben genommen hat (S. 300).

Mit Peterchen bleibt sie bis zum Ende (3. Band) in langjähriger Freundschaft verbunden. Peterchen spielt Geige, hat einen zarten Körper, sanfte Augen und gepflegte Hände (S. 81-82) und ist aufgrund dieser klischeehaften Zuschreibung offenbar als schwule Figur oder als "sexuelle Zwischenstufe" (in Sinne Magnus Hirschfelds) konzipiert.

Das Skorpion-Motiv ist ein durchgehendes Thema der Trilogie (S. 85-88, 140, 211, 326). In seiner wohl wichtigsten Bedeutung steht der Skorpion für ein Tier, das mit seinem Giftstachel den Tod bringen kann. Das bezieht sich deutlich auf Olga, die als Person mit einem giftigen Stachel beschrieben wird (S. 87). Mette spricht von einer Krankheit, bei der sie von einem Skorpion gebissen wurde und nun ihr "Blut vergiftet" sei. Das kann zwar tödlich ausgehen, ist aber nicht ansteckend (S. 194-195, s.a. S. 266-267). Symbolisch kann dies eigentlich nur auf "Verführung" verweisen, was sich aber aus der Darstellung im Roman nicht ableiten lässt.


Der erste Band von "Der Skorpion" (1919), dem viele weitere Auflagen folgten

"Der Skorpion" (2. Band, 1921)

Die mittlerweile erwachsene Mette führt ein selbstständiges Leben und ist nach wie vor auf der Suche "nach der Wärme eines Körpers, nach umschlingenden Armen, nach zärtlichen Lippen" (Ausgabe 1993, S. 38). Mit Gisela Werkenthin – die auch als "moderne Sappho" bezeichnet wird (S. 123) – beginnt sie eine Affäre, auch wenn sie dabei nicht verliebt ist (S. 180-181).

Mit Sophie Degebrodt und Nora von Hersfeld, deren lesbische Beziehung von anderen als "pervers" und "widernatürlich" bezeichnet wird (S. 229), verbindet sie zunächst ein nur freundschaftlicher Kontakt. Später verliebt sich Mette in Sophie, und es kommt auch zwischen ihnen zu Zärtlichkeiten. Sophie ist jedoch nicht bereit, ihre Freundin Nora nach 30 Jahren zu verlassen (S. 290-291), und bittet Mette sogar darum, sie nicht mehr zu besuchen. In weiteren Episoden lernt sie weitere Frauen kennen und wird dabei auch von der hübschen Tochter eines Konsuls, Gwendolin bzw. Gwen, umworben.

Auch schwule Männer gehören nun zu Mettes Bekanntenkreis, wie der Maler Giesbert, der gerne in einem Mieder vor seinem Spiegel tanzt (S. 52, 56). Er hat eine "Stimme, die ins Falsett umschlug: 'Huch nein! Ich bin die Schönste von allen!" (S. 61). Manchmal verzichtet er aber auch auf sein "Gehabe" und kann "wie ein vernünftiger Mensch" reden (S. 64).

Mit ihm besucht Mette eine Homosexuellen-Bar mit einer violett gehaltenen Inneneinrichtung. Zu den Gästen zählen viele Künstler, der "süße Emil" und auch ein dicker Gast, der mit seiner ringgeschmückten Hand einen jungen Burschen tätschelt. In dieser Bar achtet Mette aber vor allem auf die Frauen, die als attraktiv geschildert werden. Als die Atmosphäre lockerer wird und sich die Gäste "liebkosend in die Stühle" schmiegen, lässt sich Mette auf ein Mädchen ein, das wie ein Griechenknabe aussieht (S. 309-324).

Auch der sich "mädchenhaft" gebende Johannes ist schwul (S. 91-92). "Sein schmales Gesicht mit feinen Zügen […] war von fast engelsgleicher Schönheit". Seine Augen sind sanft und sein Blick schwärmerisch. In "einem goldgestickten Rokokorock wäre er ein vollendetes Bild gewesen" (S. 92). Den halben Tag sitzt Johannes vor dem Spiegel, um "sich zu bewundern" und zu pflegen (S. 154-155). Weil sich Johannes jedoch prostituiert, wird er von Giesbert als "alte Tante" (=Tunte) und "ganz übler Bursche" bezeichnet (S. 128-129, 151). Mit ihrem Freund Eccarius führt Mette ein recht deutliches Gespräch über Prostitution, Erpressung und Freitod, wobei Eccarius deutlich den Paragraf 175 kritisiert, der nur eine Einnahmequelle für Gauner und Erpresser darstelle (S. 242f.).

