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Porträt Tessa Ganserer

"Trans zu sein ist nicht mit dem Coming-out erledigt"

Schon seit sechs Jahren ist sie Mitglied des Bayerischen Landtags, aber erst seit Januar mit einem Frauennamen. Als erste offen transidente Abgeordnete in einem deutschen Parlament ist ihr Kampf für Anerkennung nicht nur politisch.


Die Grünenpolitikerin Tessa Ganserer geht als erste offen transidente Landtagsabgeordnete in die deutsche Geschichte ein (Bild: Facebook / Tessa Ganserer)

Wenn sie morgens das Haus in Nürnberg verlässt, dann ist der anstrengendste Teil schon geschafft, und der Tag kann nur noch gut werden. Denn als Transfrau ist es nicht möglich, einfach mal am Sonntagmorgen ungeschminkt zum Bäcker zu gehen. Als erste transidente Politikerin in einem deutschen Parlament sind auf Tessa Ganserer (Grüne) außerdem besonders viele Augen gerichtet. Keine leichten Umstände für die aufwühlende Zeit, in der ihr Körper an ihre weibliche Geschlechtsidentität angeglichen wird.

Ganserer sitzt schon seit 2013 für die Grünen im Bayerischen Landtag, zunächst mit ihrem männlichen Vornamen, seit der neuen Legislaturperiode dann als Tessa. In der Öffentlichkeit zu stehen, habe es ihr so wahnsinnig schwer gemacht, überhaupt zu sich selbst zu stehen, erzählt Ganserer. In der Politik wünsche man sich zwar Aufmerksamkeit, jedoch für seine Themen und Meinungen. "Bei meiner Transidentität geht es um den intimsten Teil meiner Persönlichkeit." Emotionaler Abstand sei da nicht möglich, die Sorge vor negativen Reaktionen und Anfeindungen groß. "Ich hatte Jahre lang Angst vor dem Coming-out, bis ich einfach nicht mehr anders konnte."

Dass sie eine Frau ist, weiß die gebürtige Niederbayerin schon seit vielen Jahren. Irgendwann hat sie dann angefangen, zeitweise als Frau zu leben. Doch der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung war groß. Es reichte ihr nicht, nur im Wohnzimmer Frau zu sein. Die Menschen sollten sie so wahrnehmen, wie sie sich selbst sieht. Nach Jahren der Quälerei habe sie es einfach nicht mehr ausgehalten. "Ich konnte mich nicht mehr verstecken."

Twitter / GansGruen | Ganserer beim CSD Hamburg

Im November 2018 gibt Ganserer bekannt, dass sie transident ist, wenige Wochen später, im Januar legt sie die Verkleidung dann endgültig ab und lebt fortan offen als Frau. Vor dem Coming-out wussten nur wenige Menschen von ihrem wahren Ich: ihre Frau, ihre Schwiegermutter, ihre zwei Kinder, ein guter Freund und die Landtagsfraktion der Grünen. Selbst ihren Vater hatte Ganserer nicht eingeweiht. Am Wochenende vorher war sie noch zu Besuch bei ihm im Bayerischen Wald gewesen, aber sie habe es nicht fertiggebracht, sich vor ihm zu outen.

"Die Reaktionen waren für mich einfach überwältigend"

Nach ihrem Coming-out-Interview weiß plötzlich ganz Deutschland von Ganserers Transidentität. Minuten nach Erscheinen des E-Papers kommen die ersten Anrufe, SMS, E-Mails und Facebooknachrichten bei ihr an. Viele sind von anderen transidenten Menschen in Deutschland. Nachrichten kommen aber auch von Menschen, die ihre Geschichte einfach beeindruckt und berührt hat, und die ihr zu ihrem Mut gratuliert haben. Nach ein paar Tagen seien auch handschriftliche Briefe bei ihr eingetroffen, einer sogar aus den USA. "Die Reaktionen waren für mich einfach überwältigend", erzählt Ganserer. "Diese ausgesprochen positiven Reaktionen haben mir die Kraft gegeben, die ich am Schluss nicht mehr hatte."

