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Tödliche Alltagshomophobie

Moskau: Mann von Passanten erstochen, nur weil er schwul war?

Ein angetrunkener Mann beschimpfte und attackierte ein schwules Paar, das an einem Bahnhof auf ein Taxi wartete. Einer der Männer erlitt einen Stich ins Herz. Sein Partner wandte sich jetzt an die Öffentlichkeit.


Der getötete Roman und der Tatort

  • Von Norbert Blech
    9. August 2019, 05:15h 14 7 Min.

In Moskau ist es bereits vor rund fünf Wochen zu einem mutmaßlich homophob motivierten Hassverbrechen gekommen, das bislang als solches in russischen Medien kaum eine Rolle spielte. Wie mehrere Medien zunächst durchaus in Grundzügen berichtet hatten, war es am Sonntag, den 30. Juni, in den frühen Morgenstunden zu einer tödlichen Auseinandersetzung am Kursker Bahnhof im Osten der Innenstadt Moskaus gekommen.

Evgeny, ein Architekt, und sein Partner Roman, ein Assistent eines Unternehmers, waren demnach nach einem Saunabesuch auf den Rückweg in das gemeinsame Apartment in der nahegelegenen Stadt Podolsk. Als sie an dem Bahnhof auf ein Taxi warteten, kam Evgenys Schilderungen zufolge der alkoholisierte und ihnen unbekannte Angreifer unvermittelt auf sie zu, beleidigte sie homophob und schlug Evgeny gegen den Kopf. Der Mann flüchtete daraufhin, das Paar nahm aber seine Verfolgung auf.

Eine Überwachungskamera zeichnete dann auf, wie die Auseinandersetzung binnen Sekunden direkt vor dem Banhof tödlich endete: Der verfolgte Angreifer wehrte sich gegen das Paar, zückte ein Messer und verletzte damit Evgeny leicht und Roman tödlich – nach einem Stich ins Herz fiel dieser nach wenigen Sekunden um und verstarb noch vor Ort. Andere Passanten rangen schließlich den Angreifer zu Boden, während Wiederbelebungsversuche an dem 47-Jährigen erfolglos blieben.

Die Polizei nahm den 38-jährigen Angreifer fest und später in Untersuchungshaft, er soll arbeitslos, wegen Angriffs auf einen Beamten vorbestraft sein und aus der Region um Rostow stammen. Die Ermittlungen laufen auf Mord. Eine Einstufung als Hassverbrechen erfolgte zunächst seitens Behörden und Medien nicht. Während Berichte offen ließen, ob die beiden zusammenlebenden Männer gute Freunde oder ein Paar sind, erwähnte nur eine Zeitung, der mutmaßliche Täter habe sich an dem "Auftreten" der Männer gestört und sie für "Repräsentanten einer nicht-traditionellen Orientierung" gehalten und als solche angegriffen. In dem Bericht wird noch auf die "trauernde Mutter" Romans eingegangen, aber nicht auf die Gefühle seinen überlebenden Partners.

Wenn alltägliche Homophobie tödlich endet

Ein Deutsch sprechender Bekannter Evgenys nahm wenige Wochen später Kontakt zu queer.de auf, bestätigte, dass es sich bei den Angegriffenen um ein Paar handelte, und bat darum, dass internationale Medien über die Tat berichten: "Roman ist nicht nur Opfer eines einzigen Kriminellen geworden, sondern des ganzen Systems, in dem die gesellschaftliche Intoleranz vom Staat durch die Gesetzgebung zusätzlich unterstützt und gestärkt wird", so der Bekannte. Inzwischen liegt eine weitere Bestätigung von Evgenys Wunsch nach Öffentlichkeit vor – die Moskauer LGBTI-Organisation "Stimul" hat angekündigt, ihm bei Aussagen vor den Ermittlern und vor Gericht Rechtsbeistand zu leisten.

Zur alltäglichen, geschürten Homophobie in Russland gibt es einiges zu schreiben. Die Organisation "Stimul" machte erst kürzlich Schlagzeilen, weil sie auch ein schwules Paar aus Moskau betreut, das mit seinen beiden Adoptiv-Kindern vor wenigen Wochen in den Auslandsurlaub geradezu geflüchtet ist. Einer der Söhne war mit Bauchschmerzen zu einer Klinik gegangen; nachdem der Arzt erfuhr, dass er bei zwei Männern aufwuchs, witterte er allein deswegen Missbrauch. Es folgten Durchsuchungen und Verhöre, der "Verdacht" ließ sich nicht erhärten.