"Der Skorpion" (3. Band, 1931)

Mette spielt nun mit dem Gedanken, sich im ländlichen Raum ein Haus zu bauen. In Berlin trifft sie mit Peterchen und Cora zwei alte Freunde wieder. Sie erfährt, dass Cora die Frau war, die Olga ein Skorpion-Etui geschenkt hatte. Ihre frühere Liebe zu Olga vergleicht Cora jedoch mit einer Krankheit: "Ich habe mir ihre Liebe zugezogen, wie man sich eine Diphtheritis zuzieht. […] Aber eine Diphtheritis ist leichter loszuwerden, als die Liebe solcher hysterischen Weiber" (Ausgabe 1993, S. 59).

Mette versucht ebenfalls ihre lesbischen Gefühle zu beschreiben: Mit Gisela Werkenthin habe sie eine Frau geliebt, die "von derselben Art war". Das kommt Cora merkwürdig vor, als wenn man einen Postsekretär, einen hinkenden Mann oder einen Monokelträger geliebt habe und nun nur noch an diesen Personengruppen interessiert sei (S. 60-61). Mit Cora kommt es zwar auch zu einer Beziehung, aber trotz aller Leidenschaft passen beide Frauen nicht zusammen und sie nehmen freundschaftlich voneinander Abschied. Cora zu Mette: "Ich hoffe, daß du noch den Kameraden findest" (S. 321).

Neben Cora wird auch Eccarius ein wichtiger Freund von Mette (S. 223-250). Angesichts der Form, wie sich Eccarius selbst "als degeneriert und schwachnervig" bezeichnet (S. 234) und wie sich Mette mit ihm gut über Homosexualität austauschen kann, ist vermutlich auch Eccarius als schwule Romanfigur konzipiert.

Für Mette ist der Sexualtrieb "immer gut, weil er von der Natur in den Menschen gelegt ist. […] Aber die Großstadt lehrt das Laster und erhebt die Perversion zur Mode." Eccarius widerspricht ihr und erzählt dabei von einem Theaterstück, in dem Männer auch die Frauenrollen übernehmen. Einer der Darsteller habe sogar einen "Verkleidungsfimmel". Dieser Schauspieler "hat sicher das Wort Transvestiten nie gehört und weiß nicht, daß es etwas gibt, was man mit diesem Namen bezeichnet" (S. 260-263).

Mit Eccarius und Peterchen hat Mette zwei wichtige (schwule) Freunde gefunden. Wie in den früheren geht es auch diesem Band symbolüberfrachtet um das Motiv des Skorpions (S. 70-72), der nicht nur ein Sternzeichen, sondern auch das Tier des Lebens, des Sterbens und der Sexualität ist (S. 75-76) und als "Wächter und Rächer der Keuschheit" gilt (S. 314).

Die Rezeption von "Der Skorpion"

Die ersten beiden Rezensionen erschienen am 27. August 1919, was eine Veröffentlichung des Romans in den Wochen davor nahelegt. Nach der Rezension im "8-Uhr-Abendblatt" (11. Dezember 1919) werde jeder Leser enttäuscht sein, "der eine Verteidigung abnormal Veranlagter oder gar eine Streitschrift wider ihr Treiben" erwarte. In Rezensionen wie dieser wurde häufig betont, dass die Autorin eine wertneutrale Sicht habe. Das verwundert nicht, weil der Roman mit einem Hinweis auf eine solche Neutralität sogar beworben wurde. Die Frage bleibt, ob sich ein Roman aus wertneutraler Perspektive und ein emanzipatorischer Roman gegenseitig ausschließen.