Auch heute noch stärken sie diese Nachrichten. Denn, das betont Ganserer, "trans zu sein ist nicht mit dem Coming-out erledigt. Erst dann geht der lange, steinige Weg los." Etwa wenn sie auf der Straße oder in sozialen Medien beleidigt werde, wenn Menschen in der Bahn sie nicht nur irritiert, sondern abwertend, anschauen. Gegen manches geht Ganserer strafrechtlich vor, gegen Blicke kann sie sich nicht rechtlich wehren. "Diese ablehnenden diskriminierenden Reaktionen geben immer wieder zu spüren, dass Teile der Bevölkerung mit Transidentität nicht zurechtkommen. Man muss dann immer wieder versuchen, das nicht zu nah an sich ran zu lassen." Neben transfeindlichen Angriffen komme noch sexuelle Belästigung dazu, erklärt Ganserer. Eine Doppeldiskriminierung: als Frau und als transidente Person.

Ready to go, with Tessa Ganserer @ CSD Nürnberg – Demo 2019

Gepostet von I &Claudia I am Samstag, 3. August 2019
Facebook / I &Claudia I | Ganserer beim CSD Nürnberg

Diskriminierung kommt aber auch von oberster Stelle: das Transsexuellengesetz von 1981 sieht vor, dass Transpersonen Gutachten vor Gericht vorlegen müssen, um ihren Vornamen und ihr Geschlecht offiziell zu ändern. In Sitzungen des bayerischen Landtags, auf seinen Veröffentlichungen und im Internet wird deshalb noch immer Ganserers männlicher Vorname angezeigt. Tessa steht nur in Klammern dahinter. Eine belastende Situation, wie sie sagt. Sie findet das Gesetz entwürdigend, fühlt sich als Transfrau vom Staat nicht für voll genommen.

"Ich werde mich nicht vor einen Richter stellen"

"Ich werde mich nicht vor einen Richter stellen, um mir intimste persönliche Fragen zu meinen frühkindlichen Erlebnissen, meinen sexuellen Präferenzen und Partnerinnen gefallen lassen, damit er für diesen Staat entscheiden kann, dass ich die Frau bin, die ich schon immer war." Kein Mensch, kein Staat und erst recht kein Richter habe das Recht dazu, über das Geschlecht eines anderen Menschen zu bestimmen. Im Frühjahr wollte der Bund das Gesetz aus den Achtzigerjahren ein wenig erneuern, aber weiter keinen rein selbstbestimmten Geschlechtseintrag ermöglichen. Nach heftiger Kritik von Verbänden wurde das Vorhaben für zunächst unbestimmte Zeit auf Eis gelegt (queer.de berichtete).

19-07-13 CSD Muenchen 388

Gepostet von queerelations am Montag, 15. Juli 2019
Facebook / queerelations | Ganserer beim CSD München

Für Ganserer ist es nicht nur ein persönlicher Kampf, sondern auch ein politischer. "Ich will mein Mandat offensiv dafür nutzen, auf die Problemlage aufmerksam zu machen und Reformen einzufordern." Denn als Politikerin habe sie mehr Gehör als viele Ehrenamtliche, die für die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt kämpfen. Gleichzeitig mache es sie stark, nicht nur für sich alleine zu kämpfen. Ganserer sieht in ihrem Job auch die Chance, ein Positivbeispiel zu sein, Menschen Mut zu machen, die das Coming-out bisher nicht gewagt haben. "Ich zeige, dass es möglich ist, auch in öffentlichen Funktionen zu seiner Identität zu stehen."