Im Zuge homophober Panik in manchen Medien ermittelten die Behörden allerdings gegen die zuständigen Moskauer Sozialarbeiter, denen man "kriminelle Nachlässigkeit von Pflichten" vorwirft: Sie hätten die Kinder nicht vor "gesundheits- und entwicklungsschädlichen Informationen" geschützt. Der Adoptivvater habe die Kinder mit einem anderen Mann aufgezogen und dabei "unkonventionelle Beziehungen" beworben. Das Paar befürchtet nun, das man ihm (und anderen gleichgeschlechtlichen Paaren) die Kinder wegnehmen könnte, und ist unsicher, ob es nach Russland zurückkehren soll (queer.de berichtete).

Mit der Aussage über "unkonventionelle Beziehungen" bezogen sich die Beamten auf das 2013 trotz Kritik aus dem In- und Ausland erlassene Gesetz gegen "Homo-Propaganda", das fast nie zur Strafverfolgung verwendet wird, aber häufiger zum Verbot von Protesten genutzt wird – wie etwa zum CSD in St. Petersburg am letzten Wochenende, der in Festnahmen endete (queer.de berichtete). Mit dem Gesetz, dessen regionale Vorläufer vor zwei Jahren vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als Unrecht bewertet wurden (queer.de berichtete), wird eine homophobe Grundstimmung ermöglicht, legitimiert und weiter geschürt. Man habe nichts gegen Homosexuelle, diese sollten aber "unsere Kinder in Ruhe lassen", sagte Russlands Präsident Wladimir Putin beim G20-Gipfel Ende Juni in Osaka (queer.de berichtete). Wenige Stunden später starb Roman am Kursker Bahnhof.


Die Anzahl von schweren queerfeindlichen Hassverbrechen ist zuletzt stark angestiegen

Nach der Verabschiedung des landesweiten Gesetzes gegen Homo-"Propaganda" im Jahr 2013 hatte sich die Anzahl schwerer Hassverbrechen gegenüber LGBT so gut wie verdoppelt, ergab vor zwei Jahren eine Auswertung des Center for Independent Social Research von Gerichtsakten der Jahre 2010 bis 2015. Auch bei Tötungsdelikten gab es einen Anstieg: Wurden zwischen 2010 und 2012 insgesamt 43 LGBT ermordet, waren es zwischen 2013 und 2015 schon 76 (queer.de berichtete). Ein 2018 veröffentlichter Bericht von Human Rights Watch dokumentierte, wie das "Propaganda"-Gesetz Feindseligkeiten gegenüber queeren Jugendlichen verstärkte, ihnen aber zugleich zunehmend einen Zugang zu Aufklärungs- und Hilfsangeboten erschwerte oder blockierte (queer.de berichtete).

Ein Blick auf diese Entwicklungen lohnt sich, weil die internationale Empörung über das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" längst wieder einem hinnehmenden Desinteresse gewichen ist – während der gefährliche Grundgedanke längst als Kampf gegen eine angebliche "LGBT-Ideologie" in Zentraleuropa und auch in Deutschland angekommen ist.

Szene verunsichert über Gewalt und Bedrohungen

Derweil hatte erst vor rund drei Wochen ein anderer Messer-Angriff die queere Community Russlands verunsichert: In den frühen Morgenstunden des 21. Juli war die St. Petersburger LGBTI-Aktivistin Jelena Grigorjewa in der Nähe ihrer Wohnung mit acht Stichen getötet worden. Inzwischen hat die Polizei einen Mann verhaftet, der gestanden haben soll, die Frau in einem persönlichen Streit unter Alkoholeinfluss getötet zu haben (queer.de berichtete). Die Polizei hatte allerdings zuvor bereits einen anderen Verdächtigen präsentiert, für dessen Tatbeteiligung "Beweise" vorgelegen hätten. Die Beamten gingen in allen Äußerungen zu dem Fall nicht auf Homophobie als mögliches (Mit-)Motiv ein.


Der Tod Grigorjewas hatte Menschen auf der ganzen Welt entsetzt

Es spricht nicht für Russland, dass Bekannte der Aktivistin gegenüber Medien diverse mögliche Tätergruppen nannten: So habe Grigorjewa nach ihrem Coming-out als Bisexuelle Anfang des Jahres Bedrohungen von Nachbarn erhalten ebenso wie von früheren Bekannten, die teilweise aus dem nationalistischen Umfeld stammten. Auch ein in St. Petersburg berüchtigter Anti-LGBTI-Aktivist habe sie bedroht.