Den Bewertungen von Claudia Schoppmann im Digitalen deutschen Frauenarchiv kann ich mich nach der Lektüre aller Bände inhaltlich nicht anschließen: Zunächst betont Schoppmann, dass Weirauch "die Frauenliebe positiv thematisiert hat". Dabei werden Lesben im Roman dauernd mit Begriffen wie "pervers" und "verderblich" beleidigt. Allenfalls Mette bleibt als Protagonistin eine positive Identifikationsfigur, obwohl sie eigentlich "genauso lesbisch" ist wie die anderen Lesben in diesem Roman.

Weiter schreibt Schoppmann, dass "die Autorin Mettes sexuelle Orientierung […] nicht als krankhaft" darstelle. Dabei parallelisiert die Trilogie an sehr vielen Stellen Krankheit und Homosexualität. Das könnte sogar emanzipatorisch sein, wenn Mette zum Beispiel nur von der Tante als Antagonistin als krank bezeichnet werden würde, aber diese Bewertung ist nicht nur eine Spiegelung durch die Gesellschaft, sondern auch Selbsteinschätzung. Mette bezeichnet sich sogar selbst als krank (durch den Stachel des Skorpions namens Olga), was "Verführung", aber auch "krank aus Liebe" bedeuten kann.

Nach Schoppmann sucht Mette "nicht nach Erklärungen für die vermeintlichen Ursachen des Lesbischseins". Dabei unterteilt Mette den Sex in einen Sexualtrieb, der "immer gut [ist], weil er von der Natur" komme und stellt dem die Einflüsse der Großstadt entgegen, die "das Laster" lehre. Damit thematisiert sie indirekt die Frage, ob Homosexualität angeboren oder eine "Dekadenzerscheinung" sei. (Dieser ambivalente Mix aus "gesunder" und "perverser" Homosexualität stellt neben einer Homosexualitäts-Theorie auch eine Zivilisations- und Großstadtkritik dar, wie sie damals verbreitet war und auch in der Schwulen- und Lesbenpublizistik des Kaiserreichs und der Weimarer Republik vorkommt.)

Auch Schoppmann weist auf das fehlende Happy End hin, ergänzt jedoch: Eine "spätere Liebesbeziehung wird aber auch nicht ausgeschlossen." Schoppmann betont, dass Mette nicht "zur Heterosexualität 'bekehrt'" wird oder "am Lesbischsein zugrunde" geht. Diesen Kompromiss, der vielleicht für ein konservatives Publikum eingegangen wurde, kann ich nicht als emanzipatorischen Gewinn verbuchen, denn hier könnte ich ähnlich spekulativ ergänzen "ein späterer Freitod wird aber auch nicht ausgeschlossen".

Schoppmann vertritt die Meinung, dass Weirauch durch das Darstellen von Diskriminierung bereits Partei ergreift und sich damit auch "gegen Vorurteile und Klischees" richtet. Dabei gibt es nicht nur Aussagen, die die strafrechtliche Verfolgung schwuler Männer kritisieren, sondern auch Äußerungen, die "Tunten" und Stricher beleidigen. Für mich bedient die Autorin sogar auf sehr typische Weise die lesbisch-schwulen Klischees: Lesben werden als verkappte Männer (wie Olga, die als Mann wiedergeboren werden will) und Schwule als Tunten dargestellt (wie Giesbert in Sprache, Gebärden und Kleidung).

Die Rezensionen, die die "Neutralität" der Romane betonen, kann ich gut nachvollziehen, würde diesen Umstand aber kritischer formulieren: Die Romane haben keinen eigenen Standpunkt und sind eher ein "Gemischtwarenladen", in dem sich Konservative und Liberale, Frauen und Männer, Lesben und Schwule auf unterschiedliche Weise angesprochen fühlen und bedienen können. Dies kann für mich nicht emanzipatorisch sein und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich Schwule und Lesben mit diesem Roman identifizieren konnten.

"Der Tag der Artemis" (1919)


"Der Tag der Artemis" wirkt wie ein kleiner schwuler Bruder des "Skorpion"

Die erste und längste Novelle dieses Bandes gab dem Buch seinen Namen: "Der Tag der Artemis" (S. 1-139). In einem Jungeninternat empfindet der junge Arved "eine tiefe, heiße Liebe" für seinen Zimmergenossen Dietrich (S. 22), der ihm wie "ein Prinz im Märchen" vorkommt (S. 23) und mit dem er nun für immer "zusammen sein" (S. 27) möchte. Einmal klopft sein Herz in Gedanken an ihn wie bei einer "Brautwerbung" (S. 71).