Twitter / LSVD_Bayern | Ganserer bei einem Treffen mit LGBTI-Aktivisten

Trans zu sein, das betont Ganserer aber auch, ist nur eine ihrer vielen Eigenschaften. "Ich bin Kaffeetrinkerin, ich bin Linkshänderin, ich bin Frühaufsteherin, ich bin Niederbayerin und ich bin trans. Ich bin Vollblutpolitikerin genauso wie ich mit jeder Faser meines Körpers Frau bin." Sie wolle nicht ständig reduziert werden. Ganserer wünscht sich, das Schubladendenken zu überwinden, "dem Menschen einfach als Menschen zu begegnen und ihn so zu nehmen, wie er ist, ohne Schublade". Nur so könne man zu vollständiger Akzeptanz kommen. Ihr sei aber auch bewusst, dass sie da nicht wenig verlange. Denn: "Das Anerkennen der wissenschaftlichen Fakten, dass das Geschlecht sich nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren manifestiert, ist so revolutionär wie die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist."

Wie viele transidente Menschen in Deutschland leben, ist schwer zu sagen. Die Bundesregierung geht bis zum Jahr 2011 von mehr als 7.000 aus. Das zumindest ist der Stand von 2016. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität geht von 210.000 bis 500.000 transidenten Menschen in Deutschland aus. Das entspräche rund 0,3 bis 0,6 Prozent der Bevölkerung.

Twitter / GansGruen | Ganserer feiert einen Erfolg



#1 AlexAnonym
  • 06.08.2019, 10:55h
  • Als schwuler Mann kann ich natürlich nicht nachvollziehen, wie es ist trans zu sein. Aber ich kann allen Trans versichern, dass ihr meine volle Solidarität habt.

    Ich würde mir wünschen, dass Schwule, Lesben, Bis, Trans und Inter viel mehr zusammen für ihre Rechte und ihre Akzeptanz kämpfen. Es muss ja nicht jeder mit jedem eine Beziehung oder Sex haben wollen, aber wir sollten schon Seite an Seite gemeinsam für unsere Rechte kämpfen. Dann könnten wir viel mehr erreichen.
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#2 SolanaceaeAnonym
  • 06.08.2019, 11:09h
  • Danke, Tessa,

    Danke für deinen Einsatz, danke für deine Sichtbarkeit, danke für deinen Mut. Dein Weg macht auch mir Mut, meinen zu gehen.
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#3 DramaQueen24Profil
  • 06.08.2019, 12:20hBerlin
  • Ich weiß aus eigener bitterer Erfahrung, welch hohen Preis man zahlt, wenn man sich verleugnet, und wie befreiend ein Coming out sein kann. Man verliert viel, gewinnt aber auch viel.
    Ich wünche Tessa und allen Transfrauen und Transmännern, dass sie für sich ihren Weg nach draußen finden. Denn wir alle haben ein Recht auf glücklich sein.
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#4 DramaQueen24Profil
  • 06.08.2019, 12:23hBerlin
  • Antwort auf #1 von Alex
  • Ein CO läuft prinzipiell identisch ab. Und bei schwulen und transidentischen Menschen geht es darum, dass sie nicht der "Norm" entsprechen, was, je nach Background, mehr oder weniger Ängste produziert, die einem am CO hindern.
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#5 AnanymAnonym
  • 06.08.2019, 13:13h
  • Antwort auf #1 von Alex
  • Hi Alex,
    "Mann" kann schwul und trans sein.

    Das erste ist sexuelle Orientierung und das zweite sexuelle Identität. Die sind voneinander unabhängig.

    Du scheinst also ein cis-Mann zu sein. Da geht es Dir wie den anderen cis-Menschen auch.
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#6 Michaela EffAnonym
  • 06.08.2019, 15:08h
  • Na klar kann eine Frau mit Trans*Hintergrund auch ungeschminkt zum Bäcker gehen. Irgendwann sieht sie ein, dass sie nicht die gepflegteste im Lande des CIS sein muss.

    Mensch muss halt die Phase des Übergangs als das sehen was sie ist, ein Übergang der eine Zait dauert, aber dann durch ist.
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#7 AlixAnonym
  • 06.08.2019, 18:27h
  • Antwort auf #1 von Alex
  • "Es muss ja nicht jeder mit jedem eine Beziehung haben wollen..."