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Die erste Version der derzeit medial sehr beachteten "Saw"-Webseite, auf russisch "Pila", die immer mal wieder als Bedrohung von LGBTI-Aktivisten auftaucht

Dazu gesellt sich der Umstand, dass Grigorjewa seit ihrem Coming-out auf einer angeblichen Todesliste mit Namen und teilweise Adressen von LGBTI-Aktivisten aus ganz Russland geführt wurde. Die entsprechende Webseite, die unter Berufung auf die Horror-Film-Reihe "Saw" und mit dem Schlagwort "Das Comeback von Tschetschenien" zu Taten gegen eine angebliche Belohnung aufrief, ging wenige Tage vor dem Mord vom Netz. Seit ihrer ersten Veröffentlichung im April 2018 (queer.de berichtete) galt sie als eine Art Phantom unbekannten Ursprungs und mit unklarer tatsächlicher Bedrohungslage: Mehrfach wurden Aktivisten oder Szeneverbände aufgefordert, die Arbeit einzustellen, da es ansonsten zu Gewalt kommen werde. Zu entsprechenden Taten sei es nie gekommen, so das LGBT Network.

Aktivisten vermuten, die Seite, die statt auf Tschetschenien auch mal Bezug nahm auf eine russische Neonazi-Bewegung, die queere Jugendliche vor einigen Jahren in Fallen lockte, um diese in Videos vorzuführen (queer.de berichtete), diene vor allem der Einschüchterung und der Verbreitung von Hass und könnte von einem einzelnen besonders extremen Troll stammen. Eine zu große mediale Berichterstattung im In- und Ausland über die "Todesliste" könne zu sehr von der alltäglichen Homophobie ablenken, befürchten die Aktivisten – die zudem fast täglich konkrete Bedrohungen von allen möglichen Seiten erhalten. Nach der Ermordung von Grigorjewa riefen das LGBT Network und weitere Gruppen dennoch die Behörden erneut dazu auf, die Hintergründe der Webseite zu ermitteln: Hass brauche Konsequenzen, ansonsten herrsche eine gefährliche Recht- und Straflosigkeit, die zu Taten geradezu ermutige.

Hoffnungen machten sich die Aktivisten wenig: Dafür zuständige russische Behörden hatte auch – trotz Aufforderungen sogar von Europarat und OSZE – Ermittlungen zur Schwulenverfolgung in Tschetschenien vor zwei Jahren verschleppt und eingestellt – auch wohl deshalb flammte sie Anfang diesen Jahres noch einmal auf (queer.de berichtete).

Inzwischen haben die Behörden bereits angekündigt, bezüglich "Saw" nicht weiter zu ermitteln – nachdem die Seite vom Netz ist, könne man niemanden mehr ausfindig machen. Gegen einen queeren Verband, der Anzeige gestellt und Screenshots der Seite zum Beweis verbreitet hatte, wird nun allerdings wegen des Gesetzes gegen "Homo-Propaganda" ermittelt. Wie viele andere queere Organisationen weigert sich die Gruppe "LGBT Solidarität" aus Prinzip, sich selbst als "18+" auszuzeichnen, mit der man einer Verfolgung nach dem offiziell mit dem Jugendschutz begründeten Gesetz entgehen kann. Denn auch das sei stigmatisierend.

-w-

#1 DramaQueen24Ehemaliges Profil
  • 09.08.2019, 12:42h
  • "In dem Bericht wird noch auf die "trauernde Mutter" Romans eingegangen, aber nicht auf die Gefühle seinen überlebenden Partners."

    Für russische Medien sind wir nicht präsent, und, wenn wir es doch sind, sind wir es, die schuldig sind. Wetten, dass dieser Mörder frei kommt, oder nur eine geringe Strafe? Das sein Verteidiger alles auf Roman und seinen Mann abwälzt?
    Hier trauern zwei Menschen: die Mutter und der Geliebte/Ehemann von Roman. Und mit ihnen alle in Russland und weltweit, die wissen, dass Liebe kein Verbrechen ist. Homophobie und Mord hingegen schon!
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#2 Religioten-WatchAnonym
  • 09.08.2019, 12:56h
  • Wieso "nur weil er schwul war"? Das ist für viele orthodoxe Christen doch ein hinreichender Grund für Mord.
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#3 Alexander_FAnonym
  • 09.08.2019, 14:26h
  • Antwort auf #2 von Religioten-Watch
  • Leider sind russische Atheisten da oft nicht unbedingt besser, weil sie mit der Sowjetunion auch nicht gerade ein sehr positives Vorbild, aber du hast natürlich absolut Recht damit, dass der Ursprung dieses Hasses ganz klar im Christentum liegt.
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