Unter den Jungen des Internats gibt es einen Geheimbund, das "Geheimreich Sparta", in dem die Kämpfe griechischer Stämme mit Prügeleien nachgespielt werden. Man fängt als Achäer an, kann aber auch zum Spartaner werden. Am "Tag der Artemis" müssen die Knaben eine Prüfung ablegen, "um zu zeigen, daß sie von diesem Augenblick an wert sind," Spartaner zu sein, was als "der heilige Tag der Mannbarwerdung" geschildert wird (S. 127-128).

Durch diesen besonderen Tag festigt sich auch die Freundschaft der beiden und Arved spürt, wie er Dietrich mehr als die anderen liebt. "Ja, er liebte ihn – vielleicht nie so, wie heute" (S. 129), wobei auch Bezüge zu dem altgriechischen Feldherrn Alkibiades hergestellt werden (S. 130). Bei der Vorstellung, den Kopf seines Freundes – nach dem Vorbild der alten Griechen – mit einem Blumenkranz zu schmücken, gerät er in "Erregung" (S. 126), denn er würde gerne in Dietrichs blonde Locken einen Blumenkranz setzen und dann sein "weiches, schmales Gesicht in seine beiden Hände nehmen und ihn auf die Stirne küssen" (S. 131).

Die Geschichte von "Gere" (S. 141-201) – der zweiten Novelle in diesem Band – ist weniger deutlich homoerotisch angelegt: In der Freundschaft von Gere und Herbert keimt eine "tiefe, scheue Knabenfreundschaft" auf (S. 159). Als sie freundschaftlich "untergefasst" gehen, wirft man ihnen allerdings misstrauische Blicke zu (S. 157). Die dritte Novelle "Der Statist" (S. 203-321) braucht hier nicht erwähnt zu werden.

Die (fehlende) Rezeption von "Der Tag der Artemis" (1919)

Die homosexuelle Thematik der ersten Novelle ergibt sich nicht nur über die Liebe und die Wünsche nach Zärtlichkeiten, sondern auch über die antiken Bezüge – die mit dem Erwachen von Sexualität gleichgesetzt werden – und Signalnamen wie Alkibiades, einer historischen Figur, die in einer langen homoerotischen Tradition steht. Typisch für homosexuelle Emanzipationsliteratur ist der Vergleich mit heterosexuellem Empfinden, wie er mit dem Begriff der "Brautwerbung" vorgenommen wird. Die Deutlichkeit des Themas Homosexualität ist durch den Schauplatz eines Internates allerdings "abgeschwächt" und "unschuldiger", da gleichgeschlechtliche Erfahrungen in der Pubertät bei vielen zur sexuellen Entwicklung gehören.

Zu dieser Novellensammlung habe ich keine Besprechung gefunden. Dabei lässt sich leicht recherchieren, dass mindestens acht Sachbücher den homoerotischen Inhalt von "Der Tag der Artemis" (1919) unter Jungen kennen, ihn jedoch nur erwähnen, um zum "Skorpion" überzuleiten. Diese fehlende Beachtung liegt nicht an der Verfügbarkeit, denn auch "Der Tag der Artemis" ist in Bibliotheken vorhanden und wird antiquarisch zum Kauf angeboten.

Dass sich Bücher zur lesbischen Geschichte, wie "Lesbian Histories and Cultures" (2000, 1. Bd., S. 802) oder "Ich bin meine eigene Frauenbewegung" (1991, S. 94), nicht näher mit dem Buch beschäftigen, ist leicht nachvollziehbar. Nicht zu verstehen ist dies jedoch bei Büchern, die den Anspruch haben, die schwule und lesbische Literaturgeschichte gemeinsam zu behandeln wie "Frauenliebe/Männerliebe" (1997, S. 446) oder "Gay & Lesbian Literature" (1994, S. 375).