    Komisch, dass dieser Satz immer bei Artikeln zu Trans* geschrieben wird.
    Das ist dasselbe, wenn Heteros über Homos sagen: "Ich hab ja nichts gegen Homosexuelle, aber..."

    Jeder Mensch hat eine Sexualität und wie das jede*r auslebt oder nicht, das entscheidet dann jede*r für sich selbst!

    Wenn du also mit deinem Satz eher über deine eigene Befindlichkeiten geschrieben hast, dann formuliere es doch einfach auf dich bezogen, anstatt da eine pauschale "Regel" aufzustellen, an die sich angeblich alle zu halten hätten.

    Es erstaunt mich aber, dass du sofort an Sex und Beziehung denkst, wenn es hier um das Leben von Tessa Ganserer geht.

    ©BuntesUndSchönes
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#8 alles_GuteAnonym
  • 06.08.2019, 18:32h
  • Ich wünsche Ihnen alles Gute und ein erfolgreiches Ankommen bei Ihnen selbst :-)
    Das aktuelle Foto im posting von August sieht jedenfalls schon mal sehr gut aus.

    Und dass es auch Menschen gibt, die keine Komplexe haben, mit Trans* eine Beziehung zu haben, das möchte ich Sie wissen lassen.

    ©BuntesUndSchönes
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#9 Homonklin44Profil
  • 06.08.2019, 19:16hTauroa Point
  • Antwort auf #7 von Alix
  • ""Komisch, dass dieser Satz immer bei Artikeln zu Trans* geschrieben wird.""

    Ja, das ist eben wieder diese Reduktion auf das Sexuelle, die da stattfindet. Die von der Politikerin ja auch genannt wird. Hört man ja im Zusammenhang mit schwul auch mal in Form von "solange die nix von mir wollen..." oder Ähnliches. Heteros würden über andere Heteros kaum sowas meinen.
    Bis zur Selbstverständlichkeit, dass man da einen Menschen vor sich hat, und nicht irgendwas vielleicht auch noch zum Fürchten Sexuelles, wird da in vielen Köpfen noch die ein oder andere Mauer fallen müssen.
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#10 AlixAnonym
  • 06.08.2019, 20:49h
  • Antwort auf #9 von Homonklin44
  • So ist es leider :-/
    Ich wünschte, wir wären weiter. So schwer ist es ja nicht, den Charakter eines Menschen zu erkennen und einfach eine Person bezüglich ihres Charakters zu akzeptieren.
    Alles andere (Lesbisch, Schwul, Bi, Trans*, Inter, Queer, etc.) ist ein weiterer Teil, der zur Person dazu gehört, aber ja nicht das einzige Kriterium einer Person ist - verstehst du wie ich meine? Es gibt leider noch viele, die außer Lesbisch, Schwul, Bi, Trans*, Inter, Queer, sonst nichts mehr sehen - völlig eindimensional und befindlich.

    Was meinst du mit sexuell fürchterlich?
    Vielleicht sind manche sexuell etwas ganz eigen, zum Beispiel was Fetisch, BDSM betrifft, aber ich zähle nicht zu denen.

    Das sexuelle ist bei mir ganz natürlich und normal. Sogar als ich früher mit Männern zusammen war, hatte ich da nie negatives erlebt. Und auch nie negatives gegeben.

    Von meinem Charakter her bin ich beschützend und fürsorglich. So kam ich zum Beruf Kinderpflegerin und hatte immer das Vertrauen der Kinder. Selbst heute noch kommen Kinder zu mir oder winken mir zu.
    :-)
    Wenn das mal die Kolleginnen verstanden hätten, anstatt nur die "Homosexuelle" zu sehen, dann würde ich da noch heute arbeiten :-( Macht mich immer noch traurig, wenn ich es schreibe.
    Jetzt bin ich Busfahrerin und das macht auch Spaß. Aber diese Umschulung war ein Kampf.

    ©BuntesUndSchönes
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