Die Autorin Anna Elisabet Weirauch

Anna Elisabet Weirauch (1887-1970) war Schriftstellerin und Schauspielerin. Als Schauspielerin gab sie ihr Debüt 1903 am Deutschen Theater in Berlin und gehörte hier von 1906 bis 1914 zum festen Ensemble. Darüber hinaus wirkte sie an einigen Filmen mit, u.a. als Schauspielerin im Film "Die Faust des Riesen" (1917), der allerdings nicht mehr verfügbar ist.

Von 1902 bis 1921 hat Weirauch Kritiken ihrer Bühnenauftritte und Rezensionen ihrer Bücher in einem persönlichen Album zusammengetragen. Ab den Dreißigerjahren war sie Mitglied in der Reichsschrifttumskammer und konnte damit auch in der Zeit des Nationalsozialismus schriftstellerisch aktiv bleiben. Wie sie persönlich zum Nationalsozialismus stand, lässt sich damit jedoch nicht beantworten. Das Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe griff sie später nicht wieder auf. Weirauch wohnte seit 1961 in West-Berlin, wo sie 1970 starb und beerdigt wurde.


Weirauchs persönliches Album mit Rezensionen

War Anna Elisabet Weirauch lesbisch?

Mit einer langjährigen Freundin von Weirauch, die namentlich nicht genannt werden wollte, führte Claudia Schoppman ein Interview. Dabei betonte diese Freundin, dass Weirauch "ein ausschließlich kameradschaftliches Verhältnis zu Männern" gehabt habe, wollte mit dieser Aussage ihre frühere Freundin aber nicht in eine lesbische "Ecke drängen". (Schoppmann: "Der Skorpion", 2. Aufl., 1991, S. 15, 72).

Fest steht zumindest, dass Weirauch seit Mitte der Zwanzigerjahre bis zu ihrem Tod mit Helena Geisenhainer, einer zehn Jahre jüngeren Niederländerin, zusammenlebte. Um Anhaltspunkte zu sammeln, die für oder gegen ein lesbisches Leben der Autorin sprechen, kann man auch die Größe ihres Gesamtwerkes berücksichtigen: Mit mehr als 60 Romanen und insgesamt 100 Publikationen war sie eine ausgesprochene Vielschreiberin. Dieser Umstand ist anders zu bewerten, als wenn ihr Gesamtwerk nur aus den zwei besprochenen Romanen bestanden hätte.

Ein Anzeichen für Weirauchs lesbische Orientierung läge vor, wenn sie in ihren Romanen Andeutungen machen würde, die sich als Insiderinformationen über die homosexuelle Szene verstehen lassen würden. Damit meine ich nicht das Wissen um die Farbe Violett als Signalfarbe der Homosexuellenbewegung in den Zwanzigerjahren, denn diese war früher vermutlich fast so bekannt wie es heute die Regenbogenfahne ist.

Drei andere Textstellen können dagegen schon eher als ein solches "Insiderwissen" angesehen werden. Zum einen geht es um die kleine Meerjungfrau (aus Hans Christian Andersens Märchen), die sich die Zunge herausschneiden lässt, um einen Prinzen nahe kommen zu können. Mette sieht in diesem Märchen eine Parallele zu ihrer Liebe zu Olga ("Der Skorpion", 1. Bd., 1993, S. 328). Heute wird zwar versucht, in Andersens Märchen das Thema der homoerotischen Maskierung herauszuarbeiten. (In "Die kleine Meerjungfrau" geht es darum, den Schmerz und die Liebe zu einem Menschen nicht aussprechen zu können, in "Des Kaisers neue Kleider" um Demaskierung und in "Das hässliche Entlein" um einen Ausschluss aus der Gesellschaft).

Derartige Interpretationen von Andersens Märchen gab es damals jedoch noch nicht. Über Hans Christian Andersens Homosexualität wurde zwar in schwul-lesbischen Kreisen schon früh spekuliert, aber die "Beweisführung" basierte eben nicht auf seinen Märchen, sondern "nur" auf biografischen Fakten, Andersens "feminine" Eigenschaften, seine Freundschaften und seinen Romanen, wie "H. C. Andersen: Beweis seiner Homosexualität" von Albert Hansen (d. i. Carl Albert Hansen Fahlberg) im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1901, S. 203-230). Vor diesem Hintergrund ist Weirauchs Bezugnahme auf die kleine Meerjungfrau in einem homosexuellen Kontext zwar bemerkenswert. Es bleibt aber unklar, ob sie sich damit auf den homosexuellen Literaturkanon oder nur allgemein auf den Schmerz unausgesprochener Liebe beziehen wollte.

Im Roman erwähnt Weirauch auch einen "Herzog von Gotha", der gerne Frauenkleider trug ("Der Skorpion", 3. Bd, 1993, S. 263), womit nur August Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1822) gemeint sein kann. Die Anekdoten um den Herzog August wurden allerdings auch außerhalb der Homo-Publizistik als Klatschgeschichten kolportiert.

Die Äußerung, dass "Herr Weininger" die Frauen hasse (3. Bd., 1993, S. 131) bezieht sich auf den Philosophen Otto Weininger, dessen Werk "Geschlecht und Charakter" in Bezug auf Homosexualität (und anderen Aspekten wie Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus) breit diskutiert wurde und daher über Weirauchs persönlichen Bezug zum Thema Homosexualität nichts aussagt. Alle drei Stellen sind zum Thema Homosexualität interessant und erwähnenswert, aber nicht als reines "Insiderwissen" anzusehen, die Rückschlüsse auf die sexuelle Orientierung der Autorin zulassen.

Was bleibt


Eine US-Ausgabe des "Skorpion" aus dem Jahr 1948

"Der Skorpion" war ein Bestseller. Die genaue Auflagenhöhe ist zwar heute nicht mehr zu recherchieren, aber nicht nur die Neuauflagen, sondern auch die vielen Übersetzungen – wie in den USA zwischen 1932 und 1975 – können einen Eindruck des Erfolges vermitteln. Der Roman hat seine Spuren hinterlassen und war vermutlich auch Namensgeber für den lesbischen "Damenclub Skorpion", der mindestens in den Jahren 1926 bis 1930 ein Teil der Berliner Lesbenszene war. Mit dem "Skorpion" liegt heute ein zeitgeschichtlich beachtliches Dokument zur lesbischen Geschichte vor, das mit mehr als 1.000 Seiten lesbischen Lebens zu Buche schlägt. Schwule und Lesben können sich darüber freuen, dass das Werk als Reprint leicht verfügbar und auch gut erschlossen ist.

Nach der zeitgenössischen Verlagswerbung hatte der Roman nur die "Absicht, Vorgänge zu schildern", womit suggeriert wurde, neutral und eben keine verherrlichende Schrift zu sein. Gemessen an den Rezensionen wurde dieser Eindruck auch erreicht. Für Schoppmann werden die Vorurteile zuerst bestätigt und im Laufe des Romans entkräftet. Für mich bleibt unklar, wie die Autorin Weirauch zu den jeweiligen Vorurteilen stand. Wie stark die Autorin in "Der Skorpion" die angeblich negativen Seiten der Homosexualität betont, wird bei einem Vergleich mit "Der Tag der Artemis" deutlich, wo die Autorin auf negative Klischees und fast gänzlich auf negative Äußerungen verzichtet.

Die lesbische Mette beschreibt ihre Zeit als "krank und morsch. [..] Ich wollte wirklich, ich wäre hundert Jahre früher geboren" ("Der Skorpion", 3. Bd., S. 262). Ein lesbisches Leben 100 Jahre später wäre bestimmt die bessere Alternative gewesen.



#1 Ralph
#2 Der_SkorpionAnonym
  • 04.08.2019, 10:46h
  • "Der Skorpion" kommt etwas pauschalisierend rüber.
    Von jedem Sternzeichen gibt es gutmütige und weniger gutmütige Personen.
    Das bezieht sich dann auch nicht auf das Sternzeichen, sondern eher auf den Charakter.
    Genauso gibt es weniger gutmütige "Löwen."

    Aber diese Literatur ist alt, zum Glück sind wir mit unserem Wissen heutzutage weiter.

    ©BuntesUndSchönes
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#3 MarcAnonym